Sie brauchte eine Weile, um ihren Kummer runterzuschlucken. Als ihre Tränen getrocknet waren, stand sie auf und richtete ihre Kleidung. Wenn Rokko es wusste, dann musste sie sich beeilen, ihren Eltern von dem Baby zu erzählen, bevor sie es von anderen erfahren würden. Lisa ging hinaus zum Catering und setzte sich auf einen der Hocker. Helga begrüßte sie mit einem Lächeln.
"Tee, Mäuschen?"
"Ja, danke."
Als Helga ihr den Tee hingestellt hatte, holte Lisa tief Luft. "Du, Mama, ich muss mal mit dir reden."
"Können wir das vielleicht verschieben? Ich muss schnell zum Liefereingang. Ja?"
"Klar. Nachher dann."
Und schon war Helga weg. Lisa trank vorsichtig einen Schluck von ihrem Tee und wippte mit dem Fuß zu dem Lied, das aus dem Radio kam. "Waterloo - I was defeated, you won the war." Du hast wohl den Krieg gewonnen, Rokko. Ich steh allein da und du bist glücklich mit Melanie und wirst sie bald heiraten. Und all das, weil ich vor zwei Jahren so dumm war, deine Liebe wegzuwerfen. Ladies und Gentlemen - Lisa Plenskes ganz persönliches Waterloo. Sie stützte ihren Kopf in eine Hand und schloss ihre Augen.
So sah sie nicht, dass sie vom Empfang aus beobachtet wurde. Inka und Melanie wollten gerade die Post abholen, als Inka Melanie ansprach. "Du, die Chefin ist in letzter Zeit aber nicht gut drauf, was? Sieht immer so müde und schlapp aus. So kenn ich sie gar nicht."
"Ist ja auch kein Wunder in ihrem Zustand", bemerkte Melanie eher beiläufig, während sie die Post durchblätterte.
Inka starrte sie mit großen Augen an und flüsterte: "Lisa ist schwanger?"
Melanie nickte und ging dann wieder zu ihrem Schreibtisch. Sie ließ eine fassungslose Inka zurück, die Lisa von oben bis unten musterte und dann ebenfalls zu ihrem Schreibtisch zurückging.
Als Helga 10 Minuten später immer noch nicht zurück war, ging Lisa zurück in ihr Büro. Sie beschloss am Abend mal wieder mit ihrer Mutter nach Göberitz zu fahren und dann gleich beiden Eltern die Wahrheit zu sagen. Sie ahnte nicht, dass es ganz anders kommen sollte.
Als Helga wieder zurück ans Catering kam, stand Inka am Kaffeeautomaten. „Herzlichen Glückwunsch zum Enkelkind!" Inka sah sie vorwurfsvoll an. „Finde ich ja nicht gut, dass es Lisas Assistentin weiß, aber mir sagst Du es nicht." Helga blickte Inka fragend an. „Was weiß Frau Förster denn bitte? Du….du willst mir doch jetzt nicht sagen, dass Lisa schwanger ist? Pahh, lächerlich. Mein Mäuschen und schwanger, das wüsste ich ja wohl als erste!" Helga lachte Inka aus, doch wirklich überzeugt klang es nicht. „Na, dann frag doch mal Deine Tochter! Denn es passt alles. War ihr vor kurzem nicht ständig schlecht…" „Magenschleimhautentzündung!" bemerkte Helga bestimmt. Doch Inka fuhr unbeeindruckt fort. „…sie ist ständig müde und na, mal ganz ehrlich, sie zickt ganz schön rum. Helga zähl doch mal 1&1 zusammen. Du warst doch auch schon schwanger!" Helga wusste nicht was sie darauf erwidern sollte. Natürlich hatte sie Lisa geglaubt, dass es sich um einen Magenschleimhautentzündung gehandelt hatte und der Rest war ihr auch aufgefallen, aber die Müdigkeit und die wechselnden Launen hatte sie auf den Stress im Büro und auf den Ärger mit David geschoben. „Na, dann werde ich wohl mal mit ihr reden müssen." Helga verließ das Catering und ging zu Lisas Büro. Inkas „mach das mal!" hörte sie schon gar nicht mehr. Sie war ziemlich sauer auf ihre Tochter. Wenn das wahr ist…..
Helga stürmte, ohne zu klopfen, in Lisas Büro. „Lisa! Was muss ich da gerade von Inka erfahren: Du bist schwanger!" Helga stand atemlos vor Lisas Schreibtisch und sah die geschockte Lisa erbost an. „Mama, woher?...Oh, Gott..das wollte ich nicht!" Lisa glitzerten schon wieder Tränen in den Augen. Sie ging um den Schreibtisch herum und drückte ihre Mutter auf den dort stehenden Stuhl. „Ich wollte es Dir und Papa heute Abend sagen. Eigentlich weiß das niemand, bis auf…." Sie brach ab. In Gedanken vervollständigte sie den Satz. Rokko! Aber woher weiß er es überhaupt? Lisa verdrängte den Gedanken. Sie musste sich jetzt auf ihre Mutter konzentrieren, denn wenn sie auch noch ihre Eltern gegen sich hätte…Nein, bloß nicht weiterdenken! „…die ganze Firma. Aber Deinen Eltern sagst Du es als letzte. Ach, Lisa!" Helga sah ihre Tochter traurig an. „Mama, Du musst mir glauben. Bis heute Mittag bin ich davon ausgegangen, dass es gar niemand weiß. Ich habe es bisher keinem Menschen erzählt. Von wem weiß es denn Inka?" Lisa sah ihre Mutter bittend an. Helga sah an Lisas aufgewühltem Gesichtsausdruck, dass sie genauso geschockt war wie sie selbst. „Wohl von Deiner Assistentin. Und woher weiß die es?" Helga blickte fragend zur Tür hinaus, wo Melanie an ihrem Schreibtisch saß. Für Lisa setzte sich das Bild zusammen. Melanie musste irgendwann wohl auch das Ultraschallbild oder ihren Mutterpass gesehen haben. Und es dann natürlich Rokko erzählt haben. Das war die einzige Möglichkeit. Lisa ging zu ihrem Schreibtisch und holte das Ultraschallbild aus ihrem Kalender. „Sie muss das hier gesehen haben." Sie reichte ihrer Mutter das Bild. Helga nahm es und starrte immer noch etwas ungläubig von dem Bild zu Lisa. „Dann ist es also wirklich wahr! Und…" Helga schluckte. Sie sah wieder auf das Bild als sie weiter sprach. „…wer ist der Vater? David?" Lisa holte hörbar Luft. „Nein! David hat damit, zum Glück, nichts zu tun." Sie nahm Helga das Bild aus der Hand und ein leichtes Lächeln umspielte ihre Mundwinkel, als sie es wieder in ihren Kalender steckte. Sie drehte sich wieder zu ihrer Mutter. „Ich weiß, was Du jetzt wissen willst, Mama. Aber ich werde Dir nicht sagen, wer der Vater ist. Vielleicht erfährt es nie jemand. Ich kann Dir nur sagen, dass ich das Baby bekommen will. Die Entscheidung ist mir nicht leicht gefallen, aber ich kann nicht anders. Ich weiß, dass ich das richtige tue. Also, mach Dir bitte keine Sorgen." Sie lächelte ihre Mutter an. Helga blickte immer noch etwas irritiert. „Gut, Mäuschen, wenn es das ist was Du willst. Ich will ja nur, dass Du glücklich bist." Lisa nahm ihre Mutter in den Arm. „Ich weiß, Mama." Werde ich das je wieder von Herzen sein?
