Tanja: Natürlich lebt er, ich lasse doch meine tragischen Helden dahinscheiden. Danke für die Review!

Lady-of-Gondor: Hatte ich schon einmal gesagt, dass Du Prophetin bist? Oder sind meine Plots so durchsichtig? Es wird tatsächlich noch etwas dauern, bis Vater und Tochter wieder vereint werden. lacht

Kapitel 12

Das Jahr 2992 des Dritten Zeitalters

Der Lauf der Jahre

„Glîwen? Glîwen!" Carwyn trat aus dem Stall und sah sich um. In ihren Mundwinkeln zuckte es kurz, als sich ihr ein vertrauter Anblick bot. Es war kurz nach Tagesanbruch. Im Gatter pickten die Hühner voller Elan ihr Korn, ein Korb stand auf den Stufen, in dem das Gemüse für den Tag ruhte und im Stall war Glîwens Stute Edrigol zwar schweißnass, aber gut abgerieben und ausgeführt dabei, ihre Vorräte an Hafer zu vernichten. Alles war erledigt, wie stets pünktlich und mit Liebe. „Wenn Du mich jetzt erschreckst, dann ziehe ich Dir die Ohren lang."

„Ach, das würdest Du nicht tun", erklang es über ihr in der Krone einer alten Eiche und hinter einem Ast erschien Glîwens Gesicht. Mit Geschick kletterte sie am Stamm hinunter und sprang die letzten Meter hinunter, mit einer Anmut, die Carwyn davon überzeugte, dass an den Gerüchten über Elbenmagie irgendetwas dran sein musste. In einer energischen Geste stieß sie ihren Stock auf den Boden und winkte ihre Ziehtochter zu sich. Glîwen schlenderte heran, das Haar zerrauft, das Gesicht und die Hände schmutzig und das linke Hosenbein zerrissen. „Wie siehst Du wieder aus!", schimpfte Carwyn gutmütig. „Du bist eine erwachsene Frau und benimmst Dich immer noch wie ein Kind."

Glîwen verzog den Mund zu einem Lächeln und griff in ihre Umhängetasche, um zwei Kaninchen zum Vorschein zu bringen.

„Akzeptierst Du dies hier als Friedensangebot? Ich stopfe die Löcher in meinen Hosen auch dieses Mal selbst, ich verspreche es Dir." Carwyn verdrehte die Augen und lachte, doch es klang zu ihrem Ärger ein wenig zittrig. Ihre Knochen bereiteten ihr an diesem Morgen wieder Probleme und an Glîwens Gesicht konnte sie erkennen, dass ihre Ziehtochter merkte, was los war. „Setzt Dich doch ein wenig in die Küche, Carwyn. Ich bereite das Kaninchen vor und komme dann zu Dir."

Die alte Frau nickte und lächelte.

„Du bist ein liebes Mädchen. Wenn Du mir einen Gefallen tun würdest – sing mir bitte etwas vor. Du magst mich ja für verrückt erklären, aber es geht mir jedes Mal sofort besser, wenn Du es tust."

Glîwen nickte und eilte in Richtung Scheune davon, während sich Carwyn mühevoll ins Haus schleppte und dort auf einem Stuhl niederließ. Es war klein, bestand nur aus der Küche, in dem sich alles abspielte, und den beiden kleinen Kammern, in denen sie und Glîwen schliefen und ihre Habseligkeiten aufgewahrten. An den niedrigen Deckenbalken hingen Kräuterbündel, die einen würzigen Duft abgaben und getrocknete Würste und Schinken, die Carwyn in der Stadt zu kaufen pflegte. Sie selbst hielt sich ein Schwein und ein Dutzend Hühner, aber für Mehl und andere Anschaffungen musste sie immer einmal wieder ins Dorf gehen.

In Gedanken korrigierte sie sich – Glîwen war es, die für sie ins Dorf ging. Seit einem Jahr verschlechterte sich ihr Gesundheitszustand, sie hatte einige Zähne verloren und hatte oftmals, vor allem an Regentagen, derartige Schmerzen in den Gliedern, dass sie kaum aus dem Bett kam. Nachdenklich nahm sie eine Tasse aus Steingut in ihre verwelkte Hand und trank einen Schluck Wasser.

Es war viel Zeit vergangen seit dem Tag, an dem Glîwen zu ihr gekommen war und sie wusste, dass damit das Glück in ihr Haus gezogen war. Glîwen war ihr eine große Hilfe und hatte sie in den fast drei Jahren niemals enttäuscht.

Carwyn schaute kurz auf, als ihre Ziehtochter kurze Zeit später eintrat und begann, die abgezogenen Kaninchen in Stücke zu schneiden und zusammen mit verschiedenen Sorten Gemüse und Kräutern in einen Topf zu werfen. Dann versank die alte Frau wieder in ihren Gedanken.

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Es war kein leichtes Unterfangen gewesen, mit dem verstörten Mädchen auszukommen, das in den ersten Monaten so gut wie kaum gesprochen und sich immer wieder im Wald versteckt hatte, um der Enge der für sie ungewohnten Behausung zu entkommen.

Dich irgendwann war das Vertrauen entstanden, das sie noch heute miteinander teilten. Es mochte der erste gemeinsame Winter gewesen sein, der mit eisiger Hand das Land regiert hatte und in dem Glîwen gezwungen gewesen war, mit Carwyn und ihrer Lebensweise auszukommen. Lange Abende, wenn vor der knarzenden Hütte der Sturm und der Schnee getobt hatten, hatten sie beisammen gesessen und irgendwann begonnen, miteinander zu reden. Glîwen hatte erst zögerlich, dann mit wachsender Begeisterung von Lorien gesprochen und dem Leben, das sie bei den Elben geführt hatte, so als wäre sie eine der ihren. Carwyn war eine geduldige Zuhörerin gewesen und als das Mädchen ihr schließlich vom Tod ihres Vaters berichtet hatte, hatte Carwyn, die vor langer Zeit ihren Mann verloren hatte, Trost gespendet.

So war aus dem Winter ein neuer Frühling geworden und gemeinsam hatten sie den Garten bestellt, Kräuter gesucht und die Schönheit des Waldes miteinander genossen. Carwyn war froh, in Glîwen eine große Hilfe gefunden zu haben, die ihr die langen Gänge in die Stadt oder das Jagen abnahm, Dinge, die sie nicht mehr tun konnte seit dem Unfall, bei dem ihr Bein zerschmettert worden war.

Beide mochten sie das Dorf nicht, in das sie nur hin und wieder gehen mussten, um Vorräte zu kaufen und Carwyns Kräutermedizin zu verkaufen. Die Menschen dort hatten Glîwen von Anfang an verunsichert, das wusste die alte Frau, denn es war ein Ort, an dem das Mädchen gespürt haben mochte, wie anders sie war. Die Menschen waren von einem anderen Schlag als die feingliedrigen Elben, deren Leben Carwyns Überzeugung nach aus Schönheit, Magie und friedvollem Leben bestand.

Die Klänge von Glîwens Laute rissen sie aus den Gedanken und sie nickte ihrer Freundin und Ziehtochter zu, als sie ihr schmerzendes Bein auf einen kleinen Schemel legte und dann den leichten Klängen lauschte, zu denen Glîwen ein Lied in elbischer Zunge sang. Nach einer Zeit bemerkte Carwyn, dass die Schmerzen langsam aus ihren geschundenen Knochen schwanden und sie sich zu entspannen begann. So war es stets, wenn Glîwen Musik machte und es ließ Carwyn zuversichtlich dem nächsten Winter entgegenblicken, der in einigen Wochen über das Land hineinbrechen würde. Noch stand die Sonne hoch am Himmel über dem Tal des großen Flusses, doch die Blätter an den Bäumen wurden langsam schlaff und begannen, die Farbe zu verlieren. Es versprach, ein milder und goldener Herbst zu werden und die Ernten waren gut.

Nachdenklich legte Carwyn den Kopf schief und musterte Glîwen, die auf einem der wackeligen Stühle saß und selbstvergessen, den Kopf gesenkt, spielte, als sei sie das einzige Lebewesen auf dieser Welt. Ja, das Mädchen war von andere Art als die Menschen in diesen landstrich. Sie vermochte selbst mit fast vierzehn Sommern die meisten Männer im Dorf zu überragen und besaß eine feingliedrige Art, die die Frauen in der Stadt in neidvolles Geflüster ausbrechen ließ, wann immer Glîwen sich dort zeigte. Bewusst war sich das Mädchen dessen nicht, wusste Carwyn und es war für sie ein Grund zur Besorgnis. Auch wenn Glîwen durch ihre fröhliche und wilde Art stets eine Aura von zerzauster Nachlässigkeit verbreitete, gab es doch Augen, die hinter diese Fassade aus abgetragenen Kleidungsstücken und Staub blickten und dort etwas Begehrenswertes sahen.

Carwyn seufzte leise und fragte sich, wann es das nächste Mal Zeit war, dass die elbischen Verwandten Glîwens kamen, um dem Mädchen neue Kleidung und Neuigkeiten aus ihrer alten Heimat zu bringen. Vielleicht war es angebracht, die beiden männlichen Elben, Rumil und Orophin, darauf hinzuwiesen, dass Glîwen früher oder später erfahren musste, das die Welt der Menschen niemals viel mehr bieten würde als Neid und Missgunst. Carwyn wollte es dem Mädchen ersparen, denn sie sah in ihr eine reine Seele ohne Falsch.

„Warum seufzt Du, Carwyn?" Die Lautenklänge verklangen und Carwyn sah in Glîwens fragende, honiggoldene Augen. Die alte Frau seufzte noch einmal.

„Mädchen, ich muss Dir etwas erklären."

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Edrigol bewegte unruhig den Kopf, als sie ins Dorf einritten und Glîwen musste hart in die Zügel greifen, um das Pferd durchzuparieren. Kopfschüttelnd über ihre eigene Nachlässigkeit, klopfte sie, noch immer geistesabwesend, sachte auf den Hals der Stute, die sich wieder beruhigte und saß dann ab, als ihr die ersten Kinder vor das Pferd liefen.

Den Weg ins Dorf benutzt Glîwen gerne, um einen freien Kopf zu bekommen, doch nach dem Gespräch mit Carwyn am vergangenen Tag gelang es ihr kaum, an etwas anders zu denken als den Gegenstand der Unterhaltung. Natürlich hatte sie gewusst, was zwischen Männern und Frauen geschah – nun, sie hatte es zumindest geahnt. Aber ihr war nicht bewusst gewesen, dass es an ihr etwas geben sollte, das Männer zu Gedanken an diese, nun, Sache bewegte.

In den letzten zwei Jahren war sie Caewyn über den Kopf gewachsen und fand sich schrecklich groß und ungelenk. Ihre Zeit der monatlichen Unpässlichkeit und ihre wachsende Brust fand sie einfach nur lästig und vollkommen unnötig. Sie stieß beim Klettern gegen Äste, unter denen sie früher ohne Probleme durchgeschlüpft wäre und ihre Tuniken, die ihr ihre Onkel mitbrachten, wurden schnell zu eng oder zu kurz.

Vor der einzigen Taverne oder besser gesagt dem einzigen Ort, an dem in dem Dorf Alkohol an eine größere Menge von Menschen ausgeschenkt wurde, stand ein großer Planwagen, an dessen Außenhülle Töpfe, Pfannen und Büschel aus Kräutern und anderen seltsamen Dingen wie Schnüre und Holzbündel befestigt waren. Vor dem Wagen stand ein wild aussehender alter Mann in einer grauen Robe und betrachtete mit gerunzelter Stirn die gebrochene Achse des klapprigen Gefährtes. Dann hob er die Arme in einer hilflosen Geste und schüttelte den Kopf, dass sein weißes Haar nur so flog.

Glîwen musste unwillkürlich lächeln, denn sie sah in den blitzenden Augen des alten Mannes, dass er sich insgeheim über die Situation zu amüsieren schien.

„Verzeiht", sprach sie höflich, als sie nahe bei ihm war. „Wenn ihr diese Straße nehmt, dann findet ihr an ihrem Ende links den Schmied. Der kann Euch sicherlich helfen."

Der Mann drehte sich zu ihr um und legte den Kopf zur Seite, als er sie prüfend ansah. Dann lächelte er und die Falten in seinen Augenwinkeln vertieften sich.

„Ah", sagte er dann. „Die Blume Loriens blüht auch außerhalb der Grenzen des Goldenen Waldes." Glîwen wollte etwas entgegen, doch sie brachte kein Wort heraus. Verwirrt starrte sie die hohe Gestalt an, von der mit jedem Wimpernschlag mehr Gebrechlichkeit abzufallen schien. Fast, so schien es ihr, sah sie in ihm ein jugendliches Feuer brennen, das ihr seltsam bekannt vorkam. Sie hatte es gespürt, als sie Galadriel einst im Wald getroffen hatte, diese seltsame Aura aus Leben und Macht, welche bei Galadriel kalt und klar gewesen war. Doch in diesem Mann glühte Wärme und Güte. Verwundert schüttelte sie den Kopf. Er bemerkte ihre Verwirrung und winkte ab. „Nun, nun, jetzt keine Fragen. Bringt mich zum Schmied und dann lasst uns etwas trinken gehen. – Und ja, ich weiß, dass es Euch brennend interessiert – man nennt mich Schattenkrähe."