12. Kapitel
"Dieser Kamin ist anders als die vom Flohnetzwerk. Es ist eine Art Geheimgang von den Schulleiterräumen in Hogwarts hierher", erklärte Harry Hermine.
Die wurde blass und starrte entsetzt in die Flammen.
"Aber das ist schrecklich leichtsinnig. Die Auroren werden alles durchsuchen."
Sie sprang auf und packte Severus' Hand.
"Du musst hier weg!"
Harry wollte etwas sagen, aber Severus kam ihm zuvor.
"Warum?", fragte er ruhig.
Hermine sah ihn an, als zweifle sie an seinem Verstand.
"Sie werden dich nach Askaban bringen, zumindest solang, bis deine Unschuld erwiesen ist, und das kann Monate dauern. Ihr kennt doch das Ministerium. Und die Auroren hassen dich."
Immer lauter wurde ihre Stimme, fast panisch. Rote Flecken erschienen auf ihren Wangen und ihre Augen blitzten.
"Harry, sag doch auch mal was!", fuhr sie ihn an, aber er grinste nur.
"Du siehst aus wie 'ne Löwin, die ihr Junges verteidigt."
Sie funkelte ihn wütend an.
"Das ist nicht der richtige Moment für Scherze, Harry. Sie können jeden Augenblick hier sein."
"Blödsinn, Hermine, da kommt keiner durch."
"Ach, und wieso bist du dann hier?"
Sie war mittlerweile so in Rage, dass sie tatsächlich bedrohlich wirkte. Ihre sonst so sanften braunen Augen schienen Funken zu sprühen und Severus' Herz schlug plötzlich bis zum Hals. Sie hatte Angst um ihn!
Er sollte sie beruhigen, ihr erklären, dass wirklich keine Gefahr bestand, aber er brachte kein Wort über die Lippen, sah sie nur an. Harrys Vergleich war durchaus zutreffend, nur dass Löwinnen im allgemeinen keine Mähne hatten. Seine Mundwinkel zuckten anscheinend ein wenig, denn jetzt richtete sich ihr Zorn gegen ihn.
"Du findest es also lustig, dass ich mir Sorgen um dich mache?"
"Nein, Hermine, natürlich nicht!"
Tiefe Betroffenheit lag jetzt in seinem Blick und ihre Wut verflog.
Was war nur in sie gefahren?
Die Vorstellung, man könne ihn gefangennehmen und auf diese grauenvolle Insel bringen, hatte sie so sehr entsetzt, dass sie ihre gewohnte Selbstbeherrschung vollkommen verloren hatte. Sie schluckte schwer und fühlte überdeutlich, wie ihr die Hitze in die Wangen stieg. Sie hatte sich absolut albern benommen.
"Ich hab wohl ein wenig überreagiert."
"Kann man so sagen!" Harry klang immer noch ziemlich belustigt. Hermine warf ihm einen misstrauischen Blick zu und sah dann Severus an. Dessen Lächeln wirkte fast ein wenig schuldbewusst. Und schlagartig begriff sie und wäre am liebsten im Erdboden versunken.
"Es besteht überhaupt keine Gefahr oder? Niemand wird dich hier finden können. Ich hab mich wohl ganz schön lächerlich gemacht."
Sie wollte sich abwenden, aber Severus griff nach ihren Händen und hielt sie fest.
"Du hattest Angst um mich, und das war das Schönste, was mir seit langem widerfahren ist. Danke, Hermine!"
Eigentlich sollte sie wütend sein, aber alles, was sie empfand, war eine wundervolle Wärme, als sein Blick sie festhielt. Etwas geschah mit ihr, etwas Verbotenes, völlig Ungehöriges. Sie versank in den endlosen dunklen Tiefen, war sich seiner Hände, die sanft ihre Finger umfingen, nur allzu bewusst, wünschte mit einem Mal, er würde sie nie wieder loslassen.
Aber plötzlich tat er genau das, so hastig, als hätte er sich verbrannt, und wandte sich abrupt zu Harry um.
"Wie bist du an dem Jungen vorbeigekommen?"
Hermines Herzschlag beruhigte sich nur langsam. Wie in Zeitlupe nahm ihr Verstand die Arbeit wieder auf, lenkte sie ab. Ein Junge? Wovon redete er?
"Ich hab ihm die Wahrheit erzählt und er wollte ebensowenig, dass du stirbst, wie ich. Er hat sich für seine Zukunft etwas gewünscht, weißt du?"
Severus Blick wanderte wieder zu Lilys Porträt und er seufzte leise. Hermines Brust wurde eng. Ein völlig fremdes, unbekanntes Gefühl machte sich in ihr breit. Was hatte Lily nur, dass er sie so sehr liebte?
"Es kann immer noch geschehen", sagte Harry eindringlich.
Aber Severus lächelte wehmütig und schüttelte den Kopf.
"Das glaube ich kaum, Harry. Glück ist etwas, das mir wohl für immer versagt bleiben wird."
Harrys Erstaunen entlockte ihm ein Lächeln.
"Er ist ein Teil von mir, wie sollte ich nicht wissen, was er fühlt?"
Sein Blick verschleierte sich, wurde undurchschaubar als er fortfuhr: "Und ich weiß sehr gut, dass er Angst davor hat, zu dem Menschen zu werden, der ich heute bin."
"Du hast ein Abbild deiner Selbst erschaffen, das diesen Zugang bewacht?"
Hermines Verstand war wieder hellwach. Was für ein faszinierender Gedanke!
Severus' Gesichtszüge entspannten sich, wurden beinahe weich, als er sie schmunzelnd ansah.
"Hast du noch nie etwas darüber gelesen, Hermine Granger?"
Neckte er sie etwa? Vor Erleichterung wurde ihr ganz flau im Magen. Sie hatte tatsächlich befürchtet, er hätte ihre Gefühle bemerkt. Das hätte mit Sicherheit das Ende einer Freundschaft bedeutet, die doch eben erst begann. Und das wollte sie mit allen Mitteln verhindern.
Freundschaft, nichts anderes, würde sie je für ihn empfinden und das war auch alles, was er anzunehmen bereit war. Und das war gut so. Gefühle brachten alles durcheinander und schließlich war sie ein Verstandesmensch, ebenso wie er. Auf dieser Ebene würden sie sich prächtig verstehen.
"Nun, Professor, es scheint, als könntest du mir noch eine Menge beibringen. Erteilst du mir Nachhilfe?"
Natürlich war das nur so dahingesagt, aber noch während sie die Worte aussprach, wurde ihr bewusst, dass dies vielleicht eine Möglichkeit war, ihn vor der Isolation zu bewahren, die ihn zwangsläufig in den nächsten Monaten erwarten würde. Nach Hogwarts konnte er unmöglich zurückkehren. Dieses Haus hier war Zuflucht und Versteck zugleich und niemand durfte erfahren, wo es sich befand. Auch sie und Harry nicht!
"Oder hast du in der nächsten Zeit etwas Besseres vor?", fügte sie hinzu und sah ihn fragend an.
Severus blickte von ihr zu Harry.
"Meint sie das ernst?"
Hermine schnaubte empört.
"Es ist unhöflich, in der dritten Person über Leute zu sprechen, die anwesend sind. Vielleicht könnte ich dir im Gegenzug ja beibringen, wie man sich Freunden gegenüber verhält?"
Harry zwinkerte ihr zu.
"Und die erste Lektion lautet wohl: Wenn ein Freund dich um einen Gefallen bittet, weise ihn nicht ab, hab ich recht, Hermine?"
Sie grinste spitzbübisch und Harry warf Severus einen mitleidigen Blick zu.
"Ich fürchte fast, sie meint es mehr als ernst. Wie ich Hermine kenne, wird sie erst zufrieden sein, wenn sie alles Wissen aus dir herausgequetscht hat, wie den Saft aus einer Zitrone."
"Apropos Wissen", unterbrach ihn Hermine, "wie kamst du eigentlich auf die Idee mit Naginis Gehirn?"
"Ähm!", machte Harry, völlig überrumpelt von diesem Themenwechsel.
"Ähm, was?"
Plötzlich sah Hermine Severus an.
"Wusstest du es?"
Er schüttelte den Kopf, schien ein wenig Mühe zu haben, sich auf ihre Frage zu konzentrieren. Dachte er tatsächlich über ihren Vorschlag nach? Sie hoffte es sehr. Wieviel leichter würde ihr das Lernen fallen, wenn er sie dabei unterstützte. "Und außerdem willst du ihn wiedersehen", flüsterte eine leise Stimme in ihrem Innern.
"Jemand hat's mir erzählt!"
Harrys Antwort riss sie aus ihren Grübeleien.
Sie verdrehte die Augen.
"Ach ne! Und ich dachte schon, du hättest es gelesen!"
Severus schmunzelte.
"Nun mach's doch nicht so spannend, Harry. Wer?"
Hermine würde nicht locker lassen und Harry antwortete.
"Eine andere Schlange", sagte er und sah sie trotzig an.
"Was?"
Mit offenem Mund starrte sie ihn an und auch Severus wirkte verblüfft.
"Mehr darf ich nicht sagen!"
Harrys Tonfall verriet, dass es sinnlos wäre, darauf zu bestehen.
Severus nickte nachdenklich.
"Tekla", murmelte er.
"Ja!", bestätigte Harry und plötzlich kam ihm eine Idee.
"Könnte sie dir nicht was zu Essen hierher schicken?"
Hermine deutete auf die leere Tasse.
"Diese Tekla ist eine Hauselfe, oder?"
Harry nickte zögernd.
"Wenn ich irgendetwas verrate, muss sie Hogwarts verlassen, also frag nicht weiter, okay?"
Hermine schluckte ihre Neugier hinunter. Sie wäre die Letzte, die einer Elfe schaden würde.
"Sie dient nur dem Schulleiter und ich denke mal, noch bin ich das."
Severus schloss die Augen und keine Minute später stand eine große dampfende Schüssel am Tisch, als hätte die Elfe nur auf ein Lebenszeichen ihres Herrn gewartet.
"Drei", murmelte Hermine überrascht, "das sind drei Teller und drei Löffel. Woher weiß sie, dass wir zu dritt sind?"
"Ich hab versucht, ihr ein Bild zu übermitteln. Anscheinend ist es geglückt."
Hermine versuchte gar nicht, ihre Bewunderung zu verbergen.
"Du beherrscht Legilimenz über so große Entfernung und dann auch noch ohne Blickkontakt?"
Sie hörte selbst, wie begeistert sie klang. Severus schüttelte lächelnd den Kopf.
"Nein, im Normalfall nicht. Bei Menschen würde es nicht funktionieren, Hermine. Aber Hauselfen fühlen den Ruf desjenigen, dem sie verbunden sind, in ihrem Geist und es ist keine große Kunst, ihnen auf diesem Wege Gedanken oder Bilder zukommen zu lassen."
Harry griff nach dem Schöpflöffel und füllte die Teller.
"Wollt ihr auch was, oder ernährt ihr euch von der bloßen Vorstellung zu essen?"
"Banause!", schimpfte Hermine und griff nach dem Löffel.
Harry verdrehte die Augen und schaufelte den Eintopf in sich hinein, als wäre er am verhungern. Sie konnte es ihm nicht verdenken, auch ihr eigener Magen knurrte vernehmlich.
Sie genossen alle drei schweigend das köstliche Mahl. Severus legte als erster den Löffel beiseite.
"Ihr solltet jetzt gehen", sagte er leise, ohne den Blick von seinem Teller zu lösen. "Man wird euch vermissen."
