Kapitel 13 Snape
Das war ein Tag gewesen. Snape seufzte als er in seinen Sessel sank und kniff sich fest in seine Nasenwurzel, um die Migräne aufzuhalten, die sich schon mit wehenden Fahnen ankündigte.
Er wollte keinen Trank dagegen nehmen, denn er brauchte einen klaren Kopf zum nachdenken.
Nichts war an diesem Tag so gelaufen wie er es gedacht hatte, begonnen bei der Uhrzeit an der er aufgewacht war, bis hin zu seiner widerwilligen Rückkehr in seine eigenen, einsamen Räume.
Morgen würde er Hermine küssen.
Sie hatte ihm die ganze Woche damit in den Ohren gelegen, hatte versucht ihn über den Rand zu ziehen mit ihren sanften Berührungen und zitternden Lippen und ihren Theorien, dass sie vielleicht in einer Art Märchen lebte.
Er wusste, dass es nicht funktionieren würde. Sein Kuss würde sie nicht erwecken - sie mochte schön sein, doch er war wirklich kein edler Prinz.
Allein der Gedanke daran ließ ihn böse grinsen.
Er wusste, was sie zu tun versuchte und er konnte ihr nicht wirklich einen Vorwurf daraus machen. So wie sie gefangen zu sein, mit wenigen Möglichkeiten befreit zu werden und limitiertem körperlichen Kontakt, war einfach angsteinflößend. Sie hatte sich selbst davon überzeugt, dass sie ihn wollte - ausgerechnet ihn - und es sah nicht danach aus, dass er ihr das ausreden konnte. Nicht, dass er das wirklich wollte.
Es war schwer sich selbst zu belügen, in einer Sache nach der sich sein Herz sehnte. Nach dem morgigen Tag glaubte er nicht, dass er es noch länger tun konnte, wenn überhaupt.
Seine Wünsche zu unterdrücken und gleichzeitig zu versuchen ihre zu ignorieren war während der letzten Woche schon schwer genug gewesen und bis jetzt hatte er sie noch nicht geküsst.
Sie war wirklich eine bemerkenswerte Frau. Er schloss seine Augen, lehnte seinen Kopf an die Sessellehne und erinnerte sich an ihre süße Stimme, ´Ich liebe dich Severus... Du bist das Beste an diesem ganzen Schlammassel. Du bist mein Silberstreif am Horizont.´
So lange wie er sich erinnern konnte, es hatte ihn vorher noch niemand geliebt. Es ängstigte ihn bis in die Tiefen seines Seins, es ängstigte ihn mehr als die letzten schrecklichen Monate als Dumbledores Spion, mehr als Voldemort im letzten Kampf gegenüberzustehen. Sie hatte eine Macht über ihn, wie sie noch niemand zuvor gehabt hatte und er war besorgt, dass er sie verlieren würde.
Was war, wenn er schaffte sie zu befreien? Was war dann? Entgegen ihrer ständigen Proteste, dass sie ihn liebe, würde das plötzliche Aufheben des Fluches, gepaart mit der Möglichkeit sich einen jungen Mann zu suchen, ihre Meinung ändern? Er konnte sich nicht helfen und dachte, dass das der Fall sein würde.
Der irrationale, bittere Teil in ihm spielte immer wieder das Szenario ab, in dem er immer den Part spielte, von dem alle dachten, dass er es sei - das schreckliche Monster. In diesem Fall würde er sie nicht befreien - er würde sie für sich alleine behalten und niemand außer ihm würde es je wissen. Dann bräuchte er sich keine Sorgen darüber machen, dass er sie verlieren könnte. Dieser Gedanke, der ihn kurz quälte, war keiner den er wirklich jemals in Betracht ziehen könnte. Er liebte sie so sehr, dass er sie gehen lassen würde, wenn es wirklich so weit kommen sollte. Er konnte nicht weiter darüber nachdenken ohne sie zu leben, auch wenn es eine Möglichkeit war, die er in Betracht ziehen musste. Doch er konnte sie nicht so zurück lassen.
Er seufzte erneut und entschied, dass ein kleines Glas Feuerwhisky nicht verkehrt sein könnte. Seine Gedanken waren heute sentimental, gespickt mit Ungewissheit und einer tiefen, schmerzenden Einsamkeit. Er brauchte sie. Er fühlte sich in ihrem Geist reeller, als zu jeder anderen Zeit und sie zu verlassen und die so genannte reale Welt zu sehen, wurde für ihn immer schwieriger.
Es half auch nicht, dass die einzige Person die ihm glaubte, dass er sie gefunden hatte, ausgerechnet Nettie Pomfrey war. Er war überrascht gewesen als er realisierte, dass er in ihr – vielleicht - einen Freund gefunden hatte, eine Vertraute so wie es aussah.
Potter glaubte ihm nicht - das war klar gewesen. Snape wusste, dass der jüngere Mann Hermine täglich besuchte und Nettie nebenbei auf den Zahn fühlte. Beide Frauen hatten ihm das gewiss nicht erzählt. Er hatte nur gehört wie Potter sich ein paar Tage zuvor mit Hagrid unterhalten hatte. Er hatte nicht vorgehabt zu lauschen, doch dann fiel sein Name - alte Gewohnheiten lassen sich nun mal schlecht abstellen. Bei Merlin, er war ein Spion gewesen! Das würde sich auch nie ändern.
Er war in der Bibliothek gewesen und wollte ein Buch über altertümliche, lateinische Flüche zurückbringen, als er Potter und Hagrid an einem der größeren Tische sitzen sah. Natürlich wusste er, was Hagrid hier zu suchen hatte - der riesige Mann hatte ihn am Morgen gefragt, ob er Bücher zur Pflege von kranken Chimären kannte.
Snape wusste es nicht. ´Ich würde ihnen empfehlen, dass sie in der Bibliothek nachsehen, Hagrid.´, hatte er kühl vorgeschlagen. ´Allerdings bezweifle ich, dass sie so etwas da haben. Dieses – Ding - gehört zu den verbotenen Kreaturen, erinnern Sie sich?´
Hagrid hatte auf seinen Daumen gestarrt und versucht eine Art Unschuld auszustrahlen. ´Ich sach ja nich´, dass ich eine hab! Hab mich nur gefragt, was ich tun müsst´, wenn ´ne Kranke mal in meinen Besitz kommen würd.´
Also hatte Hagrid sich an Snapes Rat gehalten und Potter - nun, das Gör war offensichtlich da, um Ärger zu machen.
´Sie sieht besser aus, Hagrid´, sagte Potter ´Aber woher wollen wir wissen, dass Snape nicht erst dafür gesorgt hat, dass sie so krank aussieht und dann den Zauber aufgehoben hat um es so aussehen zu lassen, dass es ihr wegen ihm besser geht?´
´ Aber Harry´, polterte Hagrid den jüngeren Mann an, ´Weshalb solltn er sowas tun, hmm?´
´Ich weiß es nicht, aber ich trau ihm nicht´, antwortete Potter. ´Ich sage ja nicht, dass er sie absichtlich verletzen will oder so. Albus sagt, dass Snape die Wahrheit sagt darüber, dass er mit ihr redet - aber er könnte sich alles auch nur ausgedacht haben. Er könnte ja wirklich glauben, dass er mit ihr spricht, weshalb Albus dann auch glauben könnte, dass es so ist, richtig? Ich denke, dass er möglicherweise verrückt wird.´
´Aber der Test, Harry...´, begann der Riese, bevor er unterbrochen wurde.
´Der so genannte Test war ein Witz. Albus fragt jeden, ob er ein Zitronendrop haben möchte - und er hat Snape nie dazu aufgefordert zu sagen, was er sonst noch gesagt hat. Selbst Hooch und Minerva stimmen mir da zu.´
´Das is´wahr´, stimmte Hagrid langsam zu.
´Und´, stocherte Potter weiter, ´Madame Pomfrey hat mir erzählt, dass sie noch von einem solchen Fall gehört hat und dass es unmöglich ist, dass man in seinem Kopf weiter lebt und nur ein Legilimentiker zu einem reden kann. Klingt das nicht seltsam? Willst du nicht wissen was Snape vor hat?´
Sollte der Halbriese geantwortet haben, so wusste Snape es nicht. Er hatte zu dem Zeitpunkt aufgehört zuzuhören. Er hatte nicht mehr hören müssen.
Er war es gewöhnt das Objekt von Tratsch und Spekulationen zu sein, doch das hier machte es nicht gerade erträglicher. Zwei Jahrzehnte der Täuschung arbeiteten gegen ihn und selbst wenn er einen Orden erster Klasse für die verdienstvolle Unterstützung des Lichts erhalten hatte, er wurde immer noch als der Ex-Todesser angesehen, der in den Dunklen Künsten reichlich bewandert war und in dessen Gegenwart sich niemand wirklich wohl fühlte. Selbst Albus schien manchmal an ihm zu zweifeln - und Albus kannte ihn besser als jeder andere auf der Welt - jedenfalls bis es Hermine gab.
Das Problem so schien es ihm, war nicht, dass niemand ihm glaubte, sondern eher, dass niemand ihm glauben wollte. Er konnte ihnen nicht wirklich eine Schuld daran geben - es war schon schwer genug gewesen zu verstehen, dass Hermine für sie verloren war und jetzt begreifen zu müssen, dass sie in ihrem Verstand eingeschlossen war; dass sie sie hören und sehen konnte, ohne Kontakt zu jemandem aufnehmen zu können, war einfach fürchterlich.
Snape resignierte gegenüber den Gerüchten die in Hogwarts verstreut wurden, er war jedoch entschlossen sich ein wenig mit der Sache zu brüsten, wenn er Hermine gerettet hatte und jeder die Wahrheit erkennen musste.
Albus sprach täglich mit ihm über seine Fortschritte bezüglich Hermine, doch der Rest seiner Kollegen mied das Thema Hermine und ihre Rückkehr. Sie fragten nie wie es ihr ginge, was er so machte - gar nichts. Doch er wusste, dass sie hinter seinem Rücken darüber sprachen. Deren Mangel an Ehrlichkeit hätte ihn nicht weiter stören sollen, doch das tat es. Er hatte ihnen nie den Grund gegeben ihm zu misstrauen oder anzunehmen, dass er jemanden unter seiner Obhut verletzte, nichtsdestotrotz hielten ihre Spekulationen weiter an.
Einzig Nettie Pomfrey schien ihm zu vertrauen. Snape fand das etwas befremdlich - dass eine Frau, die er kaum kannte und zu der er wenig nett gewesen war, zu wissen schien, dass er Hermine nicht verletzte, wo andere, die ihn schon seit Jahren kannte, seine Motive in Frage stellten.
Sein Gespräch mit Nettie an diesem Abend war gelinde gesagt aufschlussreich gewesen. Er war verblüfft gewesen, dass sie ihn ausgerechnet gegenüber ihrer Schwester verteidigt hatte. Er hatte angenommen, dass sie wie Pech und Schwefel zusammen hielten, den Klatsch und die versteckten Anspielungen miteinander teilten wie die anderen Hühner es taten. Es hatte ihn erstaunt, dass sie es geschafft hatte durch seine Schilde zu seinem tiefsten Kern zu blicken - und dass das, was sie gesehen hatte, sie nicht gestört hatte.
„Ich denke, er ist möglicherweise der Einzige der weiß, was es wirklich heißt einsam zu sein", hatte sie gesagt. „ Dieser Mann trägt seine Isolation wie ein Schild vor sich und niemand scheint es durchbrechen zu wollen. Weshalb sollte er nicht mit Hermine reden wollen? Sie kennt ihn in dieser Hinsicht wahrscheinlich besser, als jeder andere hier."
Zu wissen auf welcher Seite sie stand, machte es wesentlich einfacher mit ihr zu reden. Hermine hatte recht gehabt als sie sagte, dass Nettie möglicherweise eine Freundin sein konnte. Schlussendlich fühlte sich Snape mit ihr an seiner Seite unglaublich stark. Als er ihr von Hermines Idee erzählt hatte, hatte sie nur gelacht und gesagt, dass ihr Schützling intelligent sei. Mehr nicht.
Also würde Snape morgen Hermine Granger küssen und Nettie Pomfrey, die tatsächliche Anstandsdame der betreffenden Frau würde nicht überall umherlaufen und erzählen was geschehen war. Sie steckte vielmehr mit ihm unter einer Decke um das Ganze zu planen.
Unglaublich!
Sein Magen rebellierte. Er glaubte nicht, dass er es tun konnte - nicht weil er es nicht wollte, sondern weil er wusste, dass es nicht funktionieren würde. Und auch wenn er wusste dass es nicht funktionieren würde, so wusste er auch, dass er enttäuscht sein würde wenn es nicht klappte. Verdammt noch mal!
Er war schon seit dreißig Minuten in Hermines Räumen; hatte drei Tassen Tee mit Zitrone getrunken, während er nervös in einem Sessel neben Hermines Bett saß. Nettie hatte vorher gemeint, dass sie dachte der Kuss´ würde einfacher sein, wenn Hermine in ihrem Bett lag und nicht unbeholfen in einem Sessel im Wohnzimmer saß.
Das verlieh dem Ganzen eine überraschende Intimität, mit der Snape nicht gerechnet hatte.
Hermine war ganz aufgeregt gewesen. ´Ich dachte schon ich müsse Nettie schicken, um dich zu holen´, hatte sie ihn gestichelt, als er das erste Mal zu ihr kam.
Ich würde gerne sehen wie du das machst´, hatte er trocken geantwortet. ´Bevor wir das machen, müssen wir ein paar Grundregeln festlegen.´
´Grundregeln?´
Snape war unruhig umhergerutscht und zupfte an den Ärmeln seines Gehrockes. ´Ich werde nicht in deinem Geist sein, wenn ich dich küsse.´
Hermine hatte ihn angestarrt. Warum nicht?´
´Ich muss völlig auf das konzentriert sein, was geschieht´, antwortet er. ´Ich muss in der Lage sein das zu analysieren und ich glaube nicht das mir das gelingen würde, wenn ich mich in deinem Kopf aufhalte während ich dich küsse.´
´Bin ich so ablenkend?´, hatte Hermine nachgehakt, ihre Stimme war unschuldig süß und verführerisch zugleich.
Er hatte sie nur angestarrt, seine Gesichtszüge waren hart. ´Du weißt, dass du es bist.´
´Gut´, hatte sie zurückgelächelt. ´Aber ich möchte einen vollständigen Bericht wenn du zurückkommst. Das heißt, wenn es nicht funktioniert.´
´Hermine, ich vertraue darauf, dass du das nicht wirklich als Heilungsmöglichkeit ansiehst. Ich würde es hassen, wenn du enttäuscht wärst.´
´Du könntest mich nie enttäuschen´, gab sie zurück und biss sich dabei auf die Lippe. ´Ich erwarte keine Wunder.´ Sie streckte eine ihrer kleinen Hände aus und strich ihm über die Wange. ´Und jetzt geh und küss mich, bevor du die Nerven verlierst.´
Das war leichter gesagt, als getan. Er fühlte sich sehr unwohl, während er dort saß und Nettie in der Tür Wache schob. Sie hatte ihn gefragt ob sie gehen solle, doch er hatte es abgelehnt, für den Fall dass wieder jemand herein stürmte und ihm auf die Nase hauen wollte, so wie es letztes Mal geschehen war.
Er rutschte zu ihr ins Bett, saß dort vorsichtig und betrachtete ihr Gesicht, während sich seine Hüfte an ihre presste. Ihre Hände, die auf ihrem Magen gelegen hatten, waren verrutscht, als er sich zu ihr gesetzt hatte, eine war zur Seite gefallen, die andere in seinen Schoß. Er hob sie vorsichtig hoch, studierte die zarten, anmutigen Finger und ihren zarten und weichen Handballen, ehe er ihn an seine Lippen zog und den Handrücken küsste.
Ihre Hand war außerordentlich kalt. Er lehnte sich leicht nach vorne, studierte ihr Gesicht und hob seine Hand die nicht die ihre hielt um den Konturen ihres Kinnes und ihrer Wangenknochen zu folgen, sein Zeigefinger strich dabei sachte über ihre Augenbrauen. Das Bedürfnis in ihre zimtfarbenen Augen zu sehen und in ihre Tiefen einzutauchen war überwältigend. Er schloss seine Augen, nahm einen tiefen Atemzug und erlaubte seiner Hand die vorsichtige Erkundung fortzuführen. Ihre Lippen fühlten sich weich und füllig unter seinem Finger an, als er die kleine Kuhle auf ihrer Oberlippe berührte. Er befreite seine andere Hand von ihrer, glitt ihren Arm herauf in ihr Haar hinein und legte seine langen Finger an ihren Kopf.
´Ich werde dich jetzt küssen, Hermine´, flüsterte er, lehnte sich weiter vor und erlaubte seinen Lippen sachte über ihre zu gleiten. Er war überrascht wie kalt diese waren.
Er versuchte es mit etwas mehr Druck, wartete darauf, dass etwas geschehen würde.
Nichts.
Nichts.
Nichts.
Nichts.
Innerlich seufzend wollte er sich aufsetzen, als er einen starken elektrischen Bogen spürte - ein Schlag, der ihn leicht zusammenzucken ließ. Er öffnete seine Augen und sah in ihre. Etwas griff nach ihm.
Er fiel.
Ihre Lippen waren kalt.
Ihre Lippen waren warm.
Sie lag bewegungslos unter seinen Händen.
Sie presste sich an ihn, ihre süßen Lippen öffneten sich unter seinen.
Ihre Lippen waren trocken und geschlossen.
Nass, so nass. Götter, ihre Zunge war köstlich.
Nichts geschah.
Er wurde von einer Welle der Sehnsucht erfasst, so intensiv dass es ihm schwindelte.
Seine Hände waren noch immer in ihren Haaren.
Seine Hände waren nicht mehr in ihrem Haar, sondern fest um ihre Taille geschlungen.
Ihre Hände lagen still, eine auf dem Bett, die andere auf seinem Knie.
Ihre Hände waren auf ihm, glitten durch sein Haar, über seinen Rücken - schlangen sich um seine Brust.
Er war still.
Er keuchte ihren Namen, ´Hermine...´
Sie antwortete nicht.
Sie war ein Feuerwerk in seinen Armen, ´Severus! Bitte hör nicht auf mich zu küssen.´
Er wurde verrückt.
Sie machte ihn verrückt.
Keuchend entfernte er sich von ihr und ihrem Geist, seine plötzliche Bewegung sorgte dafür, dass er aus dem Bett fiel. Sein Blut wallte heiß durch seine Venen. Er wollte zurück in ihren Geist um das zu beenden was sie begonnen hatte, als sie ihn zu sich gezogen hatte.
Er war wütend weil sie nicht auf ihn gehört hatte.
Er war verzückt weil sie nicht auf ihn gehört hatte.
Sie war wie tot, wie sie da auf dem Bett lag. Sein Kuss hatte sie nicht geweckt.
´Sind Sie in Ordnung, Severus...Sir´, hörte er Nettie nachfragen, so als käme sie aus weiter Ferne und seine Schultern sackten zusammen.
´Es hat nicht funktioniert, Nettie.´
´Sie hatten nicht erwartet, dass das der Fall wäre´, ihre Stimme war ruhig, verständnisvoll. Er drehte leicht den Kopf und sah sie an, seine Gesichtszüge waren traurig.
´Ich hätte es mir trotzdem gewünscht.´
Sie sagte nichts dazu, sondern lächelte ihn nur traurig an. ´Ich nehme an Miss Granger ist genauso enttäuscht wie sie. Gehen Sie und reden Sie mit ihr, Severus. Ich hole ihnen eine Tasse Tee.´
In ihren Geist einzudringen wurde immer einfacher. Das erste Mal als er es getan hatte, hatte es sich angefühlt, als würde er durch Schlamm fallen - eng und unbequem - jetzt wurde jeder Besuch einfacher und einfacher. Inzwischen war es einfach nur noch in ihre Augen zu sehen und durch Luft zu laufen.
Hermine wartete dort wo sie ihn zurückgelassen hatte, ihr Gesicht war gerötet und ihre Haare waren wild durcheinander. Ihre Lippen waren von seinen Küssen rosig und geschwollen und sie kam zu ihm, sobald sie ihn sah.
´Severus.´
Er wollte nach ihr greifen. Er wollte da weiter machen, wo er aufgehört hatte. Er konnte sie immer noch schmecken, er konnte noch immer ihre Hitze spüren, als sich an ihn presste. Stattdessen starrte er sie nur an.
´Was war das?´
Sie sah verwirrt aus, ´Was war was?´
´Du solltest mich nicht reinziehen. Ich hatte versucht objektiv zu sein.´ Seine Stimme war harsch mit unterdrücktem Ärger und vereitelter Sehnsucht.
Hermine sah ihn an wie erstarrt. ´Ich habe dich nicht reingeholt. Du hast mich geküsst - meine Lippen - ich konnte dich spüren. Nichts geschah. Und dann warst du plötzlich hier und küsstest mich und es war... wundervoll.´
´Du hast mich reingezogen´, wiederholte er. ´Ich konnte es fühlen, Hermine.´
´Hab ich nicht´, widersprach sie und kam auf ihn zu. Er konnte die Hitze spüren die sie in Wellen ausstrahlte. ´Ich schwöre ich hab es nicht getan. Ich habe dich nicht einmal angesehen - nur gespürt. Du hast dich so gut angefühlt, Severus.´ Ihre Stimme war eine Oktave tiefer geworden, ihr verlockendes Flüstern kroch seine Wirbelsäule hinauf und ließ ihn erschauern. Bitte küss mich noch einmal.´
Ihre Arme streckten sich nach ihm aus, ihr Gesicht errötete. Er sah dem schnellen Schlagen ihre Herzens fasziniert zu, das sich in der Kuhle ihres Halses abzeichnete.
´Hermine´, flüsterte er, erlaubte sich ihre Hände zu ergreifen und sie zu sich zu ziehen, ´Wir sollten das nicht tun.´
´Doch wir sollten´, erwiderte sie, als ihr Mund seinen wieder traf, sanft diesmal und so süß, dass seine Knie zitterten. ´Niemand außer uns ist hier, hier sind nur du und ich. Ich wollte das schon so lange, Severus. Niemand wird es je erfahren.´
Er wurde schwach. Er wusste, er wurde es, aber bei Merlins Eiern! Sie war wie eine Droge.
´Niemand wird es je erfahren´, stimmte er zu, als ihre Hände sich von seinen lösten, ihre Finger fanden die versteckten Knöpfe seines Gehrockes und öffneten diese schnell, ehe sie unter das dunkle Material an seinem Rücken krochen.
Er dachte sein Herz müsse vor lauter Adrenalin und Glück platzen, als er seine Arme um sie schlang und sie wieder küsste. ´Ich liebe dich, Hermine.´
´Ich weiß´, antwortete sie.
Er blieb den Rest des Tages bei ihr, genoss die Gespräche und die Stille. Sie hatten im Garten gepicknickt und spazierten am See entlang, bevor sie sich wieder seinen Studien widmeten, sie teilten eine Kameradschaft die mit solch einer Akzeptanz und Zuneigung ausgefüllt war, dass er eine Weile brauchte, um zu begreifen, dass es an ihn gerichtet war. Sie war ein Wunder, ein leuchtendes Prisma das all das Licht um sie herum auffing und dieses in die dunklen Ecken seiner Seele sandte.
Der Tee, den Nettie ihm gebracht hatte, war kalt und unberührt auf dem Nachttisch geblieben, ebenso wie das Sandwich welches sie ihm gebracht hatte. Snape hatte sie nicht einmal zurückkehren hören. Als die Sonne hinter dem Horizont verschwand, löste er sich trotz Hermines Proteste aus ihren Armen.
´Bleib.´
´Ich kann nicht.´
´Du kannst.´
´Ich muss nachdenken, Hermine, solange die Erinnerungen noch frisch sind. Und nebenbei erwartet Albus mich heute zum Abendessen in der Großen Halle. Ich bin wahrscheinlich schon zu spät.´
´Versprich mir dass du wieder kommst.´
´Ich komme wieder.´
Jetzt wo er in der Großen Halle saß und verloren in seine Suppe starrte, bemerkte er, dass er sich... zufrieden fühlte.
Es war ein fremdes Gefühl für ihn - er war noch nie in seinem Leben zufrieden gewesen. Hermine liebte ihn. Er bezweifelte es nicht mehr - er konnte es nicht. Fluch oder kein Fluch, sie liebte ihn und er - nun, es würde wohl ausreichen zu sagen, dass er sich ohne sie verloren fühlen würde. Nur zu wissen, dass er zu ihr zurückkehren konnte, in den süßen Hafen ihres Geistes zu gleiten und mit ihr zu reden, sie in seinen Armen zu halten... Schon der Gedanke daran brachte ihn zum Lächeln.
Er schaute sich nervös um, um zu sehen, ob irgendwer mitbekommen hatte, dass er wie ein Idiot den Suppenlöffel angrinste und seufzte als er sah, dass sie alle zu sehr mit ihren Mahlzeiten beschäftigt waren, als auf ihn zu achten.
Außer... war das Sybil Trelawney die ihn anstarrte? Was machte sie außerhalb ihres Turmes? Ihre Augen wirkten extrem groß, durch die Dicke ihrer Brillengläser, ihre Augenbrauen waren konzentriert zusammen gekniffen als sie ihn studierte. Er runzelte die Stirn, doch sie lächelte nur ihr dämliches Lächeln, ehe sie sich an Professor Sprout vorbei lehnte, wobei ihre Schals in ihrer Suppe landeten.
´Professor Snape... Severus´, begann sie mit ihrer hohen, trällernden Stimme die er so verabscheute, ´Was haben Sie mit sich angestellt?´
Ich weiß nicht wovon Sie reden, Sybil.´ Seine Stimme war kalt, doch er bewegte sich etwas unbehaglich auf seinem Stuhl.
´Ihre Aura ist so anders heute´, fuhr sie fort, als ob sie ihn nicht gehört hätte. Ihre kurzsichtigen Augen studierten ihn weiter. ´Sie ist voller Farbe.´
Snape verdrehte die Augen und Sprout kicherte, ´Farben, Sybil? Was auch immer du damit meinst.´
´Stifte sie nicht auch noch dazu an, Sprout´, zischte Snape, doch es war schon zu spät.
´Jedermanns Aura hat eine andere Farbe´, Sybil richtete ihren Blick auf Sprout. ´Du, Pomona, hast immer grüne Schatten, mit anderen starken Erdfarben gemischt. Deine Aura repräsentiert dich - deine Liebe zur Natur, deine Fähigkeit Dinge zum Wachsen zu bringen... deine Liebe für die Freiheit. Unser lieber Albus ist hauptsächlich violett, mit goldenen Flecken. Das Violett repräsentiert seine starken magischen Fähigkeiten und das Gold zeigt, dass er immer nur für das Gute arbeitet - Albus hat eine wahrhaftig starke Aura.´
Sie machte eine Pause und sah Snape wieder direkt an, ihre Augen waren nicht mehr so riesig, jedoch scharf und abwägend. Alle anderen Professoren hörten nun zu, lehnten sich in Erwartung sogar etwas vor.
´Professor Snape hier, ist ohne Ausnahme fast immer schwarz gewesen - die Farbe von Wut, Missgunst, Elend und Schmerz. Er hat auch Spuren von Violett, die auf seine starken magischen Fähigkeiten hinweisen - aber jetzt! Mein lieber, junger Mann, sind sie verliebt?´
Snape hätte sich fast verschluckt. Zu seiner Linken konnte er Hooch kichern hören und Minerva starrte mit einer solchen Wut auf seinen Kopf, dass er befürchtete sie könnte ihn von seinem Nacken trennen. Er starrte Trelawney an. ´Wie bitte, Madam?´
´Ihre Aura pulsiert mit Leben´, antwortete sie in ihrer nervigen näselnden Tonart, ´sie ist voller Farben! Rot, klar und intensiv, für Leidenschaft. Pink, für die Liebe und sinnliches Glück. Orange, für Ausdauer und kreative oder sexuelle Energie und gelb für Zufriedenheit. Ihre Aura sagt mir, dass sie - glücklich sind.´
Ihre Erklärung wurde mit Schweigen begrüßt. Seine Kollegen starrten ihn mit unterschiedlichen Emotionen an, Schock und Amüsierung standen ihnen ins Gesicht geschrieben. Für eine Minute sagte keiner etwas und dann fragte Hooch unterstellend, ´Haben Sie heute Morgen Hermine besucht, Severus?´
Snape nahm sich nicht einmal die Zeit um sie anzustarren. Sein Verstand rotierte - Farben, Trelawney sah Farben um ihn herum. Bei Merlins Eiern und Circes Zähnen! Farben! Er sah zu Trelawney auf und pinnte sie mit seinen Augen fest.
´Frau, was bedeutet grau?´, bellte er, seine Kiefer fest aufeinander gepresst.
´Grau?´, wiederholte Trelawney, ´Grau ist die Trennung vom eigenen Geist. Eine Blockade der Energien und der Seele. Grau ist die Farbe von unerfülltem Leben.´
Snape stand abrupt auf, noch während sie sprach, schob seinen Stuhl mit einem lauten Knall nach hinten und griff nach Trelawneys Arm. Er musste sie sofort zu Hermine bringen. Diese Wahrsagesäuferin, hatte ihn beständig in Verlegenheit gebracht, doch sie hatte ihm ein wichtiges Indiz zum Fluch gegeben - das größte Indiz was er bisher hatte.
