Kapitel 12

Helios konnte sich nicht daran erinnern, wie er in sein Bett gekommen war. Oder dass er gekocht und Jaime etwas vorgelesen hatte. Besser gesagt, er konnte sich erinnern, aber er war irgendwie auf Autopilot gewesen. Sein Verstand kam einfach nicht über die Tatsache hinweg, dass Carlisle Cullen ihn geküsst hatte. Ihn! Kurz nachdem er erfahren hatte, dass die Ehe des Mannes nur am Papier bestand und dieser seine Frau nur als sehr gute Freundin sah. Er konnte es immer noch nicht glauben.
Es war zwar ein kleiner Kuss gewesen, doch das zählte! Nicht? Und es war so ganz anders gewesen, als er sich immer vorgestellt hatte. Vielleicht, weil es eben nur so kurz gewesen war. Er hätte gerne gewusst, ob ein Längerer so heiß und süchtig machend war, wie alle immer erzählten, denn der hier… war kalt gewesen. Helios hatte schon etwas empfunden, aber die Lippen des Mannes hatten sich überraschend kühl angefühlt. Vielleicht hatte Carlisle etwas gefroren, ohne das er es bemerkt hatte.
Und genau das hielt ihn davon ab, seinen wohlverdienten Schlaf zu bekommen. Nachdenklich und rastlos wälzte er sich hin und her, schmiss die Decke mal hier hin, mal dort hin, klopfte auf sein Kissen, nur um dann zum wiederholten Male auf seinen Wecker zu starren, der kurz nach zwei Uhr morgens zeigte. Mit einem frustrierten Seufzen setzte er sich auf und überlegte, was er tun konnte. Fernsehen ging nicht, das würde nur seinen Vater wecken und für Ärger sorgen. Lernen konnte er vergessen, so rastlos wie sein Geist war, das gleiche galt für lesen. Also blieb nur ein Spaziergang.

Einen Moment lang zögerte er noch, bevor er aufstand, über seine Shorts eine Jogginghose anzog, sich dann eine Weste schnappte und an der Tür lauschte, ob sich etwas im Haus regte. Nachdem er sicher war, dass es keine bösen Überraschungen geben würde sperrte der Junge seine Zimmertür auf und schlich hinunter. Über die Jahre war er den Weg so oft gegangen, dass er jetzt jeder quietschenden Diele ausweichen und mucksmäuschenstill aus dem Haus huschen konnte.
Die Luft war kühl und für einen Augenblick fragte er sich, ob er nicht besser seine Jacke holte, doch dann verwarf er die Idee. Er wollte nicht wieder hinein und so kalt war es nun auch nicht. Also lief Helios los, in die Richtung des nächsten Waldes und zog dabei sein Handy aus der Tasche. Er hatte die Nummer von Carlisle, er könnte ihn also anrufen oder eine SMS schreiben. Sofort schüttelte er den Kopf. Er würde den Mann nicht mitten in der Nacht anrufen und ihn dadurch wecken, immerhin musste er vermutlich früh aufstehen und Patienten versorgen, da wollte er ihm nicht noch das letzte bisschen Schlaf rauben, nur weil die Gedanken in seinem Kopf kreisten.
Bei wem er jedoch kein so schlechtes Gewissen hatte war Seth und ohne zu zögern tippte er eine kurze Nachricht, immerhin würde der Andere entweder wie ein Stein schlafen oder noch wach sein, die meisten in seinem Alter taten entweder das eine oder das andere um die Zeit. Und sie waren wirklich gute Freunde geworden, sie waren sogar ein paar Mal gemeinsam am Wochenende durch die Natur marschiert, daher würde er mit dem Anderen über seine Probleme reden können.

Es dauerte ungefähr zehn Minuten, in welchen er schon durch den Wald streunerte, vorsichtig darauf bedacht, nicht über irgendwas zu stolpern, da verkündete sein Klingelton, dass er eine Antwort hatte. Natürlich fragte der Teenager, warum er so spät noch schrieb, doch wenigstens hatte er dazu gesagt, dass Helios ihn nicht geweckt hatte.
Erneut wartete er unsicher und überlegte, wie viel er preisgeben sollte, doch da kam schon die Erlösung in Form einer zweiten SMS: „Es geht um Carlisle, nicht? Esme hat gesagt, dass du jetzt davon weißt." Statt zurückzuschreiben drückte er auf „Anrufen" und musste nur bis zum zweiten Klingeln warten bis sich Seth meldete. „Er hat mich geküsst", fing er sofort an, noch ehe der Andere ein Wort gesagt hatte und seufzte frustriert. „Und ich weiß jetzt nicht, was ich machen soll. Ich meine, man kann es kaum einen Kuss nennen, aber irgendwie doch. Und ich bin mir jetzt nicht sicher, was das jetzt heißt.
Er würde mich nicht küssen, wenn er mich nicht mögen würde, richtig? Aber wie geht es jetzt weiter? Ich kann ja schlecht fragen, ob er mit mir ausgehen will, immerhin ist er erwachsen und hat so schon kaum Zeit! Will er überhaupt, dass ich ihn frage? Oder war das nur ein ‚Ja, ich mag dich, aber du bist mir zu sehr Kind'? Es war ja kein richtiger Kuss, vielleicht bin ich ihm noch nicht alt genug für was Ernstes, egal ob Kusstechnisch oder Beziehungstechnisch. Und kannst du bitte auch mal was sagen, ich dreh hier gerade durch!", schimpfte er im letzten Satz, nur um auf Schweigen zu treffen.

Dann erklang ein Seufzen, gefolgt von einem Rascheln, bis sich plötzlich eine amüsierte Stimme meldete, die definitiv nicht zu Seth gehörte. „Solltest du nicht im Bett sein? Und wenn du nicht schlafen kannst, warum hast du dich nicht bei mir gemeldet, wir hätten reden können." Sofort wurde das Gesicht des Jungen knallrot und er quiekte: „Carlisle! I-ich wollte dich nicht wecken!"
Der Mann am anderen Ende der Leitung lachte leise und meinte dann: „Hättest du nicht. Abgesehen davon, dass ich ebenfalls nicht schlafen kann, schalte ich mein Telefon immer auf lautlos, wenn ich schlafe. Nur Anrufe aus dem Krankenhaus kommen durch." Dann folgte kurze Stille, einfach weil Helios nicht wusste, was er sagen wollte und der Blonde erlöste ihn dann. „Wieso sagst du mir nicht, warum du noch wach bist? Vielleicht kann ich dir dabei helfen." Erneutes Schweigen, er hatte keine Ahnung, wie er anfangen sollte. „Ist es der Kuss?", fragte Carlisle dann nach und erst nickte er nur, bis er bemerkte, dass ihn der Andere nicht sehen konnte. „Ja", hauchte er geradezu und schluckte. „Ich… weiß einfach nicht, wie ich damit umgehen soll."
Das entlockte dem Arzt ein Seufzen und er meinte etwas reumütig: „Entschuldige, ich hätte wissen müssen, dass dich das im Moment überfordert." „Nein!", rief Helios geradezu und räusperte sich. „Ich meine, entschuldige dich nicht. Es… es war schön", murmelte er und spürte wieder, wie seine Wangen heiß wurden. „Ich weiß nur nicht, was…" Hilflos ließ er den Satz so hängen und erneut sprang Carlisle ein, um die Stille zu füllen: „Wenn du möchtest, können wir uns morgen treffen und uns unterhalten. Ganz in Ruhe."
„Können wir das nicht jetzt?", fragte der Junge leise und hörte erneut dieses wunderbare, leise Lachen. „Nein, ich möchte dich dabei ansehen können. Solche Gespräche sollten immer persönlich geführt werden. Also, was sagst du? Ich muss morgen nicht arbeiten, also können wir uns jederzeit treffen."

Kurz war Helios versucht, einfach vorzuschlagen, dass er die Schule schwänzen konnte, doch das hätte sein Gewissen nicht verkraftet und hätte den Tadel des Mannes auf den Plan gerufen. Daher meinte er: „Wir könnten uns am Nachmittag treffen. Ich habe da zwar Sport, aber mein Arzt hat mir verboten, in nächster Zeit mitzumachen." Am Ende grinste er etwas und er hatte das Gefühl, dass Carlisle das auch tat. Oder zumindest lächelte.
„Gut, dann hole ich dich nach deiner Mittagspause ab. Und nicht früher, sonst isst du wieder nichts. Ich weiß, dass du das gerne vergisst", meinte eine unnachgiebige Stimme und der Junge seufzte. „In Ordnung, wenn es sein muss." „Ja, muss es. Dann bis morgen Helios. Versuch, jetzt etwas zu schlafen, statt im Wald herum zu laufen." „Bis morgen." Damit wurde das Gespräch beendet und während er sein Handy wieder einsteckte und zurück lief fragte er sich, woher der Mann gewusst hatte, dass er im Wald war. Er hatte nämlich kein Wort davon gesagt.