KAPITEL 13: Entscheidende Gespräche

Maureen blickt vom Bildschrim auf, als sie ein Klopfen hörte. Sie hielt ihre Tür immer einen Spalt breit offen ließ, um mit ihren Angestellten in Kontakt zu bleiben.

„Ja?"

„Hast du eine Minute für mich?" Beth trat in das Büro, als ihre Chefin nickte.

Sie setzte sich ihr gegenüber auf den Stuhl und verschrenkte die Arme vor der Brust.

„Darf ich dich was fragen?"

Maureen erkannte, dass Beth nicht den Rat ihrer Chefin benötigte, sondern die einer Freundin.

„Was gibt's?"

„Ich,...", Beth stockte, sie wusste nicht recht, wo sie beginnen sollte. Ihre Gedanken waren zu verworren, drehten sich in weiten Kreisen um sie.

„Hat es etwas damit zu tun, warum du in der letzten Zeit nie wirklich ausgeruht zur Arbeit kommst?"

Beth sah ihre Freundin verblüfft an.

„Beth, die Augenringe waren kaum zu übersehen. Na sag schon!"

„Okay. Aber zuerst musst du mir was versprechen."

„Ja?"

„Du darfst nicht lachen."

Maureen stimmte zu.

„Und du darfst mich nicht verurteilen."

„Ja, Beth. Raus mit der Sprache."

Die Reporterin atmete noch einmal tief durch und setzte dann an: „Hattest du schon einmal einen Dreier?"

Ihre Chefin musste ein lautes Auflachen unterdrücken.

„Was?!"

„Du hast versprochen nicht zu lachen."

„Ja,...okay. Ehm, nein. Aber wie kommst du darauf? Willst du etwa...?"

„Das ist es ja." Beth schwang sich aus dem Stuhl und ging in Maureens Büro auf und ab. Ihr war bewusst wie brisant dieses Thema war.

„Ich weiß nicht mehr, was ich will. Einerseits bin ich mit meiner Beziehung glücklich, so wie sie ist."

„Beziehung?", hakte Maureen neugierig nach. „Wir haben in letzter Zeit eindeutig zu wenig miteinander geredet!"

„Mick." Beantwortete Beth ihre ungestellte Frage und fuhr dann fort: „Aber andererseits. Naja. Sagen wir mal, die Art und Weise, wie wir zusammengekommen sind, war etwas ungewöhnlich."

Maureen lauschte gespannt und wartete auf weitere Details. Sie als Reporterin, war schon immer besonders neugierig gewesen, doch wenn es um intime Beziehungsgeheimnisse ging, war sie sofort Feuer und Flamme.

„...Naja. Wir waren nicht allein."

„Du hast also mit zwei...?"

„Ja.", gestand Beth etwas verlegen. Sie war inzischen stehen geblieben und sah ihrer Freundin entgegen, erwartete dass diese aufsprang und sie aus ihrem Traum wachrüttelte.

„Ich nehme mal an mit zwei Männern?"

„Ja. Was sonst?" Für einen winzigen Moment befürchtete Beth, dass ihre Chefin über Mick und Josef Bescheid wusste, verwarf diesen Gedanken jedoch wieder.

„Naja...vergiss es."

„Und seitdem bist du mit diesem Mick zusammen?"

Beth musste bei dem Gedanken daran schmunzeln. „Ja."

„Na das ist doch super!"

„Ja, schon...aber da gibt es etwas, mit dem ich nicht klar komme."

„Und das wäre?"

„Ich habe Träume."

„Das haben wir alle, Beth."

„Nein. Ich träume nicht von Mick und mir. Ich träume, wie er mit..." Sie brachte Josefs Namen einfach nicht über ihre Lippen.

„Wie er es mit einem anderen treibt." Brachte Maureen es schließlich ohne jede Hemmungen auf den Punkt.

Die Reporterin errötete. „Ja."

„Heiß." Maureen lächelte versonnen.

„Ist das alles, was dir dazu einfällt?" Beth klang nun gereizt. Sie wollte einen Rat von Maureen und nicht ihre Phantasie beflügeln.

„Tut mir Leid. Das Ganze kam nur etwas überraschend. Also. Nochmal von vorne: Du bist mit Mick zusammen, hattest Sex mit ihm und einem Anderen und träumst nun von beiden."

Sie nickte beschämt.

„Machst du mit?"

„Maureen!"

„Was denn? Willst du einen Dreier, oder willst du nur zusehen?"

„Ich weiß nicht, ich..."

„Also Beides." Stellte sie entschlossen fest.

„Okay. Warum sprichst du Mick nicht einfach darauf an? Wenn er schon einmal dazu bereit war, dich ‚zu teilen', warum dann kein zweites Mal?"

„Es war sein bester Freund."

„Umso besser."

„Maureen, du kennst sie nicht. Das Ganze ist kompliziert."

„Glaube ich gerne. Aber Fakt ist doch, dass du dir mehr wünscht als du momentan hast."

Beth nickte zustimmend.

„Also versuch mehr zu kriegen."

In Beths Ohren klangen Maureens Ratschläge sehr einfach. Ihre Argumentation einleuchtend. Doch was sie beunruhigte, war die Umsetzung.

„Und wie soll ich ihm das klar machen? Mick hällt mich doch für verrückt!"

„Schätzchen", Maureen stand auf und legte ihrer Freundin ihre Hände auf die Schultern. „Wenn er es bisher mit dir ausgehalten hat, dann kennt er bereits deine Macken. Er wird es überstehen…"

Schmunzelnd schaute sie Beth in die Augen.

„Du machst das schon."

Sie löste sich von ihr. „So gerne ich noch mehr heiße Details aus deinem Sexleben hören würde, ich fürchte, dass müssen wir verschieben. Ich habe noch einen Termin mit einem neuen Werbekunden."

„Aber,..." Beths Fragen waren längst nicht alle beantwortet.

„Sag ihnen einfach gerade heraus, was du willst! Das klappt schon!"

Damit war sie aus der Tür.

„Und beim nächsten Mal will ich wissen, wer der heiße zweite Kerl ist!" Ihre Stimme schallte durch das gesamte Großraumbüro, während sie aus dem Raum verschwand.

Toll. Danke, Maureen. Jetzt weiß das gesamte Büro Bescheid.

***

„Mr. Konstantin?"

Der Kopf der Sekretärin schob sich durch die schmale Öffnung seiner Bürotür.

„Was gibt es denn, Marie?" Eigentlich hatte er ihr gesagt, dass er heute Morgen nicht gestört werden wollte.

„Eine junge Frau ist hier. Sie möchte sie sprechen."

Einen Moment hielt Josef inne, dann nickte er Marie zu, sie verwand aus seinem Blickfeld. Beths Geruch war auch durch den Vorraum wahrnehmbar.

„Komm rein, Beth!" rief er ihr entgegen, noch bevor sie die Hand auf den Türknauf gelegt hatte.

„Josef", sagte Beth mit leicht zittriger Stimme. „Ich muss mit dir sprechen."

„Klar."

Nervös zupfte Beth an dem Saum ihres Pullovers herum. „Ich..."

„Ja?" Josefs Stimme klang amüsiert, doch er wusste, dass Beth etwas beschäftigen musste. Die ansonsten so quirlige und schlagfertige Reporterin trat momentan nicht besonders selbstbewusst auf.

„Warum hast du mit mir geschlafen?" Ihre eigene Frage schien sie zu verängstigen. Doch dann schossen die Fragen nur so aus ihr hervor:

„Warum hast du mich mit Mick geteilt? Wolltest du uns wirklich nur zusammenbringen? Oder wolltest du einfach Spaß und ich war gerade in der Nähe? Was bin ich für dich?!" Beths Stimme überschlug sich beinahe und nun hatte sie sich vor Josefs Schreibtisch aufgebaut und schaute ihn fordern an.

„Woah! Ganz ruhig, Beth." Josef erhob sich mit einem süffisanten Grinsen und umrundete seinen massiven Schreibtisch. Er wusste, wie riskant es nun für ihn werden konnte, also ging er zum Angriff über.

„Du willst wissen, warum ich manche Sachen tue?" Sein Grinsen wurde immer breiter, je näher er Beth kam.

„Du willst wissen, was der Sex für mich bedeutet?" Nun stand er direkt vor ihr, sein Gesicht nur wenige Zentimeter vor ihrem, leicht zu ihr heruntergebeugt.

Beths Augen waren auf seinen Mund gehäftet.

"Dann ist es vermutlich das Beste, wenn du einmal mit meinen Freshies redest." Er grinste schief bei dem Gedanken daran, wie Beth in ihrem Reportermodus seine Blutspenderinnen befragte.

"Ich will aber mit dir reden." Sie klang nun entschlossener. "Ich will wissen, warum du das getan hast."

"Wie ich schon sagte", Josef nahm nun wieder einen angemessenen Abstand von ihr, ließ sich gespielt entspannt gegen das Holz des Tisches zurückfallen. "Ich wollte Mick die Chance geben, sich dir gegenüber zu öffnen."

"Gut." Beth räusperte sich und sah ihm fordernd entgegen. "Sagen wir einmal, ich glaube dir. Warum hast du dann mit mir geschlafen? Es hätte doch genügt, auf Mick aufzupassen, ihn anzuleiten. Warum hast du dich eingemischt?"

"Beth." Josef stieß betont laut seinen nicht benötigten Atem aus.

Beth war gefährlich nahe daran, sein Geheimnis zu lüften, nun, da sie augenscheinlich wieder vollkommen in ihrem Element war.

"Du weißt hoffentlich, wie anziehend der Geruch deines seltenen Blutes auf uns Vampire wirkt."

Sie nickte kaum merklich.

"Und du weißt auch, dass du eine attraktive Frau bist. Daher nehme ich an, dass du eins und eins zusammenzählen kannst."

Beth errötete bei diesem unerwarteten Kompliment leicht, doch sie wollte sich nicht so einfach abspeisen lassen.

"Du warst also scharf auf mein Blut und wolltest Mick helfen."

"Ganz genau."

Josef bemühte sich, sein Lächeln möglichst locker erscheinen zu lassen. Ihm war nicht wohl dabei, von Beth ausgefragt zu werden. Mehr als einmal hatte er die Nacht bereits als Fehler abgetan. Er hätte nie mit ihr schlafen sollen, dann wären seine Gefühle für Mick und sie niemals ans Tageslicht gekommen. Vampire waren es gewohnt, Menschen anzulügen - und er war es auch durchaus gewohnt sich selbst zu belügen.

"Es ging dir also einerseits um den Spaß und andererseits hast du dich für deinen Freund aufgeopfert." Es war keine Frage.

"Der Sex mit dir ist keine Aufopferung. Aber wenn du es so ausdrücken möchtest.", erklärte Josef so sachlich wie möglich.

Beth verschränkte die Arme vor ihrer Brust.

"Natürlich war es für dich eine einmalige Sache. Jetzt wo Mick bereits ist, mir seine dunkle Seite zu offenbaren, besteht ja kein Grund mehr mit mir zu schlafen. Richtig?"

Innerlich zuckte Josef zusammen. Nun hatte sie ihn.

"Richtig", log er und lächelte ihr entgegen.

Beth löste ihre Arme von der Brust, trat einige Schritte vor, sodass sie direkt vor Josef stand. Ihr Blick bohrte sich in seine Augen.

"Das glaube ich dir nicht, Josef Konstantin."

Damit machte sie auf dem Absatz kehrt und war schon aus dem Zimmer verschwunden.