Mein Vater kam mit einem übervollen
Tablett zurück und fragte mich, welchen Tee ich wollte.
Wir
einigten uns ziemlich schnell auf Darjeeling.
"Aber
nach Unten gehen wir dann schon, heute?", er sah mich an.
"Es
tut dir gut, unter Leute zu kommen, deswegen habe ich dich ja auch
gestern mit den beiden mitgeschickt..."
Er schmierte sein
Brot mit dem linken Fuß. So was hatte ich nun wirklich noch
nicht gesehen.Es sah total eigenartig aus. Irritiert schaute ich
ihm zu.
Das war wirklich
unheimlich.
"Jeanna?", fragte er erstaunt,"Jeanna,
hörst du mir zu?"
Ertappt sah ich auf.
"Ja,
das war übrigens ganz schön mies...", antwortete ich
langsam ohne ihn aus den Augen zu lassen.
"Findest Du?",
fragte er, "das allerwichtigste ist doch, dass du begreifst,
das du nun zwar anders aussiehst als früher, aber dass es noch
lange kein Grund ist, sich für immer zu verstecken."
Ich
nickte gedankenverloren und starrte immer noch auf das, was er da
gerade mit seinen Füßen veranstaltete.
"Was
machst Du da?", fragte ich dann doch.
"Was jetzt?"
Er war etwas verwundert.
"Na das mit dem Fuss..."
Erstaunt
sah er an sich herunter, als hätte er jetzt erst begriffen,
das er ein Messer zwischen den Zehen hatte und mit dem anderen Fuß
sein Brot hielt.
"Mein Brot schmieren?", fragte er
verunsichert. "Stört dich das etwa?"
Ich sah ihn über meine
Brille ein wenig verlegen an.
Irgendwie führte es mir mal
wieder vor Augen wie anders er - wir waren.
Mir war mehr zum
Weinen, als zum Lachen.
Es machte mir Angst.
"Stört
dich das etwa?", fragte er noch einmal verdutzt.Er sah mich
forschend an.
"Ich...ich bin mir nicht sicher..."
"Soll
ich es lassen? Was kann ich tun, damit es dir besser geht?"
Was
sollte ich denn darauf antworten?
Mach mich normal, bitte sofort.
"Ich weiß nicht-ich komm gerade nur nicht klar...Ich bemühe mich, OK?" antwortete ich schließlich.
Hank ließ das Messer sinken, schüttelte den Kopf und nahm das Brot in die Hand.
Meine Optionen für die
nähere Zukunft waren ziemlich eingeschränkt.
Ich
konnte-und ich wusste, dass es Hanks Wunsch war-mit ihm nach
Washington kommen.
Aber allein der Gedanke löste bei mir
eine mittlere Panik-Attacke aus.
Unter normalen Umständen
wäre ich bestimmt gern mitgekommen, aber in eine fremde Stadt
zu ziehen, so wie ich jetzt war?
Auf eine normale Schule zu
gehen, war ungefähr mein schlimmster Alptraum.
Zu
mindestens jetzt.
Damit fiel allerdings auch Option Nummer
Zwei flach.
Einfach nach Hause gehen.
Bei der Vorstellung,
wie es auch schon ohne Fell gewesen war, wurde mir ziemlich übel.
Wie würde es dann sein, wenn ich so zurückkehren würde?
Vermutlich würde mein Leben die Hölle werden.
Und das
war nicht das einzige.
Davon ab, das ich mir nicht sicher war, wie Mike darauf reagieren würde, wenn ich so bei ihm auftauchen würde.
Also...doch hier bleiben?
Ich
überlegte die ganze Zeit und kam zu dem Schluss, dass es
sicher die am wenigsten unangenehmste war.
„Reinpassen"
würde ich mein Leben wohl nirgendwo mehr, dachte ich
traurig.
Jeder, so schien es mir, war bemüht mir alles soweit es nur irgend ging leichter zu machen und war besonders nett zu mir.
Vor allem Ms. Munroe. 'Ro wie mein Vater sie die meiste Zeit nannte.
Er erzählte mir davon, wie sie
in Afrika aufgewachsen war und das ihre Mutter eine wirkliche
afrikanische Prinzessin war. Als sie ein Kind war, hatten sie die
Leute dort, wo sie gelebt hatte wegen ihrer Fähigkeit das
Wetter zu beeinflussen, sie wie eine Göttin verehrt.
Das
alles glaubte ich nur allzu gern, denn sie war so wunderhübsch
und stolz.
Die schönste Frau die mir je
begegnet war.
Offensichtlich organisierte sie den größten
Teil des schulischen Lebens im Xavier Institute.
Sie war auch Ansprechpartnerin für
die großen und kleinen Sorgen der Schüler.
Was mich
aber am meisten erstaunte, war, dass es zwischen meinem Vater und
ihr heftigst knisterte. Wie war es möglich, das so eine
unglaubliche und vor allem wunderschöne Frau und ausgerechnet
mit meinem Vater hin und wieder ganz schön heftig flirtete?
Wie ernst das ganze allerdings war, war mir nicht ganz klar.
Manchmal schien es, als würden sich die beiden einfach schon
unendlich lange Zeit kennen.
Emotional Aufgeladen war auch die Stimmung zwischen Mr. Logan und meinem Vater- allerdings auf eine ganz andere Art.
Weder mir noch sonst einem- vielleicht nicht einmal ihm- schien wirklich klar zu sein, was seine Aufgabe im Institute war.
Mein Vater hielt ihn mehr als offensichtlich für einen ziemlichen Psycho, während Wolverine- wie er wohl lieber genannt wurde- meinen Vater ebenfalls nicht wirklich leiden konnte. Offensichtlich hielt er ihn für einen ziemlich eingebildeten Typ.
Ich erfuhr, das er ein Skelett aus Admantium hatte- und das er in jeder Hand drei durchaus beängstigende Krallen aus dem selbem Material besaß.
Diese stießen- sofern er sie brauchte- oder sich einfach nur ein wenig ärgerte- einfach so durch seine Haut.
Selbstheilung, erklärte mir mein Vater nüchtern,extreme Selbstheilung- nachdem ich ihn verwundert fragte, warum er nicht jedes Mal entsetzlich blutete. Das erklärte dann auch, das wer auch immer daran schuld war- es geschafft hatte, seine Knochen mit Admantium zu ummanteln, ihn dabei nicht umgebracht hatte.
Scott Summers schien übrigens
ähnlich über Mr. Logan zu denken, wie mein Vater.
Wenn
man das Verhältnis zwischen Hank und Mr. Logan durchaus als
angespannt bezeichen konnte, so schien zwischen diesen beiden
Männern schon fast eine offene Feinschaft zu herrschen.
Jede
Begegnung zwischen den beiden Männern, artete- sehr zur Freude
der meisten Schüler die Wetten ab schloßen- meist zu
einem Testersteron-strotzenden Wortduell aus. Körperlich
schienen beide aber genügend Respekt vor einander zu haben. So
blieb es meist bei Worten.
Mein Vater konnte dagegen Scott
Summers ziemlich gut leiden. Er erzählte mir, das die beiden
seinerzeit gemeinsam die Schulbank gedrückt hatten und auch
sonst kamen sie fantastisch miteinander aus.
Zuerst dachte ich,
seine Sonnenbrille sei ein verzweifelter Versuch irgendwie Cool zu
sein, doch das dem nicht so war, erfuhr ich ziemlich bald.
Mr.
Summers Augen sendeten- immer wenn sie geöffnet waren ziemlich
tödliche Strahlen aus, die alles was im Weg war in Schutt und
Asche legten. Nur die Sonnenbrille aus Rubinquarz hinderte ihn
daran, seine Umwelt versehentlich vollständig zu ruinieren.
Im
Kampf trug er deshalb auch ein Visier, was die Strahlen
entsprechend bündeln und dosieren konnte, was ihm den
Spitznamen Cyclops eingebracht hatte.
Klar, gebündelt- oder
wenn man gerade eine Waffe brauchte war das gewiss ganz nett- aber
alltags- tauglich? Nein, das war es ganz gewiss nicht.
Es musste mindestens genauso
unpraktisch sein , wie Maries Fähigkeit, die ich immer noch
bedauerte.
Außerdem erfuhr ich von Hank, das er erst vor
etwas mehr als einem Jahr seine Frau verloren hatte.
Meine
Brust wurde eng. Ich konnte mir nur allzu gut vorstellen, wie
entsetzlich es für ihn sein musste.
Er hatte- genau wie Mike und ich, den
wichtigsten Menschen in seinem Leben verloren.
Hank schien seine
ungefähr Frau ebenso lange wie er gekannt zu haben und schien
sie auch sehr zu vermissen.
Vermutlich sogar mehr als meine
Mutter.
„Jean war eine wundervolle Frau.", fügte er
hinzu.
Erstaunt drehte ich mich um.
„Jean?"
Mein Vater
nickte und sein Blick schien in die Vergangenheit zu
wandern.
„Deine Mutter hat Jean auch sehr gemocht.", sagte
er leise.
Ich starrte in den Pool.
War etwa Mr. Summers Frau
eben diese Jean?
Nachdem was mein Vater gesagt hatte, machte es
Sinn.
Das war verwirrend.
Es war ja irgendwie so, als wäre
mein Leben eng mit dieser Schule verwoben.
Ein wenig
beängstigend war das schon."Übrigens, der
Pool ist für alle da...also wenn du Lust hast, eine Runde zu
schwimmen, tue dir keinen Zwang an.", riss mich Hank aus
meinen Grübeleien.
"Ich hab doch nicht mal einen
Badeanzug-geschweige denn irgendwelche Klamotten", sagte ich
zögernd.
"Ja, Jeanna. Das ist noch ein echtes Problem,
mit dem wir uns jetzt wirklich widmen müssen."
Mein
Herz begann wild zu pochen und ich sah weg.
"Kannst du
mir nicht irgendwas zum anziehen besorgen und gut?"
"Nein",
sagte Hank streng und es klang beinahe autoritär.
"Das
mache ich auf gar keinen Fall! Wenn, müssen wir das zusammen
machen."
"Bitte ich schaff das nicht", meine
Augen füllten sich schon wieder mit Tränen.
Wir
hatten in den letzten drei Tagen zwar schon mehrfach darüber
gesprochen, aber die Vorstellung raus- das heißt in die
wirkliche Welt da draußen- zu gehen, behagte mir ganz und gar
nicht.
Für die Leute dort war ich doch bestimmt nur
irgendein Monster, da war ich mir sicher.
"Was wäre
denn das schlimmste, das passieren kann?" fragte er
sanfter.
"Allein die Vorstellung ist schrecklich"
Ich
wollte nicht angestarrt werden oder wohl möglich schlimmeres.
Mir ging es schon schlecht genug damit, dass ich so war.
Ich
fühlte mich total überfordert, mich auch noch der Meinung
anderer, normaler Leute zu stellen.
"Ich verstehe, dass du
Angst hast, Jeanna...", begann er.
Wütend fiel ich ihm
ins Wort
"Aber? ist es ein Wunder? Ich meine, schau mich
doch an!!!"
Ich drehte mich um um ihn nicht ansehen zu
müssen.
Hank nahm meinen Arm und drehte mich wieder
um.
"Angst, Jeannette ist OK-manchmal sogar hilfreich-aber
manchen Ängsten muss man sich auch stellen. Nicht zuletzt um
zu begreifen, das vielleicht alles ganz anders ist."
Es war
schwer seinem Blick auszuweichen.
"Dir ist hoffentlich
klar, das du eine fast historische Aufgabe hast?"
Ich zog
die Augenbrauen fragend in die Höhe.
Was kam denn
jetzt?
"Es liegt in deiner Hand-wie in der Hand von jedem
Einzelnen von uns- den Menschen zu zeigen, das wir eben nichts
sind, vor dem man sich fürchten muss. Wenn du es schaffst
offen und selbstbewusst in diese Welt zu gehen, wirst du sie besser
machen-für uns alle."
"Ich glaube, das
überfordert mich gerade geringfügig", sagte ich und
lächelte gequält.
Mein Vater nickte.
"Ich habe
auch nicht gesagt, dass du heute damit anfangen musst- Du musst nur
damit anfangen dich überhaupt darauf einzulassen- Jetzt wollen
wir erst mal nur einkaufen, nichts weiter..."
Ich
seufzte.
"...aber in die Stadt bekommst du mich nicht.
Keine Chance!"
