Kapitel 12 – I Wanna Die (Jolie Holland)
„Guten Morgen, Mama", Gretchen war gerade fertig geworden den Frühstückstisch zu decken, als ihre Mutter durch den Flur ins Wohnzimmer getreten war.
„Margarethe!", ihre Mutter faltete die Hände unter ihrem Hals zusammen, als sie den Aufwand betrachtete, den ihre Tochter an diesem Morgen schon hergerichtet hatte. Frische Brötchen vom Bäcker, frisch aufgebrühter Kaffee, gepresster Orangensaft, viele verschiedene Sorten Marmelade und kleine herzhafte Delikatessen, für den, der es am Morgen nicht Süß mochte.
„Das hast du alles heute morgen schon vorbereitet?", fragte Bärbel stolz und auch ein bisschen beeindruckt.
Gretchen nickte eifrig den Kopf, als auch Jochen dem Kaffeegeruch der Nase nach ins Wohnzimmer gestolpert kam: „Essen", sagte er schlicht, als er sich an den Tisch setzte und die beiden Frauen des Hauses links liegen ließ.
„Jochen, also wirklich! Deine Schwester hat sich so viel Mühe gegeben und..."
„Guten Morgen", ertönte es von Mehdi mit Lily im Arm, die im Türrahmen standen, beide einen leicht verhungerten Gesichtsausdruck widerspiegelnd.
Und die Gastgeberin bat zu Tisch.
„Kaum zu glauben, dass du das alles vorbereitet hast, Schwesterchen. Es verwundert mich, dass noch etwas auf dem Tisch gelandet ist und nicht vorher schon in deinem Magen!", lachte Jochen und bekam direkt von Lily einen Seitenhieb in die Rippe:
„Sei lieb zum Gretchen, Jochen", schmollte sie spielerisch.
„Genau", stimmte die Blonde selbst fad mit ein.
„Dr. Kaan, wann müssen Sie denn heute im Krankenhaus sein?", fragte Bärbel ungewohnt unemotional, einen toten Hasen, den Gretchen zwanzig Meilen gegen den Wind roch und sich nicht an den Albernheiten zwischen Jochen und Lily weiter störte.
„Eigentlich schon vor einer Stunde", gab Mehdi unverhohlen zu.
„Soso,... könnten Sie vielleicht einen Brief mitnehmen, für Oberschwester Stefani?"
„J-ja sicher, Frau Haase", er bemerkte den Stirn gerunzelten Blick von Gretchen.
„Sie nennen mich im Krankenhaus doch auch Schwester Bärbel", lachte Gretchens Mutter die Stimmung aufhellend und nicht zuletzt um ihre Tochter von vorherigem Thema abzuwenden.
„Dann können Sie mich hier auch Bärbel nennen!"
„Okay", Mehdi reichte der rothaarigen Frau die Hand „dann sind wir wohl beim Du, angekommen, Bärbel, ich bin der Mehdi."
Als ihre Mutter vollkommen selbstverständlich die Hand empfing, wusste ihre Tochter nicht, ob sie lachen oder weinen sollte.
Ihre Mutter hatte mit so manchen Leuten in ihrem Bekanntenkreis jahrelang das Sie beibehalten und so mir nichts dir nichts ließ sie es einfach zu?
Irgendetwas war hier absolut faul!
„Dann auf gutes Zusammenleben", bestätigte sich Gretchens Verdacht.
Moment?
Zusammenleben!
Sie räusperte sich umständlich, als sie ihre verwirrten Gedanken aussprach:
„Zusammenleben? Mama, wie darf ich das verstehen?"
„Ach Gott, dass weißt du ja noch gar nicht, Kind", lachte ihre Mutter leichthin auf.
„Dr. Kaan wird hier wohnen – vorerst, bis er etwas besseres gefunden hat, schließlich kann er mit Lily nicht im Schwesternwohnheim unterkommen!"
Während Jochen und Lily vollkommen in ihren Stare-Fight vertieft waren, verschluckte sich Gretchen an ihrer eigenen Spucke.
Der Gynäkologe neben ihr klopfte ihr behutsam auf den Rücken: „Geht's wieder", fragte er seicht und konnte ihr dabei noch nicht mal in die Augen sehen.
Mehdi und Lily würden hier... wohnen?
„Mama, uhm... hast du dir das auch gut überlegt?", fragte Gretchen vorsichtig.
„Ja, warum soll ich mir das denn noch großartig überlegen. Es bietet sich doch sehr gut an!"
Gretchen runzelte die Stirn.
War das vor ihr wirklich ihre Mutter, und wenn ja, was hatte sich so drastisch verändert, dass sie wie fünfundzwanzig wirkte und so überhaupt nicht mehr Bärbel-Haase-haft handelte.
„O-okay, dann", Gretchen hob ihr Orangensaftglas in die Höhe und stieß es leicht an Mehdis Kaffeetasse „herzlich Willkommen, neuer Mitbewohner."
Mehdi schaute perplex von einer Haase zur anderen.
„Prösterchen", sagte er knapp ehe er einen großen hieb schwarzen Kaffee ex-te.
Als Bärbel selbstverständlich begann den Tisch abzuräumen schaffte es Mehdi unbemerkt mit Gretchen zu reden:
„Deine Mutter hatte es mir angeboten. Wenn es dir unangenehm ist, ich bemühe"
Er brach je ab, als Gretchen verneinend den Kopf schüttelte: „Es ist mir nicht unangenehm, wirklich nicht, Mehdi. Ungewohnt und vielleicht auch ein bisschen bizarr, wo ich jetzt verheiratet bin, aber die beste Lösung, dass sich jemand auch um Lily kümmern kann", sagte die Blonde ehrlich.
Mehdi schaute sie skeptisch an und zog dabei eine Augenbraue in die Höhe:
„Es ist bizarr, dass ich in deinem Elternhaus für kurze Zeit wohne, wo du verheiratet bist, und eigentlich mit deinem Mann eine Wohnung oder Haus selbst beziehen hättest müssen? Und dass du für ein paar Stunden einfach mit Marc verschwindest und total frustriert wiederkommst, soll sehr viel normaler sein? Gretchen, auch wenn ich mich gestern vielleicht selbst im Delirium befunden habe", er schenkte Lily einen so zarten und liebevollen Blick, dass Gretchen am liebsten angefangen hätte zu weinen, weil es sie so sehr an ihren eigenen Vater erinnerte „Habe ich gestern alles mitbekommen!"
Gretchen schwieg redlich und hoffte, dass er das Thema nach seinem tiefen Seufzer einfach fallen lassen würde.
„Wenn du es nicht schaffst endlich eine Entscheidung zu treffen, wird vielleicht nicht nur deine Ehe am Ende sein, bevor sie überhaupt richtig existiert hat! Marc lie..."
„Marc Meier liebt sich selbst und seinen weißen Kittel, Mehdi", sagte Gretchen störrisch, als sie die Arme vor ihrer Brust verschränkte.
„Du doch auch mal. Die Gretchen, die ich einmal kennengelernt habe, die hätte nicht hier herum gesessen und geheult – nun gut, vermutlich schon – aber sie wäre wieder auf den Füßen gelandet und wäre nicht wie eine Irre auf wildfremde Menschen losgegangen. Was du brauchst, ist schlichtweg deinen Alltag. Genug geheult, du kannst den Tod deines Vaters nicht ungeschehen machen, und es ist verdammt schmerzlich. Aber dass ausgerechnet auch du zweigleisig fahren würdest – Schmerz und Verlust ist keine Ausrede andere Menschen, Alexis oder Marc, zu verletzen, noch arme Bestattungsunternehmerinnen", sagte er harsch, aber auf diese typische Mehdi-Art, die ihn so liebenswert machten und zu einem unheimlich guten Freund.
Gretchen schluckte schwer.
„Je länger du dein Leben scheust und dich hinter Momentaufnahmen verkriechst, desto schwerer wird es jeden Tag! Ich muss gleich eh wieder in die Klinik, um Gwendolyn abzuholen, kommst du dann mit?", fragte er monoton um ganz allein ihr die Entscheidung zu lassen.
Sie runzelte die Stirn und wollte gerade nachfragen, wer denn diese Gwendolyn sei, als er sie so anschaute, wie es Jochen früher immer mit den Freunden, die sie nach hause mitgebracht hat, gemacht hatte.
„Ja, ich werde mitkommen", begann sie fuhr aber ungerührt fort: „Aber wer ist Gwendolyn?"
Lily wurde bei dem Namen hellhörig und grinste über das ganze Gesicht:
„Das wird vielleicht mein neues Schwesterchen!"
Gretchen verschluckte sich dramatisch beim einatmen. Und Mehdi benahm sich also nicht vollkommen neben der Spur?
Als die beiden im eine halbe Stunde im Auto saßen, Lily war bei Jochen und ihrer Mutter in den bestmöglichen Händen, erklärte Mehdi in kurzen knappen Worten, dass Gundis kurz bevor sie verstorben war, Mehdi darum gebeten hatte, gut auf ihr kleines Neugeborenes aufzupassen.
Er wusste noch nicht genau wie, aber er würde dieses Versprechen einhalten, sei es, dass er die kleine Gweny als seine eigene Tochter eintragen lassen würde.
Und sofern Gretchen die näheren Umstände kannte, musste sie sich eingestehen, dass es doch eher typisch für Mehdi war. Er hatte ein Herz so groß wie seine Hände!
*a/n: habt ihr Kai Schumanns Hände mal beobachtet: Das sind kleine Tiger-Pranken!
Während der Gynäkologe sich in die Säuglingsstation verabschiedete wanderte Gretchen duch die langen Korridore des Krankenhauses.
Das Gelbfieber war seit gestern Nacht „immer noch Vorhanden, aber unter Kontrolle gebracht", sodass die Schutzbestimmungen um einiges gelockert worden waren.
Die Schwestern, die ihr entgegenkamen sahen zwar alle unheimlich abgearbeitet und gestresst aus, aber selten hatte sie so viele erleichterte und glückliche Gesichtszüge bei den Klatschtanten erlebt. Sie fragte sich mit einem breiten Grinsen, wie wohl Schwester Gabi aussehen wird. Zugern hätte sie diese aufgedonnerte Krankenschwester in Stunden des Stresses gesehen.
Dennoch rief sie sich zur Vernunft, schließlich hatte sie absolut nichts zur Bekämpfung und Eindämmung beigetragen, noch hatte sie irgendjemandem das Leben retten oder erleichtern können.
Seufzend betrat sie die Umkleide. Arbeit war vielleicht wirklich die beste Lösung, um nicht noch ganz Depressiv zu werden. Es mochte oberflächlich klingen, aber Ablenkung war eine gute Idee von Mehdi gewesen.
Als sie sich ihren weißen Kittel überstreifte musste sie frustriert feststellen, dass sie doch tatsächlich wieder zugenommen hatte und der dritte Knopf unmittelbar unterhalb ihrer Brust enorm spannte. Einmal falsch Luftgeholt und er würde Marc erschießen.
Festen Schrittes machte sie sich auf zum Schwesternzimmer, und traf dort auch gleich auf Sabine, die eifrig in den PC irgendwelche Berichte tippte:
„Frau Doktor, das ist aber schön, dass sie wieder da sind. Doktor Meier hat erzählt, dass sie vor nächster Woche gar nicht mehr hier sein werden. Wie geht es Ihnen denn? Oh,... und, es tut mir so leid, das Ihr Vater..."
„Ja, Sabine, ich weiß Ihre Anteilnahme wirklich zu schätzen", blockte Gretchen unverblümt ab.
„Aber ich bin hier zum Arbeiten und, da es hier noch immer nicht ganz normal zuzugehen scheint, was ist momentan zu tun?"
„Was momentan zu tun ist, das trauen Sie sich allen Ernstes zu Fragen?", erklang die blechende Stimme von Maria Hassmann, zu der sich Gretchen umdrehte.
Es war kein schöner und souveräner Anblick, denn die Neurohchirurgin bot: Aus ihrem strammen Zopf hingen hier und da vereinzelte Strähnen von ungekämmten Haar, tiefe dunkle Ringe hatten sich unter ihren Augen gebildet, jene waren rot unterlaufen und ihre sonst so faltenlose Arbeitswäsche war zerknittert, wie Joschka Fischers Gesicht.
„Ich will Ihnen mal was sagen, was hier „momentan" so anfällt: Routine, und kein Geheule, weil Daddy gerade unabkömmlich von der Bildfläche verschwunden ist. Also entweder, Sie entscheiden sich jetzt gleich, das zu tun, wozu sie ausgebildet worden sind und Papi Sie aufs College geschickt hat, oder sie zischen wieder ab, dann können Sie wenigstens nicht so dämliche Fragen stellen: was gerade so anfällt!", fauchte die Brünette bösartig, als sie sich ein Glas Wasser einschenkte und den Visitenplan aus ihrem Fach herausnahm und stumm das Schwesterzimmer wieder verließ.
Ein bisschen hilf- und planlos schaute Gretchen ihr hinterher, zurück zu Schwester Sabine und hechtete Frau Doktor Hassmann unvermittelt hinterher.
Spätestens jetzt bemerkte Gretchen, dass der Ablauf im Krankenhaus noch immer drunter und drüber lief, das auf Station alle möglichen Anfangsbuchstaben des Nachnamens drunter und drüber zusammengelegt worden waren und es Mal ein M mit Z und ein G mit einem Y in einem Zimmer gab. Ein so noch nie da gewesene Konstellation.
Die Visite-Gruppe bestand ebenfalls auch nur aus Frau Dr. Hassmann selbst, zwei Studiosi, und einer Assistenz – Gretchen.
Zimmer für Zimmer wurde abgearbeitet und nicht oft, tuschelten die zwei Studenten hinter Gretchen, wie unheimlich kalt diese Ärztin vor ihr doch schien, dass sie sich die Ängste der Patienten nicht annahm und schlicht ihren Plan abarbeitete.
Doch jedes Mal bevor Maria eine Tür öffnete holte sie tief Luft, dies bemerkte zumindest Gretchen. Auch diese Anfuhr im Aufenthaltsraum wusste Gretchen ziemlich genau einzuschätzen. Die Brünette vor ihr war wohl die absolut reinste und liebenswürdigste Ärztin – noch vor Gretchen – denn Gretchen fiel, wie Mehdi schon richtig erörtert hatte, immer wieder wie eine Katze auf die Beine/Pfoten. Doch wenn Maria nur halb so herzlich mit den Patienten umgehen würde, wäre diese vielleicht nicht mehr aufgestanden, weil sie dafür ein viel zu großes Herz hatte.
In ihren eigenen Gedanken versunken, lief sie beinahe in besagte Ärztin herein, als diese abrupt stehen blieb und perplex auf ihren nächsten Besuchernamen starrte.
„Hat der Meier, einen männlichen verwandten?"
Gretchen runzelte die Stirn: „Ja sicher, seinen Vater, aber...", ihre Augen wurden groß und funkelten richtig, als ihre Grauen Zellen begannen zu arbeiten.
Die Braunhaarige schaute Gretchen genervt an, als auch ihr dieser Sonnenschein-Blick auffiel. Es konnte nur etwas total kitschiges sein, weshalb besagte Oberärztin tief einatmete und das Zimmer des Patienten E. Meier betrat.
„Guten Morgen", begann Maria routiniert und steckte sich ihren Kugelschreiber in die Kitteltasche.
Ein erstickter Aufschrei der blonden Assistenzärztin ließ sie jedoch zusammenfahren und ihr eine vernichtenden Blick zuwerfend konzentrierte sich Maria auf die Krankenakte des Patienten.
Gretchen war es unheimlich Marc Vater zu sehen. Das letzt Mal war es, als er als Raudi über den Pausenhof mit seinem Motorrad gebraust war.
Fast dreihzehn Jahre später hatten sich zwar ein paar Falten um seine Augen und Stirn gebildet, aber George Cloony hatte leichte Konkurrenz bekommen.
„Oh, mein Gott, Herr Meier", sie strahlte, den strafenden Blick von Frau Doktor Hassmann hatte sie geflissentlich übersehen. „Das ist ja unglaublich, Sie wieder zu sehen. Wie geht es Ihnen, also... außer ihrer Platzwunde?"
Emanuel wusste nicht ganz so recht, zu wem er erst schauen sollte: Zur kalten und hässlichen aber im Gesamtbild heißeren Brünetten, oder aber zur netten, aber pummeligen Frau mit der blonden Wuschel-Mähne.
„Kennen wir uns", fragte er unwissend, als er die Assistenzärztin noch einmal genauer musterte, weil ihm eigentlich sonst jedes Frauengesicht in Erinnerung blieb.
„Ja, ich bin eine Schulkameradin von ihrem Sohn gewesen, Sie erinnern sich bestimmt: Gretchen Haase, ich hab Sie mal nach einem Foto von...", errötend brach Gretchen ab, als sie bemerkte, dass Maria sie belustig anstarrte und darauf wartete, dass Gretchen sich – mal wieder – zum Lacher der Nation outete.
Doch bei Emanuel hatte es selbstverständlich schnell klick gemacht, auch wenn sein Kopf leicht lädiert war und mit sieben Stichen genäht werden musste. Nur ein Mädchen hatte ihn je nach einem Foto in Marcs Schulzeit gefragt: Margarethe „Hasenzahn" Haase.
Aus dem kleinen dicken Mädchen mit Zahnspange ist also eine dicke Frau ohne Zahnspange aber mit immer noch leicht hervorstehenden Schneidezähnen geworden. Nicht zu vergessen auch Ärztin.
Mit seinem Sohn im selben Krankenhaus. Stalken hatte gerade eine neue Dimension angenommen.
„Ja, ich erinnere mich flüchtig", sagte er vorsichtig, und wusste nicht, ob er erleichtert oder erfreut über das zerfallende Lächeln der Blonden sein sollte.
Die brünette Oberärztin nahm dies zum Anlass und räusperte sich:
„Gut, da wir die alten Kamellen jetzt durch gekaut haben, ich bin Frau Doktor Hassmann, den Namen müssen Sie sich nicht merken, weil hier mehrere Ärzte an ein und der selben Station rumfuhrwerken. Haben Sie kleine Beschwerden, klingeln Sie nach Schwestern, haben Sie große – auch dann klingeln Sie nach den Schwestern – und falls diese nicht zu beschäftigt sind, werden diese mich anklingeln und ich werde ihre dann septische Wunde in einer glorreichen OP aushöhlen und Sie vor dem sicheren Tod erretten. Also bevor wir die Schwestern einen Hörsturz verpassen, weil das Klingeln nicht aufhört, haben Sie jetzt irgendwelche Beschwerden?"
Ihr gegenüber nickte stumm.
„Gut", Maria schnipste mit dem Finger und ihr Gefolge schritt mit ihr aus dem Zimmer. Auch Gretchen, denn so hatte sie sich ihre Begegnung mit dem großen Emanuel Meier nicht vorgestellt.
Etwas missmutig folgte auch sie der braunhaarigen Frau zur Tür hinaus.
Fast sechs Stunden später, sie hatte sogar Frau Doktor Hassmann bei einer Aneurysma-Operation assistiert, kam sie mit sich und der Welt schon wieder fast im Einklang in die Umkleide. Für den ersten Tag als Wiedereinstieg war es also schon mal nicht schlecht. Das aller beste jedoch musste sie grinsend eingestehen, war, dass sie nicht eine Sekunde an diese Beziehungskiste mit Marc und Alexis denken musste – zumal es ja eigentlich gar keine mehr geben dürfte, weil sie ja einen nicht unbeträchtlich großen Klunker an ihrem Ringfinger trug und damit ein Eheversprechen abgegeben hatte.
Doch als die Gedanken endlich wieder so zirkulierten, wie sie es seit Stunden nicht mehr getan hatten, mischte sich das schlechte Gewissen in Gretchens Bewusstsein.
Sie hatte Marc geküsst und sie war definitiv noch lange nicht über ihn hinweg.
Alexis war ein Ehemann, wie sie sich ihn immer vorgestellt hatte: romantisch, der geborene Kavalier, intelligent, er trug sie auf Händen und er würde den Müll raustragen, wenn er keine Angestellten hätte, die das für ihn erledigten.
Marc hingegen war Zeit seines Lebens eher ungehobelt zu ihr gewesen, hatte ihr einen furchtbaren Spitznamen verpasst und zog sie des öfteren mit ihren Pfunden auf der Hüfte auf. Er würde sicher auch nicht den Müll raustragen.
Sie lächelte verträumt bei dem Gedanken daran, wie Marc ihr morgens, wenn sie gemeinsam zur Arbeit gingen, den Vogel zeigte, wenn sie ihn bitten würde den Müll mitzunehmen.
Ihre Gedanken klärten sich, als sie in zivilen Klamotten noch einmal ins Schwesternzimmer ging, um noch ein paar – eher private – Worte mit Schwester Sabine wechseln zu können.
Jene saß noch immer vorm PC und hatte leicht quadratische Augen, und Gretchen vermutete, dass die arme dort den ganzen Nachmittag verbracht haben musste.
Unbemerkt schlich sich Gretchen an ihr vorbei zum nächsten Schokoladen-Automaten und kaufte nur einen Riegel.
„Frau Doktor, da sind Sie ja wieder", begrüßte Sabine Gretchen wie immer.
„Doktor Kaan hatte Sie schon gesucht, ich soll Ihnen ausrichten, dass er schon gefahren ist. Haben Sie eigentlich schon gehört: Er will tatsächlich das Kind seiner verstorbenen Freundin adoptieren. Er muss noch immer sehr unglücklich über den Verlust von Lily sein, wenn er sich so an ein Kleinkind hängt"
Gretchen grinste wissend: „Da bin ich mir nicht ganz sicher, Schwester Sabine."
Diese wiederum kräuselte ihre Stirn: „Wissen Sie etwas?"
„Nein", sagte Gretchen scheinheilig und schob Sabine über die Theke die Schokolade hin:
„Vielleicht hilf es ein bisschen besser zu konzentrieren, Schwester. Außerdem denke ich, sollten wir wirklich einmal das Sie überdenken, nicht?"
Wie einem Fisch blieb Sabine sekundenlang der Mund offen stehen: „J-ja sicher", strahlte sie letztendlich über das ganze Gesicht. Mit Schwung erhob sie sich vom Bürostuhl, schenkte zwei Gläser mit Wasser voll und gab eines davon der Assistenzärztin in die Hand: „Darauf müssen wie unbedingt anstoßen, Frau Doktor."
„Gretchen", betonte Sabines gegenüber munter und klirrte leicht gegen das andere Glas.
„Sabine, oder Bine", lächelte sie verschmitzt, ein bisschen peinlich schien es ihr ebenfalls zu sein.
Und so kam es auch, dass Gretchen etwas länger als beabsichtigt, die neusten Erkenntnisse in der Familienangelegenheit Kaan mit ihrer neuen Prösterchen-Schwester bequatschte. Nicht nur einmal vielen die Worte „wunderbar", „unglaublich großherzig", „verantwortungsbewusst" und „liebenswert".
Um ein paar Minuten nach halb neun, als der Schichtwechsel der Ärzte vollzogen war, verabschiedete sich Gretchen und ging zurück zum Umkleide um ihre Tasche zu holen. Es war nichts besonderes, reingehen, Tasche aus Spind schnappen, rausgehen. Eine Handlung so banal, und einfach wie atmen.
Weder das eine noch das andere schien in dem Moment, in dem sie die Tür geöffnet hatte einfach oder gar im Betracht des Möglichen.
Gegenüber der Tür stand ein hochgewachsener braunhaariger Mann mit dem Rücken zur Tür und hielt eine zierliche Person mit seinem eigenen Körpergewicht gegen die Wand, immer wieder den seit Jahrtausenden bekannten Rhythmus vollziehend. Der Vorstoß der Hüfte des Mannes und das stöhnende Keuchen der Frau.
Gretchen wurde schlecht, als durch die braunen verwuschelten Haare das Gesicht und die Augen von Mitzi Knechtelsdorfer erkennbar wurde, und eine leichte Leere machte sich in ihrem Körper breit, als diese mit weit aufgerissenen Augen sich gegen die Schulter des Mannes stemmte und er anfangs nur ein Brummen verlauten ließ.
Doch als auch diesem Mann endlich bewusst wurde, dass etwas nicht stimmte, weil seine Gespielin anscheinend vollkommen desinteressiert am Akt selbst zu sein schien, wurden seine Bewegungen langsamer ehe er vollkommen ruhig über ihr gebeugt stehen blieb und den Kopf aus ihrer Halsbeuge erhob. Verwirrt schaute er in Mitzis Gesicht, als er den schreckensgeweiteten Ausdruck auf ihrem Gesicht bemerkte fuhr er ruckartig herum.
Gretchen hatte begonnen stumme Tränen zu vergießen, ohne dass sie es wirklich merkte, liefen sie ihr die Wange hinunter. Bis zu einem bestimmten Punkt hatte sie gebetet, gebettelt und sie hätte dafür ihre Seele dem Teufel verkauft, dass ihre Vermutung sich nicht bestätigte. Dass ihre Vermutung nicht wahr sein durfte, nicht wahr sein konnte, bis er den Kopf schräg legte und ihr direkt in die Augen starrte.
Es war Marc.
