Stöhnend erwachte der schwarzhaarige Mann aus der verschwommenen Klarheit seiner Wachträume, derer er, ohne zu wissen warum, habhaft zu werden suchte, die jedoch stets, sobald er sie erreicht zu haben glaubte, durch die Fingerspitzen seiner ausgestreckten Hände entkamen, bis er sich irritiert nach dem Grund seiner Bemühungen fragte, und, verwirrt ob der Grundlosigkeit, seine blauen Augen interessiert öffnete, um seine Umgebung in Augenschein zu nehmen, da er sich weder an seinen letzten Aufenthaltsort zu erinnern schien, noch daran, eingeschlafen zu sein. Nur einen Wimpernschlag, nachdem er seine Augen geöffnet hatte, entfuhr seinem Mund ein schmerzerfülltes Aufstöhnen, da die grelle Schwärze, die den scheinbar unendlichen Raum, auf den der junge Mann einen kurzen Blick erhaschen konnte, bevor er seine Augen wieder schließen musste, ebendiese blendete, sodass er sein Gesicht in seinen Händen vergrub.

Nach einigen zögerlichen Versuchen siegte die Neugier des Mannes schließlich über die Angst vor neuerlichen Schmerzen, und er öffnete vorsichtig seine Augen, um den schwarzen Raum, in dem er sich befand, zu betrachten, während er sich langsam aufsetzte. Keine Lichtquelle erleuchtete den Raum, und dennoch erkannte er die Schwärze, die nur wenige Zentimeter von ihm entfernt eine dichte Mauer errichtete, deutlich vor sich. Verblüfft tastete er nach dem schwarzen Gebilde und staunte, als es, wie fester Rauch, unter der sanften Berührung seiner Finger nachgab, sich verformte, und bis in die Unendlichkeit des Raumes zurückwich und trotzdem, einer festen Wand gleich, nur wenige Zentimeter von seinen Fingern entfernt zu sein schien.

Noch während er sich über die wundersamen Eigenschaften der Schwärze wunderte, spürte der Kampfsportler ein wohlbekanntes, doch unbekanntes, kribbelndes Gefühl in seinem Körper, das sich langsam bis in die Spitzen seiner Finger ausbreitete, seine Haare zu einer Gänsehaut aufstellte und ihn erschaudern ließ. Er spürte die Präsenz einer anderen Person, eines anderen Seins, das sich mit ihm an diesem Ort aufhielt, dessen Aura so anders war, als alles, was der junge Mann jemals zuvor gespürt hatte, ihm doch so bekannt schien wie ein Jahrzehnte alter Freund, der sich ihm, nachdem er ihn vergessen hatte, noch einmal vorstellte. Zeitgleich sah Ranma, obgleich es kein Licht gab, das ihm zu sehen verhalf, das Schatten zu werfen vermochte, schemenhafte Umrisse von Schatten am Rande seines Blickfeldes neckisch tanzen, die jedes Mal, wenn er sie mit seinen Blicken zu fangen versuchte, mit der Schwärze des Raums verschmolzen, um, Sekunden später, wieder am Rand seines Blickfeldes zu erscheinen.

Sekunden, Minuten, Stunden oder Tage, der schwarzhaarige Mann wusste nicht, wie lange er versuchte, die Schemen mit seinen Augen zu sehen, da Zeit für ihn in diesem allumfassenden Ort keine Rolle spielte, bevor er sich seines jahrelangen Trainings entsann, er still seine Augen schloss, auf den nichtexistierenden Boden, auf dem er saß, blickte und seine Ohren schließlich, obwohl er nicht mehr sehen konnte, für ihn sahen. Er erblickte die Schwärze, die, wie er erst nun verstand, keine Schwärze war, sondern ebenjene schemenhaften Schatten, die er zu erblicken versucht hatte, und vernahm unverständliches Flüstern in den Tiefen der Schatten, das jedoch, wie die Schemen zuvor, jedes Mal, wenn er sie zu hören versuchte, verstummten. Und nun verstand er, dass er, wenn er sehen wollte, nicht sehen durfte, wenn er hören wollte, nicht hören durfte, wenn er fühlen wollte, nicht tasten durfte, er verstand, dass er sich jedes Gedankens entledigen musste, um zu verstehen, fand Eingang in die Tiefen der Meditation und plötzlich sah er.

Er sah sich selbst, ein rothaariges Mädchen von nicht mehr als sechzehn Jahren, beschämt in das enttäuschte Gesicht des Mannes, dessen Tochter er heiraten sollte, blicken, er sah ebenjene Tochter ihn mit einem freundlichen Lächeln willkommen heißen, sah ihren ablehnenden Blick, als sie herausfand, dass er ein Junge war, sah sie das erste Mal mit ihren kurzen Haaren, die er so gerne mochte, sah, wie sie versuchte, ihn aufzumuntern, nachdem er auf der Eisbahn geküsst worden war, sah, wie sie sich beinahe in der Trainingshalle küssten, sah ihren ersten gemeinsamen Kampf, sah, wie er durch das Training um die Phoenixpille immer stärker wurde, wie er sich durch die Kämpfe mit Happossai weiterentwickelte und wie er zugleich Akane mit jedem Tag näher kam, wie sie während des Essens immer näher aneinander rückten, sah, wie er seine Kraft verlor und mit ihrer Hilfe wieder zurückerlangte, sah, wie er ihr versehentlich im Irrgarten seine Liebe gestand, sah, wie sie entführt wurde und er ihr nacheilte, sah, wie er ihr ein zweites Mal versehentlich seine Liebe gestand, sah seinen schrecklichen Kampf gegen Kräutlein, seine Rückkehr zu ihr, ihre Umarmung, sah sie bei einem anderen Mann und ihre gemeinsame Rückkehr, sah ihr verfluchtes Doppel, sah die versiegenden Quellen und Akane in seinen Armen.

Und als er all das gesehen hatte, nachdem diese Bilder an seinem inneren Auge blitzschnell vorbeigezogen waren, konnte er plötzlich ihre glockenhelle Stimme vernehmen, ihr Lachen, ihre aufmunternden Worte, ihre Beleidigungen, er hörte sich an ihrer Stimme satt, bis er nichts mehr hören konnte und begann schließlich, den schnellen Rhythmus seines Herzens zu spüren, jenes atemberaubende Gefühl, das er stets spürte, wenn er seine Verlobte sah. Er spürte seine grenzenlose Liebe, die sein Herz zu zerreißen drohte, denn er wusste, dass er sie nie wieder würde sehen können, das Gefühl nie wieder würde spüren können. Und mit einem Mal wusste er, wo er war.

„Ranma!"

Das grenzenlose Gefühl des Glücks, das die junge Frau beim Anblick ihres Verlobten verspürt hatte, wich dem blanken Entsetzen, als sie hilflos erblickte, wie sein lebloser Körper in sich zusammensackte und er regungslos inmitten vierer Schüsseln liegen blieb. Taumelnd schritt die blauhaarige Frau zu dem jungen Mann, stieß dabei, ohne es zu bemerken, an die ebenso entsetzt, junge Amazone, fiel schließlich neben seinem Körper auf die Knie und tastete mit zitternden Fingern ängstlich nach dem Hals des Mannes und drückte ihre samtenen Finger zärtlich dagegen.

Das regelmäßige Schlagen ihres Herzens schien für einen winzigen Moment auszusetzen, als sie das fehlende Pochen des Pulses spürte, nur um Sekunden später stärker denn je zuvor zurück zu kehren, sich schmerzhaft zusammen zu ziehen und mit jedem so sinnlosen Schlag ihre Organe mit dem lebenswichtigen Sauerstoff zu versorgen, obwohl sie nicht wusste, warum es geschah; und plötzlich wusste sie es, wusste sie, was sie zu tun hatte, als eine unbändige Wut in ihr erwachte und sie zitternd aufstehen ließ.

„Du!", presste die Frau zwischen ihren Zähnen hervor und deutete mit schicksalhafter Endgültigkeit auf die alte Frau.

„Willkommen", hallte eine tiefe Stimme, deren Ursprung Ranma nicht lokalisieren konnte, da sie von überall und zugleich von nirgends zu kommen schien, durch die Schwärze des Raumes, der sich vor den Augen des blauäugigen Mannes langsam veränderte, bestimmte Konturen annahm, und doch ruhte sein Blick auf der schwarzen Gestalt vor ihm. „Willkommen zurück!"

Die in einen schwarzen Umhang gehüllte Figur schien den jungen Mann eindringlich zu beobachten, doch konnte Ranma ihr Gesicht, das sich in der tiefen Schwärze der Kapuze verbarg, genauso wenig erkennen wie ihre Hände oder Füße, die ebengleich verborgen waren. Langsam schweifte sein Blick über den uralten Umhang hinüber zu dem stehenden Fluss, an dessen entfernten Ufer er die Umrisse eines Gebirges auszumachen glaubte, hin zu der ihn noch immer umgebenden, undurchdringlichen Schwärze.

„Was meinst du?", fragte Ranma leise und versuchte, einen Blick auf das Gesicht der Figur zu werfen. „Wer bist du überhaupt?"

„Viele Namen habt ihr mir gegeben", antwortete die Gestalt ruhig und deutete auf den Fluss, ohne den Blick auch nur einmal von seinem Gegenüber zu wenden. „Fährmann werde ich genannt, Charon, der die Seelen in das Reich der Toten begleitet, indem er sie über den heiligen Fluss trägt. Viele Menschen habe ich begleitet, doch nur wenige waren so interessant wie du, junger Ranma."

„Woher kennst du meinen Namen?", fragte der Mann ehrfürchtig.

„Einst standest du an ebenjener Stelle", flüsterte der alte Fährmann, und doch hallte seine Stimme mächtig von den Wänden des unendlichen Raumes. „Einst standest du hier und erwärmtest mein Herz mit flehentlichen Bitten. Einst batest du mich, dich über den Fluss zu setzen, um deine Geliebte zu retten. Ist dies deiner Erinnerung entfallen?"

„Das kann nicht sein!", antwortete Ranma verwirrt. „Dazu hätte ich sterben müssen!"

„Du gabst dein Leben auf, während dein Herz noch schlug, aber sieh selbst", sagte der Greis und schnippte mit den in den Schatten seines Umhangs verborgenen Fingern.

„D-das k-k-kann doch nicht wahr sein", stammelte Ranma, als er, nur wenige Meter von sich entfernt, sein schattenhaftes Ebenbild kniend vor dem Fährmann erblickte.

Ich bitte dich!", schrie er. „Ich flehe dich an! Setze mich über, lass mich nach ihr suchen, setze sie über und behalte mich dafür hier. Ich gebe dir alles! Alles, was du verlangst, nur lass mich sie suchen. Es ist meine Schuld, dass sie nicht mehr lebt! Ich war nicht schnell genug! Und ich kann mit diesem Gedanken nicht leben! Wenn ich sie nur am Leben wüsste, ich würde dir alles geben!"

„Von deinen Worten berührt, tat ich, was du verlangtest", sprach Charon, bevor der junge Mann, der noch immer erstaunt auf die Stelle starrte, an der sein Ebenbild eben verschwunden war. „Um wessen willen bist du also hier, wenn deine Zeit noch immer nicht gekommen ist?"

„Ich will ihren Vater", meinte Ranma nachdenklich, als er sich daran erinnerte, weshalb ihn Cologne in die Unterwelt geschickt hatte.

„Schon einmal half ich dir", erinnerte der Fährmann ihn. „Warum sollte ich es ein zweites Mal tun?"

„Weil ich dafür bei dir bleibe", sagte er vorsichtig.

Hart prallte Akane auf den Boden, zurückgeworfen vom gnadenlosen Schlag der Altmeisterin, spürte, wie sich die Scherben des zerbrochenen Spiegels tief in ihr Fleisch bohrten, doch der schlimmste Schmerz ging von ihrem Kopf aus, mit dem sie nur wenige Momente zuvor unsanft gegen die Wand gestoßen war. Das warme Blut floss in kleinen Rinnsalen an ihren Armen hinab, als sie sich, die Schmerzen verdrängend, die in ihren Armen brannten, wieder aufhievte. Ihr Blickfeld verschwamm für eine Sekunde und sie blinzelte, bevor sie sich plötzlich erbrach. Schwer atmend sank sie auf ihre Knie, doch stand nur einen Wimpernschlag später wieder auf.

„Warum kämpfst du?", fragte Cologne gelangweilt. „Du kannst ihn nicht mehr retten! Er hat sich freiwillig geopfert, um deinen Vater zu retten, also sei ihm dankbar und genieße dein Leben."

„Du hast ihn dazu verleitet, du alte Hexe", keuchte die junge Frau. „Und ich weiß, dass ich ihn noch retten kann, wenn ich dich nur besiege!"

„Das ist ja eine nette Theorie", lachte die alte Frau. „Und wie willst du das machen? Wenn ich mich nicht gewaltig irre, hast du eine Gehirnerschütterung, du kannst dich doch kaum noch auf den Beinen halten. Außerdem kannst du ihn nicht mehr ret-!"

Mitten im Wort brach die Altmeisterin plötzlich ab und starrte erstaunt auf die blutbedeckte linke Hand der jungen Frau vor ihr, an deren kleinem Finger nur für sie sichtbar ein schwacher roter Faden, dessen Farbintensität mit jeder Sekunde zunahm, aufleuchtete. Mit zusammengezogenen Augenbrauen blickte Cologne zwischen dem leblosen Körper des jungen Mannes und der jungen Frau hin und her. Doch bevor sie auch nur ein Wort sagen konnte, spürte sie, wie ihre Arme unwirsch nach hinten gebogen wurden, sie ihren Stock verlor und sich ein brennender Schmerz zwischen ihren Schulterblättern ausbreitete.

„Was?", stöhnte die alte Frau und schloss ihre Augen.

„Du hast mir gesagt, er würde es überleben!", flüsterte eine Stimme tonlos in ihr Ohr, während sich der Druck auf ihren Rücken weiter verstärkte, sodass Cologne ihren Körper verrenkte, um die Schmerzen zu lindern. „Du hast mich belogen und ihn vor meinen Augen umgebracht!"

„Shampoo, lass mich los!", rief die Frau und versuchte sich, mit einem heftigen Ruck von dem Griff ihrer Urenkelin zu befreien. „Was soll das?"

„Was das soll?", lachte die blauhaarige Amazone humorlos. „Ich habe ihn von ganzem Herzen geliebt! Ich habe ihn geliebt und du hast mir die Erinnerung an ihn genommen und ihn umgebracht! Wir werden das nach unseren Gesetzen regeln."

„Shampoo, was?", fragte Akane, als sich das Pochen in ihrem Kopf etwas beruhigt hatte, blickte erstaunt auf und sah, wie die blauhaarige Frau der Altmeisterin einen sanften Kuss auf die Wange gab.

„Was soll das, Shampoo?", sagte die Frau in einem gefährlich leisen Ton. „Ich bin unsterblich, du dummes, verzogenes Gör! Damit hast du dein eigenes Todesurteil unterschrieben!"

„Nein, Cologne", flüsterte Shampoo lächelnd. „Ranma mag vielleicht nicht mehr hier sein, um dich zu besiegen, aber seine Schülerin wird dich mit Vergnügen umbringen, denn es ist ihre einzige Möglichkeit, ihn zu retten."

Die Amazone erblasste, als sie die Tragweite der Worte ihrer Urenkelin begriff. Verzweifelt versuchte sie sich aus dem eisenharten Griff der jungen Frau zu befreien, während der junge Stern vor ihr einen langen Splitter des zerbrochenen Spiegels aufhob. Langsam ging Akane auf die alte Frau zu, ein harter Glanz in ihren Augen, der der dem Tode geweihten Frau versprach, dass sie ihre Tat nicht bereuen würde. Vorsichtig setzte sie den spitzen, scharfkantigen Splitter an den Hals der Amazone…

Puh, der Prolog zum großen Finale wäre geschafft! Das letzte Kapitel wird das längste, schönste und spannendste Kapitel überhaupt werden, das verspreche ich euch, meinen treuen Begleitern dieser sagenumwobenen Geschichte. Und außerdem werde ich versuchen, es euch an Weihnachten präsentieren zu können!