13.
Der Bericht, den Mr. Darcy und Mr. Bingley bei ihrer Rückkehr von ihrem Besuch bei Viscount Whitby abgaben, tat freilich nichts, um Mrs. Darcys düstere Vorahnungen zu bestätigen. Der Viscount habe sie überaus freundlich und zuvorkommend behandelt, lautete das einstimmige Urteil beider Herren, und der wie üblich weit enthusiastischere Bingley fügte noch hinzu, er habe in seinem ganzen Leben noch kein so schönes und großzügiges Stadthaus gesehen, mit der Ausnahme des einen, in dem er das Vergnügen habe, derzeit zu Gast zu sein.
Die Bemerkung erforderte naturgemäß den Widerspruch seines Freundes, der vor sich hin brummte, man könne zwei Häuser wohl kaum miteinander vergleichen, wenn eines fast doppelt so groß sei wie das andere. Mr. Bingley erklärte daraufhin jedes Haus auf seine Weise für besonders sehenswert; die Einrichtung des einen sei vielleicht luxuriöser, dafür die andere geschmackvoller, und in dieser Art fuhren sie noch eine ganze Weile fort, bis die Damen anfingen, sich recht ungeduldig nach anderen Dingen zu erkundigen. - Ja, doch, den jungen Mr. Cedric Whitby habe man auch gesehen und ihm noch einmal in aller Form Dank abstatten können, der in entzückender Verlegenheit angenommen worden sei, und im übrigen habe er sich sehr eingehend nach Miss Darcys Gesundheitszustand erkundigt. Die beiden Damen Whitby hätten beide Gäste ebenfalls sehr erfreut begrüßt und bei der Nachricht, Miss Darcy sei erkrankt, sofort und spontan den Entschluß gefaßt, sie zu besuchen, was man ja vermutlich im Laufe des Tages bemerkt habe.
Und ja, auch Lord Raymund und Mr. Whitby hätten beide sehr auf einen baldigen Besuch in ihrem Haus gedrängt, sobald Miss Darcy sich wohl genug dafür fühle. Zwar hatte Mr. Darcy darauf hingewiesen, daß es eigentlich vielmehr an ihm sei, den Retter seiner Schwester und dessen Familie bei sich zu bewirten, aber davon wollte der Viscount nichts hören. "Wir werden uns schon noch bei Ihnen zu Gast laden, Mr. Darcy", hatte er lachend geantwortet, "und Ihnen so lästig wie nur möglich fallen", aber er habe das Thema als erster angeschnitten und bestehe nun auch darauf, daß in seinem Haus mit den gegenseitigen Einladungen der Anfang gemacht werde. Übrigens wisse er sich mit seiner Frau, seiner Tochter und seinem Sohn in diesem Punkt einig, weshalb nichts, was Mr. Darcy vorbringen könne, ihn in seinem Entschluß irre machen werde. Man mußte sich also dieser sehr nachdrücklichen Einladung beugen, konnte aber noch keinen Termin vereinbaren, da alles natürlich von Georgianas Genesung abhing.
Mit diesem Wissen im Hinterkopf tat letztere natürlich alles, um möglichst rasch gesund zu werden. Aber einige weitere Tage Bettruhe konnte Dr. Kenneth ihr dennoch nicht ersparen, denn das Fieber erwies sich als hartnäckiger als erwartet, und für eine Weile gesellten sich Mattigkeit, Kopfschmerzen und Appetitlosigkeit hinzu. Damit ging es ihr freilich noch immer bedeutend besser als der armen Mary Thornton, die zusätzlich zu all diesen Symptomen noch immer an den Nachwirkungen des gewaltigen Schreckens litt, den sie an jenem Theaterabend erlitten hatte. Mrs. Darcy, Mrs. Bingley und Miss Bennet statteten ihr und ihrer Familie einige Tage später, als es Miss Darcy schon wieder etwas besser ging, einen Höflichkeitsbesuch ab, und Elizabeth empfand tiefes Mitleid mit dem verängstigten Mädchen, das zwar schon wieder aufsitzen und sich auch für eine Weile im Salon am Kamin aufhalten konnte, aber dabei so bleich und großäugig herum schlich wie ein Schatten. Auch Sir Walter und Lady Thornton sorgten sich, wie sie Mrs. Darcy anvertrauten, sehr um ihre Tochter. Mr. Thornton bekamen die Gäste übrigens nicht zu sehen; er sei ausgegangen, richtete Lady Thornton etwas verlegen aus, und Mrs. Darcy verschwieg mit vollendetem Takt, daß sie den jungen Mann, als die Kutsche vorfuhr, ganz deutlich gesehen hatte, wie er vom Erkerfenster im ersten Stock zurücktrat.
So sehr Elizabeth Mitleid hatte mit der offenkundigen Beschämung des jungen Mannes, so wenig gefiel ihr sein Verhalten. Mr. Henry Thornton mochte in seinem bisherigen Leben zu sehr von Erfolg verwöhnt gewesen sein; jedenfalls schien er nicht in der Lage, auf seine eigene Schuld, die seinem Leichtsinn entsprungen war, nun mit der gebührenden Demut zu reagieren und sich den Folgen seines Übermuts zu stellen. Es legte über das bisher so strahlende Bild des Herrn doch einen betrüblichen Schatten, und Mrs. Darcy empfand beinahe so etwas wie Hochachtung vor Georgiana, die diesen charakterlichen Mangel instinktiv bereits gespürt zu haben schien. Dem Mädchen gegenüber erwähnte sie freilich nichts davon.
Unterdessen trafen weitere Genesungswünsche für Miss Darcy ein; diverse Bekannte gaben Billets ab, Miss Whitby schickte einen Korb Früchte, Lady Thornton ein paar Süßigkeiten, und Miss de Bourgh, die zu ihrem üblichen Vormittagsbesuch vorbei schaute und erst bei dieser Gelegenheit von dem Unglück erfuhr, das ihrer Cousine begegnet war, saß fast den ganzen Tag bei Georgiana und Miss Bennet am Krankenbett und lauschte der gesamten Abenteuererzählung mit vor Aufregung offenstehendem Mund. Ob sie, in ihrer bisherigen Entrücktheit vom Weltgeschehen, die ganze Dramatik des Ereignisses wirklich erfaßte, blieb offen, aber einen größeren Eindruck hätte wohl schwerlich ein Bericht auf sie machen können.
"In Rosings Park gibt es so etwas nicht", erklärte sie jedenfalls mit großer Entschiedenheit beim Lunch. Sie hatte schon vor einer ganzen Weile begonnen, auch aus eigenem Antrieb zu sprechen, und reihte inzwischen gelegentlich sogar schon mehrere Sätze aneinander. "Meine Mutter würde so etwas gar nicht dulden." Elizabeth konnte nicht recht entscheiden, ob sie mit "so etwas" nun den nächtlichen Überfall meinte oder Georgianas Retter, und ob in dem Ton, mit dem sie das sagte, nun eher Erleichterung oder eher Bedauern lag. Vielleicht hätte Miss de Bourgh es selbst nicht zu sagen gewußt, und möglicherweise empfand sie tatsächlich das Verhalten der Helden aus Georgianas Geschichte im selben Maße als ungebührlich - und deshalb aufregend - wie das der Bösewichte.
Ansonsten hätte Miss Darcy sich keine treuere Pflegerin wünschen können als ihre Cousine. Mit ihrer Krankheit hatte Georgiana sich auf ein Feld begeben, von dem Miss de Bourgh mehr verstand als wohl irgendjemand sonst. Sie kannte alle möglichen und unmöglichen Leiden, die das lange Liegen im Bett hervorrufen konnte, alle Arten von Kopfschmerz und Melancholie, alle Kräutertees, die die Stimmung aufhellen, und alle leicht verdaulichen Mahlzeiten, die den Körper kräftigen sollten, und war geradezu enttäuscht darüber, daß Miss Darcy sich keiner Therapie mit Schröpfköpfen und Blutegeln zu unterziehen hatte. Kurz, Miss de Bourgh war selig darüber, sich zur Abwechslung einmal in der Rolle des Pflegers und nicht des Patienten wiederzufinden, und umsorgte Miss Darcy mit einer Bereitwilligkeit, daß für deren Schwägerin nichts mehr zu tun übrig blieb, außer gelegentlich vorbei zu schauen und die eifrige Apothekerin daran zu hindern, zu viele sich gegenseitig widersprechende Behandlungen zu verschreiben.
Auch Colonel Fitzwilliam wurde häufiger und gern gesehener Gast am Krankenbett von Miss Darcy, und irgendwann ergab sich dabei für Elizabeth auch die Gelegenheit zu jener Unterredung mit ihm, die sie bereits angekündigt hatte. Der Oberst erklärte sich zu allem bereit und ließ verlauten, er fühle sich den in ihn gesetzten Erwartungen gewachsen und hoffe, seinen Auftrag zu Mrs. Darcys Zufriedenheit zu erfüllen.
So kam es, daß einige Tage später, als Georgiana sich bereits wieder wohl genug fühlte, um das Bett zu verlassen und das Dinner gemeinsam mit der Familie einzunehmen, Mrs. Darcy wie nebenbei zu ihrem Mann bemerkte, nachdem man sich in den letzten Tagen der Patientin wegen doch in den gesellschaftlichen Verpflichtungen arg habe einschränken müssen, könne man doch nun, da es Miss Darcy wieder so gut gehe, allmählich wieder daran denken, Einladungen auszusprechen und selber wieder auszugehen. Mr. Darcy, der eigentlich trotz der Sorge um seine Schwester die stillen Tage im Kreise seiner Familie sehr genossen hatte, blickte etwas überrascht von seinem Teller auf.
"Fühlst du dich dafür denn schon wieder wohl genug, Georgiana? Mir kommt es so vor, als wärest du noch ein bißchen blaß um die Nase, wie unser Kutscher Tom sich immer ausdrückt."
"Ein bißchen matt bin ich wohl noch", gab das Mädchen zu (das natürlich, wie alle Damen, von Mrs. Darcy eingeweiht worden war), "und ich werde noch leicht müde. Aber solange du nicht zu viele fremde Leute einlädst, werde ich gewiß einen Abend heiter und fröhlich sein können."
"Wir müssen ja auch nicht gleich ganz London zu Tisch bitten", lächelte Elizabeth. Und setzte unschuldig hinzu: "Wie wäre es mit Miss de Bourgh?"
Ihr Mann sah sie an, zog kurz die Brauen in die Höhe und lehnte sich dann mit einem Schmunzeln, das sich Elizabeth nicht recht zu deuten vermochte, ein wenig in seinem Sessel zurück. "Unsere Cousine. Eine glänzende Idee. Aber du weißt ja selbst, wie die Dinge zwischen mir und meiner Tante derzeit stehen. Solange ihre Ladyschaft mir zürnt - und das tut sie sicher noch immer -, wird sie um nichts in der Welt zu bewegen sein, auch nur einen Fuß in mein Haus zu setzen. Und daß sie Miss de Bourgh alleine zu einer abendlichen Gesellschaft gehen ließe, selbst wenn es nur die ihrer Verwandten wäre, erscheint mir doch eine gar zu gewagte Hoffnung."
"Das sehe ich leider auch so", sagte Mr. Bingley mit Grabesstimme, nachdem er unbemerkt einen amüsierten Blick mit seinem Freund getauscht hatte, und Mrs. Darcy nickte bedauernd, ehe sie wie in einem plötzlichen Einfall aufschaute und ihren Mann ansah.
"Wir könnten doch Colonel Fitzwilliam bitten, sich bei Lady Catherine dafür einzusetzen. Er ist immerhin Miss de Bourghs Cousin. Gewiß würde Lady Catherine nichts dagegen einzuwenden haben, daß er sie zu uns begleitet."
"Colonel Fitzwilliam wäre gewiß eine angenehme Gesellschaft zum Dinner", sagte Jane, und Miss Bennet nickte eifrig.
"Und Miss de Bourgh kennt ihn auch schon, also wäre sie gewiß nicht besonders befangen in seiner Gegenwart."
"Mein Vetter, der Oberst", wiederholte Mr. Darcy. Er schien über diese Idee tief in Gedanken versunken, während er in Wahrheit nur darüber sinnierte, ob eigentlich ganz London in dieses kleine Komplott eingeweiht war.
"Das wäre doch wirklich eine wundervolle Idee", rief Georgiana unterdessen freudig und verabredungsgemäß aus. "Den Colonel wollten wir doch ohnehin bald einmal zum Dinner bitten. Warum nicht gleich? Und die Gesellschaft zweier so lieber Freunde und Verwandter würde mich gewiß auch nicht übermäßig ermüden."
"Mehr als diese beiden sollten wir dann auch nicht einladen", warf ihre Schwägerin sofort ein.
"Und der Abend sollte auch nicht zu lange dauern", vervollständigte Jane.
"Nein, gewiß nicht. Dr. Kenneth sagte mir erst heute morgen, ich solle mich noch einige Tage schonen und viel ruhen."
"Und sicher wäre es Lady Catherine nicht recht, wenn ihre Tochter sich am Abend zu lange ohne sie außer Haus begibt", meinte Elizabeth.
"Aber gegen ein paar Stunden in der Obhut ihres Cousins würde sie doch gewiß nichts einzuwenden haben. Cousine Anne hat mich ja auch mehrmals besuchen dürfen in der letzten Woche."
"Das denke ich auch. Bestimmt würde Lady Catherine nachgeben, wenn Colonel Fitzwilliam ihr die Sache vernünftig darlegt. Wir werden ein ganz einfaches, leichtes Abendessen einnehmen, danach ein wenig beisammen sitzen und plaudern... dafür fühlst du dich doch kräftig genug?"
"In jedem Fall", bestätigte Georgiana eifrig. "Ich würde sogar gern wieder ein wenig Musik machen; ich habe heute schon am Pianoforte geübt. Und wenn es keine schwierigen Passagen, sondern nur ein paar leichte Stücke wären, bei denen ich mich nicht so konzentrieren muß..."
"Ein paar Tanzlieder zum Beispiel", schlug Mr. Bingley vor, der sich das Lächeln nicht mehr verbeißen konnte.
"Einen Schottischen", verlangte Mr. Darcy in trockenem Tonfall, "da meine Frau mir diese Melodien ja so gerne verweigert. Und wenn man dann noch die Tür vom Salon zum Nebenzimmer offen ließe..."
"... könnten dort sogar durchaus zwei oder drei Paare ein wenig dazu tanzen." Mr. Bingley hob lachend sein Glas und prostete seinem Freund zu. "Was für eine glänzende Idee, Darcy!" Die Männer lachten herzlich über die verdutzten Gesichter der Damen, bis Elizabeth schließlich, auch sie lachend, ausrief:
"Oh, wie hinterhältig von euch! Ihr wußtet, was wir vorhatten?"
Mr. Darcy gestand ein, die Vorbereitungen und Tanzstunden für Miss de Bourgh in der Tat beobachtet und seitdem ein entsprechendes Ansinnen erwartet zu haben.
"Und du hast demnach nichts dagegen?"
"Wenn es dazu dient, meine Cousine über ihre Unbeholfenheit in Gesellschaft hinweg zu bringen, so will ich gerne das Meinige dazu beitragen." Und mit einem spöttischen Schmunzeln setzte er hinzu: "Alles soll mir lieber sein, als einen ausgewachsenen Hausball geben zu müssen."
"Ah, über einen solchen werden wir gesondert verhandeln müssen, mein Lieber. Und diesmal werden wir in noch viel größerer Heimlichkeit vorgehen. Warte nur ab."
"Ich sehe es schon kommen, Bingley", seufzte Mr. Darcy. "Eines Tages werden wir aus der Stadt nach Hause zurückkommen und alles geschmückt, hell erleuchtet und voller Gäste vorfinden, und ehe wir noch wissen, wie uns geschieht, werden die Diener uns ins Ankleidezimmer zerren, uns in unsere besten Kleider stopfen und auf die Tanzfläche werfen."
"Nun laßt uns erst einmal dieses Abendessen hinter uns bringen", lachte Elizabeth heiter.
Das kleine Dinner, mit dem sich so viele ganz unterschiedliche Hoffnungen verknüpften, wurde ein voller Erfolg. Nicht nur, daß Lady Catherine nicht daran dachte, sich der höflichen Anfrage ihres Neffen Colonel Fitzwilliam zu widersetzen, als dieser sie um die Erlaubnis bat, Miss de Bourgh zu einem Abendessen bei den Darcys ausführen zu dürfen - sie war vielmehr heimlich sogar erleichtert darüber, bei dem unangenehmen Geschäft, ihre Tochter in vorgerücktem Alter halbwegs gesellschaftsfähig zu machen, solch unerwartete Schützenhilfe zu erhalten.
Gewiß hätte Lady Catherine de Bourgh sich eher die Zunge abgebissen, als es laut zuzugeben, aber selbst ein Narr hätte sehen können, daß das zwanglose Beisammensein mit ihrer Cousine und deren Freundinnen auf Aussehen wie Gemütsverfassung von Anne de Bourgh weit bessere Wirkung getätigt hatten als alle Mühe, die ihre Mutter und ihre Erzieherin zusammen auf sie verwendet hatten. Und man konnte vieles über Lady Catherine sagen: eine Närrin war sie nicht. Sie wußte, daß die Möglichkeiten einer verwitweten älteren Dame, potentielle Ehemänner für ihre Tochter zu finden, durch Sitte und Konvention eng begrenzt waren, und daß sie um jede Hilfe froh sein mußte, die sie bekam.
Und so rang sie sich ein zähneknirschendes Ja ab.
Miss de Bourgh war so begeistert von dem unerwarteten Abenteuer, abends ohne ihre Mutter ausgehen zu dürfen, daß Elizabeth sie kaum wiedererkannte, als sie am Arm von Colonel Fitzwilliam in den Salon trat. Wie der Oberst Mrs. Darcy später schmunzelnd anvertraute, hatte seine Cousine schon in der Kutsche kaum für eine volle Minute still gesessen oder geschwiegen, so aufregend erschien ihr dieser abendliche Ausflug, und entsprechend war nun auch ihr Benehmen bei Tisch. Sie hatte den Ehrenplatz neben Mr. Darcy inne, und sowohl er wie auch Colonel Fitzwilliam überboten sich ihr gegenüber an Liebenswürdigkeit und schienen den ganzen Abend über nur darauf bedacht, daß ihre Cousine sich nur ja möglichst wohl fühlen sollte. Naturgemäß gelang das dem offenen, verbindlichen Naturell des Obersten weit leichter als dem zurückhaltenden Darcy, aber Elizabeth war wieder einmal stolz darauf, wie sehr ihr Mann sich Mühe gab.
Das Gespräch drehte sich, Miss de Bourgh zuliebe, die wohl kaum über einen anderen Gegenstand ausführlicher hätte sprechen können, vor allem um Rosings Park und die Verhältnisse dort, und Elizabeth hatte das Vergnügen, viele Neuigkeiten über das Pfarrhaus und ihre Freundin Charlotte zu hören, die jetzige Mrs. Collins, die soeben dabei war, unter Lady de Bourghs wachsamen Augen und detaillierten Mahnungen ihren ersten Sohn großzuziehen. Manches davon wußte Elizabeth bereits aus Charlottes Briefen, aber es machte ihr trotzdem Spaß, dieselben Geschichten noch einmal aus anderer Perspektive zu hören, zumal Miss de Bourgh in ihrer bisherigen völligen Teilnahmslosigkeit sicher der neutralste Berichterstatter war, den man sich wünschen konnte. Nach Ansicht von Lady Catherine machte Mrs. Collins denn auch bei ihrem Sohn alles verkehrt, was sich nur verkehrt machen ließ, von der Menge der Nahrung, die das Kind erhielt, über den Schlafrhythmus bis hin zu der Art, wie der Knabe gewickelt wurde, und den Leintüchern in der Wiege.
Zu Mrs. Darcys Verblüffung erzählte Miss de Bourgh das freilich in einem fast andächtigen Tonfall, und Elizabeth gewann die Überzeugung, daß Anne de Bourgh, hätte sie nur gewagt, einmal darüber nachzusinnen, festgestellt hätte, daß sie durchaus eine eigene Meinung über etliche Vorgänge auf Rosings besaß und daß die über Charlotte sogar ausgesprochen positiv war. Die Art und Weise, wie die junge Mrs. Collins in ihrer ruhigen Art geduldig sämtlichen Stegreif-Vorträgen, die Lady Catherine täglich zu Charlottes Haushaltsführung anbrachte, lauschte und ihnen Gehorsam zu leisten versprach, nur um dann exakt das Gegenteil davon zu tun, sofern sie das für richtig hielt, schien bei Miss de Bourgh ein Gefühl echter Hochachtung vor dieser mutigen Pfarrersfrau herauszufordern. Ja, wie Elizabeth einigen Bemerkungen zu entnehmen wagte: selbst Mr. Collins, der sonst stets darauf drang, sämtlichen Anweisungen Ihrer Ladyschaft so treu Folge zu leisten, als handle es sich um einen Befehl des Erzbischofs von Canterbury oder gar um eines der Zehn Gebote, schien gelegentlich einzusehen, daß die Einmischung aus dem Herrenhaus sich nicht notwendigerweise bis in sein Wohn- oder gar sein Schlafzimmer zu erstrecken brauchte und daß, wie Charlotte ihm auseinander setzte, man Lady Catherine durch Dinge, mit denen sie sich wahrscheinlich nicht einverstanden erklären könne, am wenigsten Verdruß bereitete, indem man sie ihr gar nicht erst erzählte.
Von Miss de Bourgh aber hatte Elizabeth den Eindruck, daß sie durchaus gerne näher mit Mrs. Collins bekannt geworden wäre, hätte ihre Tante nicht einen zu nahen Umgang mit dem Pfarrhaus für unstandesgemäß gehalten. Sie beschloß, es in ihrem nächsten Brief an Charlotte zu erwähnen und ihr nahezulegen, sich Gedanken zu machen über gesellschaftlich unverfängliche Tätigkeiten, die Miss de Bourgh und der Pfarrersfrau einen Grund für gemeinsame Unternehmungen verschaffen könnten. In einer Besitzung wie Rosings, wo ständig Kranke zu besuchen und Arme zu verköstigen waren, konnten solche Anlässe kaum schwer zu finden sein, und abgesehen davon, daß sie sich bei solchen Gelegenheiten mit Mrs. Collins unterhalten konnte, würden sie Miss de Bourghs geistigen Horizont erweitern und ihr etwas Sinnvolleres zu tun geben, als krank im Bett zu liegen,
Die Herren waren so entgegenkommend, nach dem Essen ihr kurzes Zwischenspiel bei Wein und Zigarren zeitlich so knapp zu bemessen, daß kaum ein Stäubchen Asche in den Porzellanschälchen gelandet sein konnte, die der Diener aus dem Zimmer trug. Und kaum hatten die drei sich, mit Colonel Fitzwilliam an der Spitze, zu den Damen in den Salon begeben, als letzterer bereits Miss Darcy mit breitem Lächeln um ein wenig Musik bat. Georgiana errötete, entschuldigte sich mit ihrem schlechten Gesundheitszustand, der sie die letzten Tage am Üben verhindert habe, weswegen sie sich nur an einige einfache Stücke wagen wolle, und öffnete das Pianoforte. Nachdem man zuerst einem hübschen kleinen Volkslied gelauscht hatte, wechselte Miss Darcy wie erwartet zu einem Tanzlied über, und Kitty tat, was sie sonst nie gewagt hätte, und bat Mr. Darcy darum, ob man ihnen wohl erlauben würde, ein wenig dazu zu tanzen.
Miss de Bourgh (die einzige im Raum, für die diese Bitte tatsächlich überraschend kam) strahlte übers ganze Gesicht, Colonel Fitzwilliam unterstützte den Antrag eifrig, und Mr. Bingley war so durch und durch begeisterte Zustimmung, daß Mr. Darcy eigentlich, seinem üblichen Benehmen in Gesellschaft seines Freundes zufolge, mindestens ebenso entschieden dagegen hätte sein müssen. Leider konnte er dem instinktiven Impuls, alles abzulehnen, was Bingley guthieß, in diesem Fall nicht folgen, sondern mußte verabredungsgemäß seine Erlaubnis erteilen. Die Tür zum Nebenzimmer wurde aufgestoßen, und Mr. Darcy machte den Anfang, indem er sich vor seiner Cousine verneigte und sie fragte, ob sie ihm wohl die Ehre erweisen wolle.
Sie wollte, und da Elizabeth an Georgianas Seite bleiben mußte, um die Seiten umzublättern, wie sie sagte, konnte Mr. Bingley Miss Bennet und Colonel Fitzwilliam Mrs. Bingley auffordern, ohne daß eine Dame hätte sitzen bleiben müssen. Natürlich wurde Mrs. Darcy ebensowenig am Pianoforte benötigt wie die Notenblätter, denn die einfachen Tanzmelodien hätte Miss Darcy vermutlich auch in finsterer Nacht aus dem Stegreif improvisieren können, hätte man sie aus dem Schlaf gerissen und ohne Licht ans Klavier gesetzt. Aber Elizabeth wollte sich den hervorragenden Blick aufs Geschehen, den man von ihrer Position aus durch die offene Flügeltür ins Nachbarzimmer hatte, nicht nehmen lassen, und genoß es, Miss de Bourghs freudestrahlenden Gesichtsausdruck zu beobachten, mit dem sie die Bewegungen der übrigen Paare nachahmte.
Die kleine Tanzerei geriet denn auch besser als befürchtet, und wenn Miss de Bourgh auch noch manchen Schritt ausließ oder in die falsche Richtung setzte, wenn ihre Bewegungen auch oft eckig und ungraziös ausfielen und sicherlich die gesamte Veranstaltung den französischen Tanzmeister eines hochherrschaftlichen Hauses die Hände über dem Kopf hätte zusammenschlagen lassen - die junge Dame, für die sie stattfand, hatte sichtlich ihren Spaß daran, und mit jeder Figur, die ihr gelang, wuchs ihre Freude und ihre Sicherheit. Flüchtig überlegte Mrs. Darcy, was Lady Catherine wohl sagen würde, würde sie diese vor Lebenskraft sprühende junge Dame bei ihren fröhlichen Sprüngen beobachten können, die so wenig Ähnlichkeit mit dem stummen, in sich gekehrten und bläßlichen Wesen besaß, das Elizabeth seinerzeit auf Rosings kennengelernt hatte.
Es gab genau drei Tänze, so daß jeder der Herren Miss de Bourgh einmal auffordern konnte, dann ermahnte Mrs. Darcy ihre Schwägerin dringend, es auf sich beruhen zu lassen und das Klavier wieder zu schließen, denn sie wollte weder die noch immer angeschlagene Georgiana noch die Geduld der tanzenden Herren, noch Miss de Bourghs Konstitution überfordern, für die derartige Vergnügungen doch sehr ungewohnt sein mußten. Um letztere Dame hätte sie sich allerdings keine Sorgen zu machen brauchen, denn Miss de Bourgh zeigte sich sehr enttäuscht, als die Musik nach dem dritten Tanz bereits wieder abbrach, und nur der Hinweis auf Miss Darcys erst kürzlich überstandene Krankheit brachte sie von ihrer diesbezüglichen Entrüstung ab.
"Aber beim nächsten Mal!" forderte sie mehr, als daß sie bat, und Mrs. Darcy brauchte ihren ganzen Takt und viel Geduld, um ihr begreiflich zu machen, daß auch im Hause Darcy derartige impromptu Hopsereien eigentlich nicht zur üblichen Abendunterhaltung gehörten.
Es tat Miss de Bourghs Begeisterung über diesen Abend kaum einen Abbruch. Um Punkt zehn ließ Mr. Darcy die Kutsche vorfahren, die seine Cousine und seinen Vetter nach Hause bringen sollte, und Miss de Bourgh bedankte sich für die Einladung mit soviel Anmut und Würde, wie sie nur aufbringen konnte. Aus ihrer Frisur hatten sich beim Tanz einzelne Strähnen gelöst und ihre Wangen waren fleckig gerötet, aber sie strahlte, und in dem Moment, als sie Mrs. Darcy, da sie kaum zu wissen schien, wie sie ihrer Freude über den Abend Ausdruck verleihen konnte, einen spontanen Kuß auf die Wange gab, da konnte man gar nicht anders, als Lady Catherines Tochter von Herzen gern zu haben.
Nachdem nun sozusagen die Generalprobe mit diesem kleinen Abendessen so hervorragend verlaufen war, konnten alle sich vom nächsten Tag an endlich an die Planung der großen Uraufführung eines ungleich größeren und bedeutenderen Dinners machen und anfangen, deswegen nervös zu werden. Lady Whitby und ihre Tochter hatten den Darcys nämlich bereits am Vortag einen zweiten Besuch abgestattet, freuten sich dabei sehr, Miss Darcy außer Bett und auf den Beinen zu finden, und nahmen diese Tatsache zum Anlaß, mahnend an das vereinbarte Abendessen in ihrem Haus zu erinnern.
Kurz und gut, ein Termin wurde vorgeschlagen und dankend angenommen, zwei Tage lang machten und verwarfen vor allem die beiden jüngeren Damen Pläne für die eigene Garderobe, und als der große Tag gekommen war, waren Mrs. Darcy und Mrs. Bingley so weise, sich bereits anderthalb Stunden früher als notwendig anzukleiden und zu frisieren, so daß sie und die Hausmädchen bis zum Aufbruch zur Gänze Miss Darcy und Miss Bennet zur Verfügung standen, die in unterschiedlichen Stadien von Verzweiflung nach den richtigen Hauben, Ketten und Haarkämmen suchten. Mit einer Kraftanstrengung, die es verdient hätte, in die Annalen des Landes aufgenommen zu werden, schafften sie es, daß beide Mädchen pünktlich, adrett gekleidet und reizend frisiert in der Halle standen, als die beiden Kutschen vorfuhren, so daß Mr. Darcy nicht wahrmachen mußte, womit er am Tag zuvor bereits gedroht hatte - nämlich, alleine zu fahren, sollte irgendjemand zum festgesetzten Zeitpunkt nicht zur Stelle sein; denn seinetwegen werde gewiß nicht ein Mann, dem er derart zu Dank verpflichtet sei, das Abendessen kalt werden lassen müssen.
"Bingley", sagte der Hausherr denn auch am Nachmittag etwas nachdenklich, als er mit seinem Freund im Salon saß und auf das eifrige Treppauf und Treppab weiblicher Schritte und das weinerliche Rufen aus Miss Darcys Zimmer lauschte, "wenn ich bedenke, was der Name 'Whitby' mir für eine Unruhe ins Haus trägt, frage ich mich doch, ob wir an jenem Abend nicht vielleicht besser ein gutes Buch gelesen hätten, statt ins Theater zu gehen..."
Für alle derartigen Überlegungen war es nun freilich viel zu spät. Und als die gesamte Gesellschaft wenige Minuten vor der vereinbarten Zeit schließlich die breite Treppe zum Salon Lady Carolines hinauf schritt, eine sorgfältig herausgeputzte, erwartungsvolle kleine Schar, da war davon auch schon nicht mehr die Rede. Mrs. Darcy konnte feststellen, daß die Größe und prunkvolle Ausstattung des Hauses die nüchternen Berichte ihres Mannes sogar weit übertraf, aber doch nie den sicheren Boden guten Geschmacks verließ. Das Haus war ganz offenkundig erst kürzlich neu erbaut worden und verriet einen zielsicheren, modernen Architekten, der das gesamte Gebäude in erster Linie als Ort der Repräsentation geplant hatte. Dafür, daß es auch eine Wohnstätte wurde, konnten die Käufer ja schließlich selbst sorgen.
Der Viscount und seine Familie empfingen ihre Gäste mit herzlicher Freude, vor allem Mr. Whitby strahlte Miss Darcy entgegen und gab sich sehr erleichtert darüber, daß diese das Abenteuer offenbar so gut überstanden habe und ebenso blühend und hübsch sei wie ehedem. Georgiana ihrerseits zeigte zum ersten Mal in Gegenwart dieses jungen Mannes echte Befangenheit und wußte zu Beginn vor Verlegenheit kaum, wohin sie schauen sollte - vielleicht dachte sie ja an ihre und Kittys kindische Schwärmereien während der Tage ihres Krankenstands. Aber länger als ein paar Minuten dauerte diese Phase kaum.
Beinahe das Erste, was Lord Raymund tat, war, sich zu entschuldigen. "Ich glaube, mich zu erinnern, daß meine Frau Ihnen ein 'ganz einfaches, formloses' Abendessen versprochen hatte", spottete er, griff dabei nach der Hand seiner Gemahlin und tätschelte sie mit grimmigem Lächeln. "Leider muß ich Ihnen gestehen, daß meine Frau, sei es aufgrund körperlicher oder geistiger Ursachen, ganz und gar unfähig ist, eine solche Art Dinner auszurichten. Wir werden daher, um das Verhältnis der Herren zu den Damen auszugleichen und die Anzahl am Tisch so aufzufüllen, wie sich das gehört, noch einen Gast mehr haben."
Lady Durben entzog dem Spötter mit einem scherzhaften Stirnrunzeln ihre Finger und schlug ihm den Handrücken leicht gegen die Schulter. "Hör auf, mich bloßzustellen, Whitby. Außerdem ist es diesmal überhaupt nicht meine Schuld. Cedric hat ihn eingeladen."
"Du hast gesagt, ich solle noch einen Freund mitbringen, falls mir ein geeigneter einfiele", verteidigte sich der Beschuldigte lächelnd. "Und als mir da Mr. Robertson so unerwartet in der Stadt über den Weg lief..."
"Mr. Robertson?" wiederholten Miss Darcy und Miss Bennet im Chor, und es klang durchaus nicht unangenehm berührt. Offenbar hatten beide jungen Damen den zukünftigen Pfarrer durchaus schätzen gelernt während jener Tage, die sie bei den Thorntons verbracht hatten. Mr. Whitby dagegen schien sich nicht sicher, wie er den doppelten Ausruf zu deuten habe.
"Nun, ich bin mir durchaus bewußt, daß diese Einladung in Anbetracht der Ereignisse vielleicht nicht einer gewissen Peinlichkeit entbehrt. Aber ich hatte mich auf dem Ball bei den Croydons recht gut mit ihm unterhalten, und als wir uns in der Stadt begegneten, erneuerten wir diese Bekanntschaft. Mr. Robertson erwähnte zufällig, daß die Thorntons für den heutigen Abend bereits eine Einladung hätten, die ihn selbst aber nicht einschließe, und da fragte ich ihn ganz spontan, ob er nicht bei uns speisen wolle, statt alleine zu Hause zu sitzen. Ich hoffe, ich habe Sie nicht in eine unangenehme Situation gebracht?"
"Ganz im Gegenteil", beruhigte Mrs. Darcy. "Mr. Robertson ist ein sehr ruhiger, überlegter junger Mann und ein ausgesprochen angenehmer Gesellschafter. Ich bin sicher, auch Ihre Eltern werden ihn mögen."
Man konnte die Probe aufs Exempel bald machen, denn die beiden noch ausstehenden Gäste trafen nun kurz nacheinander ein und wurden allen jenen Herrschaften vorgestellt, die sie noch nicht kannten. Mr. Robertson, der es gewohnt war, gegenüber seiner Umgebung Dankbarkeit empfinden zu müssen, schien es wenig auszumachen, daß man ihn in erster Linie nur deshalb eingeladen hatte, um die Tischgesellschaft zu vervollständigen, und Colonel Fitzwilliam sprang während des Essens, wie es seine Art war, leicht und elegant sozusagen mit den Beinen voran in die Unterhaltung und plauderte bei Tisch aufs Herzlichste.
Vorerst freilich gab es für längere Gespräche keine Gelegenheit, denn Lady Durben arrangierte, wie es ihre Pflicht als Hausherrin war, mit leichter Hand und fast unmerklich die Paare, die miteinander die Treppe zum Eßzimmer hinab schreiten sollten, und zwar streng nach ihrer gesellschaftlichen Rangordnung, so daß sie selbst mit Colonel Fitzwilliam den Anfang machte und Mr. Robertson den Zug mit Miss Bennet am Arm beschloß. Elizabeth, die vom Hausherrn selbst geleitet wurde, bewunderte den großzügig gestalteten Speisesaal sehr, als sie über die Schwelle trat, und wünschte sich nur, die Atmosphäre zwischen den stuckverzierten Wänden und bemalten Tapeten wäre etwas weniger steif und förmlich gewesen. Mr. Darcy und Colonel Fitzwilliam wechselten so automatisch zu den Umgangsformen höfischer Etikette über, wie langjährige Gewöhnung es bewirkt; Elizabeth selbst jedoch fiel es weit schwerer, und sie hoffte und betete, daß weiter unten am Ende der Tafel Kitty sich und ihre Manieren halbwegs im Griff hätte.
Glücklicherweise tat der Viscount selbst alles, um das steife Gepränge etwas aufzulockern, und selbst seine Frau bemühte sich darum, auch wenn ihr anzumerken war, daß sie dabei gegen sich selbst ankämpfen mußte. Die kleine Heerschar von Dienern, die beim Essen aufwartete, begann zügig mit dem Auf- und Abtragen der Speisen, einem sorgfältig einstudierten Zeremoniell, das so vollkommen lautlos und ohne den geringsten Blickkontakt oder irgendeine Anweisung seitens der Herrschaft ablief, daß die Gäste wirklich so tun konnten, als hätten sie die Anwesenheit eines halben Dutzends Männer in goldbetreßten Livreen und gepuderten Perücken, die Suppenteller auf dem Tisch abstellten und dampfende Schüsseln rund um den Tisch trugen, überhaupt nicht bemerkt. Während also eine behandschuhte Hand den ersten Teller vor ihm abstellte, bemerkte der Viscount:
"Manchmal frage ich mich wirklich, was uns zu den Entscheidungen treibt, die wir im Namen der guten Sitten oder des guten Geschmacks treffen. Sie nicht, Mrs. Darcy? Nehmen Sie nur dieses Essen. Unsere Köchin hat mit Sicherheit ihren ganzen Stolz daran gesetzt, daß alles genau auf die Minute fertig wird und exakt die richtige Temperatur hat. Und wie danken wir es ihr? Indem wir alle ihre mühevoll zubereiteten Speisen auf Warmhalteplatten stellen und sie aus der Küche, die natürlich im entferntesten Winkel des Hauses angelegt worden ist, auf verschlungenen Pfaden so lange durch kalte Flure tragen, bis sie, wenn sie endlich im Speisezimmer angekommen sind, bestenfalls noch lauwarm sind. Ist es nicht eine Schande?"
Mrs. Darcy mußte lächeln und gab zu bedenken, daß doch, läge das Reich der Köchin näher am Speisesaal, alle Küchengerüche ungehindert von einem Ort zum anderen gelangen könnten. Diese Aussicht schien ihren Tischherrn freilich wenig zu schrecken.
"Und was wäre daran wohl so schlimm? Wie oft habe ich mich als Junge mit meinem Bruder heimlich in die Küche gestohlen, eben wegen der Gerüche, die von dort herauf drangen! Kann es - und nun gar für ein Paar ewig hungriger Jungen! - etwas Verlockendes geben als den Geruch eines brutzelnden Stück Specks oder frisch gebackenen Brots?"
"Du bist herzlich eingeladen, der Köchin einen Besuch abzustatten, wenn sie das nächste Mal Holunderküchlein herausbäckt oder Kalbsbries zubereitet", spöttelte seine Frau. "Das sollte dich in deiner Meinung schon kurieren."
Colonel Fitzwilliam bemerkte, daß auch er selbst als Junge mit der Köchin stets in bestem Einvernehmen gestanden habe, und sei es auch nur aus purem Eigennutz, denn wie alle Kinder sei auch er selbst ständig hungrig gewesen. Und die gutmütige Köchin habe sich meist wenig um die Ansicht der Herrschaft und der Ärzte geschert, nach der man die kleinen Mägen der jungen Masters und Misses des Haushalts nicht mit einer zu großen Menge an Speisen überfordern dürfe, und sich meistens noch irgendeinen Leckerbissen abschmeicheln lassen. Das führte zu einer allgemeinen Unterhaltung über Kinder und Kindererziehung, mit der man sich durch mehrere Gänge plauderte und bei der allen am Tisch erlaubt war, unter Beiziehung der Thesen unterschiedlicher Gelehrter vollkommen gegensätzlicher Meinung zu sein.
Weiter unten am Tisch, wohin Mrs. Darcy gelegentlich einen bangen Blick warf, schien sich bei den jungen Leuten ebenfalls eine fröhliche Runde entwickelt zu haben; Mr. Whitby hatte sich offenbar bei Mr. Robertson eingehend nach dessen Zukunftsplänen sowie nach Oxford und dem Leben unter den Studenten dort erkundigt, und der angehende Pfarrer, der wohl kaum damit gerechnet hatte, daß jemand in dieser illustren Runde sich für seine unbedeutenden Lebensverhältnisse interessieren könnte, gab eingehend Auskunft. Weit davon entfernt, dieses für sie ungewöhnliche Thema langweilig zu finden, schienen die jungen Damen, denen die Berufswelt aufgrund ihres Geschlechts verschlossen bleiben mußte, sehr daran interessiert und stellten mehrere Zwischenfragen, wenn sie Ausdrücke oder Anspielungen nicht verstanden, und alles wurde ihnen ausführlich erklärt.
Mit jedem neu servierten Gang (und der Gänge waren nicht wenige), lockerte sich die zu Beginn so strenge Stimmung also doch auf, und als man bei Eiscreme und Früchten angelangt war (letztere, wie Lady Caroline lachend erklärte, ein süßes Laster, von dem die gesamte Familie nicht lassen könne, nachdem man sich in Indien so sehr an die ständige Verfügbarkeit exotischen Obsts gewöhnt habe), war Elizabeth nur zu gern bereit, diesen Abend zu den angenehmsten Dinner-Parties zu zählen, die sie in London bisher absolviert hatten.
Wenig wußte sie von der Entdeckung, die ihr gleich bevorstand.
Auch der Aufbruch der Damen vom Speisezimmer hinauf in den Salon fand zunächst in heiterster Stimmung und größer Gelassenheit statt, auch wenn Elizabeth zu Beginn des Abends nicht geringe Befürchtungen für diesen Zeitraum gehegt hatte, in der alle weiblichen Gäste auf Gedeih und Verderb der Hausherrin ausgeliefert waren. Aber Lady Caroline schien vollkommen über ihre anfängliche Förmlichkeit hinweg zu sein, plauderte angeregt mit Jane und Elizabeth und bewies, daß sie in der Kunst der Konversation und der gefälligen Rede, wenn sie denn nur wollte, nicht weniger bewandert war als ihre Tochter. Miss Darcy und Miss Whitby scharten sich um einen kleinen Spieltisch, schienen aber so vertieft in ihre eigene Unterhaltung, daß sie wenig auf ihre Karten achteten und sie des öfteren vergaßen. Lady Durben fragte von Zeit zu Zeit, ob jemand von den Mädchen irgendwelche Wünsche habe, und überließ die fröhliche Jugendschar ansonsten großzügig sich selbst.
So, wie Lady Durben sich inzwischen gab, wollte Mrs. Darcy auch gerne glauben, daß sie, wie Colonel Fitzwilliam sich ausgedrückt hatte, in der Lage war, selbst bei Hof zu brillieren. Mit Sicherheit hatte ihr wohlhabender Vater ihr schon in frühester Jugend die beste Erziehung zukommen lassen, die er für Geld hatte kaufen können. Vielleicht hatte er diese schöne und kluge Tochter von Anfang an als ein Faustpfand gesehen, das ihm mit einer klugen Heirat die Türen in die vornehme Gesellschaft öffnen würde. Und Elizabeth fragte sich unwillkürlich, was die heutige Lady Durben wohl damals darüber gedacht haben mochte. Ob sie die Pläne ihrer Familie unterstützt oder sich ihnen heimlich widersetzt hatte? Wie demütigend mußte es für ein heranwachsendes Mädchen sein, zu wissen, daß es nur Mittel zum Zweck war, eine Ware, im Schaufenster der vornehmen Gesellschaft ausgestellt, um irgendeinen verarmten Adelssproß anzulocken, der verzweifelt genug wäre, seinen Titel und sein Wappen gegen ein wenig Bares einzutauschen und sein blaues Blut mit dem einer gewöhnlichen Bürgerstochter zu vermischen.
Zum ersten Mal erwog Mrs. Darcy die Möglichkeit, daß Lady Durben vielleicht in der verhängnisvollen Geschichte, die zu ihrer Eheschließung führte, ebenso eine Getriebene und ein Opfer gewesen sein könnte wie ihr erzwungener Bräutigam.
Mit Sicherheit durchschaute Lady Durben mit ihrem mitleidlosen Blick die doppelte Moral einer guten Gesellschaft, die sich einerseits gegen sie verschwor mit derselben Leidenschaftlichkeit, die die gute Lady de Bourgh bei der Erwähnung des Namens "Whitby" Gift und Galle spucken ließ, und ihr andererseits, was gute Manieren, Lebenserfahrung und Verstandesschärfe anging, oft nicht einmal ansatzweise das Wasser reichen konnte. Ein guter Teil des bitteren Spotts, der sich durch ihre Rede zog wie ein eigentümlicher Geruch, der immer wieder auftaucht und dessen Ursache man nicht entdecken kann, mochte aus diesen Erfahrungen rühren. Es war immer einfacher, über die Dinge zu spotten, unter denen man sonst zu leiden hatte - Lachen mochte in gewisser Weise die Rache der Ohnmächtigen sein.
Lady Durbens Salon war, wie das ganze restliche Haus, ein Muster an Stil und Geschmack - und der langgestreckte, in Weiß und Gold getäfelte Saal, der daneben lag und zu dem Elizabeth, als sie durch den Raum ging, um sich die Bilder zu betrachten, versehentlich eine versteckte Tapetentür öffnete, war ganz offensichtlich bereits für eine Tanzveranstaltung geplant worden und mußte nicht, wie es im Falle des kleinen Nebenzimmers bei den Darcys geschehen war, erst noch dafür zweckentfremdet werden. Unter den Bildern an den Wänden waren mehrere ganz großartige, darunter etliche, die Szenen aus den ostindischen Kolonien zeigten, oft orientalische Bauten vor der Kulisse einer überbordenden Natur. Eines davon hatte es Elizabeth besonders angetan. Es zeigte eine braunhäutige junge Frau, die in farbenfrohem, fremdartigem Gewand unter einem exotischen Strauch am Ufer eines Gewässers saß. Aus dem Blattwerk über ihrem unbedeckten Kopf regnete es weiße Blüten auf sie herab. Es lag ein eigentümlicher Zauber über diesem Bild, ein seltsamer Gegensatz zwischen der Leuchtkraft der Farben und der Melancholie im Ausdruck der Frau, die in stummer Trauer auf das Wasser hinaus blickte.
"Ah, da haben Sie auf Anhieb das interessanteste Gemälde entdeckt, Mrs. Darcy, das ich besitze", sagte Lady Caroline, als sie unerwartet neben Elizabeth trat. Sie lächelte auf eine Art, die Elizabeth beinahe Furcht einflößte. "Gefällt es Ihnen?"
"Ich verstehe wenig von Kunst, Mylady, aber ich muß gestehen, dieses Bild fasziniert mich. Haben Sie es aus Indien mitgebracht?"
"Streng genommen nein, denn dieses Bild hier ist nur eine Kopie, wenn auch eine ganz großartige. Das Original hängt in meinem privaten Salon in Durbany Hall, und mein Mann bestand darauf, daß ich hier eine Kopie dieses Bildes haben sollte. Sie müssen wissen, mein Mann hat es mir anläßlich von Cedrics Geburt geschenkt." Auch diese Mitteilung erfolgte in einem Ton, die Mrs. Darcy wohl deutlich mitteilen sollte, daß sich hinter diesem Satz mehr verbarg, als es den Anschein hatte. Entsprechend zögernd fiel auch deren Antwort aus.
"Ein ganz reizender Gedanke Seiner Lordschaft, wenn auch das Sujet für diesen Anlaß etwas ungewöhnlich erscheint."
"Ungewöhnlich?" Lady Caroline schmeckte dem Ausdruck nach wie einem Schluck Wein. "Ja, ich denke, das könnte man so sagen. Vor allem in Anbetracht der Tatsache, daß es sich bei der Frau auf dem Bild um seine Geliebte handelt."
Elizabeth schnappte einen Augenblick lang nach Luft und zweifelte an ihrer Wahrnehmungsfähigkeit. Aber Lady Whitby hatte diese Ungeheuerlichkeit tatsächlich gerade ausgesprochen, das verrieten ihr nicht nur Janes entsetzte Miene, die sie aus den Augenwinkeln heraus sehen konnte, sondern auch das siegesgewisse Lächeln der Sprecherin, die die Verlegenheit, in die sie ihren Gast gebracht hatte, merklich zu genießen schien. Der Blick, mit dem sie Mrs. Darcy bedachte, war beinahe herausfordernd.
Und in der Dauer eines Wimpernschlags begriff Elizabeth das Motiv für Lady Durbens verändertes Verhalten: Ihr erster Versuch, Mr. Whitby von Miss Darcy einfach räumlich zu trennen, war vom Schicksal selbst vereitelt worden, das beide jungen Leute in einer düsteren Gasse in London wieder zusammengeführt hatte. Lady Durben hatte das akzeptiert und ihre Taktik geändert. An die Stelle der vorherigen Zurückhaltung trat nun schonungslose Offenheit. 'Da, sehen Sie uns an als das, was wir wirklich sind', sagte ihr spöttischer Blick. 'Sie wissen bisher kaum ein Zehntel von dem, was es über uns zu wissen gibt, haben kaum ein paar Unzen der Bosheit gesehen, über deren Ausmaß wir den seidenen Mantel des schönen Scheins gebreitet haben. Sind Sie sicher, daß Sie fähig sind, den Anblick zu ertragen?'
Lady Durben hatte nicht übermäßig laut gesprochen, aber doch laut genug, damit alle Gäste die Bemerkung vernommen hatten, und der Raum war entsprechend in erschrockenes Schweigen gefallen. Miss Whitby brach die Stille mit hochrotem Kopf, indem sie Miss Darcy hastig bat, ihr doch den Gefallen zu tun und ein wenig Klavier zu spielen. Unter anderen Umständen hätte Georgiana sich vielleicht nicht so schnell bereit erklärt, aber nun war sie sichtlich froh, an das Instrument entkommen zu können, und Miss Bennet sprang den beiden anderen eilig hinterher in die Ecke des Raumes, in der das Piano stand. Zu Elizabeths Erleichterung lockten die ersten Klänge des Pianos auch die Herren herbei, die offenbar bereits auf der Treppe gewesen waren und deren Eintritt in den Salon Elizabeth zunächst einmal von der Notwendigkeit befreite, auf Lady Durbens Satz eine passende Antwort finden zu müssen.
Viscount Whitby trat mit freundlichem Lächeln neben seine Frau, die ihn mit demselben Lächeln empfing, das schon Elizabeth zuvor das Blut in den Adern hatte gefrieren lassen.
"Whitby, mein Lieber, gesell dich doch ein wenig zu uns. Gerade habe ich Mrs. Darcy erklärt, welche Besonderheit es mit diesem Gemälde auf sich hat."
Die tiefere Bedeutung des Satzes entging Lord Whitby nicht. Es zuckte kurz auf dem kantigen Gesicht des Viscounts, eine Regung wie von unterdrücktem Zorn, und Elizabeth konnte sehen, wie er mit sich selbst darum rang, eine verbindliche Antwort zu geben. Es gelang ihm nicht. Stattdessen geriet ein fast triumphierendes Funkeln in seine Augen, das er ganz offensichtlich nicht verbergen konnte und auch nicht verbergen wollte. Er griff nach der Hand seiner Frau, beugte sich darüber und küßte sie höhnisch.
"Du glaubst gar nicht, liebe Caroline, welche Genugtuung es mir bereitet, daß dieses Bild dir nach all den Jahren noch immer so nahe geht. Eine größere Freude könntest du mir kaum machen." In dem Blick, mit dem er seine Frau maß, lagen nun wieder grenzenlose Bitterkeit und Wut, und er schien kaum noch eine andere Person im Raum wahrzunehmen. Als er sich an Mrs. Darcy erinnerte und sich ihr zuwendete, wirkte er weder verlegen noch beschämt wegen der Enthüllung dieses schrecklichen Geheimnisses; in seiner Miene lag viel eher Triumph. Lord Raymund würde sich wohl nicht dazu herablassen, seine eigene Tat zu leugnen, auch wenn er nichts mehr dazu sagte. Aber alleine schon durch sein ganzes Verhalten gab er zu, daß die Behauptung seiner Frau zutraf, daß er dieses Bild tatsächlich allein zu dem Zweck hatte anfertigen lassen, um Lady Caroline zu quälen, und daß er obendrein stolz darauf war, wie gut ihm das gelang.
Elizabeth fühlte sich ebenso schrecklich wie am Ende des Balls bei den Croydons. Sie war sehr froh, daß Colonel Fitzwilliam sie in diesem Moment zu sich herüber rief und eine Frage an sie richtete, die sie in mechanischer Heiterkeit beantworten konnte, ohne noch länger über das Gehörte nachdenken zu müssen.
