Disclaimer: Vielen Dank an JKR für ihre Charaktere. Ich werde ein wenig mit ihnen rumspielen, hoffentlich stört es sie nicht.
Cassie
„Es gibt nur Macht, und jene, die zu schwach sind, um nach ihr zu streben."
oooooooooooooooooooooo
Kapitel 12 – Geheimnisse der verbotenen Flüche
„Komm mit", zischt er.
Narzissa wirft mir einen mitleidvollen Blick zu und ich folge Tom die Treppen hinauf. So bald wir im Zimmer sind, wendet er sich mir zu.
„Ich sollte dich für deine Frechheit zwei Stunden lang unter dem Cruciatusfluch halten", faucht er. Ich senke den Kopf und starre meine Schuhe an. Ein Teil von mir möchte ihm den Stinkefinger zeigen und ihm sagen, er könne mich mal, aber der andere Teil hat Schiss vor ihm. Ich denke nicht, dass es viel mehr auf der Welt gibt, vor dem ich Schiss hätte. Außer Tom.
Ich schweige und kann beinah Toms Zorn spüren, der zu mir hinüber weht. Würde er es tun?
„Das wird nie wieder vorkommen", bellt er. „Ich brauche Antworten und ich muss in diesem verdammten Buch warten, bis dir einfällt, es zu öffnen. Lucius hat das Buch geöffnet und seit dem sitze ich hier. Ich hätte gedacht, wir hätten eine Abmachung. Ich hätte gedacht, dass wir uns gegenseitig respektieren. Aber nein, der große Harry Potter kann alles alleine machen. Der große Harry Potter braucht niemanden und wenn er jemanden braucht, pfeift er nach jemandem. Auch wenn ich diese Einstellung schätze und mit dir teile, gibt es Ausnahmen, nämlich mich. Ich bin dein Lehrer; und ich bin derjenige, der nach dir pfeifen sollte."
„Und ich hätte gedacht, dass wenigstens du verstehst, wie schrecklich es ist, wenn man hilflos ist", fügt er wütend hinzu.
Er hat Recht. Aber ich wollte einfach nicht über Voldemort sprechen, ehe ich mich mit Hermine getroffen habe, aus einem sehr einfachen Grund. Weil ich es verkorkst habe und weil ich weiß, dass er sauer auf mich sein wird. Nun, schlimmer kann es nicht sein.
„Es tut mir wirklich leid. Aber es gibt Neuigkeiten", sage ich sehr leise. „Ich wollte mit dir darüber nicht reden, bis ich zurück bin."
Ich schaue auf und begegne dem Blick von Toms zornig funkelnden Augen, die wie zwei Seen von Schwärze vorkommen. Dieser Mann... Ich weiß nicht, wie er es tut, aber in jenem Moment spüre ich tatsächlich Angst. Ich habe gedacht, dass es für mich unmöglich ist, irgendetwas zu spüren, aber doch. Auch wenn er mir keinen Cruciatusfluch auf den Hals gejagt hat, sein Blick scheint zu genügen.
„Ich höre zu", faucht er und wirft sich auf einen Sessel. Ich setze mich mit gesenktem Kopf hin und beginne ihm schnell von allem zu erzählen. Als ich fertig bin, versteife ich mich, auf eine Explosion wartend. Merlin weiß, dass ich damit Erfahrung habe.
„Du hast also gedacht, ich wäre sauer auf dich und würde dir aus diesem Grund nicht erlauben, in die Winkelgasse zu gehen?" fragt er kalt.
Der Mann hat eine außerordentliche Fähigkeit, peinliche Sachen ohne blinzeln laut zu sagen; die Wahrheit in meinen Augen zu sehen; und immer alles in Betracht zu ziehen. Seine kalte, logische und beinah klinische Denkweise ist oft verwirrend, aber zur gleichen Zeit ist sie beeindruckend. Der Mann kann all meine Gedanken mit einem Satz zusammenfassen und zu jener Zeit fühle ich mich nackt und entblößt.
Ich nicke stumm.
„Nun, darin liegst du falsch", sagt er etwas sanfter. „Denn ich bin der Meinung, dass Voldemort jetzt sicherlich herkommen wird."
Ich schaue schnell auf, meinen Ohren nicht trauend.
„Du kennst ihn nicht", fährt Tom fort. „Jetzt ist er neugierig und wird alles in seiner Macht Stehende tun, um so schnell wie möglich hierher zu gelangen. Denn er sieht zweifelsohne zwei Möglichkeiten. Erstens: es ist ein Teil von Dumbledores Plan. Der alte Mann hat herausgefunden, dass es diese Verbindung zwischen dir und ihm gibt und jetzt möchte er ihn als Köder benutzen. Aus diesem Grund ist es erforderlich, dass er sich so schnell wie möglich einen Körper besorgt, denn in diesem Zustand ist er verwundbar und Voldemort kann es nicht ertragen, sich verwundbar und hilflos zu fühlen. Er muss handeln und er wird handeln, auch wenn er mit dem Schwanz im Sand Wurmschwanz Nachrichten schreiben muss."
„Zweitens. Er denkt, du seist ein treuer Diener, der ihm helfen möchte. Ob er tatsächlich glaubt, du seist Harry Potter... an seiner Stelle würde ich sicherlich an so was nicht glauben, denn mein Verstand würde mir sagen, dass es vollkommen unmöglich ist. Also ist es unmöglich. Aber ein treuer Diener hätte ihm sagen können, er sei Harry Potter, weil er weiß, dass dieser Name eine sonderliche Wirkung auf ihn haben würde und sein Rückkehr beschleunigen würde. Er könnte es auch als eine Art Warnung nehmen und er wird handeln."
„Kurz gesagt ist es also gut, dass du ihm deinen Namen genannt hast", behauptet er. „Weil er jetzt alles in seiner Kraft stehende tun wird, um so schnell wie möglich hier her zu kommen. Und das ist gut."
„Wenn du meinst", murmele ich. Ich bin unglaublich erleichtert. Wenn Tom alles so vorlegt, ergibt es einen Sinn.
„Also was haben wir daraus gelernt?", fragt Tom, auf mich zukommend. Er greift nach meinem Kinn und hält es fest. Ich kann nichts sehen, außer seinen Augen, in denen die Dunkelheit wie zwei mächtige schwarze Flammen brennt.
„Lüge mich nie an. Was auch immer es ist, versuche nie, mich anzulügen. Denn falls du von mir lernen willst, muss ich alles über dich wissen. Die dunklen Künste sind nicht Zauberkunst. Sie sind eine Kunst, eine ernste Sache, die einen zerstören kann. Du spielst mit dem Feuer, Harry. Du stehst am Rand des Abgrunds. Und bis du genug gelernt hast, kannst du jederzeit hineinfallen. Deswegen bin ich hier, um dich anzuleiten und dir den Weg zu zeigen. Und du musst ehrlich sein, wenn du möchtest, dass wir weitermachen. Verstehst du?"
Ich nicke stumm. Toms Griff wird fester. Das tut weh...
„Was hast du gesagt?", zischt er.
„Ich verstehe", sage ich durch meine Zähne. „Meister."
„Gut", sagt er und lässt mich los. Ich reibe mir das Kinn und seufze. Ich versuche mir vorzustellen, wie es wäre, wenn Dumbledore verlangen würde, dass ich ihn so nenne. Das wäre einfach zu viel für mich.
„Also können wir heute mit diesem Ritual weitermachen", sagt Tom, im Buch blätternd. „Das wäre eine gute Übung für dich."
„Ich hätte eine Idee...", fange ich an. Tom murmelt etwas Unverständliches. „ich könnte wieder das Mondfest durchführen", Er schaut auf. „Um... den Kontakt zu erneuern."
„Dafür gibt es keinen Grund", behauptet er, wirkt aber sehr zufrieden. „In ein paar Tagen. Und außerdem denke ich, dass die Visionen von alleine zu dir kommen."
ooooooooooooooooooooo
Drei Tage lang habe ich in Ruhe im Malfoy Herrenhaus verbracht und habe keinen Brief bekommen. Ich habe erwartet, dass Dumbledore schon am nächsten Tag auftauchen würde, aber nichts. Und wie Tom, der wahnsinnig paranoid ist, gesagt hat, kann das nichts Gutes heißen. Das alte Klappergestell schmiedet im Geheimen Pläne und die Spannung wird mich umbringen, wenn Voldemort es in der Zwischenzeit nicht tut.
Wenn wir schon vom Teufel sprechen... Voldemort scheint noch immer auf dem Kontinent zu sein, denn ich hatte noch eine Vision und danach konnte ich die ganze Nacht lang kein Auge zumachen, weil der Mann so wütend war, dass ich total durcheinander war. Natürlich ist für einen dunklen Magier die Selbstkontrolle und die Kontrolle über seine Gefühle sehr wichtig, wenn auch nicht entscheidend, aber eine Ausnahme ist natürlich der Zorn. Denn laut Tom hilft der Zorn einem, komplizierte Zauber und Flüche auszuführen, indem man sozusagen mehr 'Brennmaterial' hat. Und ich muss zustimmen. Aber zur gleichen Zeit kann sich der Zorn auch gegen einen selbst wenden und das kann schlecht enden. Voldemort aber hat jeden Grund, zornig zu sein und ich kann es nur allzu gut verstehen. Aber ich wünsche mir, er würde mir wenigstens ein paar Stunden Schlaf erlauben. Wie würde das wohl aussehen, wenn er seinen alten Körper zurück hat? Zwei dunkle Lords! Lord Voldemort im Quadrat, der Inbegriff des Bösen doppelt so böse. Lord Voldemort in Stereo. Merlin alleine kann mir helfen.
„Fuchtele mit deinen Armen nicht wie ein kopfloses Huhn! Und konzentriere dich auf deine Arbeit!", zischt Tom hinter mir. Ich konzentriere mich wieder auf die Wirklichkeit, das heißt, auf die dunklen Künste.
Wir stehen in einer Halle im Malfoy Herrenhaus und Tom ist heute so leicht reizbar, dass ich ihn nur anschauen muss, damit er mich anschnauzt. Ich kann kaum abwarten, dass dieser Tag endet.
„Es ist nicht leicht, wenn du die ganze Zeit hinter mir stehst und mich die ganze Zeit anbrüllst", zische ich zurück. „Du erinnerst mich an Snape – wer kann arbeiten und sich auf etwas konzentrieren, wenn die übergroße, fetthaarige Fledermaus die ganze Zeit hinter mir steht und etwas in seinen Bart murmelt?"
Tom öffnet den Mund, um mich wahrscheinlich anzuschreien und ich fauche wütend.
„Ich habe es satt!" schreie ich. „Ich kann nicht hier rumhocken und darauf warten, dass Dumbledore mit seinem neusten Meisterplan herkommt und mein Leben schon wieder zerstört! Es wird mich umbringen, das Warten und die Spannung!" Meine Magie tobt in meinem Inneren und ich nehme einen tiefen Atemzug, um mich zu beruhigen. Wenn ich nach all dem noch etwas in die Luft jage, wird die Hölle los sein.
„Bitte, Tom", sage ich leise, den Kopf senkend. Mein zweiter Stab ist noch immer in meiner durchgeschwitzten Hand. „Heute fühle ich mich total nutzlos. Ich gebe mein bestes, aber es ist nicht gut genug. Könnten wir etwas anderes tun? Und dann morgen fortfahren?"
Bisher haben Toms Augen bedrohlich gefunkelt, jetzt aber schaut er mich ruhiger an. Man muss Dumbledores Namen nur erwähnen, und das Wort an sich hat eine sonderliche Wirkung auf den jungen dunklen Lord.
„Na schön", sagt er schließlich. „Dann eben der Cruciatusfluch."
Ich hebe den Blick und schaue ihn verwundert an. Tom zuckt mit den Achseln.
„Was? Den Imperiusfluch beherrschst du schon. Der Cruciatusfluch ist echt nützlich und außerdem kannst du ihn jetzt gut gebrauchen", meint er ruhig.
Jetzt kommt die Möglichkeit, dass ich etwas nicht tun will oder dass mir etwas nicht gefällt, überhaupt nicht in Frage. Denn ich mag die dunklen Künste. Und außerdem arbeiten wir immer mit Puppen oder vergrößerten Insekten. Cruciatusfluch aber...
„Es wird dir gefallen", sagt Tom, der eine Spinne auf den Boden vor mir stellt und sich aufrichtet. Ich vergrößere sie automatisch und starre die riesige Spinne an. „Vertraue mir. Das Ministerium wird nie davon Wind bekommen, und niemand kann dir etwas nachweisen. Es ist in Ordnung. Vertraust du mir, Harry?"
Die dunklen Augen schauen mich ohne zu blinzeln an. Die größte Ironie meines Lebens – das eh ein totales Durcheinander ist – ist, dass ich Tom vertraue. Vielleicht hat es etwas mit unserer Verbindung von Lehrer zu Schüler zu tun, denn laut Tom ist diese Verbindung, wenn es um die dunklen Künste geht, sehr wichtig. Denn bis der Schüler die Sucht beherrscht, muss er dem Lehrer vollkommen vertrauen und ihm erlauben, dass er ihn anführt und ihm sagt, was er tun soll. Normalerweise würde mir nicht gefallen, dass ich schon wieder von jemandem abhängig sein muss, aber da es sich um Tom handelt, stört es mich nicht. Und außerdem weiß ich ja auch die meiste Zeit nicht, was ich tun soll. Da gibt es ein paar Prinzipien in den dunklen Künsten, die ich echt verwirrend finde.
„Ja", sage ich sehr leise.
„Gut", sagt Tom und kommt auf mich zu. „Also, den Imperiusfluch beherrschst du schon. Für den ist ein stahlharter Wille erforderlich, denn sonst wären die Befehle, die ein dunkler Magier dem Opfer gibt, nicht so klar und da besteht die Möglichkeit, dass das Opfer sich dagegen wehrt und sich deinem mentalen Griff entreißt. Also diesen Teil kannst du schon."
„Du hast gesagt, du wollest mehr über die Theorie hinter den Zaubern lernen. Also gut. Die Theorie, die hinter dem Imperiusfluch steckt, bleibt unverändert. Jeder dunkle Magier muss die gleiche Einstellung haben, sonst funktioniert der Zauber nicht. Aber da gibt es verschiedene Einstellungen, wenn es sich um den Cruciatusfluch und den Todesfluch handelt."
Ich schlucke und folge Tom mit meinem Blick, der jetzt seine Lehrerrolle spielt und auf und ab läuft. Wenn er so eine Vorlesung hält , finde ich es unmöglich, dem Mann nicht zuzuhören.
„Also manche Magier benutzen Zorn", fährt er fort. Er genießt die Aufmerksamkeit, die ich ihm schenke. Selbstgefälliges Arschloch. „Manche aber benutzen ihren Willen. Das Problem liegt nämlich in Folgendem – wenn man den Cruciatusfluch sehr oft benutzt, wenn er auf Zorn basiert, wird der Zorn bald zu der Natur von einem und das kann zu weiteren Problemen führen. Du hast schon deinen Zorn für allerlei Zauber benutzt und du hast sicherlich bemerkt, wie erschöpfend es sein kann. Also wäre die Alternative einfach den Willen benutzen, und dein Wille muss einseitig und stahlhart sein. Du musst dir mit aller Kraft wünschen, jemandem Schmerzen zuzufügen."
„Oh", murmele ich und starre ihn nachdenklich an. Das klingt... schwierig. Und ein wenig widersprüchlich. Wenn ich jemandem Schmerzen zufügen will, bin ich sicherlich sehr wütend. Wäre es nicht leichter, einfach meinem Zorn Luft zu geben? Wie hätte es anders funktionieren sollen?
„Nun, am Anfang kannst du einfach deinem Zorn Luft geben", sagt Tom, dem offensichtlich klar ist, was mich plagt. „Und mit der Zeit wirst du an deiner Einstellung arbeiten."
„In Ordnung", sage ich und stehe auf. „Das klingt überhaupt nicht schwierig."
Tom grinst mich an und deutet auf die Spinne, die mich mit allen acht Augen angafft. Das einfachste ist – stell dir Dumbledore vor. Früher hätte auch das Bild von Onkel Vernon funktioniert, aber der ist tot und meine Hand hat es getan. Also fühle ich mich, als wäre dieses Kapitel abgeschlossen und es gäbe nichts, worüber man weiter schreiben könnte. Der Hass dem Mann gegenüber ist weg.
„Crucio!", zische ich. Ich sehe Dumbledore vor mir, der mir zuzwinkert und sagt, ich solle zurück zu den Dursleys gehen. Ich sei zu jung für irgendetwas. Ich dürfe nicht bei Narzissa wohnen. Ich dürfe meine Magie während der Ferien nicht benutzen. Und der resultierende Strahl aus Magie platzt aus meinem Stab und trifft die Spinne mit voller Wucht.
Ich reiße mich zusammen, als ich sie auf dem Boden sehe. Sie wälzt sich hin und her und ein seltsames Geräusch bricht die Stille. Ich stehe nur dumm da, bis mir klar wird, dass die Spinne LEIDET und dass dieses Geräusch ein seltsames Wimmern ist.
So viel Macht habe ich noch nie gespürt. Sie ist überwältigend und atemberaubend. Ein paar Sekunden vergehen bis mir klar wird, dass auch meine Hände zittern und dass ich blöd grinse und die Spinne, ohne sie zu sehen, anstarre. Mir ist natürlich klar, dass die Spinne leidet, aber momentan ist das eine Nebensache. Stattdessen konzentriere ich mich auf dieses Gefühl... Und hier geht es nicht nur um den Rausch, den die dunkle Magie, je nach dem, wie ernst und kompliziert der Zauber ist, verursacht. Nein, da gibt es mehr. Diese Macht ist real; und sie ist nicht eine Folge eines dunklen Zaubers. Ich fühle mich unbesiegbar und mächtig, aber es ist mehr als das. Irgendwie weiß ich alles über meine Umgebung und verstehe sie vollkommen; ich kann jede meiner Zellen spüren und ich bin mir dessen bewusst, dass die Luft um mich herum vor Magie knackt. Ich kann sogar die Funken spüren... Und ich fühle mich so lebendig wie noch nie. Dies ist nicht nur ein dunkler Zauber – da steckt mehr dahinter.
„Tief durchatmen", höre ich Toms leise Stimme. Er legt seine Hände auf meine Schultern. „Kontrolliere dich."
Da kann ich auch seine Magie spüren, die sich mit meiner mischt, aber seine ist nicht vollständig... Mächtig... aber nicht vollständig. Na ja, er ist eine Erinnerung.
„Gibt es nicht etwas...", stottere ich, als ich tief einatme. „...was du mir erklären musst?"
„Ja", flüstert Tom mir ins Ohr. „Aber zuerst musst du dich beruhigen. Dann reden wir."
Ich nicke und gehe auf wackeligen Beinen zu meinem Sessel hinüber und plumpse darauf. Jede meiner Zellen vibriert und ich bin hellwach. Meine Füße jucken und meine Haut fühlt sich empfindlich an. Ich hebe meine durchgeschwitzten Hände, die wie verrückt zittern, und ich kann beinah die Magie spüren, die sich in meinen Fingerkuppen gesammelt hat...
„Die verbotenen Flüche werden aus gutem Grund als verboten bezeichnet", höre ich Toms Stimme aus der Ferne. „Laut der Legende war es eigentlich ein dunkler Magier, der sie als verboten bezeichnet hat, denn er wusste sehr wohl, was sie bewirken. Danach hat er die dunkle Magie vollkommen aufgegeben, aber erst nachdem er den Hellmagiern erklärt hat, was für verschiedene Kategorien der dunklen Magie es gibt."
„Kann man das Studium der dunklen Magie eigentlich aufgeben?", frage ich leise. Mein Mund ist voller Speichel, aber trotzdem bin ich durstig.
„Natürlich nicht", sagt Tom grinsend. Er hat es mir nie erklärt, aber ich habe es schon vermutet. Wer einmal die Macht der dunklen Magie spürt, kann sie nie aufgeben. „Durch die Einweihung in die dunklen Künste fängt ein Prozess an, den man nicht aufhalten kann. Höchstwahrscheinlich ist dieser Zauberer kurz danach gestorben."
„Aber zurück zum Thema", fährt er fort. „Während ich in der Schule war, habe ich erforscht, welche Wirkung die verbotenen Flüche auf einen selbst haben. Ich habe versucht, sie arithmantisch auszudrücken, aber ich bin damit nicht weit gekommen. Denn die wahre Formel kann man nirgendwo finden und es alleine zu versuchen ist vergeblich."
„Aber jeder Zauber kann durch Gleichungen ausgedrückt werden", protestiere ich.
„Die Ausnahme ist natürlich unabsichtliche Magie, aber ich bin der Meinung, dass sogar die Magieausbrüche arithmantisch beschrieben werden können. Bei der Handmagie ist eine komplizierte Regel nötig, aber trotzdem gibt es eine und sie kann arithmantisch beschrieben werden."
„Warum also die verbotenen Flüche nicht?", frage ich beeindruckt. Diese Arithmantik hört sich sehr interessant an und ich kann es kaum abwarten, dieses Fach zu besuchen.
„Da ich mit der Erforschung in der Schule begonnen habe, wird mein älteres Ich mehr Antworten haben", sagt Tom. Ich kann Bitterkeit in seiner Stimme hören. Tom ist vom Anhäufen des Wissens besessen und er kann es nicht ertragen, wenn er etwas über etwas nicht weiß. Meiner Meinung nach ist es schön, ehrgeizig zu sein, aber Tom hat wohl ein Problem.
„Also werde ich Voldemort fragen müssen", sage ich achselzuckend. „Schön. Das nächste Mal, wenn ich eine Vision habe, werde ich ihn danach fragen."
Tom verzieht das Gesicht, sagt aber nichts dazu. Er hasst es, zugeben zu müssen, dass er von etwas keine Ahnung hat.
„Aber ich kann sehr gut verstehen, warum die verbotenen Flüche verboten sind", eile ich zu sagen. „Was ich aber nicht verstehe, ist, warum dieser Idiot dem Ministerium – oder wem auch immer – die Geheimnisse der dunklen Künste verraten hat."
„Weil er Schiss vor der Macht, die du soeben gespürt hast, hatte", erwidert Tom bissig. „Er hat an Gott geglaubt und gedacht, dass sich wie ein Gott zu fühlen, das Werk des Teufels sein muss. Aus diesem Grund hat er die dunklen Künste aufgegeben und sein Buch, 'Confessiones atri magi' hat dazu gedient, den Namen der edlen Künste zu beschmutzen. Meiner Meinung nach war dieser Zeitpunkt der Beginn der Ära von Hellmagie."
„Sich wie ein Gott fühlen...", flüstere ich nachdenklich. „Ja, das ist es. So fühlt es sich an."
„Und? Siehst du etwas Schlechtes daran?", fragt Tom neugierig.
„Ich...", Ich kratze mich am Kopf. „Ich weiß es nicht."
Ich kann seinen Atem an meiner Haut spüren und ich erschaudere. Diese Macht... so verlockend, so unwiderstehlich, so grenzenlos...
„Glaubst du an Gott, Harry?", fragt Tom leise.
Ich schaue auf und begegne dem Blick seiner dunklen Augen. Den Augen der Dunkelheit. Trotz dem, wie ich mich in diesem Moment fühle, ist mir klar, dass ich hierher gehöre. Die dunklen Künste sind mein Heim; auch wenn dieses Heim am Rand des Abgrunds gebaut worden ist. Ich spüre Aufregung in meinem Magen und ich keuche auf.
„Ich habe nie darüber nachgedacht", flüstere ich. „Und ich habe nie gedacht, dass es Zauberer und Hexen gibt, die an Gott glauben. Das ist eine Muggelsache."
„Da hast du Recht", murmelt Tom. „Aber zu jener Zeit war eine Mischung von Muggelglaube und Heidentum populär. Manche haben tatsächlich an nur eine Gottheit geglaubt und manche an viele, sowie die Ansicht des Heidentums ist."
„Glaubst du daran, Tom?", frage ich leise. Die Wirkung des Fluches lässt allmählich nach und meine Hände hören auf zu zittern.
„Nicht wirklich", sagt Tom lächelnd. „Ich glaube an das Wissen. Ich glaube an das, was ich beweisen, sehen und spüren kann. Durch Magie oder durch Visionen."
Ich nicke und werde nachdenklich. Die Dursleys haben immer die Kirche besucht, aber ich denke nicht, dass sie an irgendetwas außer Geld je geglaubt haben. Und ich hatte nie die Zeit – die Chance – um darüber nachzudenken, woran ich glaube. Ich weiß nicht, ob ich an Gott glaube. Oder ob ich an mehrere Götter glaube. Aber das, was Tom gesagt hat, über die verbotenen Flüche, das ergibt einen Sinn. Es ist nur, ich schere mich nicht darum. Ich möchte es wieder spüren. Ich möchte wieder eins mit meiner Magie sein, so wie ein paar Momente zuvor. Und mir ist egal, was ich bin, wenn ich weiter lernen und weiter die dunklen Künste studieren kann. Im Auge eines Hellmagiers bin ich eh etwas Böses, aufgrund der bloßen Tatsache, dass ich dunkle Magie benutze. Als ich bei den Dursleys aufgewachsen bin, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass das Gute und das Böse ziemlich relativ sind. Es ist die Religion und der Glaube von einem, die etwas als gut oder böse bestimmen. Und die Dursleys haben offensichtlich geglaubt, dass es vollkommen in Ordnung ist, einen wehrlosen Jungen zu schlagen.
Nun, wenigstens kann man mich beschuldigen, dass meine Vorstellung von Gut und Böse ein wenig anders ist. Also der Cruciatusfluch dient dazu, jemandem Schmerzen zuzufügen. Den Dursleys ist das ziemlich gut gelungen, eben ohne den Cruciatusfluch. Ist es also in Ordnung, jemanden zu foltern, wenn man überzeugt ist, dass die Person es verdient? Wer ist Onkel Vernon, um zu entscheiden, wer etwas verdient und wer nicht? Ist er etwa Gott? Hat er auch eine Art Genugtuung oder göttliche Macht gespürt, als er mich geschlagen hat?
Schließlich liegt alles im Auge des Betrachters und hängt davon ab, woran man glaubt. Ob auf uns eine Strafe wartet, für das, was wir falsch machen? Verschiedene Sachen sind eine Sünde im Auge von verschiedenen Religionen. Also wer bestimmt, was eine Sünde ist und was nicht? Die Menschen selbst. Falls sie glauben, etwas sei eine Sünde, dann ist es wohl so. Ein Magier zu sein ist vom Standpunkt der Zauberwelt aus gesehen, keine Sünde; und doch betrachten die Muggel die Sache so.
So. Nachdem ich die Sache gründlich durchdacht habe, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass ich mein eigenes System von Sünden erfinden muss. Ich sollte mich an meine eigenen Regeln halten und meine eigene Vorstellung von Gut und Böse erfinden. Denn was ich im Laufe meines Lebens gelernt habe ist, dass keiner Recht hat und keiner etwas genau weiß. Ich werde mich auf mich selbst verlassen müssen, sowie es immer der Fall gewesen war.
oooooooooooooooooo
Nach Toms Unterricht hatte ich Albträume. Normalerweise würde ich von Onkel Vernon träumen – dass er hinter mir her ist, dass er mich schließlich fängt und mich tötet... Oder zu Tode prügelt. Dieses Mal aber war es anders. Dieses Mal war ich derjenige, der ihn getötet hat, aber er ist als Dämon auferstanden und mir nachgejagt. Als ich im Garten mit einem Buch sitze, kann ich noch immer seine Stimme in meinem Kopf hören. Er beschuldigt mich für seinen Tod und sagt, er würde immer da sein, er würde mich immer verfolgen. Und obwohl die Welt um mich herum so hell und fröhlich ist, kann ich noch immer diesen Eindruck nicht loswerden, dass er mich beobachtet. Nennt es schlechtes Gewissen von einem Mörder. Und die Alpträume sollten eigentlich ein Zeichen von Reue sein. Aber mein Inneres ist noch immer eiskalt. Es sei denn, man hat mir dieses unangenehme Gefühl aufgezwungen, denn es gehört nicht zum natürlichen Zustand meines Bewusstseins.
Ich denke über Toms Worte nach und frage mich, ob ich ihm von meinem Traum erzählen sollte. Er hat gesagt, er wolle alles über mich wissen, sodass er mich besser lehren kann. Vielleicht sollte ich es ihm sagen. Ich weiß, dass er mich auslachen wird, aber trotzdem denke ich, dass ich mich besser fühlen würde, wenn ich ihm davon erzähle. Denn auf solche Weise würde mir der Traum nicht mehr so erschreckend vorkommen. Ich und Angst, lächerlich. Ich spüre keine Angst. Aber wenn ich schlafe, übernimmt, allem Anschein nach, mein Unterbewusstsein die Kontrolle und es scheint darüber nachzudenken.
Das Gute und das Böse. Wieder das. Seit wir darüber gesprochen haben, frage ich mich ständig, ob ich böse oder gut bin und komme immer zum selben Schluss. Es gibt keine Antwort auf diese Frage, denn das Böse und das Gute liegen im Auge des Betrachters. Also denke ich, dass ich böse bin? Nein. Mir kommt es eher vor, als war ich früher böse, denn ich bin meinem Lebenspfad nicht gefolgt; ich war naiv und ich habe Menschen erlaubt, mich zu schikanieren und zu schlagen. Die dunkle Magie hat mir die Kraft gegeben, die ich brauchte, um zu begreifen, wie dumm ich eigentlich war. Wie ich...
„Potter!", zischt eine Stimme hinter mir. Ich mache das Buch schnell zu und schaue mich um. Ein panisch aussehender Draco rennt zu mir hinüber. „Dumbledore ist da."
„WAS?", zische ich und versuche, das Buch zu verstecken, aber Draco streckt seine Hand aus.
„Ja, er ist hier und er möchte dich sprechen", sagt er schnell. „Gib mir das, ich werde es verstecken."
Denn in dem Buch geht es um dunkle Rituale. Draco nimmt das Buch von mir entgegen und hebt die Augenbraue in die Höhe, als er den Titel liest. Dann schaut er wieder auf.
„Bist du bereit? Wo ist...?", fragt er. Ich ziehe Toms Tagebuch aus meiner Tasche und überreiche es ihm. Er wird kreidebleich, als er es erkennt.
„Bewahre es gut auf", zische ich bedrohlich.
„Ja, natürlich", sagt er schnell. Er versteckt die Bücher unter seinem Umhang, als wir Rascheln hören und bald erscheint Dumbledores fröhliches Gesicht zwischen den Ästen des Kirschbaums. Urplötzlich möchte mein Magen überhaupt kein Mittagessen.
„Hallo, Harry, hallo, Draco", sagt er mit einer fröhlichen Stimme. „Komme ich zu einem schlechten Zeitpunkt?"
„Nein, Professor", sage ich höflich und winke ihm zu. „Draco und ich wollten gerade Karten spielen, aber das kann warten."
Draco wirft mir einen überraschten Blick zu, aber glücklicherweise wird ihm schnell klar, worauf ich damit hinaus will.
„Also später dann, Harry", sagt er lächelnd. „Rufe doch Dobby, falls du etwas brauchst."
„Das werde ich, danke", sage ich grinsend.
Er geht. Dumbledore kommt näher und bleibt bei der Bank, auf der ich sitze, stehen. Er schaut sich um.
„Dieser Garten ist in der Tat beeindruckend", meint er beiläufig. Ich würde am liebsten mit den Zähnen knirschen und ihn fragen, was zum Teufel er hier sucht, aber ich zwinge mich dazu, ihn höflich anzulächeln.
„Ja, hier gefällt mir sehr", sage ich ruhig. Oder wenigstens hoffe ich, dass meine Stimme sich ruhig anhört. „Es ist so friedlich."
„Du und der junge Herr Malfoy habt euch also angefreundet", stellt er fest.
„Ja", sage ich mit Überzeugung. „Draco ist eine komplexe Person; aber wenn man ihn besser kennen lernt, sieht man ein, dass er auch eine sehr interessante Person ist und ich genieße seine Gesellschaft." Ha! Was wirst du jetzt tun, alter Mann?
„Ich habe nie den Eindruck gehabt, dass ihr sonderlich gut miteinander auskommt", bemerkt Dumbledore.
„Ich habe mich nie bemüht, ihn besser kennen zu lernen", erwidere ich. Nur wegen Ron. „Aber sicherlich sind Sie nicht hergekommen, um über Draco zu reden."
Dumbledore zwinkert mir zu und ich versuche meinen Magen zu beruhigen. Warum ist mir übel, wenn er in der Nähe ist?
„Du bist sehr weise geworden, Harry", lobt er mich. Schon wieder redet er mit mir, wie mit einem Kind. Es ist echt beschissen, wenn man über nichts Ermunterndes nachdenken kann (zum Beispiel über ein schönes dunkles Ritual), wenn man so gereizt ist, wie ich es bin, denn es besteht immer die Gefahr, dass Dumbledore irgendwie meine Gedanken errät. Und die Mehrheit davon, was ich ermunternd finde, hat etwas mit dunkler Magie zu tun. „Und es freut mich zu sehen, dass du das Leben genießt."
„Hier habe ich alles gefunden, wonach ich gesucht habe, Professor", erwidere ich. „Narzissa kümmert sich um mich und ich habe endlich Ruhe gefunden."
Dumbledore schaut auf seine Schuhe hinunter und ich frage mich, ob er sich für alles entschuldigen würde. Für all das, was er mir angetan hat. Für die Dursleys, für das Leid, für die Schläge.
„Nun, ich wollte eigentlich über dein nächstes Schuljahr in Hogwarts mit dir reden", sagt er schließlich. Wie bitte? „Du hast einen Brief mit deiner Fächerwahl geschickt. Und hier steht..." Er zieht einen Umschlag aus seiner Tasche und zupft an seinem Bart. „Dass du Arithmantik und Alte Runen studieren möchtest."
„Das stimmt", sage ich.
„Ist das nicht ein wenig zu viel?", fragt Dumbledore. Schon wieder dieser 'du bist ein Kind und du kannst keine Entscheidungen alleine treffen' Ausdruck.
„Nein", sage ich mit meinem besten 'ich habe keine Ahnung wovon du redest' Ausdruck. „Und ich kann es kaum abwarten, etwas darüber zu lernen."
„Das freut mich zu hören", erwidert Dumbledore, aber seine Stimme passt nicht zu seinen Worten. Er hört sich überhaupt nicht erfreut an. „Aber wäre es nicht einfach zu viel?"
„Ich sehe nicht, warum es zu viel sein sollte", sage ich achselzuckend. „Die sieben bleiben. Also macht das neun. Denken Sie wirklich, dass neun Fächer zu viel sind?"
„Neun?", fragt Dumbledore. „Was ist mit 'Pflege magischer Geschöpfe'?"
„Diesen Fach werde ich nicht besuchen", sage ich überrascht. „Ich habe es so in meinem Brief geschrieben."
„Tatsächlich?", fragt Dumbledore, gespielt verwirrt. „Ich habe gedacht, dass du einen Fehler begangen hast. Ich habe ehrlich gedacht, dass du Hagrids Unterricht besuchen willst. Denn ab diesem Jahr wird Hagrid 'Pflege magischer Geschöpfe' unterrichten." Echt?
„Das will ich aber nicht", sage ich mit einem Hauch von Zorn in meiner Stimme. Bloß ruhig bleiben. Tief durchatmen. Was will er damit erreichen? „Arithmantik und Runen klingen interessanter."
„Hagrid wird sehr enttäuscht sein", fährt Dumbledore fort und wirft mir einen Blick über den Rand seiner Brille zu. Er ist auch enttäuscht und billigt meine Entscheidung nicht. Leider schere ich mich keinen Dreck darum. Versuch es doch auf eine andere Weise, alter Mann, anstatt zu versuchen, mir ein schlechtes Gewissen einzureden.
„Hagrid wird sicherlich einsehen, dass es das Beste für mich ist und wird sich freuen, dass ich etwas gefunden habe, was mich wirklich interessiert", sage ich kalt. „Denn Hagrid ist mein Freund und er will nur das Beste für mich." Hoppla. Das war... ein Schlag unter der Gürtellinie. Auch Dumbledore wirkt ein paar Sekunden lang schockiert.
„Weißt du etwas über Arithmantik und Runen?", fragt er, jedes Wort betonend, als wäre ich ein dummes Kind und er versuche mir zu erklären, dass ich keine Ahnung von nichts habe und dass er doch die Entscheidung anstatt mir treffen solle.
„Natürlich", sage ich gespielt begeistert. „Ich habe schon viel darüber gelesen."
Und dann fange ich mit meinem Monolog an. Dumbledore sitzt da und hört mit halbem Ohr zu, denn ich kann seine Gedanken spüren, die er schweifen lässt und ich muss mir zu meinem Erfolg gratulieren. Dumbledore ist offiziell verwirrt.
„Ich sehe ein, dass du viel darüber nachgedacht hast", bemerkt Dumbledore.
„Ja, das habe ich", sage ich und lehne mich zurück. „Denn als Ron nicht mit mir geredet und seit die ganze Schule gedacht hat, ich sei der Erbe Slytherins, hatte ich viel Zeit, über mein Leben nachzudenken. Und ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich eh meine Kindheit nicht wieder erleben kann, denn dafür es ist zu spät. Und dass ich das Lernen vernachlässigt habe, weil ich gedacht habe, dass das Spielen und der Spaß wichtiger seien, als das Lernen. Und das sind sie nicht."
„Jeder braucht etwas Freizeit und du bist noch immer sehr jung, Harry", sagt Dumbledore augenzwinkernd. „Ich selber spüre ab und zu den Wunsch, mich wie ein Kind zu benehmen und ich bin ja ein alter Mann."
Solch einen dummen Kommentar habe ich noch nie in meinem Leben gehört. Seit wann heißt 'verrückt' 'kindisch'?
„Ms Weasley würde dich gerne sehen", fährt Dumbledore fort. „Möchtest du sie nicht besuchen?"
„Nein", sage ich fest. „Hier habe ich alles, was ich brauche. Es wäre eh nicht angemessen, ihr Haus zu betreten, nachdem ihre Tochter in der Kammer des Schreckens gestorben ist."
Er sagt nicht, dass ich nicht schuld bin. Nein. Ach so, ich bin Harry Potter also muss ich jeden retten. Und ich bin nur dreizehn Jahre alt. Was soll das?
„Ich sehe ein, dass du deine Entscheidung getroffen hast", sagt Dumbledore urplötzlich und steht auf. „Also wünsche ich dir gute Besserung. Wir sehen uns in Hogwarts."
„Danke, Sir", sage ich und stehe ebenfalls auf.
„Falls du irgendetwas brauchst... falls du mit mir reden möchtest, musst du es mir nur sagen", sagt Dumbledore und schaut mich genau an. Ich spüre so einen Druck auf meinen mentalen Schilden und senke den Blick. Tut mir leid, alter Mann, aber meine Gedanken gehören mir alleine.
„In Ordnung, Professor, Danke", sage ich.
Er kommt an mir vorbei und ich warte, bis ich seine Schritte nicht mehr hören kann. Dann wende ich mich um und gehe direkt zur Bibliothek. Draco wartet dort auf mich. Ich strecke meine Hand wortlos aus und er überreicht mir Toms Tagebuch.
„Was hat er gewollt?", fragt Draco. Ich fahre mir durchs Haar.
„Dobby", rufe ich den Elfen, der mit einem Popp auftaucht. Er zuckt zusammen, als er mich erblickt. Das wird echt nervig. Ich werde einmal mit dieser Kreatur reden müssen. „Ist Dumbledore weg? Der alte Zauberer?"
„Ja, Mr Potter, Sir", sagt Dobby mit großen Augen.
„Gut", sage ich und lasse mich auf einen Sessel nieder. „Du darfst gehen."
Draco schaut mich noch immer erwartungsvoll an.
„Mir ist es noch immer schleierhaft", murmele ich. „Er wollte über das kommende Schuljahr reden, aber das kaufe ich ihm nicht ab. Er wollte etwas, aber ich weiß nicht was. Er hat versucht, mir ein schlechtes Gewissen einzureden, indem er gesagt hat, Hagrid würde sehr enttäuscht sein, wenn ich seinen Unterricht nicht besuche."
„Hagrid? Der Riese?", keucht Draco auf. „Was für Unterricht? Was kann er unterrichten?"
„Anscheinend 'Pflege magischer Geschöpfe'", murmele ich.
„Das ist nicht dein Ernst!", zischt Draco, der aufspringt. „Und ich habe mich dafür eingetragen! Was wird Vater nur dazu sagen! Warte nur, bis er davon erfährt! Er wird..."
„Setz dich, Draco!", sage ich leise und bedrohlich. Ich bin wirklich in keiner Laune für seine kindischen Ausbrüche. Draco schaut mich wütend an, aber sein Blick fällt auf das Tagebuch und er lässt sich wieder nieder. Es fühlt sich gut an, die Menschen rumkommandieren zu können. Moment mal... Tom genießt so was, nicht ich. Oder? Manchmal denke ich, dass ich von Toms Geist besessen bin.
„Ich muss mit deinem Vater reden", sage ich leise. „Denn Dumbledore heckt etwas aus und ich weiß nicht was. Und die Spannung wird mich umbringen. Ich möchte wissen, wo ich im Bezug auf die Vormundschaft stehe. Da stimmt was nicht."
Ich öffne das Tagebuch – Draco wird blass – und begrüße Tom.
„Dumbledore war soeben hier", sage ich ohne weiteres. Toms Miene verfinstert sich.
„Erzähle mir alles, Harry", verlangt er. Mittlerweile sitzt Draco wie angewurzelt in seinem Sessel und sieht aus, als wage er sich nicht einmal zu atmen. Als ich fertig mit meiner Geschichte bin, steht Tom schnell auf.
„Rufe Lucius", sagt er zu Draco, ohne ihn direkt anzuschauen. „Sofort."
Draco springt auf und verlässt schnellen Schrittes den Raum. Tom wendet sich mir zu.
„Er hat einen Plan", sagt er sehr leise. „Hast du in irgendeinem Augenblick gespürt, dass er zaubert?"
„Nein", sage ich, ihm in die Augen schauend. „Ich denke, so was würde mir nicht entgehen." Tom nickt nur. Er zweifelt meine Fähigkeiten nicht an. Gut zu wissen.
„Das ist gut", meint er. „Also muss Lucius herausfinden, was er vorhat."
