Eine Agentenakademie ist das Coolste was es gibt.
Eigentlich.
In einer Akademie mit einer riesigen Sporthalle, einem Pool und einem Zimmer mit Internetanschluss und Fernseher kann man sich gar nicht langweilen.
Eigentlich.
Eine Vierzehnjährige hat einen gewissen Freiraum.
Eigentlich.
Seit einem Monat ist Dominique schon in der Akademie und hat Tag ein Tag aus nichts Besseres zu tun als zu lernen, fern zu sehen oder mit Zoe und den anderen Freaks Computerspiele zu spielen. Die Akademie hat das Mädchen seit ihrer Ankunft nicht einmal verlassen. Laut Al, Scarlett und den anderen ist es viel zu gefährlich, auch nur daran zu denken das Gelände zu verlassen.
Aber was spricht dagegen, einmal was anderes zu sehen? Sie würde sogar lieber shoppen gehen als den ganzen Tag nur in der Akademie zu verbringen. Sie sehnt sich nach ihren alten Schulkammeraden und Freundinnen, aber jeder Kontakt wurde ihr streng verboten. Sogar bei ihren alten Aufpassern hatte sie mehr Freiheiten, und die wollten eine Kamera in ihrem Zimmer installieren! Zum Glück haben sie es nicht getan, sonst wären ihre nächtlichen Ausflüge bestimmt aufgeflogen.
Moment: Ihre nächtlichen Ausflüge? Warum hat sie nicht eher daran gedacht? Die Akademie wird bestimmt strenger überwacht als ihr altes Zuhause, aber irgendwie muss sie es schaffen.
»Ja! Drei Null für Julius! Du bist unkonzentriert, Kleine.«
»Kein Wunder, oder? Ich musste drei Stunden ohne einen Taschenrechner rechnen, ich kann keine Zahlen mehr sehen, und Tibor erst recht nicht!«
Dominique versucht, so wenig wie möglich Verdacht zu erschöpfen. Keiner soll wissen, was sie für heute Nacht geplant hat, aber wenn sie schon gegen Julius bei Mario Cart verliert, ist das nicht gerade unverdächtig. Aber das mit den drei Stunden rechnen war zumindest nicht gelogen.
»Tja, Tibor kann anstrengend werden. Aber sei bloß nett zu ihn, er wartet nur darauf, dass seine Schussverletzungen soweit verheilt sind, damit er dich zu Katzenfutter verarbeiten kann.
Und glaub mir: Er kann es und er macht es.«
Auch das Mädchen hat bereits gehört, dass Tibor einen Tag vor ihrer Ankunft zweimal angeschossen wurde und wohl ziemlich starke Schmerzen haben muss. Das ist aber natürlich kein Grund, Mitleid zu zeigen und nett zu ihm zu sein. Oder ihn seine Schmerztabletten wieder zu geben, die sie ihm nach ihrer ersten Mathestunde geklaut hat.
»Soll er doch, ich mag Katzen. Außerdem: Er braucht es nicht an mir auslassen, wenn er sich langweilt. «
»Glaub mir, vor einem Jahr war er schlimmer. Viel schlimmer.«
»Ach ja, was war denn los?«
Upps, das sollte Julius natürlich nicht verraten. Sie soll gar nicht wissen, dass er Tibor bis vor einem Monat noch als absoluten Feind angesehen hat. Er vertraut ihm zwar immer noch nicht, aber das Mädchen soll deswegen nicht beunruhigt werden. »Das ist eine sehr lange Geschichte, aber nichts Besonderes eigentlich.«
»Ist ja auch egal. Ich geh jetzt lieber ins Bett, ich hab das Gefühl ich sehe hier überall Zahlen und Brüche.«
»Du gehst doch nur weil du verlierst.«
»Egal. Gute Nacht.«
Dominique geht freiwillig ins Bett? Ungewöhnlich aber was soll's. Julius kann ja nicht wissen, was sie plant…
Um Punkt Mitternacht weckt der Alarm sämtliche Agenten in der Akademie. Sie haben jetzt genau zwei Minuten Zeit, um sich anzuziehen und sich in Als Büro zu sammeln.
»Wasn los, Al?«
Wie immer ist Emmet derjenige, der am längsten braucht um in die Gänge zu kommen. Aber auch die anderen fünf und auch Scarlett und Al scheinen hundemüde zu sein.
»Wir haben ein kleines Problem, Mann. Dominique hat sich aus den Staub gemacht.«
»Das ist völlig unmöglich! Die Sicherheitsüberwachungen sind viel zu komplex. Eine Vierzehnjährige kann diese unmöglich knacken, schon gar keine Zivilistin.«
»Ich nehme das mal als Kompliment, Tibor. Aber sie musste die Programme gar nicht knacken, das Tor wird erst ab 22Uhr überwacht.« Wie immer wenn etwas passiert ist sitzt Scarlett mit übereinander geschlagenen Beinen auf Als Schreibtisch und versucht, Robinson vom Nachrichtendienst zu erreichen.
»Moment. Sie ist heute um neun ins Bett gegangen, heißt das sie ist seitdem schon verschwunden?« Al schaut Julius erst wie ein geparktes Auto im Regen an, dann schlägt er seine Hand gegen die Stirn. »Julius, Mann, ich dachte du wüsstest mehr über Teenager. Vierzehnjährige gehen nie freiwillig vor zehn ins Bett, verstehst du? Niemals!« Im Normalfall würde Tibor jetzt einen gemeinen Kommentar darüber ablassen, dass sich sein Bruder von einem kleinen Mädchen hat austricksen lassen, aber jetzt gibt es Wichtigeres. Scarlett beendet das kurze Gespräch mit Robinson, dann wendet sie sich an die anderen Agenten.
Scarlett nickt. »Das Mädchen ist zwar Zivilistin, aber nicht blöd. Trotzdem weiß sie nicht wie gefährlich die ganze Situation eigentlich ist. Ihr müsst sie so schnell wie möglich finden, sonst bringt sie sich vermutlich noch selbst in Gefahr.«
Alle Agenten haben sofort verstanden und machen sich auf den Weg, nur einer wird von Scarlett abgehalten.
»Du nicht, Tibor. Deine Wunden sind noch nicht gut genug verheilt. Warte lieber hier und sag Bescheid, falls das Mädchen hier auftauchen sollte.«
»Was? Falls sie wirklich schon von den Leuten von Projekt gefunden wurde bin ich der Einzige…«
»Genau deswegen, Mann. Die würden dich sofort töten, und wenn Giulia wirklich so schlimm ist wie du sagst dann wird sie mit dir vorher noch ganz andere Sachen anstellen wenn du verstehst was ich meine. Du kennst zu viele Informationen über das Projekt, wir können jetzt auf keinen Fall zulassen dass du doch noch erschossen wirst. Vertraue einmal deinem kleinen Bruder, Mann. Er weiß wohl was er tut.«
Tibor ist immer noch nicht überzeugt. »Ich zweifle nicht an seinen oder Delilahs Fähigkeiten, aber sie haben es zum ersten Mal mit dem Projekt zu tun.«
»Verstehe. Kann es sein dass du dir Sorgen machst?« Tibor schweigt, was für Al schon Antwort genug ist. »Bleib trotzdem hier. Höre einmal auf mich, du weißt was das letzte Mal passiert ist als du es nicht getan hast.«
Oh ja, das weiß er nur zu gut.
