Ein Strolch zum Verlieben

Fanfiction von Slytherene

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Guten Abend, meine lieben Lesenden!

Da ich es morgen vielleicht doch nicht schaffe, ein neues Kapitel hochzuladen, gibt es heute ein etwas kürzeres Kapitelchen, das ich ausdrücklich meiner wundervollen und sehr fleißigen Beta widme.

Für die tollen und vielen Reviews bedanke ich mich bei Euch allen. Soweit möglich, habe ich sie alle beantwortet.

To slash or not to slash – ich will hier kein Forum zu dem Thema eröffnen, ich kann sowohl die Enttäuschung derjenigen verstehen, die aufgrund meiner bisherigen Geschichten hier derartiges nicht erwartet haben als auch mich freuen über den Enthusiasmus von denen, die geschrieben haben: Endlich tut sie's. Ich will hier weder versprechen, dass der Rest der Geschichte frei sein wird von homoerotischen Szenen noch das Gegenteil bekunden, denn dann würde ich ja einen Teil des Endes voraus nehmen, und das möchte ich nicht. Im Vordergrund werden bei mir jedoch immer die Beziehungen der Charaktere untereinander stehen, ihre Menschlichkeit im Umgang miteinander (von echten Tieren abgesehen), und dazu gehören mitunter auch romantische Interaktionen, wie Textehexes Snape es mal so schön formulierte. Ich würde mich daher freuen, wenn auch die Leute weiter mitlesen (wie Pete, Bine und Berserkgorilla), die nicht so sehr viel mit Slash anfangen können. Es wird nicht das beherrschende Thema dieser Geschichte sein, das verspreche ich.

Weil ich es im Vorwort zum letzten Kapitel vergessen habe zu erwähnen (Asche auf mein Büßergewand!): Die Idee, Gianni mit Vornamen "Gemino" (Zwilling - übrigens auch ein Sternbild) zu nennen, ist nicht auf meinem Mist gewachsen, sondern stammt von der klugen Nicole. Danke für die Schenkung!


13. Die Elfe

Es war bereits Mittag, als Remus an diesem regnerischen Tag das Haus im East-End verließ und sich auf den Weg ‚nachhause', zum Laden, machte. Er war nicht zum Essen geblieben, sondern hatte nach dem späten Aufwachen schnell geduscht und war fast schon aus Giannis Wohnung geflohen. Zu viel war zu schnell geschehen, und er musste nachdenken, bevor er Entscheidungen treffen konnte. Gianni wollte, dass er seine wenigen Sachen und Strolch, den Jimmy gestern Nacht mitgenommen hatte, einpackte und zu ihm zog. Einfach so, nach einer Nacht, die man nun beim besten Willen nicht als harmonisch bezeichnen konnte. Doch auch wenn Giannis Nähe für Remus Wärme und eine seltsame Vertrautheit bedeutete, auch wenn ihm jede einzelne von Giannis sanften, lustvollen Berührungen unendlich gut getan hatte, und auch wenn er Sirius so sehr ähnelte, dass Remus fast vergessen hatte, dass Gianni nicht Sirius war, blieb er unsicher. Er hatte gerade begonnen, sich ein eigenes, unabhängiges Leben aufzubauen. Nach Jahren der finanziellen Abhängigkeit vom Orden und von Sirius, nach den Monaten auf der Straße ohne einen einzigen Freund, wußte er den Wert seiner Anstellung beim Paketservice und eines eigenen Einkommens sehr wohl zu schätzen. Ein gemeinsames Wohnen mit Gianni würde schon an der Entfernung zwischen seiner Arbeit und der zweifellos luxuriösen Bleibe im East-End scheitern. Gianni hatte versichert, dass er morgens auf Strolch aufpassen würde, aber Remus scheute die Abhängigkeit, die dann sowohl finanziell als auch hinsichtlich des Hundes bestehen würde.

Und es gab noch so viel mehr zu bedenken….

Vor allem jedoch ließen Remus die merkwürdigen Äußerungen Leos Thalia gegenüber nicht los.
Was an ihr mochte so grässlich sein, dass niemand außer Leo sie würde ansehen wollen? Sie war schön, klug, sanftmütig, fleißig. Natürlich war sie auch impulsiv, halsstarrig und ein bisschen weltfremd. Thalia war weder eine Veela noch eine Werwölfin. Remus hatte intensiv darüber nachgedacht, aber sie trug einen silbernen Ring an der rechten Hand, und auch wenn ihre Haare sicher nicht von Natur aus diese tizianrote Farbe hatten, war sie keinesfalls silberblond. Natürlich gab es Dämonen – aber keiner von denen würde einen Dritte-Welt-Laden als Tarnung eröffnen. Sie makelten Immobilien oder arbeiteten als Broker und Investmentberater, jedenfalls verkauften sie keinen Kaffee aus fairem Handel.

An der U-Bahnstation im West-End angekommen, beschloss Remus, noch einen Umweg zu machen und den Verwalter des Hauses aufzusuchen, in dem laut Jimmys Aussage eine Wohnung leer stand.
Er fand den Mann, ein dreckiges Feinrippunterhemd und eine schlabberige Sporthose tragend, in dem verrauchten Verwaltungsbüro. Auf einem kleinen Fernseher lief viel zu laut eine Sportübertragung, und der Mann hatte wenig Verständnis für die ‚Störung'. Mißmutig leierte er die Mietkonditionen herunter, und Jimmy hatte Recht gehabt: Die Wohnung war billig. Der Verwalter gab Remus die Schlüssel und schickte ihn alleine los, um sich die Zimmer anzusehen.
Die Wohnung war nicht groß, zwei kleine Zimmer, eines davon mit einem Holzofen, das andere mit einem Holzherd und einem Waschbecken. Die Fenster gingen zur Straße hin, auch sie waren eher klein. Der Wandanstrich war verbraucht und grau, aber Schimmelflecken konnte er nirgends entdecken. Der grobe Holzfußboden war alt, aber die dicken Eichenbohlen strahlten etwas Gemütliches aus. Das Bad befand sich einen halben Treppenabsatz tiefer; es war mit einem Badeofen ausgestattet, in dem man sicher nicht mehr Wasser als für eine kurze Dusche erhitzen konnte. Dafür würde es schnell gehen. Anders als die Wohnung war es blitzblank geputzt. Der Verwalter hatte ihm erzählt, dass er Bad und Toilette mit der Wohnung gegenüber würde teilen müssen, dies war auch der Grund für den annehmbaren Preis.
Remus klingelte. Er wollte zumindest einen Eindruck von den Leuten haben, mit denen er das Badezimmer gemeinsam nutzen sollte.
Er hörte flinke Schritte, dann wurde die Tür einen Spalt geöffnet. Eine Kette verhinderte, dass sie weiter aufschwang. Remus sah in das Gesicht eines etwa fünfjährigen, indischen Mädchens.

„Hi", sagte er. „Ist deine Mutter da?"

„Mum arbeitet noch. Ich darf nicht weiter aufmachen." Sie sah ihn aus großen dunklen Augen an.

„Ich bin wegen der Wohnung gegenüber von eurer hier", sagte Remus. „Wann kommt deine Mutter denn wieder?"

„Die kommt um vier, dann ist die Arbeit vorbei, und wir gehen auf den Spielplatz."

In diesem Moment wurden Schritte auf der Treppe vernehmbar, und ein etwa zwölfjähriger Junge stapfte herauf und sah Remus mit zusammen gekniffenen Augen misstrauisch an. Er war offenbar der Bruder des Mädchens, jedenfalls hatte er die gleichen schwarzen Haare und mandelförmigen Augen.

„Was wollen Sie von meiner Schwester?" fragte er mürrisch.

„Hallo", sagte Remus und lächelte neutral. „Ich interessiere mich für die Wohnung hier und wollte meine neuen Nachbarn kennen lernen. Immerhin gibt es nur ein Badezimmer."

„Na, dann hoff' ich, .Sie sind nicht so'n Dreckschwein wie der Typ, der vorher da gewohnt hat. Der hat immer neben das Klo gekotzt, und einen Lappen hatte der noch nie in der Hand."

Remus holte tief Luft. „Ich kann dir versichern, junger Mann, dass ich selbst an einem sauberen Badezimmer interessiert bin."

Er nickte dem Jungen zu und verließ das Haus. Eine halbe Stunde später hatte er den unterschriebenen Mietvertrag in der Hand. Die Tatsache, dass er beim Paketservice arbeitete und eine Anzahlung von fünfzig Pfund, schien ausreichend Gewähr für eine pünktliche Mietzahlung.

Er schlenderte langsam zurück in Richtung von Thalias Laden. Er konnte heute bereits umziehen, wenn er wollte; der Schlüssel klimperte leise in seiner Manteltasche.

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Als er den Laden betrat, wunderte sich Remus, dass Thalia dort war. Eigentlich verbrachte sie die Sonntage stets in ihrer Wohnung mit Leo und hatte das kleine Geschäft geschlossen. Strolch schoss hinter dem Kassentisch hervor und begrüßte ihn überschwänglich mit Schwanzwedeln und lautem Gebell.
Als Remus, der ausgiebig Streicheleinheiten verteilen musste, wieder aufblickte, lag ein warmes, leicht spöttisches Lächeln auf Thalias Lippen.

„Na", sagte sie. „Wie man hört, geht es dir besser. Du musst einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben, Gianni hat schon dreimal angerufen hier."

Remus spürte, wie ihm das Blut in die Wangen stieg. Wie viel hatte Gianni ihr bereits erzählt?

„Was tust du denn heute im Laden?" fragte er, um das Thema zu wechseln.

„Ich lasse mich hinsichtlich meines Vorrats an leichten Heiltees und –kräutern beraten", antwortete Thalia. Sie wies mit einer Hand in Richtung der Regale, und in diesem Moment trat eine Elfe hinter selbigen hervor.
Remus hätte schwören können, dass es eine Elfe war, jedenfalls für den ersten Moment. Sie ähnelte jedoch in keiner Weise einem der kleinen Hauselfen, wie er sie aus Hogwarts kannte, sondern schien direkt den Tolkien'schen Werken entstiegen.
Die Fremde trug einen fließenden, seidengrauen Mantel, der die Farbe ihrer langen, offen über den Rücken fallenden blonden Haare sanft unterstrich. Sie hatte ein ebenmäßiges Gesicht mit klugen grauen Augen, die sich hinter einer schmalen Brille versteckten. Ihr Teint war von der gleichen, ätherisch durchscheinenden Art wie der Thalias, nur dass sie kürzlich eine Weile unter südlicher Sonne verbracht haben musste, denn ihre zarte Haut war tatsächlich von einem matten Bronzehauch überzogen, der im englischen Grau vermutlich nicht lange Bestand haben würde. Als die Waldelfe nun auf Remus zuging, bemerkte er, dass ihre Formen nicht ganz so schmal waren, wie er es anhand ihrer Erscheinung vermutet hatte. Doch auch der Grund entging seinen scharfen Augen nicht: Die Frau erwartete ein Kind.

„Das ist meine Freundin Virginia", stellte Thalia sie vor. „Gina, das ist Remus, von dem ich dir schon erzählt habe."

Virginia reichte Remus eine schmale, kühle Hand und schenkte ihm ein schalkhaftes Lächeln. „Ich habe schon sehr viel von Ihnen gehört, Remus. Sie jetzt persönlich kennen zu lernen, ist mir eine große Freude."

„Die Freude ist ganz meinerseits", erwiderte Remus. „Ich vermute, Sie sind die Virginia, der die Apotheke an der Querstraße hinter dem libanesischen Restaurant gehört." Thalia hatte von ihrer Freundin erzählt, er erinnerte sich. Er vermutete, dass er sie noch nie getroffen hatte, weil sie Thalia aufgrund der Öffnungszeiten der Apotheke nur abends in ihrer Wohnung besuchte. Remus wusste jedoch auch, dass Thalia abends oft bei Virginia war.

Letztere nickte jetzt. „Waren Sie schon einmal da?"

„Bisher noch nicht", entgegnete Remus. „Apotheke gehören nicht zu den Orten, wo man Gegenstände des täglichen Bedarfs erwirbt."

Die Apothekerin lachte. „Sie glauben gar nicht, was bei manchen Leuten alles zum täglichen Bedarf zählt."

In diesem Augenblick klingelte wieder das Telefon. Thalia blickte auf das Display und warf Remus entnervt ihr Handy zu. „Für dich. Gianni. Schon wieder."

Remus nahm das Handy und verließ den Laden.

Gianni bestand darauf, Remus am selben Abend noch zu treffen. Dieser protestierte zwar zunächst, da er Zeit zum Nachdenken benötigte und am nächsten Morgen wieder in aller Frühe arbeiten musste. Gianni versprach, nicht zu lange zu bleiben - „wirklich nur auf einen Kaffee" – und Remus kehrte nach drinnen zurück. Die beiden Frauen saßen am Tisch, tranken Tee und sahen sich Urlaubsbilder an. Remus erfuhr, dass Virginia mit ihrem Freund im Skiurlaub in der Schweiz gewesen war. Das erklärte die vielen schneebedeckten Gipfel, rustikalen Chalets und Mützen- und Schalbilder von Virginia auf den Fotos.

„Hast du gar kein Bild von deinem Freund auf diesem Film?" fragte Thalia.

„Er hat die ganze Zeit fotografiert", erwiderte Virginia. „Er ist ganz verrückt danach. Auf dem anderen Film, den ich dir eben gezeigt habe, ist ein einziges Foto von uns beiden gewesen, du hast es ja gesehen. Und auch jenes eine existiert nur, weil ich darauf bestanden habe! Du hättest sehen sollen, wie er den armen Mann belauert hat, dem ich die Kamera in die Hand gedrückt hatte."

Eine halbe Stunde später kamen Leo und auch Jimmy, die beide Virginia erfreut begrüßten.
Nur kurze Zeit darauf tauchte Gianni auf.

„Wie schön, alle da!" freute er sich, als er den Kopf zur Tür herein steckte. „Hey, was sehen meine Augen? Sonne in dieser kleinen Stube! Bergsonne!"
Er stürzte förmlich auf Virginia zu und zog sie in eine heftige Umarmung. „Wie war dein Urlaub, schönste aller Alchemistinnen?"

„Gianni, erdrück sie nicht!" mahnte Thalia lachend. „Denk' an das Baby."

Gianni entließ die Blondine aus seiner Umarmung, betrachtete sie jedoch mit dem entzückten Blick eines stolzen Bruders. „Zeig' mal den Babybauch. Hast du das tolle Piercing noch?"

„Gianni!" beschwerte sich Virginia und lief rot an, aber sie ließ ihn mit seinen schmalen Händen über ihren Bauchansatz streicheln.

„Du wirst auch mit Riesenbabybauch noch wie eine Waldnymphe aussehen!" versicherte Gianni, dann stieg er nach hinten über die Couch, wo Remus saß, drängelte sich zwischen ihn und Thalia und küsste ihn vor versammelter Mannschaft auf den Mund.

Thalia und Virginia lächelten, aber Leo zog ärgerlich die Augenbrauen hoch. „Wen von uns hast du außer Virginia und mir eigentlich noch nicht geküsst, Remus?" fragte er ärgerlich.

„Nur kein Neid! Es ist nicht wie du denkst, Leo", erwiderte Gianni strahlend. „Ich habe ihn verführt, nicht umgekehrt." Er schlang demonstrativ die Arme um Remus.

„Gianni, du bist das ungefähr promiskuitivste Wesen, das mir je begegnet ist", spottete Thalia. Nichts Böses oder Eifersüchtiges lag in ihrem Gesichtsausdruck, im Gegenteil, es schien, als freue sie sich für die Freunde. Remus wusste nicht, wie er mit der Mischung aus Zuneigung und Zorn Gianni gegenüber umgehen sollte, der sich über alle Regeln hinwegsetzte, indem er ihn in eine nicht nur peinliche Situation brachte, sondern auch noch ignorierte, dass es bis auf die gemeinsame Nacht nichts Verbindliches zwischen ihnen gab. Wie Sirius, dachte er. Genauso rücksichtslos, genauso unreflektiert. Aber Sirius und Remus hatte eine lange Freundschaft verbunden, die manches erlaubte, was sonst unmöglich gewesen wäre.
Remus fühlte sich zwar Gianni verbunden, er mochte den sympathischen Draufgänger, der ihn so sehr an Sirius erinnerte. Aber genau da lag das Problem. Wie viel von dem, das er für den lebhaften Mann empfand, resultierte aus dessen Ähnlichkeit mit Sirius und Remus' Sehnsucht nach dem toten Freund?

„Ich muss dann mal los", sagte Jimmy und hustete.

„Für mich wird es jetzt auch Zeit", erklärte Virginia.

„Soll ich dich noch bis zur Apotheke begleiten?" fragte Jimmy.

„Das wäre wirklich schön", freute sich Virginia und erhob sich grazil, besonnte noch einmal die kleine Runde mit ihrem Elfenlächeln und machte sich dann mit Jimmy auf den Weg. Thalia entschied, die beiden auch noch ein Stück zu begleiten, und Leo verkündete, dass er noch zu arbeiten habe.

„Bleiben du und ich übrig", grinste Gianni. „Und du natürlich", fügte er an zu Strolch gewandt hinzu, der ihm die zottelige Schnauze auf das Knie legte. „Du armer Hund, keiner hat dir etwas von dem Kuchen abgegeben. Warte mal, Jimmy hat sein Stück gar nicht aufgegessen. Du magst doch Erdbeerquark-Törtchen?"

Strolch leckte sich aufgeregt über die Nase und nahm dann mit größter Vorsicht ein Stückchen des rosa Kuchens aus Giannis Hand.

„Ich muss mit dir reden", sagte Remus zu Gianni.

„Komm, das Stückchen wird ihm schon nicht schaden", erwiderte dieser.

„Ich meine nicht die Unarten, die du meinem Hund anerziehst", sagte Remus.

„Gut, denn er ist sehr artig", lobte Gianni, und es war nicht ganz klar, ob er mit dem Lob die Manieren des Hundes oder Remus' Erklärung hinsichtlich dessen Erziehung durch Gianni meinte.

„Das ist er. Aber du bist es nicht." Remus verschränkte die Arme vor der Brust.

„Was meinst du?" fragte Gianni und sah Remus scheinbar ahnungslos an.

„Du kannst hier nicht einfach reinstürmen, mich abküssen und dann erklären, dass wir ein Liebespaar sind, ohne letzteren Sachverhalt überhaupt erst einmal mit mir zu klären."

„Was gibt's denn da zu klären?" wunderte sich Gianni. „War doch gut gestern. Du hattest deinen Spaß, und erzähl mir nicht anderes."

Remus strich sich durch die Haare. „Spaß… ich weiß nicht. Ich würde es anders bezeichnen. Aber wie auch immer, Sex zu haben und eine Beziehung zu haben, das sind zwei völlig unterschiedliche Dinge."

Gianni runzelte die Stirn. „Ach so läuft das. Du hattest einen One-Night-Stand, deine Neugier ist gestillt, und jetzt reicht es dir. Schön, dass du mir das sagst, nachdem es alle meine Freunde wissen."

„Oh bitte", sagte Remus, ohne weiter auf den sarkastischen Tonfall Giannis einzugehen. „Ich habe überhaupt nichts gesagt, und von mir hätte auch keiner etwas erfahren. Aber du hast mich einfach überfahren eben, was hätte ich denn sagen sollen? ‚Tut mir leid, Leute, aber Gianni sieht das ganz falsch?' Hast du dir mal überlegt, dass ich vielleicht Zeit brauche, um mit dieser neuen Situation umzugehen? Dass ich die Ereignisse der letzten Nacht vielleicht nicht unbedingt vor allen publik machen wollte? Ich mag es ein bisschen diskreter."

„So wie an dem Tag, als du fast über Thalia hergefallen bist?" fragte Gianni lauernd. Seine Augen funkelten vor …es musste Eifersucht sein.

Remus stockte der Atem. „Das war…was auch immer es war, es hat nichts mit dir zu tun. Es war ein Ausrutscher." Da – jetzt hatte er Gianni angelogen. Remus wusste sehr genau, dass er Thalia immer noch begehrte. Sie hatte erst vor ein paar Minuten neben ihm gesessen, und ihr Duft hing noch in seiner Nase und vernebelte ihm die Sinne. Er hatte ihre Wärme spüren können, so nah war sie ihm gewesen, und er hatte sich verzweifelt gewünscht, seinen Arm um ihre Schulter legen zu können, um sie noch näher enger heran zu ziehen.

„Das ist gut", sagte Gianni. „Weil ich jetzt nämlich Anspruch erhebe auf deine Regungen,…" Er küsste Remus mit spielerischer Leichtigkeit auf den Mundwinkel. Remus war zu perplex, um zu reagieren. „Auf deine Gelüste,…" Jetzt hatte er sein Gesicht direkt vor Remus' gebracht und drängte ihm sanft, aber entschlossen seine Zunge zwischen die Lippen. Sein Zungenpiercing hinterließ dabei ein heißes Gefühl in Remus' Mund.

‚Merlin, das ist Silber! Das hatte er gestern nicht drin', dachte Remus, und dieser Gedanke beschäftigte ihn lange genug, um Gianni die Chance zu geben, weiter zu machen. „…und auf deine Geilheit." Bei dem letzten Wort ließ er die Hand über Remus Oberkörper gleiten, hinunter in seinen Schritt, wo er ihn sanft aber zielstrebig durch die enge Jeans hindurch berührte.

Remus entfuhr ein unwillkürliches Stöhnen, und Gianni lächelte zufrieden. „Ich werde auch sehr diskret sein, das verspreche ich", sagte er leise an Remus' Ohr und ließ dann seine Zähne vorsichtig über dessen Hals gleiten.

Remus' Wut fiel in sich zusammen wie ein Kartenhaus. Seine Hände waren in Giannis rabenschwarze Locken verkrallt und sein Körper an ihn gepresst, bevor er sich selbst stoppen konnte. Heftig atmend rollten sie nur eine halbe Minute später über den Fußboden in einer erregenden Mischung aus Ringkampf und Vorspiel. Remus spürte, dass er den Kampf um seine Moral jetzt und hier auf dem abgetretenen Teppich verlieren würde. Zu intensiv war der Reiz, der von Gianni und seinen Liebkosungen ausging, zu lang entbehrt Sirius' Zärtlichkeiten und die Hitze bewußtseinverschlingender, heimatgebender Liebesakte. Letzte Nacht war nicht genug gewesen, weder um die Leere in Remus' Herz zu füllen, noch um seinen hungrigen Körper zu befriedigen.
Sie waren so schnell aus ihren Kleidern, als stünde ein Preis darauf aus. Und dann gab es nur noch Hände auf nackter Haut, Lippen auf Lippen, Zunge an Zunge und eine brennend heiße Spur, die Giannis silbernes Piercing auf seinem Weg nach unten auf Remus Brust, Bauch und Nabel hinterließ, und schließlich fand sich Remus wieder, mit dem Rücken an der Wand, zitternden Oberschenkeln und den Händen in Giannis Haar, der vor ihm kniete, und mit Giannis Mund und Zunge, die ihn zwangen, unartikulierte Laute und kleine Schreie im Rhythmus des Auf und Ab von Giannis Lippen an seinem Glied zu erzeugen.
Remus spürte den Höhepunkt in Wellen auf sich zurasen, sah den schwarzen Haarschopf leicht vor und zurück wippen und schloss die Augen. Es war so nah… Das leise Geräusch der gegeneinander schlagenden Bambusstäbe ließ ihn auffahren. Er riss die Augen wieder auf, nacktes Entsetzen packte ihn, gleichzeitig lief ein wollüstiger Schauer durch seinen Unterleib und er konnte den Orgasmus und sein Stöhnen nicht mehr zurückhalten, den geweiteten Blick starr auf Thalias blaue Augen geheftet, deren Gesicht plötzlich im Türrahmen erschienen war.
Für den Bruchteil einer Ewigkeit sahen sie sich an, dann schloss Remus die Augen und betete, dass er sich nur eingebildet haben möge, sie dort zu sehen. Er hätte vor Scham sterben können. Als er seine Augen wieder öffnete, war Thalia fort, doch die Bewegung des Bambusvorhangs sagte ihm, dass ihre Anwesenheit kein Trugbild gewesen war.

„Du bist ganz schön laut für jemanden, der so auf Diskretion bedacht ist", sagte Gianni, als sie eine Weile später eng umschlungen auf dem Sofa lagen, und er klang dabei sehr stolz und glücklich.

„Sag's mir, bin ich besser als dein Ex?" fragte er beifallheischend und bedachte Remus Brustkorb mit schmetterlingszarten Küssen.

„Sirius ist nicht mein Ex-Freund", sagte Remus leise. „Er ist tot. Ich möchte nicht vergleichen. Bitte erspar mir das."

„Also schön", lenkte Gianni ein, kuschelte sich in Remus' Arme und schnurrte beinahe wie eine zufriedene Katze.

Doch auch als er schon lange gleichmäßig atmend zufrieden neben Remus schlief, kam dieser nicht zur Ruhe. Natürlich verglich er Gianni und Sirius, wie sollte er auch nicht? Selbst wenn er es nicht einmal vor sich selbst eingestehen wollte, aber Gianni war ein besserer Liebhaber als Sirius, was vermutlich vor allem daran lag, dass er sich mit Haut und Haar völlig auf Remus einließ und sich vor allem um dessen Bedürfnisse besorgte, anstelle seiner eigenen. Ihn trieb weder die Verzweiflung in Remus' Bett, noch Albträume oder das Fehlen einer hübschen Frau, sondern lediglich seine Lust und seine offen bekundete Zuneigung. Gianni gab mit der gleichen natürlichen Selbstverständlichkeit, mit der er nahm. Remus überlegte, ob ein Sirius, für den es weder das düstere Black'sche Elternhaus noch Askaban je gegeben hätte, so wie Gianni gewesen wäre.

Noch ein anderer Gedanke raubte Remus den Schlaf: Thalia. – Sie hatte ihn und Gianni gesehen, und in welch einer Pose. Er fühlte immer noch, wie seine Wangen brannten, wenn er nur daran dachte. Den Ausdruck in ihrem schönen Gesicht hatte er nicht deuten können. War sie angeekelt oder verletzt gewesen? Es hatte nicht danach ausgesehen. Doch was immer es war…er würde vermutlich kaum den Mut aufbringen, sie danach zu fragen.


TBC very soon

Es werden wohl doch an die 20 Kapitel…ich kann ich mich einfach nicht kurz fassen ;-)