Die Sonne ging unter.
Ihr rotes Licht erleuchtete die Pyramiden im Tal der Könige, das sich unter ihm erstreckte.
Es war ein Spektakel, an dem er sich einfach nicht sattsehen konnte. Er hoffte, dass sie noch einige Tage hier bleiben würden, damit er noch mehr dieser Licht- und Schattenspiele in sich aufnehmen könnte.
„Wundervoll, nicht wahr?"
Unbemerkt war Mo-Chu neben ihn getreten – aber nicht zu nahe, wie er aufatmend feststellte.
„Ich wollte nicht gehen, ohne noch einmal einen Sonnenuntergang im Tal der Könige zu sehen", sagte Mo-Chu.
„Sie gehen?" fragte Severus perplex. „Wegen dem, was heute passiert ist?"
„Nein, deshalb nicht. Oder vielleicht doch. Wie dem auch sei: in wenigen Tagen beginnt die Fashion-Week in New York, und ich habe einige Buchungen als Model."
Mo-Chu schwieg.
Severus wusste einfach nicht, was er sagen sollte. Stattdessen sah er ins Tal hinab, wo die letzten goldenen Strahlen der Sonne die Spitzen der Pyramiden küssten.
Als die Sonne schließlich hinter dem Horizont versunken war und Fackeln auf der Dachterrasse des gesichtslosen Hotels entzündet worden waren, wandten sich auch die beiden Männer ab.
„Bitte missverstehen sie mich nicht", sagte Mo-Chu. „Aber ich würde gerne noch etwas mit ihnen trinken, Severus." Er deutete auf die Bar, die sich in der gegenüberliegenden Ecke der Terrasse befand.
„Warum?" fragte Severus misstrauisch.
„Weil ich ihnen gerne etwas erklären würde", antwortete Mo-Chu. „Vielleicht meine Art, mich zu entschuldigen."
Severus nickte.
„Ich bin ein Zauberer", fing Mo-Chu an als sie schließlich an einem der kleinen Tische saßen und ägyptischen Rotwein vor sich stehen hatten.
„Ich bin ein Zauberer, der in der magischen Welt nicht leben kann."
Mo-Chu schwieg und nahm einen kräftigen Schluck aus seinem Glas.
„Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Ich kann nicht in einer Welt leben, in der es so wichtig ist, wer man ist und dass man sich stets den Normen unterwirft. All das Gerede von der ‚Reinheit des Blutes' – als sei mein Blut nicht genauso rot wie das der Reinblüter …"
„Aber das ist doch gar nicht der Punkt", warf Severus ein.
„Na ja, irgendwie schon. Ein mugglegeborener Schwuler … ich war immer ein Außenseiter in einer Welt, die mir eigentlich Zuflucht sein sollte."
Auch für Severus war die magische Welt eine Zuflucht gewesen und Heimat geworden – sie schützte ihn vor einem gewalttätigen Muggle-Vater, für den er nur ein nichtsnutziger Freak war und eine ohnmächtige Hexen-Mutter, die sich nicht traute, sich zur Wehr zu setzen.
„Ich bin mugglegeboren, in Amerika, in einem Indianerreservat – einer dieser lobenswerten Einrichtungen des weißen Mannes als seien wir eine vom Aussterben bedrohte Art, die man nur noch in Zoos schützen kann. Meine Mutter hat irgendwelchen Schmuck für die Touristen hergestellt und am Straßenrand verkauft, mein Vater hat Golfbälle in so einem Club für reiche weiße Geschäftsleute aufgesammelt. Dann kam der Brief der Salem Academy …"
„ … in der sie das Zaubern lernten", beendete Severus den Satz.
„Ohne unseren Schamanen wäre das kaum möglich gewesen. Er war selbst ein Zauberer und zahlte mein Schulgeld …"
„Aber wie sind sie Model geworden?" fragte Severus.
„Ich beendete meine Ausbildung und versuchte, so wenig wie möglich aufzufallen. In meiner Freizeit war ich fast nur in der Welt der Muggles und habe dort meinen ersten richtigen festen Freund kennen gelernt. Er hat bei einer Agentur gearbeitet und hat mich zu Probeaufnahmen mitgeschleppt … der Rest ist Geschichte, wie man so schön sagt."
„Warum sind sie jetzt hier?"
„Sie kennen Heidi nicht. Wenn sie etwas will, dann bekommt sie es auch. Außerdem war ich neugierig. Ich war schon lange nicht mehr hier gewesen und hatte gehofft, dass sich etwas geändert hätte, dass es Fortschritte gäbe … Irrtum meinerseits."
„Wissen sie, was ich immer weniger verstehe?" fragte Severus. „Wir sitzen hier, wir trinken etwas und reden wie ganz normale, vernünftige Menschen miteinander. Sie sind nachdenklich und ernsthaft. Warum haben sie sich in den letzten Tagen bloß so albern benommen? Und warum haben sie mich angemacht?"
„Meine persönliche Note – meine zweite Haut sozusagen. Als Model muss man exzentrisch sein, sonst ist man schnell arbeitslos. Man muss extravagant sein, sonst wird man nicht wahrgenommen. Wirklich Ich sein – das habe ich schon fast verlernt. Und nebenbei bemerkt: sie sind ein sehr attraktiver Mann."
„Sind sie jetzt sie selbst?" fragte Severus.
„Vielleicht – vielleicht auch nicht. Ich spiele so viele Rollen, dass ich manchmal selbst nicht mehr weiß, wer ich bin."
„Wenn Models um jeden Preis auffallen müssen, warum gesteht Heidi dann den Mädchen nicht auch ein paar Eigenarten und Verrücktheiten zu?"
„Das müssen sie Heidi fragen. Aber unter uns: keines dieser Mädchen hätte auch nur den Hauch einer Chance, als Model in der Welt der Muggles zu bestehen. Schon wegen ihres Aussehens. Und wie es hier sein wird … keine Ahnung."
„Wollen sie ewig ein wandelnder Kleiderständer sein?"
„Schwer zu glauben, aber ich liebe diesen Job – das Rumreisen, die tollen Klamotten, die aufgeschlossenen Menschen. Diese ganze Modeindustrie ist eine Welt für sich – wie die Welt der Magier, nur toleranter. Aber um ihre Frage zu beantworten: das ist weniger eine Frage des Wollens als des Könnens. Eine Modelkarriere endet meist mit dem Beginn des dritten Lebensjahrzehnts."
„Und dann?"
„Habe ich hoffentlich so viel Geld verdient, um mich zur Ruhe setzen zu können. Ich bin Künstler … Maler, um genau zu sein. Als Junge habe ich Indianerkitsch gemalt, den meine Mutter dann verkauft hat. Aber jetzt – vielleicht noch ein Studium, eine professionelle künstlerische Tätigkeit … wer weiß?"
Mo-Chu trank sein Glas aus, legte Geld auf den Tisch und stand auf.
„Mein Shuttle kommt gleich", sagte er. „Danke für's Zuhören und nichts für ungut."
„Leben sie wohl und viel Erfolg in New York", sagte Severus und streckte seine Hand aus.
„Den werde ich haben", antwortete Mo-Chu lächelnd und schlug ein.
Tief in Gedanken versunken blieb Severus noch lange in der kühlen Abendluft sitzen.
