Hallo und noch ein verspätetes schönes Wochenende für euch.

Nachdem mich seit 1 ½ Wochen nicht auf meinen account gelassen bekommt ihr nun zwei Chaps serviert *zwinker*. Kann mir eigentlich irgendjemand sagen, ob ich die Einzige war, die nicht auf ihren acc zugreifen konnte??????

Mein heißer Dank geht heute - leider wieder viel zu kurz, aber ich bin einfach nur todmüde - an:

Nora, Muse, SkateZ, None, Leni4888, Zissy, AngyAngel, Reinadoreen und Schneestaub.

Little Whisper und Descartes für ihre Verbesserungsvorschläge.

Hoffe, dass nächste Woche endlich Ruhe einkehrt und ich wie gewohnt am Freitag und mit anständigen Reviewantworten weitermachen kann. Bis dahin habt Spaß am neuen Chap, hinterlasst mir vielleicht auch ein kleines Review und genießt den Rest der Woche.

Liebste Grüße

Eure Cassie

Chapter III - Sturmböen

But I don't care what they say
I'm in love with you
They try to pull me away
But they don't know the truth
My heart's crippled by the vein
That I keep on closing
You cut me open and I

Keep bleeding
Keep, keep bleeding love

(Bleeding Love - Leona Lewis)

Draco

„Draco, Liebling, ist etwas passiert?" Selbst durch die Verzerrung des magischen Feuers konnte ich hören, wie besorgt meine Mutter klang.

„Ma, darf ich dich nicht einfach mal so zum Essen einladen?", fragte ich und lächelte sie an.

„Doch, aber du tust es nicht, also sag schon, muss ich mir Sorgen machen?"

„Nein. Komm einfach übermorgen zum Essen, dann erzähle ich dir alle Neuigkeiten, die du wissen willst." Nun ja, ich hatte nicht wirklich vor, ihr ALLE Neuigkeiten zu erzählen, denn gewisse Ereignisse, die einen gewissen Harry betrafen würde ich wohlweislich verschweigen. DAS ging selbst meine Mutter nun wirklich nichts an. Andererseits würde der bevorstehende Umzug nach Kalifornien und mein neuer Forschungsauftrag für genug Gesprächsstoff sorgen.

„Dray?", rief Roger von irgendwo hinter mir und ich unterdrückte ein Seufzen, konnte mir aber dennoch nicht verkneifen eine schnippische Antwort folgen zu lassen: „Nenn mich nicht DRAY, du großer Holzkopf!"

Ich hörte meine Mutter lachen. „Das ist nicht witzig, Ma.", informierte ich sie. Leider war sie da anderer Meinung. „Oh doch, Schatz, das ist es! Wieso lässt du Roger nicht einfach die Freude dir diesen Spitznamen zu geben, es klingt so niedlich."

„Eben! Ich bin seit meinem 11. Geburtstag nicht mehr niedlich!", schnappte ich und war mir bedauerlicherweise sehr deutlich bewusst, dass ich mich gerade wie ein Elfjähriger benahm.

„Darüber lässt sich streiten, Darling! Ich finde dich noch immer niedlich."

Ich stöhnte und beschloss, dass es an der Zeit wäre das Gespräch zu beenden. „Kann ich also davon ausgehen, dass du kommen wirst?"

„Sicher. Kommt Severus auch?"

Daran hatte ich noch nicht wirklich gedacht. „Äh, mal sehen, ich muss ihm erst noch Bescheid geben…", zog ich mich mehr schlecht als recht aus der Affäre.

„Es wäre schön, ihn wieder zu sehen. Dann bis übermorgen, willst du, dass ich dir etwas mitbringe?"

„DRAY?", rief Roger schon wieder und nervte mich durch die bloße Tonlage seiner Stimme.

„Ein Maulkorb wäre nicht schlecht!", antwortete ich ernsthaft. Sie lachte erneut, bevor sie sich verabschiedete.

Ich erhob mich von meinem Platz vor dem Kamin und beschloss Severus später einzuladen. Zuerst wollte mein Freund offensichtlich eine kleine Maßregelung über die Benutzung kindischer Spitznamen über sich ergehen lassen.

Meine Laune war nicht die Beste, als ich Roger endlich in der Küche fand. Er starrte ehrfürchtig auf die vier dreidimensionalen Abbildungen verschiedener Häuser, welche unsere eilends beauftragte Maklerin in Kalifornien für uns aufgetrieben hatte.

„Nenn mich noch einmal Dray und du schlürfst deine Steaks demnächst aus der Schnabeltasse!", schnappte ich wütend, obwohl ich mir wahrscheinlich nicht einmal selbst erklären konnte, warum es mich so störte, wenn Roger mir diesen albernen Spitznamen gab.

Ich musste böser geklungen haben, als mir bewusst war, denn Roger zuckte regelrecht zusammen und schaute mich erschrocken an. „Ich… tut… tut mir leid.", stammelte er und wirkte trotz seiner beeindruckenden Körpergröße plötzlich sehr klein.

Obwohl ich Roger nun schon Jahre kannte, konnte ich mit dieser demütigen Art noch immer nicht umgehen. Genau genommen konnte ich ihn nicht einmal respektieren, wenn er so kleinlaut vor mir kroch. Es langweilte mich und wieder meldete sich die leise zweifelnde Stimme in meinem Hinterkopf, die ich so angestrengt zu verdrängen suchte. War es wirklich so eine gute Idee Roger mitzunehmen? Wollte ich wirklich mit Roger zusammenleben, nur weil ich Harry nicht haben konnte?

Erneut verdrängte ich diese Fragen erfolgreich und konzentrierte mich statt dessen auf die Exposees der Maklerin.

Sie hatte zweifellos gute Arbeit geleistet und in der Kürze der Zeit einige beeindruckende Angebote aufgetrieben. Das erste war ein sehr modernes Haus mit eckigem Design, raumhohen Fenstern und einem fürchterlich sterilen Innenleben. Es war groß, ohne Frage, doch die Fliesen im Inneren erinnerten mich an die große Schwimmhalle in Hogwarts und das war definitiv nichts, worin ich leben wollte.

Das zweite Haus war eine Art Jugendstilvilla mit wunderschönen Stuckdecken, Buntglasfenstern, Lampen im Tiffanystil und Magnolien im Vorgarten. Alles in allem wirkte es fürchterlich weiblich und schied für mich damit sofort aus.

Das nächste Expose war, leider, ganz nach meinem Geschmack. Es zeigte ein Landhaus, nicht einmal sehr groß, aber es wirkte auf den ersten Blick einladend. Die Fassade war mit warmem Naturstein verblendet und selbst die altmodisch wirkenden Fensterläden passten zum Gesamtbild des Hauses. Es war viel Grün drum herum und als das Expose sich um seine eigene Achse drehte, entdeckte ich einen Quidditchplatz auf der Rückseite. Sofort schlug mein Herz einige Takte schneller. Ein eigener Quidditchplatz! Wer hätte gedacht, dass ich meinem Kindheitstraum einmal so nahe kommen würde? Wie oft hatte ich davon geträumt auch in den Ferien Quidditch spielen zu können, mit Blaise, Theo und den anderen Jungs. Und wie oft hatte ich davon geträumt gut genug zu werden um Harry Potter ein einziges Mal zu besiegen?

Das Lächeln gefror auf meinen Lippen und ein kaltes Gefühl in meinem Magen ließ mich den Blick senken. Nein, dieses Haus konnte ich nicht kaufen! Nicht, wenn ich meinen durch strenge Selbstverleugnung hart erkämpften Seelenfrieden auch nur eine Minute weiter aufrecht erhalten wollte. Ich konnte in keinem Haus leben, wo ein Quidditchplatz mich jeden Tag an Harry erinnern würde. So ausgeprägt war meine masochistische Ader dann doch nicht.

Vielleicht ein wenig zu hastig wandte ich mich dem letzten Angebot zu. Es war das Anwesen einer alten Zaubererfamilie und eigentlich viel zu groß für Roger und mich, doch ich nickte. Nun, ich würde jedenfalls kein Problem damit haben, meine Forschungsausrüstung irgendwo unterzubringen.

„Was denkst du?", fragte ich Roger, obwohl meine Entscheidung längst gefallen war.

„Das mit dem Quidditchplatz wäre nett und…"

„NEIN!"

Er schaute mich überrascht an. „Aber warum nicht? Du bist doch früher so gern geflogen und ich dachte, es wäre eine schöne Idee."

Ich warf ihm einen kühlen Blick zu. „Mag sein, aber du kannst nicht fliegen und ich werde bestimmt keine Zeit dazu haben allein zu spielen."

„Ich könnte es lernen."

„Nein!", antwortete ich mit Nachdruck. Rogers Miene verschloss sich und mein schlechtes Gewissen lachte mich aus.

„Gut, dann willst du also das Herrenhaus?", stellte er resigniert fest.

Ich nickte, wild entschlossen, irgendwie das Beste aus der Situation zu machen. „Es bietet sich für meine Arbeit an, ich könnte problemlos ein eigenes Labor unterbringen und in so einem Haus kriegen wir vielleicht sogar einen privaten Portschlüssel genehmigt. Außerdem könnte ich Dora und ihren Söhnen anbieten mitzukommen."

„Sicher, das wäre… nett mit deiner Sekretärin zusammen zu wohnen." Die Enttäuschung in Rogers Stimme war nicht zu überhören und ich wusste, dass sie nichts mit der Wahl des Hauses zu tun hatte. Ich fühlte mich schäbig, als ich zu ihm ging und ihm die Arme um die Taille schlang.

„Kannst du mit dem Haus leben?", fragte ich und zog ihn noch etwas enger an mich.

Er lächelte ein wenig schief auf mich hinunter. „Soll das etwa ein Bestechungsversuch werden?"

Ich versuchte ein zerknirschtes Lächeln, welches mir nicht recht gelingen wollte. „Soll ich betteln?"

„Also ob DU jemals betteln würdest!", schnaubte Roger und schob mir eine Hand in den Nacken. Ich ließ mir seinen sanften Kuss gefallen. Warum konnte ich ihn nicht einfach so lieben, wie er es verdiente?

~~*~~

Am späten Nachmittag trafen wir uns dann mit der Maklerin, die sich nicht einmal die Mühe machte ihre Überraschung zu verbergen, als ich ihr mitteilte, für welches Haus wir uns entschieden hatten. Dennoch konnten wir es uns sofort ansehen.

Es war wirklich ein altes Herrenhaus, inklusive diverser magischer Überbleibsel, die Roger fast um den Verstand brachten. Er bekam schon bei den Doxys, welche sich ohne Vorwarnung auf ihn stürzten und versuchten sich in seinem enganliegenden Pullover zu verbeißen, einen halben Nervenzusammenbruch. Als wir dann im Kellergewölbe tatsächlich noch einen altersschwachen Pan fanden, war ich mir sicher, dass er nie und nimmer hier einziehen würde. Selbstverständlich machte ich der Maklerin sehr nachdrücklich klar, dass sie für die Instandsetzung sorgen musste, wenn wir das Haus tatsächlich nehmen würden. Sehr zu Rogers Entsetzen bat ich die Maklerin aber darum, den Pan in eines der Gästehäuser zu bringen und versorgen zu lassen. Ich konnte den Gedanken einfach nicht ertragen, dass dieses bemitleidenswerte Geschöpf in meinem Keller vor sich hinvegetierte. Und noch viel weniger konnte ich mich mit dem Gedanken anfreunden, ihn einfach rauszuschmeißen. Hätte ich mir in Hogwarts Gedanken um einen Pan gemacht? Mit aufkeimendem Scham musste ich mir eingestehen, dass dies wahrscheinlich nicht der Fall gewesen wäre. Mir kam nicht zum ersten Mal der Gedanke, dass das Leben mich weich gemacht hatte. Blaise nannte es jedoch anders, er meinte, ich wäre menschlicher geworden. Leider konnte ich mich nicht entscheiden, ob ich dies nun gut oder schlecht finden sollte.

Die Maklerin willigte ein am nächsten Tag für die Renovierung zu sorgen - der Zauberkraft sei Dank war ja selbst die zerfallendste Hütte mit ein paar Zaubersprüchen wieder hergestellt - und wir verabschiedeten uns höflich voneinander.

Roger und ich beschlossen ein Steakhaus in unserer neuen Nachbarschaft auszuprobieren, bevor wir zurück nach England apparieren würden.

„Und du denkst wirklich, die kriegen den alten Kasten bis nächste Woche wieder in Schuss?", fragte Roger, ohne den Blick aus der Speisekarte zu heben.

„Roger, du solltest dich wirklich ab und zu daran erinnern, dass du ein Zauberer bist, dann wüsstest du nämlich, wie…" - ich schaffte es gerade noch eine bösartige Bemerkung hinunterzuschlucken und beendete den Satz ein wenig lahm mit: „…merkwürdig diese Frage war. Natürlich schaffen sie das, wahrscheinlich brauchen sie nicht mal einen Tag dafür."

Roger murmelte etwas in die Speisekarte und blieb eine Erwiderung schuldig. Die Kellnerin kam einige schweigende Minuten später und nahm unsere Wünsche auf. Roger blickte ihr offenbar in Gedanken versunken einige Sekunden nach.

„Mit wem hast du vorhin im Kamin gesprochen?", fragte er so unvermittelt, dass ich überrascht blinzelte und mich fragte, ob er mir hier direkt im Restaurant eine Eifersuchtsszene hinlegen wollte.

„Mit meiner Ma, ich hab sie für übermorgen zum Essen eingeladen.", antwortete ich schließlich und bemühte mich um eine neutrale Stimmlage. Ich hatte wenig Bedarf an einer weiteren Auseinandersetzung.

„Aha.", sagte Roger und blickte auf seine Hände hinunter.

Ich war ehrlich erstaunt über sein merkwürdiges Verhalten. „Es war doch deine Idee ein Abschiedsessen zu machen… wolltest du deine Schwester nicht auch einladen?"

Roger sah mich endlich an und für einen Moment lang sah er wütend aus, doch der Eindruck verflog so schnell wie er gekommen war. Er lächelte. „Sicher, tut mir leid, das hatte ich schon wieder ganz vergessen. Ich muss Bethany noch Bescheid geben. Wer kommt denn sonst noch?"

„Ma hat nach Severus gefragt und ich würde Blaise auch gern einladen, wenn es dir Recht ist.", sagte ich. Die Kellnerin kam und brachte uns unsere Getränke und den Salat.

„Klar, was ist mit dem Rest deiner Freunde?" Roger stocherte halbherzig an einer Endivie herum.

„In Anbetracht dessen, dass ich gern ein kultiviertes Abendessen zu mir nehmen möchte, verzichten wir wohl lieber auf den Rest der Jungs.", ich lächelte und schob mir eine Tomatenscheibe in den Mund.

„Es ist interessant, wie du über deine Freunde sprichst, Draco." Der vorwurfsvolle Unterton war nicht zu überhören.

Ich schluckte und ließ die Gabel sinken. „Ach, und auf einmal stört dich das?"

„Nun… ich frage mich, wenn du über deine Freunde schon so redest… wie, was du dann über mich sagst." Roger griff nach seinem Messer und zerlegte sein Artischockenherz sehr gründlich.

Ich war perplex. „Ich… Roger, ich wollte meine Freunde in das neue Haus einladen wenn wir eingezogen sind. Und, wie kommst du darauf, dass ich schlecht über dich reden könnte?"

„Hör dir doch mal selbst zu, wenn du von deinen angeblich besten Freunden sprichst!", antwortete Roger und legte sein Besteck beiseite. Den Salat hatte er nicht angerührt. Die Wendung, welche das Gespräch genommen hatte irritierte mich zusehends. „Da wären Vincent und Gregory. Du nennst sie hirnamputiert…"

„In der Schule ja, da war ich noch ein Kind."

„Gut, vielleicht formulierst du es jetzt anders, der Sinn dahinter ist doch derselbe. Und Theodor, den nennst du einen homophoben Feigling."

„Was auch stimmt."

Roger überging meinen Einwand. „Selbst Blaise, dein angeblich bester Freund kommt nicht wirklich gut bei dir weg. Wie sagst du immer: Der Idiot mit der großen Klappe, der nur so viele Frauen abbekommt, weil er mehr Glück als Verstand hat."

„Entschuldige mal, Blaise nennt mich eine versnobte Pestbeule.", protestierte ich.

Roger schaute mich verdattert an. „Was?"

„Du hast mich schon verstanden. Blaises Repertoire an Beleidigungen gegen mich würden ein eigenes Lexikon füllen. Es ist mir egal, weil ich weiß, wie er es meint und so ist es mit den anderen auch. Vince und Greg sind groß und ein bisschen dumm, na und, deshalb sind sie trotzdem wirklich gute Freunde. Theodor hat ein Problem mit meiner Vorliebe für Kerle, worüber ich mich lustig mache. Na und? Hast du dich nie gefragt, warum die alle noch immer mit mir befreundet sind, wenn ich wirklich so fürchterlich bin?"

Roger schaute mich lange an und schwieg. Unsere Steaks kamen und selbst die Kellnerin musste die Spannung zwischen uns bemerkt haben, denn sie zog sich sehr schnell und sehr diskret wieder zurück.

„Und wie nennest du mich?", schloss Roger nun an.

„Roger, ich habe noch nie etwas Schlechtes über dich zu irgendjemandem gesagt." Und soweit ich mich erinnern konnte entsprach das sogar der Wahrheit. Selbst wenn Rogers Demut mich auf die Palme trieb, konnte ich mich nicht entsinnen ernsthaft irgendwelche Schlechtigkeiten über ihn verbreitet zu haben.

„Eben.", sagte Roger und stürzte mich nun endgültig in tiefste Verwirrung.

„Du hast für jeden ziemlich beleidigende Spitznamen, selbst Pansy hast du frigide Zicke mit Muttersyndrom genannt."

„Woher weißt du das?"

„Blaise hat es mal erzählt… und… von Harry Potter brauche ich wohl gar nicht erst anfangen. Dass ihr beide euch in der Öffentlichkeit die Pest an den Hals gewünscht habt, ist selbst mir nicht entgangen."

„Bitte, Roger, ich dachte wirklich, wirklich, wie wären mit diesem Thema durch und…", mein Steak wurde allmählich kalt.

„Warum habe ich keinen Spitznamen, Draco?"

„Was?" Ich begann mich zu fragen, ob Roger illegale Substanzen aus meinem Labor gemopst und geschnupft hatte.

„Alle, die dir etwas bedeuten, haben Spitznamen und dann sagst du, du hast zu mir noch nie etwas gesagt, also bin ich dir nicht wichtig, oder?" Roger säbelte an seinem Steak herum als wäre es kein saftiges Fleisch sondern die übrig gebliebene Schuhsole eines entflohenen Askaban-Häftlings.

Ich war mir nicht sicher, ob ich den Konsens dieses äußerst verwirrenden Gespräches richtig verstanden hatte. „Ok, du wirfst mir zuerst vor, ich wäre gemein zu meinen Freunden und dann beschwerst du dich, weil ich nicht gemein zu dir bin?"

Roger nickte unglücklich auf sein Steak hinunter.

Spontan beschloss ich in meinem nächsten Leben heterosexuell zu werden, dann hätte ich diese absurde Unterhaltung auf prämenstruelle Hormonschwankungen schieben können. Obwohl die Lächerlichkeit dieser Diskussion mir auf die Nerven ging, beschloss ich einzulenken. „Hilft es dir, wenn ich dir sage, dass Dora mich mal gefragt hat, wie ich es schaffe dich Gladiatorenverschnitt als Schoßhündchen zu halten?"

Bevor Roger zu einer Antwort kam, hatte sein Steak offensichtlich genug von seinem respektlosem Verhalten und flutschte bei seinem nächsten Schnitt vom Teller, sauste durch den zerfledderten Salat und landete mit einem lauten „Pflatsch" auf den Schuhen der Kellnerin, die mit einer Flasche Wein an unserem Tisch aufgetaucht war.

Roger wurde zuerst blass dann rot und die Kellnerin stierte das zersäbelte Steak auf ihren Schuhen derart dümmlich an, dass ich mich einfach nicht mehr beherrschen konnte und in einen höchst peinlichen Lachkrampf ausbrach.

Ich hatte Mühe das Kürbisgemüse hinunterzuschlucken ohne es über den halben Tisch zu prusten. Nach Luft ringend schnappte ich nach meiner Serviette und hielt sie mir vor den Mund.

Roger stammelte derweil eine Entschuldigung nach der anderen und versuchte das Stück Fleisch von den Schuhen der pikierten Kellnerin zu klauben. Mir standen die Tränen in den Augen, als Roger es endlich geschafft hatte das Fleisch aufzuheben und die Servicekraft mit seinem Teller verschwunden war um ihm ein neues Steak zu holen.

„Das ist nicht witzig, Draco Malfoy.", ließ Roger mich wissen.

Als Antwort brachte ich nur ein halb ersticktes, äußerst blamables Kichern heraus und nach einer halben Ewigkeit, in der Roger mich böse anstarrte, entspannten sich seine Züge und er brachte ein ehrliches Lächeln zustande.

„Scheiße, ist das peinlich.", sagte er und wurde rot, als unsere Blicke sich trafen.

„Mhhhhhhmhhh!", giggelte ich in meine Serviette. Ich fühlte mich albern und so gelöst wie lange nicht mehr.

Die Kellnerin brachte Roger einen neuen Teller und er entschuldigte sich sehr förmlich und höflich bei ihr. Mit hochrotem Kopf verschwand das arme Mädel - wahrscheinlich um sich die Schuhe zu putzen.

„Weißt du, du solltest wirklich öfter lachen.", bemerkte Roger als ich mich endlich soweit beruhigt hatte und die Serviette sinken lassen konnte.

Als Antwort grinste ich ihn an und plötzlich - ohne dass ich es mir hätte erklären können - war die Spannung zwischen uns verschwunden. Zumindest für den Moment.

„Kommt Blaises Freundin auch mit?", erkundigte Roger sich nachdem wir in einem angenehmen Schweigen gegessen hatten.

„Ich weiß es nicht, Blaise meint, Nathalie sei in letzter Zeit fürchterlich launisch." Ich griff nach dem Weinglas.

„Vielleicht ist sie schwanger.", schlug Roger vor und klaute eine übrig gebliebene Olive von meinem Teller.

„Ach du Schande, meinst du? Hoffentlich wird es kein Junge, noch einen Blaise verkraften meine Nerven nicht!", neckte ich und setzte das Glas an die Lippen.

Roger lachte. „Na, was soll seine Freundin da erst sagen?"

Der Rest des Tages verlief erstaunlich harmonisch, wenn man einmal davon absah, dass ich praktisch unter Strom stand.

Die angenehme Stimmung während des Essens war nach und nach gewichen. Was zum einen an dem bevorstehenden Umzug und den noch zu erledigenden Dingen lag, zum anderen wussten natürlich sowohl Roger als auch ich, dass wir ein Thema ganz bewusst übergingen. Früher oder später darüber würden reden müssen, doch was mich anging, war mir später eindeutig lieber.

Dennoch oder vielleicht auch gerade deswegen lag eine Art schwer unterdrückter Elektrizität in der Luft. Während wir kurz vor dem Zubettgehen noch beschlossen eine halbe Stunde fernzusehen - naja, genau genommen hatte Roger das beschlossen - meinte ich sogar, die Spannung zwischen uns riechen zu können. Es war, als läge ein Gewitter in der Luft und ich wusste, dass der Ausbruch nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen würde.

Die Muggelnachrichten liefen an und als ich Roger einen kurzen Blick zuwarf, musste ich feststellen, dass er mit dem Kopf in meinem Schoß eingeschlafen war. Ich betrachtete ihn. Er wirkte sehr friedlich mit dem halb geöffneten Lippen und diesem einzigartigen Ausdruck völliger Entspannung, welchen nur der Schlaf hervorbringen konnte. Wieder einmal fiel mir auf, wie gut Roger eigentlich aussah. Seine Kieferknochen traten deutlich hervor und verliehen seinem Gesicht einen kantigen Ausdruck. Ich dachte an den Tag zurück, als wir uns das erste Mal gesehen hatten. Ich war mit meiner Mutter in seiner Kanzlei, nicht bei ihm, sondern bei einem seiner Partner, der sich um das Anlagevermögen meiner Mutter kümmern sollte. Roger war mir sofort aufgefallen, nicht allein durch seine Größe oder der Tatsache, dass seine Anzugshose über seinem wirklich ansehnlichen Hinterteil spannte. Nein, es war gerade dieses kantige Gesicht, welches meine Aufmerksamkeit erregte, gepaart mit einem Lächeln, das Eisberge schmelzen lassen konnte.

Wir hatten nicht viel Zeit verschwendet. Noch am selben Abend rief er mich an und lud mich zum Essen ein. Ich hatte sofort zugesagt und mein erster Eindruck hatte mich nicht getäuscht. Roger war charmant, witzig und was mich am meisten anzog, er war, auch wenn er mich offensichtlich anhimmelte, zu einer intelligenten Unterhaltung fähig, eine Eigenschaft, welche ich bei den meisten Frauen vermisste.

Eigentlich hätte alles gut sein sollen, nicht wahr? Ich hatte den Mann gefunden, der mich sofort bei unserer ersten Begegnung in seinen Bann gezogen hatte. Leider hatte ich unterschätzt, welchen Einfluss Harry noch immer auf mich hatte. Vor seinem plötzlichen Auftauchen im Krankenhaus hatte ich monate- vielleicht sogar jahrelang keinen bewussten Gedanken an ihn verschwendet und hätte mich jemand gefragt, so hätte ich guten Gewissens behaupten können, dass ich keinerlei Interesse mehr an ihm hätte. Doch… wie es schien hatte ich mich getäuscht.

Ich ließ meinen Kopf an die Rückenlehne sinken und dachte an Harry. Ich konnte nur hoffen, dass mir der Ortswechsel helfen würde ihn endgültig zu vergessen. Das sehnsüchtige Ziehen in meiner Brust wollte jedoch nicht verschwinden.

~~*~~

Die nächsten zwei Tage kam ich glücklicherweise kaum dazu einen Gedanken zu fassen, der nicht mit meinem neuen Job oder dem Umzuges zu tun hatte.

Ich musste noch einmal zurück ins Hospital um die letzten Einzelheiten zu klären und mich von meinen Assistenzärzten zu verabschieden. Interessanterweise hatte ich nicht damit gerechnet, dass sie mich wirklich vermissen würden, denn ihnen gegenüber war ich meist ebenso aufgetreten wie Severus bei mir. Streng und die meiste Zeit absolut unausstehlich. Wundersamerweise legten sie mir meine Distanziertheit aber sehr positiv aus und bedankten sich mit einem selbst gemalten - fürchterlich kitschigen - Plakat, auf welchem sie mir viel Glück für meine neue Aufgabe wünschten. Aus einer sentimentalen Laune heraus sagte ich ihnen, sie sollten mir nach ihren Prüfungen schreiben, wo sie unterkommen würden.

Nun ja, der Abschied von Thatcher war kurz und geschäftlich. Dennoch konnte ich es mir nicht verkneifen ihm noch in meiner gewohnt höflichen Art mitzuteilen, dass ich Dora angestellt hatte und sie selbstverständlich auch zu der bevorstehenden Gala mitbringen würde. Immerhin hatte sie mir ja als meine gute Seele den Rücken für meine Forschungsarbeit freigehalten. Thatcher knirschte sichtlich mit den Zähnen, sagte aber nichts dazu. Was ich sogar ein wenig bedauerte, immerhin hatte ich durchaus eine entsprechende Antwort parat.

Nachdem ich also dem St. Mungo Hospital für magische Krankheiten zum letzten Mal den Rücken gekehrt hatte, machte ich mich an die anderen lästigen Kleinigkeiten, die noch erledigt werden mussten. Ich musste ins Zaubereiministerium um eine vorläufige Portschlüssellizenz für Roger zu beantragen, denn im Gegensatz zu mir würde Roger seinen Job in London behalten. Und da es mit seinen Zaubereifähigkeiten nicht wirklich weit her war, konnte ich ihn unmöglich jeden Tag apparieren lassen. Zwar gehörte das Apparieren zu den wenigen Dingen, die er beherrschte, doch bei seiner Schusseligkeit in zauberischen Dingen war es nur eine Frage der Zeit, bevor er sich zersplittern würde und diese Schuld wollte ich dann doch nicht auf mich laden.

Nach erbaulichen 3 Stunden Wartezeit hatte ich dann tatsächlich den vorläufigen Portschlüssel in der Tasche und machte mich auf den Nachhauseweg. Ich lud Blaise und Severus zum Essen ein, diskutierte mit Roger eine halbe Stunde darüber, ob ich einen Abend mit seinem besten Freund Craig überleben würde - ich war der Meinung, dass dies nicht der Fall sein würde, was Roger leider durchaus bereit war auszuprobieren. Also lud Roger seine Schwester und den fürchterlichen Craig ein. Wir packten mit Hilfe des Hauselfen-Housesitterservices unsere Habseligkeiten zusammen und apparierten das ein oder andere Mal in unser neues Heim um die kalifornischen Hauselfen die entsprechenden Instruktionen zu geben. Roger weigerte sich zwischendurch wieder mit nach England zu kommen, da ihm das dauernde Apparieren mächtig auf den Magen schlug.

Infolge dessen verbrachten wir eine Nacht zwischen Umzugskartons und umherstehenden Möbeln, bei denen wir uns noch nicht geeinigt hatten, wo genau sie ihren neuen Platz finden sollten. Allerdings war diese provisorische Nacht durchaus… nett, wie ich nicht leugnen kann. Rogers körperliche Vorzüge lenkten mich nachhaltig von jeglichem Gedanken daran ab, dass ich auf einem unsauberen Boden übernachtete.

Am folgenden Tag traf ich mich mit meinen neuen Arbeitskollegen, fand einige davon sympathisch und andere wieder nicht. Roger schleppte mich ans Meer mit der Begründung ich sollte mir meine neue Konkurrenz schon einmal ansehen. Obwohl er es in einem neckenden Tonfall sagte, war ich mir nicht so sicher, ob hinter dieser Aussage nicht doch ein Körnchen Wahrheit steckte. Nicht, dass ich dachte, dass Roger sich ernsthaft nach Ersatz für mich umsehen würde, sondern eher weil ich das Gefühl nicht loswurde, dass er versuchte mich eifersüchtig zu machen. Ich bedauerte es, dass seine Bemühungen von vornherein zum Scheitern verurteilt waren. Während wir am Strand lagen und die Aussichten auf einige doch recht ansehnliche halbnackte Körper genossen, wurde mir klar, dass ich Roger nicht so vermissen würde, wie ich mich nach Harry sehnte. Ich verdrängte diesen Gedanken so schnell er gekommen war.

Die Zeit verging rasch.

~~*~~

„Draco, Schatz! Du siehst gut aus."

Ich reichte meiner Mutter die Hand und half ihr aus dem Kamin. „Du aber auch, warst du wieder im Urlaub oder ist das ein Bräunungszauber?"

„Echte griechische Sonne.", antwortete meine Mutter und ließ sich den Umhang von mir abnehmen. Sie küsste mich auf die Wange und ihr Lächeln wurde plötzlich etwas nachdenklich. „Ich muss mich wohl korrigieren…"

„Narzissa!" Roger kam mit den Weingläsern aus der Küche herein und rettete mich vor dem plötzlich forschenden Blick meiner Mutter. Ganz die perfekte Aristokratin begrüßte sie Roger sehr freundlich und umarmte ihn, so gut es das Tablett mit den Gläsern eben zuließ.

„Möchtest du einen Aperitif?", erkundigte Roger sich und verteilte die Gläser.

„Nein, danke, es sei denn du möchtest mich schon vor dem Essen auf dem Tisch tanzen sehen." Ma folgte Roger zum Tisch und ließ sich von ihm den Stuhl zurechtrücken, während ich ihren Umhang notdürftig auf einigen Umzugskisten im Flur ablegte, bevor ich mich zu ihr gesellte.

„Wenn du nicht Dracos Mutter wärst, würde ich es glatt drauf ankommen lassen.", behauptete Roger nonchalant und bedacht Ma mit einem gespielt anrüchigen Blick.

„Wenn du schon Frauen anbaggern willst, dann bitte nicht unbedingt meine Mutter!", sagte ich in gespielter Empörung.

Roger grinste und zuckte mit den Schultern: „Tut mir leid, du weißt, ich habe eine Schwäche für blonde Schönheiten."

Ma lächelte und tätschelte Roger den Arm. „Ach, das ist so lieb von dir, Roger. Aber ich bin viel zu alt für dich!"

Bevor Roger zweifellos genau das antworten konnte, was meine Ma hören wollte, meldete sich der Kamin erneut und spuckte sehr zu meinem Missfallen Rogers Freund Craig aus. So spontan ich mich mit Roger schon bei unserem ersten Treffen verstanden hatte, so sehr verabscheute ich Craig Falten. Und diese Antipathie beruhte definitiv auf Gegenseitigkeit. Obwohl ich Craig nun schon fast genauso lange kannte wie Roger hatte ich noch nicht eine Eigenschaft an ihm entdeckt, die mir auch nur ansatzweise entgegengekommen wäre. Dieser Mensch war laut, impertinent und ein notorischer Besserwisser, und das waren noch seine besseren Seiten.

Craig umarmte Roger freudig, was mir angesichts der offenbar mangelnden Körperpflege von Craig einen kaum zu bändigen Würgereiz verschaffte. Ich verstand beileibe nicht, wie Roger mit so jemandem befreundet sein konnte. Sicherlich hatte Roger mir es ungefähr 3 Millionen mal versucht zu erklären, es war die typische Sandkastenfreundschaft. In derselben Gegend aufgewachsen und zusammen zur Schule gegangen, bis Rogers Eltern bei einem Autounfall starben und er zu seiner Tante zog. Später hatten sie sich dann am College wieder getroffen und pflegten seitdem diese merkwürdige Seelenverwandtschaft.

Craig gönnte mir ein Kopfnicken, was ich angesichts unserer letzten Begegnung schon fast als Heiratsantrag wertete. Dann sah er meine Mutter und meine Mutter ihn.

„Alter Falter, wer ist denn diese heiße Braut?", posaunte Craig aus und machte sich eilig aus Rogers Umarmung los.

Obwohl sie noch immer lächelte, sah ich praktisch, wie meine Mutter sich mental am Riemen riss um zumindest äußerlich die Contenance zu wahren. Dennoch fiel ihre Antwort unüberhörbar kalt aus. „Narzissa Malfoy. Ich bin Dracos Mutter und sie sind?"

„Mutter?" Craig wandte sich mir zu und riss die Augen auf. „Wie kann so ein Arsch so eine heiße Mutter haben?"

„Craig! Bitte!", schaltete Roger sich ein und dirigierte besagten Störenfried ans andere Ende des Tisches, an den Platz, der am weitesten von mir entfernt lag. Woran er auch wirklich gut tat, denn ich konnte mich kaum beherrschen und war nahe daran Craig den ein oder anderen ekelerregenden Fluch aufzuhalsen.

Der Kamin kündigte weiteren Besuch an und ich begrüßte Rogers Schwester vielleicht ein wenig zu lange um wirklich unauffällig zu sein. Aus einem mir unverständlichen Grund schien Bethany sich aber wirklich zu freuen auch Craig zu sehen, denn sie küsste ihn sogar auf die unrasierte Wange. Ich zweifelte allmählich daran, dass ich auch nur einen einzigen Bissen des Abendessens hinunterbekommen würde. Glücklicherweise ließen Blaise und Severus nicht mehr lange auf sich warten. Aus reiner Bosheit platzierte ich Severus direkt neben Craig und wurde nicht enttäuscht.

„Sagen sie, ist ihr Zauberstab kaputt oder sind sie zu blöd für einen einfachen Wasch- und Rasierzauber?", schnarrte Severus in seiner liebenswerten Art. Roger verschluckte sich an seinem Wein und ich versuchte nicht einmal mein schadenfrohes Grinsen zu verbergen.

Blaise nahm auf meiner anderen Seite Platz und kaum hatten wir alle Platz genommen, als die Hauselfen das Essen auf dem Tisch erscheinen ließen. Ich langte nach dem Kaninchenragout während Severus tatsächlich die Kaltschnäuzigkeit besaß und Craig einen Waschzauber verpasste, nachdem Craig ihm erklärt hatte, dass manche Menschen Körperhygiene überbewerten würden. Ich konnte sehen, dass meine Mutter schwer damit zu kämpfen hatte ihr Lachen hinter ihrer Serviette zu verbergen.

„Also, was genau ist der Anlass für dieses Essen?", wandte Severus sich dann mir zu, sobald er Craigs hygienischen Zustand für vertretbar hielt.

„Tja, ähm, also, eigentlich wollten wir euch mitteilen, dass…", setzte Roger zu einer Erklärung an. Seine Stammelei verwirrte mich etwas.

„Ihr wollt heiraten?", kreischte Bethany los und nun war ich es, der sich an seinem Wein verschluckte. Roger wurde rot.

„Nein, Beth, nein, wir ziehen um.", antwortete er hastig und mied meinen Blick. Irgendwo im hintersten Winkel meines Kopfes fingen drei Dutzend Alarmglocken an ohrenbetäubend zu schrillen.

Meine Mutter reichte mir ihre Serviette. „Wirklich? Wieso denn das, ich dachte, die Arbeit im St. Mungo würde dir so gut gefallen."

„Daran lag es auch nicht.", sagte Blaise und handelte sich einen harten Tritt gegen das Schienbein ein.

„Sag mal, Blaise, wo ist eigentlich Nathalie? Wollte sie nicht auch mitkommen?", brachte ich gehässig hervor. Ich war mir nicht sicher, worauf Blaises folgende Grimasse bezogen war, den Schmerz meines Trittes oder die Abwesenheit seiner Freundin.

„Ach, sie hat wieder ihre zickige Phase und wollte sich die Fußnägel lackieren oder die Augenbrauen toupieren oder sonst was Wichtiges. Du weißt doch, wenn sie so drauf ist stelle ich nicht allzu viele Fragen!", antwortete Blaise mit einem Schulterzucken.

„Ist sie schwanger?", posaunte Craig aus, worüber Roger und ich auch schon spekuliert hatten.

Blaise schüttelte den Kopf, während er nach den Röstkartoffeln griff und sich beherzt auf den Teller schaufelte. „Nein."

„Sicher?", hakte Roger nach und ich erdolchte ihn mit Blicken.

Doch Blaise schienen die Fragen nicht zu stören. „Ganz sicher." Er kaute nachdenklich an einer Röstkartoffel und fuhr erst einige Minuten, die wir schweigend gegessen hatten, fort. „Aber vielleicht ist genau das das Problem."

„Du meinst, ihr wollt ein Kind und es klappt nicht?", schaltete sich meine Mutter nun auch in das Gespräch ein.

Blaise ließ das Besteck sinken. „Wenn ich das wüsste. Ich denke seit einiger Zeit schon, dass sie vielleicht gern ein Kind hätte, aber immer, wenn ich sie darauf ansprechen will, weicht sie mir aus oder wechselt das Thema."

Es überraschte mich zu hören, dass Blaise tatsächlich mit Vaterambitionen liebäugelte. „Willst du denn ein Kind?", fragte ich.

Blaise hob die Schultern und grinste mich schief an. „Na ja, es wäre schon ganz schön, oder? So eine Miniausgabe von mir wäre schon nicht schlecht, immerhin muss ich doch meine phantastischen Gene der Welt hinterlassen."

„Als ob die Welt nicht schon genug Probleme hätte.", ließ Severus sich vernehmen. Blaise grinste ihn an. „Wirklich, Professor Snape, sie sollten vielleicht auch überlegen mal Vater zu werden. Ich hab mir sagen lassen, das erweitere den Horizont."

Severus Blick wurde irgendwie… ich brauchte einen Moment um sicher zu sein, dass ich tatsächlich Sentimentalität und etwas wie leises Bedauern in seinem Blick las. Was mich einigermaßen fassungslos machte. „Nun, Blaise, ich habe Draco durch Hogwarts gebracht, so gesehen habe ich meinen erzieherischen Beitrag bis an mein Lebensende geleistet."

Wir lachten. Ich dachte an Harrys Sohn. Und dann ganz schnell an etwas anderes.

„Bring ihr doch mal einen Strampelanzug mit. Wenn sie nicht mit dir reden will, versuch es mit dem überdeutlichen Wink mit dem Zaunpfahl.", schlug Roger vor.

Meine Mutter legte die Stirn in Falten: „Hast du sie gefragt, ob sie deine Frau werden will?"

„Nein." Blaise schien erstaunt über die Frage.

„Vielleicht ist gar nicht der Kinderwunsch das Problem… oder nur das zweitrangige." Allmählich dämmerte mir, worauf meine Mutter hinauswollte.

„Du denkst, sie will erst heiraten und dann ein Kind? Aber wir könnten doch genauso gut erst ein Kind bekommen. Ich meine, ich brauche keinen Zauber, der aller Welt vor Augen führt, dass wir verheiratet sind. Ich liebe sie und werde so oder so mit ihr zusammenbleiben - sofern nichts dazwischenkommt." Blaise schaute mich bei den letzten Worten an und ich spürte, wie mir die Wärme in die Wangen schoss. Konnte er nicht endlich mit diesen Seitenhieben aufhören? Hätte ich es nicht besser gewusst, hätte ich fast angenommen, dass Blaise es darauf anlegte meiner Mutter zu verdeutlichen, was mit mir los war. Ich schluckte. Oh, nein! Roger ließ seine Gabel fallen und entschuldigte sich leise. Ich hörte die Anspannung in seiner Stimme.

„Mag sein, du darfst aber nicht vergessen, dass Nathalie aus einer alten Zaubererfamilie kommt, die sehr auf die Einhaltung der Etikette bedacht ist.", gab Severus zu bedenken. Meine Mutter nickte bekräftigend: „Das stimmt. Es gilt als Schande in den höheren Kreisen, wenn das Kind unehelich gezeugt wurde oder - Merlin bewahre - sogar unehelich geboren wird."

„Gilt es nicht auch als Schande wenn der Sohn ne Schwuchtel ist?", fragte Craig und rülpste.

„CRAIG!", keuchte Roger und selbst Bethany wurde blass. Bevor ich mich ob dieser Dreistigkeit wieder fangen konnte, ergriff meine Mutter erneut das Wort und erinnerte mich daran, warum man sich niemals mit ihr anlegen sollte.

„Craig. Wie geht es denn eigentlich ihrer Mutter? Erzählen sie doch ein wenig von ihr. Ist sie immer noch dem Alkohol verfallen? Und hat sie endlich aufgehört mit jedem Kerl in der westlichen Hemisphäre zu schlafen?" Es faszinierte mich jedes Mal wie meine Ma es schaffte solch groben Beleidigungen in einem so süßen und freundlichen Tonfall vorzubringen, dass man im ersten Moment gar nicht sicher war, ob es wirklich eine Beleidigung war.

„Reden sie nicht schlecht über meine Mutter, Lady, sonst…"

Severus seufzte und belegte Craig mit einer Ganzkörperklammer. Dann wandte er sich, als ob der bewegungsunfähige Craig neben ihm nichts weiter als ein weiteres Interieur wäre, meiner Mutter zu. „Tut mir leid, wenn ich dich unterbrochen habe, Narzissa, aber ich muss schon den ganzen Tag mit nervtötenden Bälgern verbringen. Das ertrage ich nicht auch noch abends."

„Sie werden wohl doch alt, was, Professor?", grinste Blaise und verstummte abrupt, sobald sich Severus' Zauberstab in seine Richtung bewegte. Meine Mutter lächelte und ich lachte Blaise aus. Leider schien Roger die Situation alles andere als amüsant zu finden, denn er warf mir kalte Blicke zwischen jedem Bissen seines Ragouts zu, welche ich geflissentlich ignorierte.

Während Ma und Severus in eine Unterhaltung vertieft waren, schienen Bethany und Blaise die herrschende Spannung zwischen mir und Roger durchaus zu bemerken. Blaise beobachtete Roger ohne jegliche Zurückhaltung, während Bethany schüchterne Blicke zwischen uns hin- und herwandern ließ. Die Gewitterfront war zweifellos dabei sich zu verdichten. Ich tat nichts um es zu verhindern.

„So, könntet ihr ihn jetzt bitte wieder enthexen?", meldete Roger sich nach einer halben Stunde, welche wir mit friedlichem Essen verbracht hatten.

„Nein.", antwortete Severus schlicht aber mit unüberhörbarer Autorität.

„Draco, Craig ist mein Freund, also was soll das? Ich verhexe deine Freunde doch auch nicht!"

Wenn ich bisher nur das Gefühl gehabt hatte, dass ein Unwetter in der Luft lag, so war ich mir nun sicher, dass es jeden Augenblick losbrechen würde. Einzig wer zuerst die Beherrschung verlieren würde - Roger oder ich - darüber war ich mir noch nicht ganz klar.

„Bei deinen Zauberkünsten kannst du das auch nicht.", sagte Blaise und grinste ein wenig hinterhältig.

Roger wurde leicht rot um die Nase, ein sicheres Zeichen dafür, dass er wütend war.

Meine Ma versuchte zu schlichten. „Sieh mal, Roger. Ich mag dich, das weißt du, aber dein… Freund… ist unverschämt und beleidigt uns, warum sollten wir da ein Interesse daran haben den Abend mit ihm zu verbringen?"

„Ach, so handhabt ihr das immer, nicht wahr? Jemand sagt etwas, das euch nicht passt und schon hext ihr ihn zum Schweigen. Das ist ja bequemer, als sich mit demjenigen auseinandersetzen zu müssen, oder?", schnappte Roger beleidigt und ich hatte wie so oft in letzter Zeit das Gefühl einem vorpubertären Kleinkind gegenüberzusitzen. Meine Mutter kniff verärgert die Lippen aufeinander.

„Roger, er hat mich eine Schwuchtel genannt. Gibt dir das nicht zu denken? Ich meine, immerhin bist du mein FREUND!", sagte ich und bereute, dass ich mich überhaupt zu diesem Abendessen hatte hinreißen lassen. Ich konnte im Gegensatz zu Roger schließlich apparieren und meine Freunde besuchen wann ich wollte.

„Er bleibt solange verhext, wie ich es sage!", donnerte Severus und funkelte Roger böse an. Bethany sank auf ihrem Stuhl zusammen, während Blaise und ich uns verschwörerische Blicke zuwarfen. Wie oft hatten wir in Hogwarts nachts heimlich geübt eine ebenso grabesdüstere Miene aufzusetzen wie Severus? Und im Gegensatz zu einer eingeschüchterten Bethany und einem sprachlosen Roger beeindruckte uns Severus' Dominanzgehabe weniger als diesem lieb war.

„Draco, erzähl mir doch bitte von deinem neuen Job.", sagte Ma entschlossen sich die Stimmung von Roger nicht endgültig verderben zu lassen.

„Ja, bitte, das wäre endlich etwas interessantes.", schloss Severus brummend.

Ich wusste, dass Roger kurz davor war türeknallend abzuhauen und wahrscheinlich lag es nur daran, dass er Bethany nicht mit uns allein lassen wollte, dass er es nicht tat. Obwohl ich vielleicht tatsächlich dazu verpflichtet gewesen wäre mich auf seine Seite zu stellen, tat ich es nicht. Craig Falten war nur in einem einzigen Zustand zu ertragen und das war unter einer Ganzkörperklammer!

„Vielleicht ist es wirklich besser so, Roger… Craig ist immer etwas… ungehobelt.", versuchte Bethany zu vermitteln, sprach jedoch sofort hektisch weiter, als Rogers düsterer Blick sich nun auf sie richtete. „Ich weiß genauso gut wie du, dass Craig es meistens gar nicht böse meint, aber… na ja…" Sie hob hilflos die Schultern und brach ab. Roger schwieg noch immer.

„Hast du zufällig das Exposee des Hauses noch da, Darling, ich bin wirklich neugierig.", schaltete meine Mutter sich erneut ein.

„Sicher.", antwortete ich und griff nach meinem Zauberstab. Das Exposee flimmerte über dem Tisch und Severus wirkte erstaunt. „Ist die Ähnlichkeit mit Malfoy Manor Zufall?"

„Ja, die anderen Häuser waren alle nicht so toll…", sagte ich schnell in der Hoffnung, dass Roger nichts dazu sagen würde. Den Gefallen tat er mir selbstverständlich nicht.

„Wirklich? Ich fand das Haus mit dem Quidditchfeld eigentlich ganz nett." Der lauernde Unterton in Rogers Stimme passte so gar nicht zu seiner sonst so demütigen Art. Es sah aus, als war er wirklich kurz davor zu explodieren wie ein Knallrümpfiger Kröter.

Die Augen meiner Mutter verengten sich und ich spürte ihren forschenden Blick als ich bemüht neutral antwortete: „Ich habe es dir doch schon erklärt, Roger. DU kannst nicht fliegen und was soll ich also allein mit einem eigenen Quidditchplatz?"

„Hey! Du könntest mit mir spielen!", sagte Blaise empört. Ich warf ihm einen vernichtenden Blick zu.

„Genau, Draco, du könntest doch mit Blaise spielen oder mit deinen anderen Freunden und VIELLEICHT könnte ich ja einfach LERNEN wie man auf einem VERDAMMTEN BESEN FLIEGT! Aber das ist es nicht, nicht wahr?!", schrie Roger plötzlich los und stand so schnell auf, dass sein Stuhl mit einem lauten Knall nach hinten umschlug. Das Geschirr schepperte auf dem Tisch und während die Miene meiner Mutter sich weiter verdüsterte, griff Severus ungerührt nach seinem Weinglas und trank einen großen Schluck. So schnell brachte diesen Mann einfach nichts aus der Ruhe.

Roger funkelte mich wütend an und ich wusste, dass das Gewitter nicht mehr zu stoppen war!

„Oh, beim Barte Merlins, was ist bloß los mit dir? Ich habe dich doch gefragt, ob du mit dem Haus leben kannst! Du warst einverstanden, also was zum Henker soll jetzt diese Szene?" Wenn es etwas gab, was ich wirklich verabscheute, dann wenn Roger einen Konflikt, der eigentlich nur uns beide anging, lauthals in die Umwelt posaunen musste. Strenge Erziehung hin oder her, mein Privatleben ging nur diejenigen etwas an, denen ich es freiwillig erzählen wollte!

Ärger stieg als brennendes Gefühl von meinem Magen in meine Kehle hinauf und so hörte ich weder Mutter`s genervtes Seufzen, noch die Türklingel.

„Du hältst dich wirklich für Merlins Geschenk an die Zaubererwelt, was?", fauchte Roger.

Es klingelte erneut, doch weder Roger noch ich hörten es überhaupt.

Es war Rogers Schwester, die mich vorerst davon abhielt meine Erziehung zu vergessen und ihrem Bruder einige deftige Bemerkungen an den Kopf zu schmeißen: „Da ist jemand an der Tür."

„WAS?", fauchten Roger und ich im Chor.

„ES HAT GEKLINGELT!", wiederholte Severus in einem Tonfall, der bei günstiger Betrachtungsweise einen Hippogreif zu Eis hätte erstarren lassen.

„Lass mich raten, ein Überraschungsgast, wer könnte das wohl sein, DRA-CO?!", schnappte Roger und verschränkte die Arme vor der Brust.

Ich war genau noch eine einzige Bemerkung von einem Wutanfall entfernt und stand nun ebenfalls auf. Meine Hände hatte ich zu Fäusten geballt und einzig die Anwesenheit meiner Mutter hielt mich davon ab, etwas zu tun, worauf ich nicht stolz wäre!

Statt meiner Erziehung also Schande zu bereiten, presste ich meinen Kiefer so fest aufeinander, dass meine Zähne knirschten und ging in den Flur um die Tür zu öffnen. Der Ärger hatte sich mittlerweile zu einer Kaskade kochender Wut geformt, die mein Blut zum Brodeln brachte. Ich wusste, dass ich Rogers Getue nicht eine Sekunde länger ertragen würde und spielte in dem Moment, als meine Finger sich um den Türgriff schlossen, ernsthaft mit dem Gedanken einfach zu gehen. Leider wusste ich, dass weder meine Mutter noch Severus mir ein derartiges Verhalten würden durchgehen lassen.

Ein unerwartetes Geräusch ließ mich meine Hand von der Türklinke nehmen, bevor ich mitten in der Bewegung erstarrte. Mein Mund wurde trocken und mir wurde entsetzlich übel. Meine Wut sackte innerhalb eines einzigen Wimpernschlages in sich zusammen, wurde von einer Flutwelle der eisigen Erstarrung hinweggefegt. Kam das anhaltende Weinen eines Kindes tatsächlich von dem Flur vor meiner Tür oder doch eher aus meinen malträtierten Hirnwindungen?

Ich starrte meine Haustür an. Das weiße Holz schimmerte in der indirekten Beleuchtung meiner Designerlampen. Ich streckte meinen Arm nach dem Türknauf aus, blickte auf meine Finger hinab, die sich um das kühle Metall schlossen und wurde das merkwürdige Gefühl nicht los, neben mir zu stehen. Es war, als beobachtete ich mich selbst, wie ich unsicher vor dieser Tür stand, den Griff schon in der Hand und noch immer zögernd ihn zu benutzen. Wahrscheinlich machte ich mich lächerlich, denn wenn ich diese Tür öffnete, würde da hinter zwar ein unerwarteter Besucher stehen, vielleicht aber auch nur Theo und der Rest der Jungs. Doch egal, wer es schlussendlich war, ich würde enttäuscht sein.

Meine Finger bewegten sich, ohne dass ich mich daran erinnern konnte, mich willentlich dazu entschlossen zu haben die Tür zu öffnen. Mein Magen revoltierte und ich meinte meinen Herzschlag in der Kehle zu spüren. Das Kinderweinen wurde lauter und ich zog die Tür auf.

Urplötzlich schrumpfte meine Umgebung zu einem paar dunkler Augen zusammen, die mich zwischen durchnässten Haaren hindurch ansahen.

Harry.

Tbc…

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