13) Tierischer Magnetismus und eine miese Illusion
Während der Ruhe vor dem Sturm – der in diesem Actionknaller von Film todsicher kommen wird – haben wir Gelegenheit, unsere Helden in Nahaufnahme zu betrachten. Wie professionelle Spitzel haben sie sich am Waldrand verschanzt und beobachten durch Ferngläser, was vor der Militärresidenz so abgeht. Es fällt auf, dass alle Moiras Aufruf gefolgt sind, soll heißen Mützchen tragen. Nur Charles nicht. Würde ein solches wollenes Artefakt seine Telepathie stören? Oder will er sich nur nicht die Frisur versauen? Sucht aus, was euch lieber ist. Das klammheimliche Observieren zahlt sich aus. Ein Hubschrauber summt ans Gebäude heran, und gleich darauf hat Emma Frost ihren Auftritt. In einem weißen Poncho und einer extrem stylischen gleichfarbigen Mütze. Die Wächter glotzen sie ungeniert an, als hätten sie das letzte Frauenzimmer vor einem gefühlten Jahrhundert gesehen. Aber OK, hier in der Wildnis könnte das sogar stimmen...
Ein Stück entfernt, bei unserer mutigen Spionagegruppe, löst ihr Anblick hingegen ziemliche Verstimmung aus. Besonders Erik kann nicht leugnen, dass er Shaw schmerzlich vermisst.
Erik: „Jetzt verrat mir doch mal einer, wo Shaw steckt! Ich hab mit ihm eine ganze Legebatterie zu rupfen!"
Charles: „Pssst, sei leiser. Ich hab keinen Schimmer. Aber wenn ich ihr telepathisches Blondköpfchen anzapfe, um es rauszufinden, fliegen wir auf. Dann hat sie uns auf dem Kieker. Momentchen... mir kam da grad ein Geistesblitz!"
Er nimmt wieder diese tolle Pose mit den zwei Fingern an der Schläfe ein, die wir ja schon kennen, und flutscht kurzerhand in den Geist von einem der Türsoldaten. Der Betroffene blinzelt einen Moment lang bedeppert, was aber keinem auffällt. Dann ist die Transformation zum Hörrohr auch schon abgeschlossen, und der gute Professor bekommt durch den armen Mann brühwarm aufgetischt, wie der Hase läuft. Emma lässt dem Verteidigungsminister gegenüber durchblicken, dass sie als Shaw-Ersatz fungiert. Anschließend macht sie sich an ihn ran, was dem alten Knacker sichtlich gefällt. Das ungleiche Paar verschwindet im Haus. Charles beeilt sich währenddessen, den fremden Geist aus seinen Klauen zu entlassen und seinen Freunden das mitzuteilen, was sie eh schon ahnen.
Charles: „Shaw können wir abschreiben, der tanzt auf einem anderen Ball. Sag an, Frau Boss, was soll nun werden?"
Moira: „Find ich ja toll, wie brav du trotz deiner Fähigkeiten bist. Aus die Maus! Wir fliegen zurück und fangen wieder bei Null an."
Erik (sauer): „Ich hab mir die Übelkeit während des Hinflugs also für nix und wieder nix angetan?! Verarschen kann ich mich selber!"
Charles (beschwichtigend): „Aber Erik, so schlimm war es nicht, ich hab dich doch abgelenkt. Unser Schachspiel, weißt du noch?"
Erik: „Trotzdem kein Vergleich mit einer Vergnügungsreise, deshalb soll es sich wenigstens gelohnt haben. Passt auf, ich zieh das Ding jetzt durch!"
Moira: „Halt, Erik, bei Fuß!"
Erik: „Nö. Dieses Weibsbild ist seine rechte Hand! Wenn ich sie fertigmache, geht's mir gleich besser!"
Moira: „Mir deucht, Sie sollten lieber zum Psychiater. Die CIA und bei einem sowjetischen Diplomaten eindringen – drehen Sie jetzt völlig am Rad?!"
Erik (grinst): „Ich bin ein eigenverantwortlicher Agent und Sie haben mir schon gleich gar nix zu sagen. Tschü´!"
Moira: „He, hiergeblieben!"
Charles: „Büdde, Erik, geh nicht!"
CIA-Typ: „Mann, wie der mir auf den Senkel geht..."
Weder Befehlen, noch Betteln, noch Nörgeln zeigt die gewünschte Wirkung. Herr Lehnsherr, dieser eigensinnige Bock, rennt in einem Affenzahn zur Militärresidenz. Catch me if you can, in der Tat. Emma und der Verteidigungsminister ahnen noch nichts von ihrem Glück. In einem riesigen Schlafzimmer, das man sich protziger nicht denken könnte, schicken sie sich an, ihre Kehlen zu baden.
Verteidigungsminister: „Prositle!"
Emma: „Ich tipp einfach mal drauf, dass dieser eine Schluck Sie schon weichgeklopft hat. Also ran an den Speck, ganz nach Bastis Wunsch! Alterchen, die amerikanischen Raketen haben in der Türkei ja offensichtlich Wurzeln geschlagen. Was gedenkt der Herr zu tun?"
Verteidigungsminister (verlegen grinsend): „Meine Lippen müssen versiegelt bleiben, sonst schießt mich der KGB noch auf den Mond. Ich werde also fein schweigen und mich den Phantasien des Alters hingeben, während ich Sie mit Blicken auffresse, süße Miss Frost."
Nun, diesen Wunsch erfüllt ihm die Gute scheinbar mit Freuden. Sie macht sich daran, alle überflüssigen Hüllen fallen zu lassen. Ratsch, und offen ist der Reißverschluss ihres Kleides…
Emma (liebenswürdig): „Für Sie bin ich Emmy. Und bemühen Sie sich gar nicht erst um artikulierte Worte, es geht super ohne von hier aus."
Verteidigungsminister: „Eine solche Kooperation lob ich mir. Nenn mich ruhig Slavka, süßes Ding."
Die Beiden sind wirklich ein Herz und eine Seele. Rührend. Aber ob Emma etwas von Slavkas Plänen aus ihm herauskitzeln wird, während sie jetzt wohl streng erwachsenen Beschäftigungen nachgehen, erfahren wir erst einmal nicht.
Ein plötzlicher Tritt in den Allerwertesten (nur symbolisch zu verstehen, wegen des unerwarteten Schauplatzwechsels) befördert uns wieder vors Gebäude. Dort tragen sich gar seltsame Dinge zu. Wie von Geisterhand zum Leben erweckt, reißt der früher schon erörterte Stacheldraht einen Soldaten nach dem anderen zu Boden und spinnt ihn brutal in eine Art Kokon ein. Schmetterlinge werden daraus nicht, schätze ich mal. Den armen Normalos bleibt jeweils nur die Zeit, zu fragen, wer diesen Unfug mit ihnen anstellt, bevor sie Bekanntschaft mit dem Erdboden schließen. Der Verantwortliche ist noch nicht zu sehen, aber wir wissen eh, wer es ist. Erik natürlich, wer auch sonst?
Unsere Spitzel am Waldessaum beobachten das Ganze voll Missvergnügen.
Charles: „Hat dieses Jahrhundert nicht schon zwei Weltkriege gesehen? Nummer Nächstes ist scheint´s im Anmarsch. Was ist an meiner Philosophie der universalen Liebe nur so schwer zu verstehen?!"
Moira: „Lass das jetzt. Wir müssen handeln!"
CIA-Typ: „Und was sollen wir bitte tun? Dieses Trampeltier imitieren? Verduften wir lieber unauffällig. Lehnsherr ist nur ein doofer Zivilist unter vielen, auf den verzichten wir. Abflug!"
Charles: „He, das verbietet Ihnen aber Ihr Gewissen! Und ich übrigens auch."
CIA-Typ: „Warum? Blick ich net."
Charles: „Weil ich mich mit Erik ganz doll angefreundet hab. Wenn Sie das nicht verstehen, tun Sie mir leid."
CIA-Typ: „Sei´s drum. Mich kriegen keine zehn Pferde in diese Drachenhöhle!"
Wie dieses erbitterte Wortgefecht ausgeht, bleibt uns fürs Erste verborgen. Stattdessen dürfen wir Erik bewundern, der mit Vollgas über den Weg brettert der – wie es der Zufall so will – zur Militäreinrichtung führt. Ohne seinen Lauf zu verlangsamen, hebt er lässig die Schranke mit seinen Superkräften und düst weiter, dem Ziel entgegen. Den Soldaten, die bereitstehen und ihn ins Visier nehmen, haut er ihre Gewehre so feste um die Ohren, dass die Pechvögel nicht nur auf der Fresse landen, sondern auch noch ein Stück bäuchlings über den Rasen rutschen. Wie sein Alter Ego sagen wird: Homo sapiens und ihre Waffen… Dann ist da noch ein armer Tropf, der nicht zu Boden gegangen ist. Herr Lehnsherr verpasst ihm einen Tritt gegen das Kinn, der es nachholt, und marschiert anschließend mit verbiesterter Miene ins Gebäude. Also ich weiß ja nicht, wie es euch geht. Ich jedenfalls würde mich von diesem Kerl, gerade in einem solchen Augenblick, lieber fernhalten.
Aber so scheint es nicht allen zu gehen…
Charles: „Sorry, aber ich hab das Gefühl, er könnte mich brauchen."
Und weg ist er.
CIA-Typ: „Der muss in diesen Erik verknallt sein oder so."
Moira (erschrocken): „Mal doch nicht den Teufel an die Wand! Außerdem verdient er was Besseres, so wie mich."
CIA-Typ (verdreht die Augen): „Frauen, sag ich da nur…"
Das Objekt der Begierde hält derweil an, um einem der Soldaten auf seinem Weg Erste Hilfe zu leisten. Der Unglückstropf liegt im Drahtkokon eingesponnen da und stöhnt steinerweichend. Da das Metall ihm das Maul stopft, kann er begleitend nur mit den Augen rollen.
Charles: „Dieser Kack war so unnötig, Erik…"
Alsdann dringt er in den Geist des Normalos ein, und siehe da – schon kann er Russisch sprechen! Genau wie Gedanken gehört auch das Sprachzentrum zu seinem Zuständigkeitsbereich. Praktische Sache.
Charles: „Höre den Messias. Deine Qualen haben gleich ein Ende. Aber vergiss meine Visage, OK?"
Er lässt den Soldaten ohne Bewusstsein, dafür aber wohl mit einer Gedächtnislücke zurück, und rennt weiter. Na ja, mehr kann man von ihm nicht erwarten. Schließlich kann er mit bloßen Händen nichts tun, um den Stacheldraht wegzuekeln. Oder heißt der Magneto?
Im Schlafgemach des Verteidigungsministers hockt Letztgenannter derweil auf dem Bett und betatscht Emma, die es sich auf recht eindeutige Weise auf seinem Schoß gemütlich gemacht hat. Sie hat genauso wenig an wie damals in Las Vegas, diese Lustdame. Das Mannsbild ist hingegen vollständig bekleidet – gut so.
Verteidigungsminister: „Komm, meine Matrjoschka. Solche Kurven… ja, mach weiter…"
Aber, oh Wunder, das Ganze ist nur eine Illusion für den armen Slavka. Natürlich von Emma höchstpersönlich herbeigeführt. Sie lässt den alten Knacker in seinen Träumen schwelgen und gönnt sich währenddessen auf dem Sofa einen kleinen Snack. Dass sie vor Selbstzufriedenheit nur so trieft, brauche ich wohl nicht zu erwähnen.
Emma: „Es ist schon ein Trauerspiel. Ein Mann in Kaulquappen-Manier, wie so viele. Nur Kopf und Schwanz."
Doch da fliegt – knall! – die Tür auf, und das Gute (namentlich Professor X und Magneto) dringt in den Raum. In Sekundenschnelle erfassen sie die Gesamtsituation: Den Greis auf der Schlafstatt, der mit weggetretenem Blick in der Luft herumfingert, und die böse Tussi nahebei, die alarmiert ihre Knabberei weglegt. Sie wechseln einen Blick und man merkt, sie checken, was hier vorgeht (hoffentlich nicht, weil sie selbst mit sowas herumexperimentiert haben).
Charles: „Hübsche Scharade, aber ich kenne bessere."
Erik (stolz): „Und ich auch. Schaut mal aus dem Fenster!"
Verteidigungsminister (kommt zu sich): „Hö, seid ihr grade reinappariert? Und Emmy dort drüben… Warum?"
Emmas Grinsen in seine Richtung sagt alles.
Emma: „Muhaha!"
Verteidigungsminister (zieht seine Knarre): „Teufel nochmal!"
Allerdings zielt er nicht auf die Miss, sondern auf unsere beiden Helden. Und Charles ist um keine Reaktion verlegen. Wie geil ist das denn?
Charles (hebt die Hand): „Die Sandmännchenzeit ist vorbei! Sie werden jetzt müüüde…"
Der Alte kippt hintüber auf die Matratze und schmiegt sich in Morpheus´ Arme. Ruhe ist.
Erik: „Das is fast so cool wie das Ding, das du vorhin im Wagen abgezogen hast!"
Charles: „Danke. Es war früher ganz praktisch, als Raven immer wollte, dass ich ihr irgendwelche Mädchengeschichten zum Einschlafen vorlese."
Erik: „Einzelkinder haben halt doch Vorteile…"
Charles: „Abends ja. Aber tagsüber wäre ich vor Langeweile fast eingegangen."
Emma: „Äh, ich bin auch noch da. Sogar in meiner herrlichen Diamantform. Versuch doch, meine Gedanken zu lesen, Charlie-Boy. Ich wette, seit Miami hast du nix dazugelernt."
Und tatsächlich, der Professor lässt sich von dieser schwächlichen Provokation nicht aus dem Konzept bringen und geht zum Angriff auf ihren Geist über. Dieses Mal abwechslungshalber mit Erfolg? Das wird sich noch zeigen, werte Zuschauer.
