A/N: Hallo zusammen! Schön zu sehen, dass die Story durchaus auf Interesse trifft. Über tausend Aufrufe sprechen deutlich für sich, denke ich, und deswegen bekommt ihr heute ein weiteres Kapitel.
Heute trifft Severus auf den restlichen Orden, und wie nicht anders zu erwarten, gibt sich der gute Mann ziemlich reserviert und ein bisschen widerspenstig... nur hat er unglücklicherweise - oder glücklicherweise, je nachdem, wie man es sehen will - nicht mit Hermine Granger gerechnet.
Ich wünsche euch viel Spaß und ein schönes Wochenende! LG Mo
13. Eine Frage des Vertrauens.
Ein paar Tage später traf sich der gesamte restliche Orden im Hauptquartier, um sich wegen der Einsätze abzusprechen. Da offiziell noch niemand zum Leiter des Ordens ernannt worden war, kümmerte sich Minerva McGonagall vorläufig weiter um sämtliche Belange.
Es war ungewohnt voll in der Küche, als Hermine mit Harry, Ron und Neville als letzte eintrat. Arthur und Molly Weasley saßen zusammen mit Monica Lupin, Fleur, Bill, Charlie und George am Tisch, und Hermine bemerkte erfreut, dass sich Lee Jordan zu George gesetzt hatte. Die Gesellschaft seines besten Freundes schien dem überlebenden Zwilling gut zu tun.
Daneben hatte es sich Mundungus Fletcher gemütlich gemacht und nutzte anscheinend die Gelegenheit, den Tagespropheten zu lesen, ohne sich selbst einen kaufen zu müssen. Dädalus Diggel und Elphias Doge unterhielten sich leise mit Aberforth Dumbledore.
Hestia Jones hatte es ganz offensichtlich geschafft, auch Arabella Figg zu einem Treffen zu überreden und trank gemeinsam mit ihr eine Tasse Tee; Mrs Figg hantierte nebenher mit einem Paar Stricknadeln, an denen etwas baumelte, was wie ein halbfertiges malvenfarbiges Schultertuch aussah. Am unteren Tischende hatte sich Hagrid zu Kingsley Shacklebolt, Madam Pomfrey und Sturgis Podmore gesellt, die interessiert McGonagall lauschten.
Ein wenig abseits der anderen lehnte die schmale, dunkle Gestalt von Snape an der alten Anrichte. Er hatte seine übliche unbewegte Miene aufgesetzt, doch seine unbewusst angespannte Haltung verriet Hermine, dass er jetzt lieber an jedem anderen Ort der Welt wäre als ausgerechnet hier.
Langsam wurde es ruhiger in der gemütlichen Küche, nach und nach verstummten die Gespräche, und schließlich ergriff Professor McGonagall das Wort: „Zum ersten Mal seit der Schlacht sind wirklich alle Ordensmitglieder gemeinsam an einem Ort versammelt. Wir wussten bereits, als wir uns dem Orden angeschlossen haben, dass vermutlich nicht alle von uns das endgültige Ende von Lord Voldemort erleben würden, und wir haben uns dennoch dafür entschieden. Bevor wir heute irgendetwas besprechen, bitte ich Sie alle, mit einer Schweigeminute unsere gefallenen Mitglieder zu ehren."
Bedächtig, wesentlich leiser als sonst üblich, wurden Stühle zurückgeschoben, als sich alle erhoben. Hermine dachte an Fred, Tonks und Remus, aber auch an Albus Dumbledore, Mad-Eye Moody und Emmeline Vance. Sie alle hatten ihr Leben für die Hoffnung geopfert, die Zaubererwelt wieder zu einer sicheren Gemeinschaft zu machen. Der Rest ihrer siegreichen Truppe hatte einfach nur Glück gehabt, nicht selbst genauso zu enden.
„Danke", sagte McGonagall nach einer Weile, und alle setzten sich wieder an den Tisch – bis auf Snape, der es weiterhin vorzog, in den Schatten stehen zu bleiben.
Hermine ließ sich neben Ron nieder, der nach ihrer Hand griff und sie kurz drückte. Sie gab den Druck sanft zurück, froh darüber, ihn zum Freund und festen Partner zu haben. Ohne seine schlichte bodenständige Art, seine oft amüsant-pragmatische Weltsicht und seine offene Liebe zu ihr wäre diese Nachkriegszeit viel schlimmer für sie gewesen.
Da sie beschlossen hatte, zuerst ihren Schulabschluss nachzuholen und erst danach – sobald es sicher genug war – nach ihren Eltern und ihrem geliebten Kater Krummbein zu suchen, war sie überaus dankbar, in den Weasleys eine Art Ersatzfamilie gefunden zu haben. Inzwischen konnte sie voll und ganz verstehen, wie sehr sich Harry früher in den Ferien immer gefreut haben musste, wenn er eine Einladung in den Fuchsbau bekommen hatte.
Erwartungsvoll sah der gesamte Orden nun auf McGonagall. Die Hexe in ihrem mitternachtsblauen Umhang ließ ihren Blick über die Versammlung wandern und bei jedem von ihnen eine Sekunde verharren. Ihr Gesicht war ernst, doch sie wirkte entschlossen.
„Nun gut", meinte sie forsch, „wie ihr alle wisst, ist zwar die Schlacht gewonnen, doch der Krieg ist damit noch lange nicht beendet. Wir werden weiterhin die Aurorenzentrale dabei unterstützen, nach den flüchtigen Todessern zu fahnden und sie zu inhaftieren, damit sie ihre gerechte Strafe erhalten. Immer noch sind wir sehr wenige, was bedeutet, dass eine Menge Arbeit auf uns zukommt. Zum Glück konnte Kingsley mit Hilfe von Miss Lovegood und Miss Lupin die Hälfte der Auroren inzwischen als loyal einstufen, so dass wir nun deren Unterstützung haben."
Sie seufzte und sah wieder reihum. „Um effektiv zu sein, brauchen wir im Orden klare Strukturen, wie wir sie bisher auch hatten. Es wird Zeit, dass sich jeder Gedanken darüber macht, wer für die Leitung des Ordens zuständig sein sollte, damit wir so bald wie möglich wieder ein kompetentes, offizielles Führungsteam haben. Ordensleiter und Stellvertreter. Bitte sendet eure Vorschläge bis zum Monatsende an Aberforth, der sich bereiterklärt hat, eine Wahlliste zu erstellen. Wir werden uns im nächsten Monat alle noch einmal hier treffen, um offiziell abzustimmen."
Hermine sah, dass die kommissarische Leiterin einen raschen ärgerlichen Blick auf Snape abschoss. „Was genau glauben Sie eigentlich, was Sie da tun, Severus?" erkundigte sie sich pikiert, während der Angesprochene Anstalten machte zu verschwinden. „Die Versammlung ist noch nicht beendet, was bedeutet, dass Sie die Küche nicht zu verlassen haben – und ich würde es sehr begrüßen, wenn Sie sich wie alle anderen an den Tisch setzen könnten."
„Ich sehe keinen Grund dafür." Seine Stimme war gefährlich leise und sein Ton so kalt, dass Hermine an McGonagalls Stelle einfach den Mund gehalten und am besten noch den Kopf eingezogen hätte. Doch die Schulleiterin war offensichtlich daran gewöhnt, mit ihrem widerspenstigen Kollegen umzugehen, und störte sich nicht groß an seiner demonstrativen Ablehnung.
„Nun seien Sie bitte nicht albern", bemerkte sie ruhig, „setzen Sie sich, wir haben noch einiges zu besprechen."
„Wir?"
Sein emotionsloser Blick und die herablassend hochgezogene Augenbraue konnten nicht einmal die Jüngeren unter ihnen täuschen; auch Hermine spürte ganz deutlich, dass Snape stinksauer war. „Seit wann, bitte, darf ich mich denn zum erlauchten Kreis der Phönixe zählen, Minerva?"
Verwirrt sah McGonagall ihn an. „Wovon reden Sie, Severus? Sie unterstützen den Orden seit vielen Jahren, oder etwa nicht?"
Snapes humorloses Lächeln wirkte sarkastisch, aber auch ein wenig bitter, als er entgegnete: „Richtig. Ich unterstütze den Orden. Das ist nicht gleichbedeutend mit einer Mitgliedschaft. Ich bin nur ein simples Werkzeug, Minerva, und jeder hier weiß das. Dumbledore hat mich nur mit einbezogen, weil er sonst niemanden kannte, der einen dermaßen einfachen und praktischen Zugang zum Dunklen Lord darstellte. Beleidigen Sie nicht meine Intelligenz, indem Sie das zu leugnen versuchen. Ich überlasse Sie Ihren wichtigen Geschäften. Ich habe Besseres zu tun. Guten Abend."
Mit einer spöttischen Verbeugung wandte er sich wieder der Küchentür zu, doch Mrs Weasley sprang auf und stellte sich ihm in den Weg. „Nun werden Sie doch nicht dramatisch, Severus", bat sie freundlich, „natürlich gehören Sie dazu…"
„Molly", gab der hochgewachsene Mann ruhig zurück, „Sie wissen, dass es nicht so ist. Dass es noch nie so war. Sie wissen, dass ich Recht habe, genau wie jeder andere hier im Raum. Es war mir vor Voldemorts Fall nicht möglich, irgendjemanden hier ins Vertrauen zu ziehen, das hätte meine Arbeit gefährdet. Das Misstrauen seitens des Ordens war sinnvoll, und ich möchte mich nicht darüber beschweren. Ich sehe nur keine große Chance, dass in absehbarer Zeit irgendetwas anders werden könnte."
„Aber wieso denn nicht?" Molly Weasley gab nicht so schnell auf, das kannte Hermine aus Erfahrung, und das war definitiv eine ihrer besten Eigenschaften. Die rothaarige Frau war hartnäckig und energisch und wusste eigentlich immer, wie sie auf eine Situation am besten reagieren konnte.
Doch Snape war nicht minder stur, wie sich herausstellte. Die versammelte Mannschaft starrte ihn an, wie er sich mit finsterem Gesicht und vor der Brust verschränkten Armen an den Türrahmen lehnte. „Weil es keine Möglichkeit gibt, dass auch nur einer hier mir wirklich traut", sagte er mit einer solchen Endgültigkeit, dass sogar Mrs Weasley keine Widerworte fand.
„Das ist doch Unsinn, Severus", stellte McGonagall schließlich verärgert fest, „jeder von uns weiß inzwischen, dass…"
„Lassen Sie´s gut sein." Seine Stimme klang hart, und wieder einmal war sein Gesicht eine unergründliche, marmorweiße Maske. „Ich werde Sie weiter unterstützen, bis Voldemorts Leute alle sicher hinter Gittern sitzen. Aber versuchen Sie mir nicht weis zu machen, ich wäre einer von Ihnen."
„Ach, um Himmels Willen", entfuhr es Hermine, bevor sie überhaupt nachgedacht hatte, „haben wir mit dem Wiederaufbau nicht schon genug Probleme? Müssen wir uns jetzt auch noch untereinander bekriegen?"
Sie spürte, wie ihre Wangen sich rosa färbten, vor allem aufgrund der Tatsache, dass sie nun im Fokus aller stand. Warum nur hatte sie nicht den Mund halten können? Sie beantwortete sich die Frage sofort selber: weil das Ganze eine unhaltbare Situation war. Und weil sie nicht wollte, dass es so weiterging wie vor Voldemorts Tod.
Dieser Mann hier hatte es verdient, zu ihrer Gemeinschaft zu gehören – und es auch zu wissen. Wenn sie jetzt nachgaben und ihn gehen ließen, dann hätten sie ihn endgültig verloren, das war ihr klar. Und sie musste vor sich selbst zugeben, dass sie beinahe Angst davor hatte darüber nachzudenken, was dann aus ihm werden würde. In diesen schweren Zeiten brauchte selbst dieser verschlossene Einzelgänger ein paar Freunde – vielleicht sogar dringender als alle anderen. Verflucht nochmal.
Sie überschlug kurz ihre Möglichkeiten: sollte sie ihn gehen lassen, ihn in der Eingangshalle abfangen und dort mit ihm reden? Oder war es vielleicht doch besser, sofort einzugreifen? Die Antwort war innerhalb von ein paar Sekundenbruchteilen da, gespeist von einer Intuition, von der sie selber bisher nicht gewusst hatte, dass sie sie besaß. Es musste vor allen sein, jetzt. Und es gab niemanden, der dazu besser geeignet wäre als sie. Na klasse. Er wird mich umbringen.
Rasch sprang sie auf und ging mit energischen Schritten auf Snape zu, bis sie keinen halben Meter mehr von ihm entfernt war. „Sie wollen einen Vertrauensbeweis?" fragte sie, die Hände herausfordernd in die Hüften gestemmt. „Und ein einziges Ordensmitglied würde Ihnen genügen?"
Aus schmalen Augen musterte er sie, anscheinend nicht ganz sicher, was sie im Schilde führte. Nach ein paar Sekunden nickte er knapp.
Hermine suchte seinen Blick. „Ich bin offizielles Mitglied des Phönixordens, eine Gryffindor und ein Schlammblut." Sie sah ihn fast unmerklich zusammenzucken bei diesem Schimpfwort, sprach aber weiter, als hätte sie es nicht bemerkt: „Würden Sie sagen, es gibt hier jemanden, bei dem es noch unwahrscheinlicher wäre, dass er Ihnen vertraut?"
Er schwieg, doch der Blick seiner schwarzen Augen schien bis in ihr Innerstes vorzudringen.
Langsam trat sie noch einen Schritt näher an ihn heran, griff sanft nach seinen Handgelenken und zog behutsam seine immer noch abwehrend verschränkten Arme herunter. Sie konnte spüren, wie seine Muskeln sich anspannten, doch er wehrte sich nicht gegen ihren Griff.
Sie ließ seine Handgelenke nicht los, sondern hielt sie locker mit den Fingern umfasst, während ihr Blick sich in seinen bohrte. In der Küche war es so still geworden, dass ihre leisen Worte fast von den Wänden widerzuhallen schienen, als sie so ruhig wie möglich fortfuhr: „Ich habe mir sagen lassen, Sie seien hervorragend ausgebildet in Legilimentik. Also los, lesen Sie mich. Und dann sagen Sie mir, ob ich Ihnen vertraue oder nicht."
Er sah sie nur an, abwartend, ruhig und mit diesem unterschwelligen Spott – doch irgendwo dahinter lag noch ein anderer Ausdruck, der rasch stärker wurde und den Zynismus verdrängte. „Sie sind mutig, Miss Granger", stellte er endlich fest. Sie bemerkte das leise Beben in seiner Stimme nur, weil sie zeitgleich in seinem Blick etwas aufflackern sah. Hoffnung? Wenn ja, dann hatte sie schon fast gewonnen. Bitte…
„Na los", forderte sie ihn mit einem winzigen Lächeln auf, „ich werde nicht versuchen Sie abzublocken, versprochen. Machen Sie schon."
Ein langer Moment verging, ohne dass sich irgendjemand auch nur regte; am Küchentisch schienen alle die Luft anzuhalten. Dann schüttelte er ganz langsam den Kopf, fast wie gegen seinen Willen, und senkte den Blick. „Das war mir schon Beweis genug", sagte er sehr leise, „ich kenne niemanden, der je den Mut oder die Dummheit besessen hätte, mir etwas Derartiges vorzuschlagen."
„Gut. Dann kommen Sie." Hermine drückte kurz, von den anderen unbemerkt, seine Hände und fühlte, dass sie ganz leicht zitterten. Dann wandte sie sich zum Tisch um und ging darauf zu, auf all die anderen Mitglieder des Ordens, die sie und Snape anstarrten.
Langsam, ohne jemanden anzusehen, kam er zum Tisch und ließ sich auf einem Stuhl neben ihr nieder. Mit gesenktem Kopf sah er auf die Tischplatte, wobei seine Haare sein Gesicht verbargen. Aber immerhin saß er am Tisch und hörte McGonagall zu, die sich nach ein paar Sekunden wieder einigermaßen gefasst hatte und zur Tagesordnung überging.
Nachdem alle weiteren Einsätze für die nächsten paar Tage geklärt waren, machte Molly Weasley ihrem Ruf als Mutter des Ordens wieder einmal alle Ehre. Sie schien es sich zur Aufgabe gemacht zu haben, die gesamte Mannschaft zu mästen, und eine Weile herrschte Ruhe, während sich alle über das hervorragende Essen hermachten.
Außer Hermine schien niemand zu bemerken, dass Snape sich nach einer Weile klammheimlich verabschiedet hatte. Nachdenklich runzelte sie die Stirn. War ihm die Gesellschaft nun doch zu viel geworden?
„Ich seh mal kurz nach, ob mit unserem Spion alles okay ist", sagte sie leise zu Ron, der sie mit einem kleinen Lächeln musterte und zurückgab: „Ich glaub, du hast ihn vorhin ganz schön geschockt. Ist vielleicht nur gerecht, wenn du da oben jetzt ´nen Anschiss dafür kassierst. Ich versuch die Meute davon abzuhalten, dich retten zu wollen, okay?"
„Du bist der Beste, Ronald. Versuch mir eine Weile Zeit zu verschaffen, ja? Das könnte… ein bisschen schwierig werden da oben."
„Sei vorsichtig, Hermine", mahnte ihr Freund leicht besorgt, „ein falsches Wort, und er klatscht dich mit einem Dauerklebefluch direkt neben Mrs Black an die Wand."
Mit einem unterdrückten Schmunzeln stand Hermine auf, gab ihm einen Kuss und ging die Steinstufen hinauf in die Eingangshalle. Ob sie wirklich einen Anpfiff bekommen würde? Nun gut, damit konnte sie leben, und das war es allemal wert gewesen.
