In der Liebe und im Krieg

„REMUS!"

Ich habe kaum einen Fuß über die Schwelle der Küchentür gesetzt, da kreischt Nymphadora auf und springt mir mit einem riesigen Satz um den Hals. Mit Mühe halte ich das Gleichgewicht und kann mir gerade so das „Uff!" verkneifen, das meinen zusammengequetschten Lungen entweichen will. Zögernd erwidere ich ihre Umarmung – wie gern habe ich in den letzten Tagen verdrängt, dass sie mich noch immer nicht aufgegeben hat.

„Hi, alle miteinander", grüße ich an ihrem quietschpinken Haarschopf vorbei in die Runde, die heute aus Molly Weasley und ihrem Sohn Charlie besteht, der mir amüsiert zuwinkt.

„Wo warst du? Was ist passiert? Geht es dir gut? Du siehst müde aus, ist alles in Ordnung?", sprudelt Tonks hervor und entlässt mich aus der schraubstockartigen Umklammerung, um mich besorgt zu mustern.

„Mir geht es gut, aber ich habe schlechte Nachrichten. Wir müssen den Orden zusammenrufen, und zwar sofort… der Krieg hat begonnen", sage ich ernst und blicke in die erstarrten Gesichter. Molly begreift zuerst und springt auf, um die Mitglieder per Flohnetzwerk zusammenzutrommeln. Charlie, Tonks und ich schicken Patroni an die Leute ohne Anbindung ans Flohnetz, und binnen kürzester Zeit tummeln sich eine Menge Menschen mit besorgten Gesichtsausdrücken in der düsteren Küche, die mich alle erwartungsvoll ansehen.

„Wir haben nicht viel Zeit, also werde ich mich kurz fassen", erhebe ich das Wort und lasse flüchtig den Blick über die Anwesenden schweifen. So wenige… wie soll das nur gut gehen?

„Voldemort wird heute Nacht angreifen. Er ist in diesem Moment dabei, seine Armee aus Todessern und allerlei dunklen Kreaturen zusammenzuführen – und um zwei Uhr morgens wird der Sturm auf Hogwarts stattfinden. Das gibt uns genau eine Stunde und 43 Minuten, um uns vorzubereiten. Ich schlage vor, wir beeilen uns."

Möglichst detailgetreu versuche ich, Severus' Informationen wiederzugeben, und als ich fertig bin, beginnen alle unverzüglich zu disapparieren. Lange haben wir uns vor diesem Tag gefürchtet, doch die Gewissheit, dass er kommen würde, hat uns zumindest die Gelegenheit gegeben, uns den bestmöglichen Schlachtplan auszudenken. So gut ein Plan gegen einen unberechenbaren Größenwahnsinnigen eben sein kann.

Wenige Momente später sind bis auf Tonks und mich alle verschwunden, und gerade, als ich mich ebenfalls auf den Weg machen will, hält sie mich am Arm fest.

„Remus… von wem hast du diese Informationen?", fragt sie mit leiser Stimme und sieht mich mit ihren großen Rehaugen an. Die Antwort wird ihr nicht gefallen, das weiß ich jetzt schon.

„Ist denn das so wichtig? Die Hauptsache ist, dass wir Bescheid wissen – wir sollten jetzt wirklich gehen!", versuche ich mich aus der Affäre zu ziehen, aber so leicht lässt sie sich nicht abwimmeln.

„Ja, es ist wichtig! Und ich gehe nicht, bevor du mir geantwortet hast!", gibt sie stur zurück und verschränkt zur Unterstreichung die Arme vor der Brust. Ich spüre wie sich ein dumpfer Kopfschmerz in meinen Schläfen breit macht und seufze.

„Severus."

Für eine Sekunde starrt sie mich lediglich ungläubig an, als würde sie erwarten, dass ich jeden Moment lache und meinen wirklichen Informanten preisgebe. Als ich nichts dergleichen tue, schnappt sie kurz nach Luft, bevor sie Worte findet, die heftig genug sind um ihre Gedanken zum Ausdruck bringen zu können.

„Bist du WAHNSINNIG?! Das kann doch nicht dein Ernst sein! DA warst du also? Du hast diesen Verräter gesucht? Und jetzt bringst du vermeintliche Infos von einem gesuchten MÖRDER und schickst damit all unsere Leute ins Verderben? Was zur Hölle ist in dich gefahren? Wir müssen sie sofort zurückrufen!" Sie scheint völlig mit den Nerven fertig zu sein – richtig verübeln kann man es ihr wohl nicht, aber dass sie so wenig Vertrauen in mich steckt, kränkt mich doch etwas.

„Das werden wir nicht. Beruhige dich. Severus ist auf unserer Seite, ist es immer gewesen. Und", spreche ich laut weiter, als sie mich unterbrechen will, „die Sache mit Dumbledore war abgesprochen. Hör zu, ich werde alles erklären – hoffentlich wird er es selbst tun können – sobald die Sache heute Nacht vorbei ist. Wir dürfen jetzt wirklich keine Zeit mehr verlieren!"

Unsicherheit spricht aus ihrem Blick, als sie meinen Worten zuhört.

„Ich erwarte nicht, dass du Severus vertraust… aber bitte vertrau meinem Urteilsvermögen", füge ich hinzu, sehe ihr tief in die Augen und fühle mich schäbig, weil ich auf diese Weise ihre Gefühle missbrauche. Ich weiß, dass ich gewonnen habe, als sie ihren Blick senkt.

„Natürlich vertraue ich dir. Tut mir Leid", sagt sie kleinlaut und das schlechte Gewissen wächst. Aber wie heißt es immer? In der Liebe und im Krieg ist alles erlaubt, und irgendwie trifft derzeit ja beides zu.

„Dann lass uns gehen."

o+o+o+o+o+o+o

Im letzten Moment bevor der Fluch mich trifft springe ich zur Seite, breche durch einiges Dickicht und lande hart auf einem Stück unebener Erde. Ein höllischer Schmerz jagt durch meine Schulter, wo sich ein spitzer Stein geradewegs in die Stelle bohrt, die kurz zuvor Dolohovs Sectumsempra getroffen hat, und ich beiße mir kräftig auf die Unterlippe, um nicht laut aufzuschreien. Tief durchatmen. Vorsichtig verlagere ich mein Gewicht auf die andere Seite, und nach wenigen Augenblicken lässt der akute Schmerz nach und verwandelt sich allmählich in ein dumpfes Pochen. Das ist äußerst knapp gewesen – eigentlich liegt es mir nicht, mich wie ein Feigling einfach wegzuducken, aber bei der mörderischen Schlacht da draußen ist mir jedes Mittel recht, um auf den Beinen zu bleiben. Man kann kaum noch Freund von Feind unterscheiden, so unübersichtlich und planlos fliegen die Flüche, und es ist absolut nicht abzuschätzen, welche Partei nun gerade vorne liegt.

Nun, da ich aus der direkten Gefahrenzone draußen bin, erlaube ich meinem Blick, kurz durch die Gegend zu wandern. Weit kann ich nicht sehen, da das Gestrüpp um mich herum glücklicherweise ziemlich dicht ist, aber links von mir kann ich durch die Blätter und Zweige etwas schimmerndes wahrnehmen, was nicht so aussieht, als würde es auf natürliche Art und Weise in dieser Umgebung vorkommen. Natürlich ist es dunkel und ich kann alles nur schemenhaft erkennen, aber ab und zu lässt sich der Mond hinter den Wolkenfetzen blicken, und alle paar Sekunden erhellt ein absurd farbenfroher Lichtblick den nächtlichen Himmel.

Ob etwas hinter den Büschen lauert und nur darauf wartet, dass ich mich verrate? Vorsichtig nehme ich einen Stein auf und schleudere ihn gezielt durch das Dickicht einige Meter weg weit, doch nichts rührt sich. Die Erkenntnis beruhigt mich, und ich wage es, mich auf die Seite zu rollen und vorsichtig durch das Unterholz zu robben. Nein, das tut meiner ohnehin schon mitgenommenen Robe gar nicht gut, aber zerfetzte Klamotten sind jetzt das Letzte, was mich stört. Je näher ich komme, desto deutlicher wird nämlich, dass das helle Etwas, das ich habe schimmern sehen, zu einem menschlichen Wesen gehört... es ist eine Hand, die da auf dem Boden liegt. Schon fange ich an, das Schlimmste zu befürchten, doch dann bemerke ich, dass der Arm in der Tat noch daran sitzt – er wird lediglich von einem mitternachtsschwarzen Ärmel verhüllt. Einen Augenblick lang verharre ich bewegungslos, doch der Körper vor mir tut es mir gleich, nichts regt sich. Entschlossen schiebe ich die letzten Äste zur Seite und rutsche auf Knien zu dem Mann in der Todesserrobe, der noch immer leblos seitlich vor mir liegt. Wen es da wohl erwischt hat? Es ist nie verkehrt zu wissen, wie es um die feindlichen Linien bestellt ist, also drehe ich die schwarz verhüllte Gestalt ein wenig. Die silbrig glänzende Todessermaske verrutscht und gleitet zu Boden, gibt ein blasses Gesicht frei, das von schwarzen Haaren umrahmt wird.

In diesem Moment möchte ich schreien, egal, was es für Konsequenzen haben mag. Ich möchte weinen, meine Wut herausbrüllen und jeden einzelnen Anhänger Voldemorts einzeln ermorden. Doch ich kann es nicht, ich kann nur wie versteinert dasitzen und Severus' schmales Gesicht anstarren. Es heißt immer, dass Menschen friedlich wirken, wenn sie ihre letzte Ruhe gefunden haben, doch in seiner Miene ist nichts Friedvolles zu finden. Sein Gesicht ist wutverzerrt, würde hasserfüllt wirken, wären da nicht die ausdruckslosen, halb geöffneten Augen, die bar jeder Emotion ins Leere schauen.

Es kann einfach nicht sein, nein... er ist viel zu schlau dafür, um sich einfach umbringen zu lassen! Fieberhaft suche ich einen Puls, doch meine zitternden Finger finden nichts. Kein Herzschlag ist zu hören, so fest ich mein Ohr auch auf seine Brust presse, und kein Atem ist zu spüren, so angestrengt ich ihn auch zu erahnen versuche. Seine Hand liegt lose auf dem Boden, lässt sich leicht bewegen... es kann kein Klammerfluch sein, keine Versteinerung. Verzweifelt drücke ich seine Finger... sie sind kalt, eiskalt, genau wie das Gefühl, das sich allmählich in meinem Inneren ausbreitet. Es ist Gewissheit, die sich langsam bemerkbar macht. Vorsichtig streiche ich mit der Hand über seine Augen und schließe die Lider – ich kann den starren Blick nicht mehr ertragen.

„Severus", flüstere ich tonlos und schüttele kaum merklich den Kopf. Es kann einfach nicht sein. „Das ist nicht fair", höre ich mich sagen, und dann beginnt irgendetwas, meine Sicht zu trüben. Dass es Tränen sind, merke ich erst, als ich den ersten Tropfen auf den dichten Stoff des schwarzen Umhangs prallen sehe. Wieso... wieso gerade jetzt? Kurz vor dem Ende des Kriegs... kurz bevor wir die Gelegenheit gehabt hätten, irgendetwas aus dem zu machen, was ich in den letzten Stunden und Tagen so deutlich zwischen uns gespürt habe. Kurz bevor er endlich einmal sein Leben selbst hätte bestimmen können... und hoffentlich ein Plätzchen für mich darin gewesen wäre... alles zunichte gemacht von diesem Wahnsinnigen. Voldemort. Mag ich bis jetzt seine Grausamkeit noch nicht 100ig begriffen haben, so ist das jetzt der letzte Rest Gewissheit, den ich brauche. Er wird fallen, und wenn ich ihm persönlich jeden Knochen einzeln brechen muss, und seinem gesamten Todesserpack dazu!

Grimmige Bestimmtheit zeichnet sich in meinem Gesicht ab, als ich ein letztes Mal meinen Blick über Severus streifen lasse. „Ich werde dich rächen", murmle ich, und ich weiß, dass es kindisch klingt – doch das ändert nichts daran, dass ich es so empfinde. Behutsam beuge ich mich vor und berühre kurz in der Andeutung eines Kusses mit meinen Lippen seine kühle Wange. Schließlich lasse ich seine Hand los, richte mich auf und ziehe entschlossen meinen Zauberstab. Die Schlacht hat mich wieder, und ich werde entweder als Gewinner daraus hervorgehen oder überhaupt nicht.