"I feel like a blind man with a colour TV; everything's fine, but I just can't see"
(Sven Regener)
Den ersten Doppelstunden folgte eine dreißigminütige Pause, in welcher Severus sich im Lehrerzimmer melden sollte. Es gab wohl neue Professoren. Sie wurden bei der Eingangsfeier erwähnt, doch Severus konnte sich kaum erinnern.
Von den Kerkern zum Lehrerzimmer, welches sich im Erdgeschoß befand, war es nicht weit und trotzdem kam es ihm so vor. Wo auch immer er hinging, er wurde angestarrt, Schüler blieben sogar wie angewurzelt stehen. Peeves folgte ihm auf Schritt und Tritt um ihm seinen neuesten Reim vorzutragen; Drei Monde war der Snape so krank. Jetzt schimpft er wieder, Gott sein Dank.
Es wurde eifrig geschnattert und es roch nach Trelawneys Sherry. Als er eintrat, verstummten alle. Minerva sprang katzenartig auf und stellte ihn vor.
'Das ist Professor Ethan Procklington-Smythe. Er wird die Verteidigung gegen die Dunklen Künste unterrichten.'
Der schmalschultrige, hornbebrillte Mann, der genausogut als Steuerfachberater in Epswich hätte durchgehen können, beendete gerade die lächerliche Aufgabe, sich seine wenigen verbleibenden Haare im Zickzack über den Kopf zu legen. Als er Severus sah, bedachte er ihn mit einem übertrieben bedeutungsvollen Blick und bewegte sich in recht weibischer Art auf ihn zu.
'Ich werde Sie wohl des Öfteren um Unterstützung bitten. Sie sind ein... Genie. Es ist mir eine große Ehre.' Der Mann verbeugte sich und griff mit schlaffen Wurstfingern nach Severus' Hand. Trelawney kicherte.
Schade daß die Position nicht mehr verflucht ist, dachte Severus, konnte sich aber beherrschen dies nicht auszusprechen.
'Willkommen zurück,' sagte Sybil fröhlich und etwas lallend.
'Und daß,' lenkte Minerva ab, 'Ist Janice Cochrane, die neue Professorin für Muggelkunde. Sie ist die Einzige unter uns, die einen Doktortitel in Pädagogik trägt und die erste Muggelprofessorin in Hogwarts.'
Die junge Frau trug wohl mehr als nur einen Doktortitel. 'Willkommen,' sagte Severus. Seine Stimme klang gleichgültig und um nicht sofort in den Ruf zu kommen, unhöflich zu sein, fügte er steif hinzu: 'Sollten Sie Tränke gegen Übelkeit, hormonelle Schwankungen oder Schmerzen benötigen, können Sie sich an mich wenden. Ich kann Ihnen versichern, daß sie harmlos sind.'
Trelawney und McGonnagal brachen in hysterisches Gelächter aus. Procklington-Smythe tat es ihnen in derselben Tonlage nach.
'Ich bin nicht schwanger,' sagte die Muggelfrau.
Oh.
Sie sah aus, als wäre im achten Monat.
'Aber wenn es soweit ist, werde ich Ihr Angebot gern wahrnehmen. Danke.'
Etwas pikiert schüttelte sie seine Hand.
Ja, Severus wußte sich beliebt zu machen.
Er setzte sich schweigend an den Tisch und studierte die Rahmenpläne. Eine Tasse Tee stand plötzlich vor ihm und der schleimige Verteidigungslehrer lächelte süß. Severus nahm erst dann einen Schluck, als er sich per Geruch davon vergewissert hatte, daß der Tee nicht mit Amortentia gezuckert worden war.
Nun folgten die Siebtkläßler. Gryffindors und Slytherins. Hermine streifte ihn leicht, als sie an ihm vorbeiging um sich zu setzen. Sie hatte sich verändert. Der neue Umhang war... weiblicher geschnitten, ihr Haar war sorgfältig geflochten.
Sie sah nun nicht mehr wie die Davor-Aufnahme in den "Was man nicht trägt" Seiten der Hexenwoche. So jedenfalls hatte sie sich einmal selbst beschrieben. Severus hatte noch nie einen Blick in die Hexenwoche geworfen. Er würde wohl die Ausgabe, in der er den Preis für das bezauberndste Lächeln gewonnen hatte, verpaßt haben.
Sie setzte sich neben Longbottom und lächelte Severus ermutigend an, bevor sie Bücher, Feder und Pergament auspackte und sie sorgfältig vor sich legte.
Potter und Weasley saßen hinten und warfen böse Blicke zu Goyle und Malfoy.
Severus ging lautlos zu seinem Pult, räusperte sich, doch niemand nahm Notiz. Dann setzte er sich und verschränkte die Arme vor der Bust.
Vor ihm saßen Erwachsene. Sie hatten sich in ihrem letzten Jahr verändert, es gab kaum noch kindliche Naivität den Gesichtern. Im letzten Jahr hatten sie alle gekämpft, auf der einen oder anderen Seite. Fast alle von ihnen waren bei der Schlacht von Hogwarts anwesend gewesen, hatten Menschen sterben sehen, Familienmitglieder und Freunde begraben.
Severus bezweifelte doch stark, daß sie sich um Hauspunkte und Nachsitzen scheren würden, daß ihnen Quidditch noch etwas bedeutete.
Oder daß sie sich von ihm in irgendeiner Weise würden einschüchtern lassen.
Ein nachdenkliches, graublaues Augenpaar ruhte auf ihm. Der älter als achtzehn Jahre aussehende, selbstsichere Neville Longbottom starrte ihn gedankenverloren an. Severus wich ihm nicht aus, sah, wie der junge Mann fast unmerklich nickte. Severus erwiderte genauso diskret. Für eine Millisekunde spürte er, wie die Kälte aus seinen Augen verschwand und sich so etwas wie Dankbarkeit in ihnen zeigte. Longbottoms schmales Gesicht erhellte sich daraufhin etwas, dann schlug er sein Buch auf und wisperte Hermine etwas zu.
Der Lärmpegel nahm neue Dimensionen an.
Sie hatten nun wohl vollkommen vergessen wo sie waren, sahen aus, als ob sie sich jeden Moment duellieren wollten. Beleidigungen, allesamt tief unter der Gürtellinie flogen durch das Klassenzimmer wie Doxys unter Koffeineinfluß.
Severus stand auf, holte sich ein Buch aus dem Regal und begann zu lesen. Er gab vor, das Geschehen vollkommen zu ignorieren. Nach und nach wurde es ruhiger, offensichtlich war den Schülern Severus' Reaktion doch nicht ganz geheuer. Die Neugierde überwog wohl und langsam zog komplette Stille ein. Severus gab noch eine Weile vor, weiterzulesen, hob jedoch irgendwann seinen Kopf und besah jeden Einzelnen mit einem abfälligen Blick.
'Jeder, der vorhat, sich mit einem UTZ in Zaubertränke schmücken zu wollen, sollte bis morgen Seite zweihundert zwölf bis zweihundert fünfunddreißig in Zaubertränke für Fortgeschrittene lesen und einen Aufsatz von mindestens zwei Fuß Pergament über die Auswirkungen des Stärkungstranks auf das Immunsystem schreiben. Ist Ihnen das zu dumm, dürfen Sie gern gehen, niemand ist verpflichtet, hier zu sein.'
Seine Lippen kräuselten sich als er sah, wie Potter und Weasley eifrig in ihren Kalender schrieben. Sie waren wohl zu sich gekommen.
'Sie wollen alle so erwachsen sein, sie haben ja so viel durchgemacht, bitte. Ich werde hier sitzen und Fragen beantworten, Sie können sich den Stoff selbst erarbeiten. Jeder, der nach dem letzten Jahr vergessen hat, wie man sich im Unterricht zu benehmen hat, wird vom Unterricht ausgeschlossen. Wenn Sie sich stattdessen lieber die Köpfe einschlagen wollen und somit beweisen, daß Sie in diesem Krieg absolut nichts
gelernt haben,' er unterstrich sein Desinteresse mit einer fahrigen Handbewegung bevor er fortfuhr, 'können Sie das gern außerhalb meines Unterrichts tun, mir ist es gleich. Und jetzt raus hier. Allesamt.'
Es waren noch zwanzig Minuten bis Unterrichtsschluß, doch er entließ sie trotzdem. Es war ihr eigenes Pech. Eilig packten alle ihre Taschen ein und gingen. Bis auf eine. Hermine ließ die ihre fallen, der gesamte Inhalt verteilte sich auf dem Boden. Langsam begann sie, alles aufzuheben und hielt in dem Moment inne, in dem der letzte Schüler den Raum verlassen hatte. Dann schloß sie die Tür, versiegelte sie.
'Das war genial,' sagte sie anerkennend. 'Vielleicht praktizierst du ja doch nicht nur schwarze Pädagogik.'
Severus antwortete nicht, holte seinen Zauberstab hervor, murmelte eine Spruch und beobachtete, wie Hermines Schulsachen sich wieder in ihre Tasche sortierten.
'Danke.'
Er neigte den Kopf fragend.
'Würdest du mit mir zu Mittag essen?' fragte sie ganz unverhohlen. Als er zögerte, fuhr sie selbstsicher fort; 'Oder ist dir die Große Halle lieber? Essen mußt du.'
Bevor er antworten konnte, hatte sie Winky herbeigerufen.
'Brodick Beach bitte', bat sie höflich. Winky nickte und tat wie ihr geheißen. Hermine bezahlte den Elf, eine Geste, die Severus immer noch seltsam vorkam.
Er sah sich um. Sie standen beide auf schwarzen Felsen, direkt am Meer. Sie waren in Arran Island, Schottland. Einer kleinen Insel, die die gesamte Geologie Schottlands in sich selbst vereinte, in der das Wetter sich alle zwanzig Minuten änderte. Der Hausberg Goat Fell war gut sichtbar, es war ein sonniger Tag. Severus streifte seinen Umhang ab und trug nun das schwarze Hemd und die Hose, die Hermine ihm vor einer halben Ewigkeit ins Krankenhaus gebracht hatte. Sie tat es ihm nach. Hermine lief vor ihm, anmutig und beschwingten Schrittes.
Creeler's Restaurant, in welchem vorwiegend Fisch serviert wurde wartete auf sie. Hermine schien vorbestellt zu haben.
'Wir haben nicht so viel Zeit,' sagte sie entschuldigend.
Eine Stunde, gefüllt mit Creeler's Bouillabaisse, Sika Venison und Yann Tiersen, der immerfort seine Bratsche dermaßen malträtierte, daß Severus fast hören konnte, wie die Haare des Bogens nacheinander rissen und unendlich erfrischender Konversation, verging schnell. Was immer man denken mochte, aber Severus hatte fast vergessen wie es war, eine angenehme Unterhaltung zu führen. Die Todesserkonversationen waren kaum über strategische Diskussionen und schwachsinnige Haßreden hinausgegangen, auch mit Dumbledore, dessen pseudoweise, zuckerhochinduzierte und unnötig verschlüsselte Botschaften nicht wirklich Entzücken hervorzurufen wußten, hatte er wenig geredet.
Eine fast handgreifliche und mitnichten unangenehme Spannung hatte sich zwischen Hermine und Severus gebildet.
Sie war nicht gerade das, was man hübsch nennen konnte und doch war sie attraktiv... ja, schön. Unbewußt und doch keineswegs unschuldig, flirtete sie unentwegt. Severus hatte einige Mühe, die zunehmende Aufregung zu verbergen die seltsame Anspannung seines Körpers. Ihm war heiß, ungemein heiß und vor seinem inneren Auge sah er sich selbst als schweißtriefendes Etwas mit einem irren, erregten Ausdruck im Gesicht.
Es war Zeit, wieder zum Schloß zurückzukehren. Er ließ es sich nicht nehmen zu bezahlen. Minerva hatte ihm sein Gehalt im voraus gegeben.
