Erebor 3022: Cursebearer – Die letzten Schatten Morguls
Von summerald – übersetzt aus dem Englischen von jessie152
Disclaimer: ''Der Hobbit'' und ''Der Herr der Ringe'' als auch sämtliche Figuren darin sind Eigentum von Tolkien Estate und Wingnut Films. Diese Geschichten dienen ausschließlich der Unterhaltung und weder der Autor noch der Übersetzer profitieren in irgend einer Weise davon oder erheben irgendwelche Ansprüche auf ''Der Hobbit'' oder ''Der Herr der Ringe''.
Kapitel 13
''All das wird sich gleich aufklären,'' verkündete Fíli der Ansammlung von Zuschauern nachdrücklich, als er entschlossenen Schrittes die westliche Terrasse verließ. ''Wenn Ihr mir in die Königliche Halle folgen wollt.'' Er wartete jedoch nicht, um zu sehen, wer ihm tatsächlich hinterher kam. Er ging einfach, und folgte dem Weg der lärmenden Vögel, die er auf das Innere des Berges losgelassen hatte.
Es war voraussehbar, dass ein Gestöber von wütenden Raben innerhalb von Erebor bei den Zwergen überall in der Stadt einen Ausbruch von Geschrei, Hysterie, Klagen und wütenden Forderungen auslöste. Die Leute rannten, suchten Schutz unter steinernen Tischen und drückten sich gegen die Wände, als Schwärme flinker Vögel kreischend an ihnen vorbei schossen.
Doch Fíli ließ sich von keiner dieser Reaktionen aufhalten. Er setzte seinen Weg durch die Hallen in strammem Tempo fort, gefolgt von einer kleinen Gruppe höchst gereizter Besucher, deren Gezeter er unbeeindruckt an sich abgleiten ließ.
Überall in Erebor waren die Raben hart bei der Arbeit. Sie fegten als schwarze Wolke durch die Haupthalle, teilten sich in kleine, pfeilschnelle Geschwader auf und drehten in die kleineren Hallen ab. Sie flogen durch jeden Raum innerhalb des Berges, von den Gästequartieren bis hin zu den Küchen, und sogar in die Krankenhalle. Jeder, der versuchte, einen der Vögel aufzuhalten, musste rasch feststellen, dass der daraus resultierende Aufruhr Kolonnen von Zwergen Erebors in voller Kampfausrüstung herbei rief, die überall in der Stadt postiert waren, um rasch eingreifen zu können.
''Niemand behindert sie Raben,'' kommandierten die Soldaten. Die meisten der Vögel flogen in eine Kammer oder größeren Raum einfach hinein und gleich wieder hinaus, doch als sie sich an einem Platz zu sammeln begannen und ein lautes Gezeter anstimmten, reagierten die bewaffneten Kämpfer ohne große Vorrede, umstellten die Bewohner und durchsuchten die betreffenden Räume bis in den kleinsten Winkel.
Fíli betrat die Königliche Halle, die kleine Schar wütenden Pöbels immer noch kurz hinter ihm. Doch er setzte seinen Weg unverdrossen und selbstsicher dorthin fort, wo sieben vertrauenswürdige Zwerge in einem Halbkreis neben dem Thron standen.
Bei seinen fünf Ratgebern standen der alte Bofur und sein runder Bruder Bombur, die eine rohe Minenarbeiterkiste, gefüllt mit Gesteinsbrocken und Staub, auf einem Steinsockel bei sich stehen hatten.
In mitten des Halbkreises lag, in Ehren aufgebahrt, der Leichnam eines gefallenen Zwergenkriegers. An seiner Seite saß seine Witwe, von Trauer gebeugt und zwei finster drein blickende Söhne, beide bereits im Erwachsenenalter. Der Anblick ließ den lamentierenden Auflauf von Besuchern verstummen, sie verteilten sich flüsternd am Rande der Halle, einige nahmen in Respekt ihre Mützen ab.
Fíli stieg die Stufen zu seinem Thron empor, warf im Umdrehen seinen Umhang von den Schultern und enthüllte den Mithril-Kettenpanzer des Königs von Erebor. Sein Gesicht und seine Haltung ähnelten, ohne dass es ihm bewusst war, einer jüngeren und blonderen Version von Thorin Eichenschild so sehr, dass mehrere der älteren Zwerge unter seinen Beratern vor Ehrfurcht und Stolz gleich etwas aufrechter standen.
''Habt Geduld, meine Freunde,'' erklärte er, und seine Stimme erfüllte die gesamte Halle. ''Während die Königliche Wache eine Durchsuchung des Berges durchführt.''
''Nach was?'' rief einer der ungehobelten Besucher aus.
Dwalin trat vor und stellte sich neben den offenen Sarg des gefallenen Zwerges. ''Jene Personen,'' dröhnte er, '' die verantwortlich sind für den Mord an einer Königlichen Wache und den Akt von Sabotage gegen den Berg selbst.''
Die entfernten Rufe von Raben, die Alarm schlugen, hallten durch die weitläufigen Hallen bis in den Thronsaal. Augenblicke später schoss ein einzelner Rabe mit glänzendem Gefieder durch die riesigen Türen, flog geradewegs auf den Thron zu und umkreiste ihn, während er lauthals kreischte.
Die meisten Zwerge konnten die Vögel nicht verstehen, doch ein jeder mit auch nur einem Tropfen Blut aus Durins Geschlecht in den Adern konnte es mit Sicherheit - und so wandten sich Fíli, zusammen mit Dwalin, Glóin und Dori dem Vogel zu, und horchten genau.
''Das Pulver! Wir haben das Pulver gefunden!'' wiederholte der Rabe immer wieder.
''So wie dieses Pulver?'' fragte Dwalin, und deutete mit seinem Stab auf die Kiste mit Gesteinstrümmern, die Bofur mitgebracht hatte.
Der Rabe schoss herab, landete auf dem Rand der Kiste und beäugte die Beweise im Inneren. Er pickte einmal daran und bewegte dann seinen Kopf aufgeregt auf und ab. Auch jene, die kein Blut aus Durins Linie in den Adern hatten, konnten sich die Antwort des Raben zusammenreimen.
''Wir haben diese Probe vergangene Nacht an der Stelle des letzten Steinschlages nahe der westlichen Terrasse gesammelt,'' erklärte Bofur mit lauter Stimme, damit ihn alle hören konnten. ''Der Steinschlag, der unseren geehrten Gefallenen getötet hat, den Veteranen Hoskel.'' Er nahm seinen Hut ab und nickte respektvoll in Richtung des aufgebahrten Zwergs. ''Bei der rötlichen Substanz, die mit dem Gestein vermischt ist, handelt es sich um Rückstände von Rotstaub – Sprengpulver. Eine sehr spezielle Sorte von Sprengpulver, die in Erebors Minen nicht verwendet wird, weil sie zu gefährlich und unberechenbar ist. Sie wird nur an einem einzigen Ort hergestellt, und der ist ziemlich weit weg von hier.''
''Es ist in unserem Königreich verboten,'' meldete sich Glóin zu Worte. ''Tatsächlich wurde dieses Pulver bis jetzt nur von den Streitmächten Mordors benutzt. So sagte man uns.'' Er guckte böse auf die versammelte Menge vor ihm. ''Es wird inzwischen nicht mehr hergestellt und der Vorrat vernichtet.''
''Die Raben,'' Dwalin trat vor, und stellte sich neben seinen Cousin, ''zeigen uns, wer unter den derzeitigen Bewohnern Erebors Rotstaub in seinem Besitz hat.''
Mehrere aus dem Gedränge von Zwergen traten zurück, als wollten sie sich von jeglicher Verbindung mit mutmaßlichen Saboteuren distanzieren.
König Fíli, der auf dem Thron saß, hob eine Hand und der Rabe flog pfeilschnell auf ihn zu, landete auf der hohen Lehne des großen Throns und hüpfte dann auf des Königs Hand. Fíli sprach kurz zu dem Vogel und schickte ihn dann mit einem neuen Auftrag wieder los.
In der Zwischenzeit,'' erklärte Glóin mit lauter Stimme, ''warten wir darauf, dass die Wachen Erebors die Beschuldigten hervorbringen werden. Er verschränkte seine Arme und stützte sie auf seinen kurzen Stab, ganz klar bereit, eine längere Zeit auszuharren.
Kíli öffnete ein Auge, alles war verschwommen und er fühlte sich völlig verwirrt.
Spinnen… Immer erinnerte er sich an Düsterwaldspinnen, wenn er sich so fühlte. Netze! Er kämpfte, um seine Arme zu befreien, dann wurde ihm klar, dass er in seinem Bett lag… in seinem eigenen Bett in den Gemächern seines Bruders in Erebor.
Keine Netze. Nur Laken. Ihm war viel zu heiß für Laken und Decken. Da er offensichtlich die Robe, die sie ihm gegeben hatten, schon abgeworfen hatte, wollte er jetzt die Decken am liebsten ebenfalls von sich schleudern.
Vielleicht ein bisschen später. Seltsamerweise konnte er den Willen, irgendetwas von sich zu schleudern, nicht so recht aufbringen. Wenn ich einfach hier liegen bleibe, versuchte er sich zu sagen, doch rasch entglitten ihm der Gedankengang und das Bewusstsein, wo er war.
Netze… Sein Bruder und er – von Spinnengift betäubt und gefangen in Netzen.
Es ist so schwer, wach zu werden… ich brauche ein Schwert… die Netze zerschneiden…
Der Nachhall von jemand anderes Stimme: Wo ist Bilbo?
Ein Stuhl scharrte über den Boden, dieses Geräusch war eindeutig. Kíli blinzelte, bis sein Blick klar wurde, und erneut erkannte er seine eigene Kammer in Erebor. Irgendjemand schürte das Feuer.
Sie wandte sich um, um ihn anzusehen, wunderschöne grüne Augen, klar und rund, und so voller Besorgnis.
Das Heilermädchen. Eine, wie er noch keine zuvor getroffen hatte. Ehre… und ein Kämpferherz…im Dienste ihres Volkes, sie hatte all das.
Und wunderschön war sie. Die Art wie sie sich bewegte… und so besonnen. Doch sie hatte ihn zum Lachen gebracht, er erinnerte sich gut daran. Und ihre vollen Lippen… so einladend.
Und was hatte er getan? Für einen Moment konnte er gar nicht mehr denken. Und dann traf ihn die unaussprechliche Erkenntnis… er wusste ganz genau, was er getan hatte. Auf eine Art war es eine gute Sache, dass er zu fiebrig war, um auch nur laut zu stöhnen.
Mahal… dieses Mädchen in seinen Armen, sie war perfekt, und doch so unerreichbar?
Er war so hoffnungsvoll gewesen, dass das Fieber verschwunden wäre, dass eine echte Freundschaft mit einem ehrenhaften Mädchen absolut möglich war. Dass er sich selbst hatte glauben lassen, sie könnte ihn erwählen? Du blöder alter Esel, schalt er sich selbst. Das Fieber war ganz offensichtlich nicht verschwunden… er war von den Schatten Morguls verwundet. Gezeichnet. Verflucht! Niemand würde so etwas lieben.
Machte ihn das nicht zu einem gänzlich inakzeptablen Kerl für so ein viel versprechendes junges Mädel wie dieses?
Er könnte sich ebenso gut ein Messer ins Herz rammen.
Er schloss seine Augen. Es kann einfach nicht sein. Sie muss mich vergessen, sagte er sich. Der Gedanke schmerzte noch mehr als seine Narbe des Morgulspfeils. Ein Mädchen wie sie hatte er noch nie zuvor getroffen.
Aber sie hätte das nicht verdient, flüsterten ihm innere Stimmen ein. Vergiftet. Verdorben. Von Krankheit befallen. Er war es nicht wert, dass sie ihre Zeit mit ihm verschwendete.
Und wenn sie blieb, würde sie all das nur zu bald erkennen. Sein Fieber würde weiter steigen, er würde nicht mehr fähig sein, seine Schreie zu unterdrücken… und er würde noch mehr, noch quälendere Stimmen hören… die Dunkelheit naht… dein Leben, Abschaum, es ist hier gar nichts wert…
Das Mädchen musste gehen, entschied er in seinen im Fieberwahn wirbelnden Gedanken, vergessen, dass sie sich jemals getroffen hatten. Zu einem Dienst in weiter Ferne eingeteilt werden… am besten zurückgeschickt in die Ered Luin, oder nach Thal.
Er würde sie ebenfalls vergessen müssen... irgendwie...
Kíli versuchte verzweifelt, seinen Willen zu stählen. Ich darf ihr nichts weiter sein als ein weiterer Bursche, der in einer Schlacht verloren wurde.
Die Gelegenheit, ein Bad zu nehmen, war Nÿr höchst willkommen. Frau An (die Königin!) war zurückgekehrt, um sich um des Königs Bruder zu kümmern und hatte sie mit einer würdigen alten Kammerfrau in einer grünen Tunika weggeschickt, die beim Anblick des Matsches an Nÿrs Uniform brummelte und gutmütig den Kopf schüttelte.
''Ein heißes Bad und saubere Sachen,'' sagte die alte Dame, während sie sie die Halle entlang führte. ''Hier hinein, Mädel.''
Wenn Nÿr noch gezweifelt hatte, dass sie sich tatsächlich im Inneren der Gemächer der Königlichen Familie Erebors befand, dann zweifelte sie spätestens jetzt nicht mehr. Eine Kammer von feinstem, sauberem, poliertem Stein mit vornehmen Teppichen und einem in den Boden eingesenkten dampfenden Bad, groß genug für… zwei?
Kíli… Nÿr starrte auf das dampfende Bad, sie erinnerte sich an die Berührung seiner Hände, die von ihren Schultern den Rücken herab glitten. Sie stellte sich das sanfte Geräusch von plätscherndem Wasser gegen bloße Haut vor, untermalt von schweren Atemzügen, die Umrisse seiner Muskeln unter ihren Händen, und die Luft war ein Hauch von Salbei, vermischt mit Kílis unverkennbarem Duft.
''Kommt jetzt – raus aus diesen Arbeitskleidern.'' Die Kammerfrau schob sie durch die Tür.
Nÿr wurde aus ihren Gedanken gerissen und kam langsam ins Hier und Jetzt zurück.
''Unsere Herrin hat eine Nachricht an den Vorsteher der Heiler geschickt, dass ihr vorübergehend neu zugeteilt wurdet,'' sagte die Kammerfrau und deutete auf ein ordentliches Bündel, welches auf einer hölzernen Bank lag. ''Und man hat frische Sachen für Euch geschickt.''
Meine Hausstiefel und eine saubere Uniform. Nÿr blinzelte vor Verblüffung über die königliche Umsicht. ''Danke…'' brachte sie hervor.
Die Kammerfrau lächelte. ''Weicht Euch ordentlich ein, mein Kind,'' sagte sie wohlwollend. ''Lasst Eure schmuddeligen Sachen dort,'' sie zeigte auf einen Korb. ''Wir werden sie waschen lassen, und dann bekommt Ihr sie wieder.'' Und nach einem freundlichen Klopfen auf Nÿrs Arm zog sie sich mit einem Nicken aus dem opulenten Raum zurück, schloss die Tür und ließ Nÿr allein, die ungläubig auf die gepolsterte Bank starrte, die kristallenen blauen Sprenkel, die den prächtigen tiefgrünen Stein durchzogen und die behauenen Bodenplatten, in die des Königs Siegel gemeißelt war.
Für einen Moment stand sie fassungslos. Sie konnte sich kaum vorstellen, diesen makellosen Boden mit ihrer verdreckten Kleidung zu verunreinigen.
Nun, ich sollte mich beeilen, schalt sie sich. Und nachdem sie gerade erst eine zehnwöchige Reise quer durch halb Mittelerde hinter sich gebracht hatte, erkannte sie die Wohltat, die ein schönes heißes Bad versprach. Und plötzlich wollte sie nichts anders, als sich in dieses wundervoll dampfende Wasser sinken zu lassen…
Rasch schlüpfte sie aus ihren schmutzigen Kleidern und warf sie in den Wäschekorb. Sie griff sich zwei Badetücher (Mahal, das mussten mindestens zwanzig sein, die da säuberlich auf dem Regal aufgestapelt waren), und begab sich geradewegs zum Bad und tunkte einen Zeh hinein.
Nÿr hatte keine Worte für das augenblickliche Wonnegefühl und war im Nu bis zum Hals im Wasser.
Sie fühlte, wie die Spannung aus ihrem gesamten Körper wich, und sie ließ ihren Kopf mit einem langen, tiefen Seufzer zurückfallen. ''Aahhh…''
Sie schöpfte sich mit den Händen Wasser ins Gesicht, ließ es ablaufen und öffnete dann flink ihren langen Zopf und schüttelte das Haar aus. Sie tauchte unter, ließ es offen treiben und kam dann neben dem kleinen Sims mit den Seifen wieder an die Oberfläche.
Mit der ihr in ihrer Eigenschaft als Heilerin typischen Effizienz in diesen Dingen wusch sie ihr Haar, spülte die Seife aus, um sich dann gegen den Rand des Beckens zu lehnen und sich einen Moment der Besinnung zu gönnen. Ein Bad in den Königlichen Gemächern…! Nie im Leben hätte sie sich so etwas vorgestellt.
Sie atmete die dampferfüllte Luft, die intensiv nach Salbei duftete, tief ein… doch war da kein Hauch von Kíli. Dennoch, die Erinnerung war in ihrem Kopf noch so lebendig, an seine Wärme, seine Berührung, wie sie eingeschlafen war, angekuschelt an seine starke Schultern. Sie schloss die Augen, als wäre sie wieder mit ihm in der eingeschneiten Wachstube. Er war einzigartig gutaussehend und so kräftig gebaut, Humor spiegelte sich in seinen Augen und seine Art zu lächeln hatte so viel Charme, er war bescheiden und gutmütig…
Als sie die Augen öffnete, erkannte sie, dass sie sich in Wahrheit allein in einem Baderaum befand, der größer war als der gesamte Schlafsaal der Lehrlinge. Nach einem Moment griff sich ein kleines Tuch und die Seife und begann, sich abzuschrubben.
Doch als sie das tat, kam es ihr wieder in den Sinn, und der Gedanke war auf eine Weise ernüchternd. Kíli hatte ihr Ohr geküsst, genau auf diese Stelle. Mahal, und nicht nur ihr Ohr! Einmal mehr konnte sie seine starke Hand beinahe spüren, wie sie sich sanft um ihre Hüfte legte… und wie sie sich gefühlt hatte… mit ihm, ganz ohne nachzudenken, so leidenschaftlich…
Sie hielt inne. Es war nur eine Nacht… gefangen in einem Schneesturm.
Glückselig? Ja. Realistisch? Nein!
Sie sah auf das dicke Tuch in ihrer Hand. Derlei Dinge… so etwas ist nichts für Meinesgleichen, wurde ihr plötzlich klar. Sie war kein hochwohlgeborenes Mädchen, das sich stundenlang zurechtmachte. Eigentlich scherte sie sich herzlich wenig um ihre Garderobe oder ihr Haar, sie zog ihre einfache Arbeitsuniform und den traditionellen Zopf der Heiler vor… tatsächlich konnte sie sich nicht vorstellen, ihr Haar zu irgendetwas anderem zu verknoten oder eine Flut von Rüschen zu tragen.
Ich gehöre hier nicht her, nicht ich, nicht mit meiner Vergangenheit, kam es ihr schmerzlich in den Sinn, als sie sich in dem luxuriösen Raum umsah. Das war Kílis Welt, nicht ihre. Sie war in den anrüchigsten Etablissements im übelsten Viertel von Thal aufgewachsen.
Sie beendete diesen Gedanken. Sicher, sie hatte dieses Leben hinter sich gelassen und sich über die Fehler eines rebellischen Waisenkindes erhoben, um ihren Wert durch ihren Arbeit, ihrem Dienst zu beweisen.
Doch Kíli war der Prinz von Erebor. Des Königs Bruder… Ihr wurde ganz flau im Magen. Mahal, was habe ich mir bloß dabei gedacht?
Nun, sie hatte gar nicht gedacht.
Sie verbarg ihr Gesicht in ihren Händen. Ihre ungeordneten Gedanken brachten sie dazu, sich mehr und mehr Zweifel einzureden. Erebors Heiler waren stolz auf ihre Moral, und während der Ausübung des Dienstes in irgendwelche Liebesgeschichten verwickelt zu werden war inakzeptabel. Sie machte den selben Fehler wie mit dem Mann aus Thal wieder, und die Gerüchteküche würde gnadenlos sein. Sie schloss fest die Augen, als ob sie damit ihre Tränen zurückhalten könne. Aber sie konnte es nicht. Sie begannen zu fließen.
Wo konnte das womöglich hinführen? Sie hatte keine Zweifel, dass ein Mädel niederer Herkunft in keinster Weise in Frage kam, nicht mal für eine einfache Freundschaft mit einem Prinzen. Und mit ihrer Vorgeschichte? Mädchen, die mit Prinzen verbunden werden, sollten reinen Herzens sein, und ebenso reinen Körpers…
Was blieb da? Etwas Spaß im Bett nebenbei? Eine flüchtige Liebschaft, wie mit einem Kammermädchen, das nur dem gelegentlichen Vergnügen diente? Wütend wischte sie sich mit einer ruckartigen Bewegung eine Träne von der Wange.
Nein!
Und dann spürte sie eine plötzliche Angst in der Magengrube. Wenn der Oberste der Heiler das jemals heraus fand… Mahal. Er würde sie augenblicklich davon jagen.
Sie tauchte noch einmal unter und kam mit entschlossener Miene wieder hoch. Heiler wurden ausgebildet, sachlich zu sein, und sich nicht von Gefühlen wie diesen einfangen zu lassen. Du musst Deine Pflicht tun, erinnerte sie sich selbst.
Sie musste ihr Verhalten ändern… schließlich standen all ihre Jahre der Ausbildung und ihre Zukunft als anerkannter Heiler auf dem Spiel. Sie musste Kíli jetzt als einen Patienten sehen, nicht mehr. Sie würde sich gemäß der Wünsche seines Bruders um ihn kümmern, und dann an den ihr angemessenen Platz in den Hallen der Lehrlinge zurückkehren.
Ihre gemeinsame Nacht vor dem Feuer war nur das Ergebnis eines Fiebertraums, entschied sie. Vielleicht nur ein flüchtiges Techtelmechtel, aus der Gelegenheit heraus, angenehm für nur eine Nacht. Wie sonst sollte sie es sehen? Mit diesem Gedanken stieg eine Welle von Ärger auf sich selbst in ihr auf. Wie hatte sie ihm so leicht verfallen können?
Nun, es war passiert. In ihrem Herzen wünschte sie sich, sie wäre die Art von Mädchen, die so eine gewagte und unverschämte Wahl treffen könnte.
Ich kann das nicht sein, sagte ihr eine kleine, leise Stimme. Wer auch immer den Bruder des Königs auserwählte, müsste viel anmutiger sein, reiner vor allem, ein besseres Benehmen haben, besser sein in… einfach allem.
Doch sie war nichts davon, und sich das einzugestehen war schmerzhaft.
Mit diesem Gedanken wrang sie ihr Haar aus und gestattete sich keine weiteren ausschweifenden Badefreuden und vor allem keine weiteren Tränen.
Verwundete Soldaten, das wusste sie, hatten ständig kurze Schwärmereien für die Heilerinnen und stellten ihnen nach. Es gab genügend Winkelzüge, die ein Mädchen unternehmen konnte, um dem aus dem Wege zu gehen – den Burschen zu meiden, indem sie die Schichten tauschte, die Zuteilung zu einer Abteilung wechselte…
Aber einem Prinzen?
Ja. Allerdings! Sobald sie aus dem Dienst in den königlichen Gemächern entlassen wurde und sich wieder in der Krankenhalle melden würde, würde sie um Zuteilung zu den Geburtsräumen bitten. Schließlich hatte sie in den Ered Luin genug über die Behandlungsweisen bei schwierigen Geburten gelernt. Sie trocknete ihr Haar mit einem Badetuch, blickte noch einmal auf die kristalldurchzogenen Steinmetzarbeit in dem Baderaum… und erkannte einmal mehr, wie schrecklich fehl am Platze sie war.
Oh, Kíli… dachte Nÿr für einen letzten Moment und bereute in ihrem Herzen Gefühle, die sie sich einfach niemals zugestehen konnte.
Dann schüttelte sie den Kopf über sich selbst und kleidete sich wieder an, saubere Hosen und eine Bluse im Blau der Heiler und die typische Weste darüber. Ich bin ein Heilerlehrling, schlicht und einfach, sagte sie sich.
Und wenn es ihm wieder besser ging, fürchtete sie, würde der Prinz sie auch als nichts anderes sehen.
Mit heftigem Herzklopfen, gepeinigt von einem weiteren Albtraum von Spinnen und Orks erwachte Kíli zum zweiten Mal, nur um das Geräusch von plätscherndem Wasser zu hören, gefolgt von der sanften Berührung eines warmen, feuchten Tuchs auf seiner Stirn, und dem berauschenden Duft von dampfendem Athelas. Bierfässer und der Rauch von Holzfeuer… die Erinnerung an bessere Tage, längst vergangen. Sie lullte ihn beinahe wieder in den Schlaf.
Doch da waren ihre Hände, die behutsam seine Wangen berührten und tröstend über seine Brauen strichen. Oh, Mädel… Er wusste, dass sie es war – die süße Heilerin Nÿr. Die Meine… und doch nicht Mein. Sie wird niemals die Meine sein. Er biss die Kiefer zusammen gegen den Drang, sein Gesicht gegen ihre Hand zu schmiegen, seine Lippen auf die Innenseite ihres Handgelenkes zu pressen. Was würde ich nur darum geben, für dieses Mädchen in meinem Leben…
Doch als er sich schließlich rührte, wandte er sich ab von ihr, und seine Gedanken wurden finster. Sie hatte etwas Besseres verdient als einen verbitterten alten Krieger, die nicht mal im Stande war, jemals auch nur seines Bruders Land zu verlassen.
''Seid Ihr wach?'' flüsterte sie.
Er öffnete ein wenig die Augen und sah sie – die hochgewachsene Gestalt des Mädchens, dass er nun vergessen musste.
Sie sah ihn mit den Augen eines Heilers an, sachlich und kühl, konzentriert auf ihre Aufgabe. Sie untersuchte seine Augen, fühlte die Temperatur seiner Haut, richtete die Decke um ihn.
Mahal, erkannte er, als ihm klar wurde, dass sich etwas verändert hatte. Dann weiß sie es auch. Sie weiß, dass sie nicht bleiben kann. Unerklärlich, doch es schmerzte ihn weitaus tiefer, als er vermutet hatte.
Gereizt zerrte er einen Arm unter der Decke hervor und rieb sich am Ohr, als ob das helfen würde, seinen Kopf klar zu kriegen. Wieso war alles so verdammt konfus, wenn das Fieber kam?
Ihr nüchterner Gesichtsausdruck zeigte, dass sie seinen Zustand beurteilte. Und da war er wieder, dieser süße Schwung ihrer Hüften… sie schob eine Schale mit Athelas näher, und fächelte den Dampf über ihn.
Er ließ seine Hand auf die Decken fallen, als die plötzliche Anspannung sich in einen verwirrenden Strudel von Enttäuschung und Erleichterung gleichermaßen auflöste. Nach einigen tiefen, beruhigenden Atemzügen sah er auf. Das Ende ihres Zopfes, diesmal noch leicht feucht, hing ganz nahe bei seiner Hand, und ganz instinktiv strich er erneut darüber.
Sie erstarrte.
''Sag' mir, was Du denkst,'' bat er sie leise.
Für einen endlosen Moment sagte sie nichts. Er sah ihr in die Augen und ihre Blicke ruhten aufeinander.
''Ich werde mein Bestes tun, als Heiler, '' sagte sie schließlich, und ihre Worte hörten sich einstudiert an. Doch als sie sich abwandte, klang ihre Stimme bekümmert. ''Ich bin kein angemessener Partner für Euch, Kíli. Ihr wisst das. Ganz Thal weiß das.'' Sie schüttelte den Kopf. Wieso sah er das nicht ein? ''Ich versichere Euch, die Gerüchte über mich sind nicht vergessen.''
Er fühlte, wie seine Augenbrauen verblüfft emporschossen, und er zwang sein benebeltes Gehirn, vernünftig zu funktionieren. ''Ich dachte, ich bin derjenige…'' brachte er hervor. ''Unzureichend für ein Mädchen wie Dich.''
Sie sah ihn erschrocken an.
Das beruhigte den Teil von ihm, der sich von ihrer Kühle und Zurückhaltung getroffen fühlte. ''Ich hatte so gehofft, dass all dies vorbei wäre…'' Er versuchte, es leichthin auszusprechen und die Verzweiflung über den Fluch, den er mit sich trug abzuschütteln, doch seine Worte kamen schmerzerfüllt heraus. Er ließ ein wenig ärgerlich den Atem heraus. ''Ist es aber nicht.''
Ihre schönen grünen Augen waren voller hervor quellender Tränen, und sie schüttelte den Kopf. ''Nein,'' bestätigte sie, '' ist es nicht.'' Dennoch weinte sie nicht um ihn, sie gab den Tränen nicht nach.
Oh mein tapferes Mädchen. ''Mahal…'' murmelte er. ''Ich will Dich nicht verlieren.'' Er fühlte es tief in seinem Herzen, war sich aber nur halb bewusst, dass irgendetwas ihn veranlasst hatte, es laut auszusprechen.
''Mein Herr,'' sagte sie zweifelnd. ''Ich würde mir nicht anmaßen, dass eine Nacht der…''
''Nein,'' unterbrach er sie, er fühlte plötzlich eine ungewöhnliche tief sitzende Angst und versuchte, aufzustehen. ''Das war keine flüchte, einmalige Sache. Du,'' sagte er und sah ihr fest in die Augen, ''bist niemand, den man benutzt und wieder wegwirft. Nicht für mich.'' Er schluckte hart, und erwartete nun die Worte zu hören, vor denen er sich die ganze Zeit so gefürchtet hatte. Das ist zu viel. Ich verstehe es nicht.
''Und hör' auf, mich Herr zu nennen.'' Seine Worte waren kaum mehr als ein Wispern.
''Legt Euch wieder hin und ruht Euch aus. Ihr seid krank…'' Ihr Arm war um ihn geschlungen und sie legte ihn behutsam wieder auf sein Kissen, und er ließ sie es tun – alles, wenn es nur bedeutete, dass sie nahe bei ihm blieb. Er konnte sogar den frischen Duft von Seife und Salbei-Öl wahrnehmen, ihre sanfte Stärke spüren…
Sie beruhigte ihn, ein Daumen strich zärtlich über seine Stirn. Seine Lider wurden plötzlich ganz schwer und er hob eine Augenbraue ein Stück, überrascht von der Wirkung.
Und dann war er wieder eingeschlafen.
Als Kíli zum dritten Mal erwachte, war er aufgeschreckt vom Geräusch eines Andranges vor der Tür seiner Kammer. Er setzte sich auf, und sein Instinkt aufzuspringen stand im Widerstreit mit dem völligen Fehlen von Kraft und Gleichgewicht.
Und anstatt seine Decken von sich zu werfen und nach seinem Schwert zu greifen, erschöpfte er sich schlicht bei dem Versuch, all seine Kräfte gut genug zusammen zu nehmen, um einfach nur aufrecht zu sitzen.
Und da war Nÿr, die die Tür öffnete, vor der sich ein großer, glänzender Rabe fand, der herein hüpfte, und dann auf eine Stuhllehne flog.
''Oh,'' hörte Kíli sie hervorstoßen, und ein Teil seines Gehirns fragte sich, ob das ein Bruchstück eines abwegigen, sonderbaren Fiebertraums war.
''Hen-Hen… Hen-Hen…'' Der Rabe schien sich vor dem Mädchen zu verbeugen, so wie ein Jungvogel sich einem Alten fügen würde. Dann beäugte er Kíli. ''König befehligt Raben Prinz in die große Halle,'' krächzte der Rabe und behielt Kíli mit festem Blick im Auge.
''Jetzt?'' fragte Nÿr den Vogel. ''Es geht ihm nicht sehr gut. Es wäre besser wenn…''
''Jetzt,'' antwortete der Rabe. ''König sagt jetzt.''
''Jawohl, Herr Vogel,'' lenkte Nÿr ein und machte einen kleinen Knicks. ''Bitte richte Seiner Herrschaft aus, dass sein Bruder da sein wird.
Damit betrachtete der Rabe Kíli noch einmal, dann flog er auf und war aus der Kammer.
Kíli starrte und versuchte immer noch das, was ihm sein fiebriges Gehirn vorgaukelte, von der Wirklichkeit zu trennen.
''Hier, ich kann Euch helfen, Euch fertig zu machen, sagte Nÿr, und entdeckte seine weggeworfene Robe .
Kíli blinzelte sie nur ungläubig an. ''Der Rabe,'' sagte er, und versuchte seine Gedanken zu ordnen.
''Ja, er hat eine Nachricht von Eurem Bruder überbracht.''
''Aber Du hast ihn verstanden.''
Doch Nÿr schien unbekümmert, als sie die Robe ausschüttelte. ''Raben sind nicht schwer zu…''
''Doch, das sind sie,'' erklärte Kíli mit aufgerissenen Augen. ''Das ist eine ungewöhnliche Gabe. Wirklich ungewöhnlich.''
Sie hielt ihm die Robe hin.
Kíli riss sie ihr aus der Hand, ihre einfache Geste beschämte ihn plötzlich. ''Und seit wann bist Du meine persönliche Pflegerin geworden?''
Er sah, wie ihre Haltung erstarrte. Mahal, er war wirklich ein schrecklich bissiger Griesgram, wenn er sich nicht gut fühlte.
''Es tut mir leid,'' murmelte er und streckte den Arm aus, um ihre Hand zu berühren. ''Ich wollte Dich nicht anfahren. Es ist nur… Ich möchte einen Freund, keine Dienerin.'' Er lehnte seine Stirn gegen ihren Arm. ''Wenn Du mich haben willst,'' sagte er leise. ''Jetzt wo Du es weißt.''
Er fragte sich, ob sie ihn nun auch für verdorben hielt, unakzeptabel, befallen wie er war, von einer Krankheit, die niemals geheilt werden konnte.
Nÿrs Gesicht war unbewegt, doch ihre Augen blinzelten, als ob sie nachdachte. ''Ich bin nur ein Waisenmädchen, das eine Heilerin werden will,'' sagte sie langsam. ''Niemand würde jemals meine Wahl für Euch ernst nehmen, selbst wenn ich sie aussprechen würde.''
''Ich würde,'' stieß er nachdrücklich hervor. ''Und wenn Du mit Raben sprechen kannst, dann bist Du nicht nur ein Waisenmädchen.''
Dann fügten sich drei weitere Erkenntnisse rasch in seinem benommenen Kopf zusammen. Sie war von Durins Geblüt, und sie würde gejagt werden dafür. Und diese Geschichte mit dem Mann aus Thal, der sie dazu hatte bringen wollen, mit ihm wegzugehen? Das hieß vielleicht, dass jemand anderes es auch wusste und bereits versucht hatte, sie gegen ihren Willen zu verschleppen.
Mahal, wie konnte es sein, dass niemand das gewusst hatte. Die Grauen Berge wollten ihn für eine Heirat… doch Tatsache war, alles was sie brauchten war sie. Allein… ohne eine Sippe, die sie beschützte.
Nicht auszudenken… Nein! Das Entsetzen über das, was ihr geschehen würde, ließ seine Eingeweide gefrieren.
Kíli schlüpfte unter den Decken hervor und wollte stehen, doch stattdessen schwankte er und griff nach dem Bettpfosten, um sich festzuhalten.
Nÿr runzelte die Stirn und langte nach ihm, um ihn zu stützen. ''Ich verstehe nicht.''
Er sah sie an, ihre Augen beinahe auf einer Höhe, und er versuchte zu lächeln. ''Dann ist es umso wichtiger, dass ich es tue.''
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A/N.: Während der Überarbeitung und Übersetzung haben Summer und ich darüber nachgedacht, wie das Königliche Bad in Erebor aussehen könnte. Da Malachit für das satte Grün von Erebors Gestein das naheliegendste Mineral ist, habe ich mich in meiner Eigenschaft als Hobbygeologe daran gemacht zu recherchieren, was zusammen damit vorkommt. Summer hat sich sehr über die Recherche gefreut. Was ich ermittelt hatte war Folgendes: Malachit kommt hauptsächlich zusammen mit Azurit vor (ein Mineral mit satter königsblauer Farbe), sowie mit Baryt (meist ausgebildet als weiße oder rosafarbene Kristalle), Calcit (weißlich gelb) und mit Bornit, auch Buntkupferkies genannt, welches vielfarbig metallisch glänzt. Dementsprechend prächtig kann das Königliche Bad in Fílis Gemächern aussehen.
An diesem Kapitel haben wir lange gefeilt, und Tallboy gilt diesmal ein besonders großer Dank für seine immer guten Hinweise, falls wir Mädels uns mal verheddern. ;-)
Mahals Segen, Jessie & Summer
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