Kapitel 13: Larten Crepsley
Erst als sie das Tor zu der Wiese außerhalb der Stadt, auf der der Cirque du Freak campierte, erreichten, wagte Darren es, aufzuatmen.
Sowohl er als auch Gillian sahen wiederholt über ihre Schultern, ob sie verfolgt worden waren.
Doch hinter ihnen blieb alles ruhig.
Mr Crepsley ging geradewegs zu seinem Zelt und er schien es vermeiden zu wollen, dabei von Mitgliedern des Circus gesehen zu werden. Er schlug die Plane am Eingang beiseite und tauchte in das schummerige Innere ein.
Gillian wollte sich sofort daran machen, die Kerzen zu entzünden.
Doch Larten nahm ihr die Streichhölzer aus der Hand und reichte sie Darren. „Schon gut, Gillian, Darren kann das machen."
Darren tat wie ihm geheißen, beobachtete jedoch Crepsley und seine Schülerin aus dem Augenwinkel. Der Vampir schien genau wie er zu erwarten, dass die zarte Frau jetzt, wo sie in Sicherheit war, zusammenklappen würde, jedenfalls hielt er ihre schmalen Hände mit seinen rauen Pranken umschlossen und zog sie zu sich heran.
Gillian jedoch blieb ruhig und fing zu Darrens und Lartens Überraschung keineswegs an zu weinen.
Der Vampirmeister sah seiner Schülerin interessiert ins Gesicht. „Du warst sehr tapfer da draußen, Gillian."
Doch Gillian schüttelte den Kopf und sank vor Mr Crepsley auf die Knie. „Was passiert ist, ist alleine meine Schuld. Ich hätte meinen Posten nicht verlassen dürfen."
Der Vampir trat überrascht einen Schritt zurück, und verschränkte die Arme.
„Du warst es nicht allein, zuvor hat jemand anderes sich über meine Anweisung hinweggesetzt und das Gelände unerlaubt verlassen."
Er warf Darren einen Blick zu, der schnell vorgab, mit dem Anzünden einer Kerze beschäftigt zu sein.
„Er hätte mir nicht entkommen dürfen. Ich habe eine unverzeihliche Dummheit begangen, als ich zu euch in den Sarg stieg. Und das…was ich danach tat. Ich weiß nicht, wie ich das rechtfertigen kann. Nur dass es nie wieder vorkommen wird."
Larten verzog das Gesicht: "Es ist gut, Gillian. Es hat sich als Glücksfall herausgestellt, dass du von meinem Blut getrunken hast, denn nur so konntest du mich zu dir rufen. Du hast es geschafft, Murlough lange genug aufzuhalten, bis Darren entkommen konnte. Ich würde sagen, du hast ihm heute Nacht das Leben gerettet. Steh auf."
Er reichte ihr die Hand, und Gillian erhob sich.
„Lass mich deine Wunde ansehen", sagte Larten und wollte sie an der Hüfte anfassen, doch Gillian wich zurück.
„Nicht nötig. Es ist bereits geheilt."
Sie versuchte die Fetzen des Kleides zusammenzuhalten.
Mr Crepsley legte den Kopf schief und betrachtete sie.
„ Du hast gut gekämpft, Gillian. Und mach dir keine Vorwürfe, du hättest keine Chance gegen ihn gehabt, wenn er es auf dich abgesehen hätte."
„Ich weiß. Er war hinter Darren her. Als dieser in meiner Dunkelheit entkam, war er sehr wütend. Aber er war nicht gekommen, um mich zu töten. Er hat nur mit mir gespielt. Ich glaube, er hat darauf gewartet, dass ihr kommt."
„Was hat er zu dir gesagt?", fragte Larten, zog sich den Mantel aus und warf ihn über die Schneiderpuppe.
„Nichts von Bedeutung." Gillian sah zu Boden.
Der Vampir setzte sich in den Sessel.
Das rote Leder knarzte.
„Darren", wandte er sich unvermittelt an ihn. "Geh, und kümmere dich um Madam Octa."
Darren beeilte sich, den Kerzenständer mit den brennenden Kerzen abzustellen, und verschwand nach nebenan.
Offenbar wollte der alte Vampir mit seiner Studentin allein reden.
Darren machte sich an Octas Käfig zu schaffen, und fütterte sie mit toten Fliegen aus dem Glas. Dabei spitzte er angestrengt die Ohren, denn nur ein dünner Vorhang trennte ihn von den beiden, und er konnte ihre Unterhaltung mit anhören, auch wenn sie mit gesenkter Stimme sprachen.
„Gillian", hob der Vampir an, "du hast deine Sache heute Nacht gut gemacht. Ich bin beeindruckt, wie ruhig du geblieben bist, als der Vampaneze dich in seinen Fängen hatte."
„Danke", murmelte sie.
„Ich habe heute etwas gelernt. Die wichtigste Lektion. Heute habe ich verstanden, was ihr mir beibringen wolltet. Wenn ich nicht ruhig geblieben wäre, als er mich gewürgt hat, wenn ich in Panik verfallen wäre und mich weiter gewehrt hätte, dann hätte er mir womöglich noch Schlimmeres angetan. Und wenn ich mich auf einen Kampf eingelassen hätte, hätte er mich nur noch mehr verwundet. Er hätte die Beherrschung verloren, wenn noch mehr Blut von mir geflossen wäre. Der Vampaneze hätte mich dann im Blutrausch getötet, egal, ob er eigentlich hinter Darren her war oder nicht."
Gillian trat an den Sessel heran, und kniete sich erneut zu Füßen des Meisters.
"Seht her. Keine Tränen mehr."
Darren vergaß, dass er die Spinne füttern wollte. Er schlich sich an den Vorhang und spähte durch einen Spalt hinaus.
„Dies war die schwerste Lektion."
Sie griff nach der bleichen Hand des Vampirs, und hauchte einen Kuß auf seinen Handrücken." Ich bin nun soweit."
Larten Crepsley sah aus brennenden Augen auf sie herab. Seine Antwort kam geflüstert, doch Darren konnte die Worte verstehen: „Ja…das bist du."
Darrens Herz fing an zu schlagen.
„Dann bringt zu Ende, was ihr angefangen habt."
Gillian hob den Arm und strich ihre lange schwarze Mähne zurück und bot dem alten Vampir ihren Hals dar, auf dessen blasser Haut noch die Würgemale zu sehen waren.
Larten erhob sich ruckartig aus dem Sessel und stieß Gillian dabei beinahe um.
„Nicht jetzt!", knurrte er und begann im Zelt auf und ab zu gehen, wie ein Tiger im Käfig.
„Wann?", rief Gillian, und ein Hauch ihres alten unbeherrschten Ichs kam wieder zum Vorschein.
„Wenn ich es sage, dass es soweit ist!", knurrte Crepsley, und ballte die Fäuste.
Gillian sprang auf: "Also nie!"
Sie raffte ihre Röcke. „Murlough, hatte also Recht!"
Gillian rauschte hinaus, den Vorhang vorm Eingang ungeduldig beiseite wischend.
Der Vampir starrte ihr hinterher, und zum ersten Mal sah Darren, dass die unbewegliche Maske des Vampirs Risse bekam: Crepsley nahm das Kristallglas und schleuderte es voller Wut gegen eine Zeltstange, so dass es in tausend funkelnde Splitter zerbarst.
Dann stürmte der Vampir ebenfalls hinaus in die Nacht.
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