Kapitel 12: Die Schwärze der Nacht

Harry lag in der Kammer des Palastes, die man ihm angeboten hatte, auf seinem Bett und sah hinaus in das Sternenlicht, das sanft durch die dünnen Vorhänge drang. Der laue Nachtwind trug die Freudenschreie der Siegesfeier herein, alkoholdurchtränktes Grölen der Soldaten, die ihr Glück begossen und ihren gefallenen Kameraden gedachten in dem sie eine Heldengeschichte nach der anderen lallten. Dazu mischte sich das Klagelied der Silberdrachen, die sich im Palastgarten versammelt hatten um ihren Ältesten zu betrauern.

Der Junge hörte die Laute aber kaum, sie gingen ihn nichts an. Er lag wach und war mit seiner eigenen Trauer beschäftigt. Er hatte etwas an diesem Tag verloren, auch wenn er noch nicht wusste was, aber tief in sich drin spürte er, dass es etwas fundamentales war. Er fürchtete sich davor seine Augen zu schließen, Angst vor dem was sich im Dunkeln seiner Gedanken offenbaren würde. Er fürchtete Mystra könne ihm im Traum erscheinen.

Er hätte in die Stadt gehen können, um sich an der Euphorie der Leute zu ergötzen und zu vergessen, was vor ihm lag, doch er hatte die Angebote von Caladnei dankend abgelehnt. Auch Kareth und Quirin waren im Palast verblieben, weil ihre Sorge um Belgos es ihnen verbot zu feiern. Der Dunkelelf war in den Wirren der Verfolgung verschwunden und seit dem nicht mehr aufgetaucht. Nach einer solchen Schlacht war das ein schlechtes Zeichen, Sieg hin oder her.

Harrys Bleiben war jedoch anderweitig motiviert. Seine Gedanken kreisten in aberwitzigen Wegen um den Palast beziehungsweise seine Bewohner. Einer bestimmten Bewohnerin um genau zu sein. Sein Körper war ermüdet, doch sein Herz war es das ihm Schmerzen bereitete. Es fühlte sich entzwei gerissen, geteilt zwischen der Welt, die er verlassen hatte, und der Welt, die er zu schätzen lernte. Auf der Erde wartete seine Vergangenheit, Hogwarts, Quidditch, seine Freunde, aber auch die Verpflichtung durch die Prophezeiung und Voldemort.

Hier war er frei von Erwartungen seiner Mitmenschen, die Leute respektierten und schätzten ihn für das was er getan hatte, nicht für das was er vielleicht irgendwann einmal tun würde. Ein wenig schuldbewusst drehte er den Kopf zur Seite und begutachtete die Truhe, die auf Caladneis Geheiß hereingebracht wurden war. Darin war eine königliche Summe in Gold und Edelsteinen und obendrauf eine Urkunde über Besitzungen in den Donnerspitzen, völlig wertlos wie ihm Caladnei mit einem Grinsen versicherte, aber groß genug um ihn in Cormyr den Titel Ritter der Donnerspitzen zu verleihen.

Er hatte dieses Geschenk ablehnen wollen, aber Quirin hatte ihm zugeraunt, dass es sehr unhöflich wäre, dies zu tun. Wenn er es nicht haben wolle, solle er es an die Bedürftigen verteilen, hatte ihm der Heiler geraten und sich dann wieder auf den Weg gemacht die Verwundeten zu versorgen und nach seinem Freund Ausschau zu halten. Kareth hatte danach ebenfalls den Rückzug angetreten, als er merkte, dass sein Schüler lieber alleine sein wollte.

Dabei war Alleinsein genau das Gegenteil von dem was Harry wollte, er wollte nur nicht mit seinen Freunden zusammen sein, sondern mit jemand, der ihm mehr körperliche Nähe geben konnte. Die Abenteuer in Faerûn und das anstrengende Training hatten die schmerzhaften Gedanken an seine Trennung von Ginny verdrängt, doch jetzt wünschte er sich nichts sehnlicher als sie bei sich zu haben und bei ihr Halt zu finden oder…

Er schämte sich dafür, aber seine Gedanken sprangen regelmäßig zu Alusair und ihren schwarzen Augen. Trotz seines schlechten Gewissens konnte und wollte er die Anziehung zu der jungen Frau nicht leugnen, auch wenn er sich selbst einen Dummkopf und Idioten nannte, weil sein Begehren ihm glauben machen wollte, die Herrscherin könnte sich für ihn interessieren.

Den Blick immer noch auf die Truhe gerichtet, wenn auch mit den Gedanken woanders, meinte er eine Silhouette hinter einem der Vorhänge aus dem Augenwinkel erahnt zu haben, die eines großen Menschen. Als er seinen Blick auf die Stelle lenkte, war jedoch nichts mehr zu sehen. Er erhob sich und wollte nachsehen, als es an seiner Tür klopfte. Unschlüssig stand er im Raum. Für einen Moment war der Junge sich sicher gewesen, etwas gesehen zu haben, aber womöglich hatte seine Fantasie ihm doch einen Streich gespielt.

Es klopfte noch einmal und Harry beeilte sich zu öffnen. Vor der Tür stand eine Frau, die wohl zu den Zofen von Alusair gehörte. Wobei Zofe wohl auf Faerûn gleichbedeutend war mit Leibwächterin, soweit der Langdolch an der Hüfte der Dienerin als Indiz aufgefasst wurde. „Verzeiht die späte Störung, mein Herr, aber meine Herrin wünscht euch zu sehen. Sie ist gerade mit den Klingen zurückkehrt und möchte euch noch persönlich danken, bevor ihr euch zur Ruhe lasst", informierte die Frau den Jungen und senkte den Blick als ihr der Zauberer in die Augen sah.

Etwas ließ Harry zögern, aber Quirins Stimme mahnte ihn an die Gebote der Höflichkeit zu denken und wer war er, dass er die Herrscherin abweisen konnte. Einem unbestimmten Impuls folgend warf er sich seinen leicht angesengten Lederumhang über die Schultern und griff nach seiner Waffe. Die Dienerin nahm dies mit einem missbilligenden Blick zur Kenntnis, sah aber davon ab Einspruch zu erheben, nicht gegen den Helden der Schlacht und Favorit der Herrscherin.

Harry folgte der Frau in ein paar Schritten Entfernung die fackelerleuchteten Gänge entlang. Er wunderte sich, dass ihm nichts bekannt vorkam und mit einem schwummrigen Gefühl im Magen gelangte er zur Erkenntnis, dass Alusair ihn nicht im Thronsaal empfangen würde. Schließlich öffnete seine Führerin eine reich verzierte Tür und ließ ihn eintreten. Dabei hielt sie immer noch den Blick gesengt, aber Harry glaubte ihren Blick trotzdem auf sich zu spüren. Hinter ihm fiel die Tür leise ins Schloss und er befand sich in den Privatgemächern der Regentin von Cormyr - der jungen, schönen Regentin von Cormyr.

Der Raum wurde nur mäßig von zwei Kohlebecken beleuchtet, von denen anregende Düfte aufstiegen. Alusair hatte in einem der Torbögen, die zum Balkon führten, gewartet und drehte sich zu ihm um, als sie seine Schritte hörte. Im Licht konnte er nur Umrisse der jungen Frau erkennen, aber er sah sofort, dass sie kleiner war als er zuerst gedacht hatte. Ihre Haare trug sie diesmal offen und sie fielen ihr in dicken Locken auf den Rücken. Sie hatte ihre Reiterrüstung gegen ein lockeres Gewand ausgetauscht, das ihre Figur dezent verhüllte.

Nachdem sie ein paar Augenblicke in Bewegungslosigkeit verharrt hatten, streckte Alusair ihre Arme einladend aus und kam Harry entgegen. Klappernd fiel Harrys Stab zu Boden, was niemanden interessierte und ging ihr entgegen. Seine Hände ergriffen ihre und bevor Harry es realisierte, hatte die Frau ihre Lippen auf seine gedrückt. Harry war so überrumpelt von der Erfahrung, die weit über das hinausging, was er sich erträumt hatte, dass er die Eindrücke nur aufnehmen konnte, ohne auf sie zu reagieren.

Sie waren sich auf der Höhe der Kohlebecken begegnet, bestimmt keine zufällig gewählte Position, denn das Bett war nur wenige Schritte entfernt, wie Harry später bemerken sollte, und deren matter Schein spiegelte sich in den schwarzen Augen von Alusair wieder, die damit selber aussahen wie glühende Kohlen, deren Blick Harry aufheizten, denn in ihnen lag eine Verheißung. Verstärkt wurde der Eindruck durch den Duft, der von den Haaren und der Haut Alusairs ausging. Er war nicht sonderlich stark, mehr wie ein Wispern, das Harry eine unvergessliche Nacht versprach, doch selbst der Felix Felicis Trank hatte nicht so gut gerochen.

Schließlich trennte Alusair den Kuss und Harry lächelte sie verlegen an. Ihre Hände lösten sich von seinen und legten sich sanft auf seine Wangen. „Ich habe dem Lied der Drachen gelauscht. Es ist so traurig", flüsterte die Frau, „Mein Volk hätte heute dasselbe Lied angestimmt, wenn du nicht gewesen wärst." Harry lächelte tapfer weiter, während in seinem Inneren die Vergangenheit, seine Erinnerungen an Ginny, mit der Zukunft, die Aussicht auf eine Nacht mit Alusair, rang. „Ich schulde dir mein Leben, genauso wie meine Soldaten und damit ganz Cormyr. Nur dir war der heutige Sieg zu verdanken. Ich will versuchen, dir ein wenig von dem zurückzugeben, was du für mein Land getan hast", wisperte die Herrscherin und küsste Harry noch mal.

Diesmal erwiderte Harry den Kuss, während von draußen das Klagelied der Drachen an seine Ohren drang. Er wusste, dass ihm diese Ehre nicht vollends gebührte, aber der Kampf in seinem Inneren war entschieden. Alusairs Hände fielen von seinen Wangen auf seine Brust und öffneten das Lederband seines Mantels, der zu Boden glitt. „Wird sich jeder Bewohner von Cormyr so bedanken?", fragte Harry scherzhaft, um seine Nervosität zu verbergen, nachdem sich ihre Lippen wieder voneinander gelöst hatten.

Alusair entblößte ihre weißen Zähne in einem hinreißenden Lächeln und schlug dann ihre Augen nieder. „Ich hoffe nicht", sagte die Herrscherin und griff nach dem Saum von Harrys Hemd, doch Harry legte seine Hände auf ihre und stoppte ihre Bewegung. „Ich sollte das nicht tun", meldete sich noch ein letztes Mal das Gewissen des Jungens und er wollte sich abwenden, aber die Königin hielt ihn mit ihren kräftigen Händen fest und zwang ihn sie anzusehen. Alusair sah ihm in die Augen und als ihre Blicke sich trafen, verschwanden alle Bedenken von Harry. Ohne weiteren Widerstand zog Alusair das Hemd über den Kopf des Zauberers und es landete neben dem Mantel.

Alusair schmiegte sich an ihn und Harry konnte ihre Wärme durch das dünne Material ihres Gewandes deutlich spüren. „Ich weiß", vertraute ihm die Herrscherin an. „Auch ich sollte das nicht tun, aber dieses Land zu regieren ist eine einsame Angelegenheit. Die ganzen Intrigen und Komplotte lassen mich niemandem vertrauen. Aber du bist anders, du kommst von einer anderen Ebene und weißt nicht um die Machenschaften der Barone. Bitte, schenk mir nur diese eine Nacht", flehte die junge Frau, die sich an seine Brust drückte und sich so zart unter seinen Fingern anfühlte.

Eine ganze Zeit lang sagte niemand etwas und sie lauschten einfach nur dem Herzschlag des anderen. Harry ergriff schließlich sanft ihre Taille und schob sie ein wenig zurück. Dann strich er ihr liebevoll ein paar verirrte Strähnen zurück und nach einem weiteren Kuss schob er den Stoff des Gewandes von ihren Schultern. Das maßgeschneiderte Stück fiel sofort zu Boden und gab den durchtrainierten Körper von Alusair preis, deren bronzene Haut im Licht der Kohlebecken verführerisch schimmerte.

Alusair trat noch ein paar Schritte von Harry fort, damit er sie besser betrachten konnte. Wie hypnotisiert folgte Harrys Blick ihrer Hand als sie über ihre Haut fuhr. Ein mädchenhaftes Lachen, dass Harry nie von der Kriegerin, die er bisher in ihr gesehen hatte, erwartet hätte, entkam ihrem Mund, als sie sah, wie sehr sie den jungen Mann in ihren Bann schlug. Spielerisch langsam entfernte sie sich von Harry und verschwand hinter einem Vorhang. Als sie ein paar Augenblicke später wieder zum Vorschein kam, hielt sie etwas zwischen ihren Händen, doch bei dem schwachen Licht konnte Harry nicht erkennen was es war.

Quälend langsam kam Alusair wieder auf ihn zu und Harry kam es wie eine Ewigkeit vor, bis sie wieder vor ihm stand. In dem flüchtigen Moment, in dem er seine Augen von ihrem Gesicht lösen konnte, erkannte er, dass sie einen schwarzen Stoffstreifen geholt hatte. Bevor er nach dem Sinn davon suchen konnte, hatte sie ihm den samtigen Stoff schon über die Augen gelegt und er spürte wie sie es locker hinter seinem Kopf festband. Seiner Sicht beraubt, erlebte er das Gefühlte viel stärker und jeder Sekunde kam dem Jungen so vor, als sei er mit einem Engel im Paradies.


Elminsters weiße Haare wurden vom Wind zerzaust und sein Umhang stand wie eine Wetterfahne zur Seite ab. Trotz der windigen Bedingungen paffte der Zauberer ungerührt seine Pfeife und sah auf die Stadt zu seinen Füßen herab. Er war in Gedanken versunken und sann über die Erschütterung im Gewebe nach, die er vor kurzem selbst hier in dieser abgelegenen Welt gespürt hatte. Seit dem hatte er nichts mehr von Mystra gehört und er machte sich große Sorgen um sie.

Trotzdem konnte er seine Pflichten auf der Erde nicht vernachlässigen. Er hatte zwar gelernt, dass seine erste Einschätzung des hiesigen Menschen zu negativ gewesen war, aber trotzdem war die Situation kritisch. Sein Blick glitt über die vielen zerstörten Häuser von Manhattan hin zu den fliegenden Festungen, die bedrohlich über den Ruinen der Stadt New York hingen. Ständig flogen Wesen zwischen den Stützpunkten von Tay und der Oberfläche hin und her.

Von seinem Aussichtspunkt konnte Elminster die blitzartigen Lichter von Waffenfeuer und Zaubersprüchen sehen und sogar in den luftigen Höhen konnte er die Explosionen hören, wenn der Widerstand wieder eine Patrouille der Tayanern in einen Hinterhalt gelockt hatte. Bei seiner Ankunft auf dieser Ebene hätte Elminster es nie für möglich gehalten, dass die Menschen, die so offensichtlich ohne Magie lebten, ein solches Hindernis für die roten Magier von Tay darstellen würden.

Natürlich nicht in einer direkten Konfrontation, wo sich den Zauberern gute Ziele boten, aber in den Schluchten der Städte waren die Menschen im Vorteil. Sie kannten die unterirdischen Gänge, ihre Waffen hatten keine magische Signatur und trotzdem machten sie die Fortschritte in der Alchemie der Magie im Kampf gleichwertig. Elminster wunderte sich weiter über die Trennung von Magie und alltäglichem Leben, die in Faerûn unvorstellbar war, als er ein leidvolles Aufstöhnen hinter sich hörte.

Ungerührt blieb der alte Zauberer sitzen und nuckelte ein seiner Pfeife. „Elminster! ELMINSTER!", rief ein Mann mit zitternder Stimme. Elminster hörte ihn zwar, sah aber keine Veranlassung darauf zu reagieren. In den letzten Tagen war es schon zum Ritual geworden, was nun folgte. Elminster verstand nicht, wie ein Volk, das so hoch in den Himmel baute und sogar Maschinen erfunden hatte, um darin zu fliegen, sich vor Höhen ängstigen konnte, aber John Smith schien kein typischer Vertreter seines Volkes zu sein, wobei Elminster immer noch rätselte wie ein typischer Vertreter dieser Ebene aussehen könnte. John Smith hatte nicht nur Höhenangst, nein, er war auch einer der wenigen Zauberer dieser Ebene, auch wenn Elminster ihn eher als Trickser ansah, denn als wirklichen Magier.

Zugegeben seine Teleportationstechnik hatte seine Vorteile, musste aber auf die lockere Struktur des Gewebes dieser Ebene zurückgeführt werden. Doch insgesamt erschienen die drei unverzeihlichen Flüche, wie Smith sie nannte, das einzige zu sein, was man als Magie durchgehen lassen konnte. Natürlich könnte sich jeder Lehrling einer respektablen Akademie gegen diese Flüche erfolgreich verteidigen, aber an solchen Akademien schien es auf dieser Ebene zu mangeln. Elminster dachte darüber nach, ob er nicht einen alten Bekannten bitten sollte, auf diese Ebene zu kommen.

Mittlerweile hatte sich John Smith an die Seite von Elminster gearbeitet. Sein Gesicht zeigte eine Mischung aus Angst und Unbehagen, das fast an Panik grenzte. Seine blauen Augen tränten vom scharfen Wind und sein zurückweichendes braunes, halblanges Haar, das in den letzten Tagen ein paar Nuancen grauer geworden war, wirbelte um seinen Kopf. Mit dem unrasiertem Gesicht und den verkniffenen Lippen sah der Mann deutlich älter aus als seine 43 Jahre und es stand zu befürchten, dass die nächste Zeit seinen Alterungsprozess weiter beschleunigen würde.

„El-el-elminster? Warum müssen wir uns ausgerechnet auf dem World Trade Center treffen?", fragte John zaghaft, während er im Windschatten des alten Mannes Zuflucht suchte. Dass das setzen auf die Kante des 421 Meter hohen Gebäudes ein Muss war, um Antworten vom eigenwilligen Zauberer zu bekommen, hatte dieser dem Amerikaner schnell klar gemacht. Elminster sah den kleineren Mann kurz aus den Augenwinkeln an und blickte dann wieder runter auf das Schlachtfeld, auf dem allem Anschein nach die Entscheidung fiel, ob Tay diesen Kontinent übernehmen konnte oder nicht. Noch erschienen die Straßenscharmützel unbedeutend, aber auf lange Sicht gesehen war es die einzige Möglichkeit die Invasoren zu beschäftigen.

„Weil man sich seinen Ängsten stellen muss, deshalb, mein Junge", wiederholte Elminster, wie jedes Mal wenn sie sich trafen. John grummelte, sah nach unten, riss seinen Kopf wieder hoch und schluckte heftig. In diesen Momenten hasste er Elminster, der ihn aus seinem schönen Leben als Erforscher der Natur der Magie gerissen hatte und ihm die zweifelhafte Ehre des Titels „Beauftragter für extraplanetare Besucher und Angelegenheiten" eingebracht hatte.

„Ich soll dir von den Präsidenten ausrichten, dass sie deinen Vorschlag umgesetzt haben. Nur die Gruppenstärke der einzelnen Einheiten wurde reduziert, dafür werden wir sie auf einem größeren Gebiet beschäftigen können. Außerdem wurde jedem Gouverneur gestattet eigenmächtig in dieser Sache zu handeln, damit eine Übernahme oder Vernichtung der Regierung die Widerstandbemühungen nicht erlahmen lässt", informierte John den Faerûner.

Er selbst hatte seine Zweifel ob es weise war, das ganze Land in die einzelnen Staaten zu spalten und die Amerikaner in kleinen Gruppen zu organisieren, aber Elminster hatte davor gewarnt, dass der Staatsapparat als Einheit zu anfällig für Infiltration und Sabotage wäre und die Chance erhöhte, das der gesamte Widerstand mit einem Schlag erstarb. John konnte nichts gegen diese Argumentation sagen, außer das er sich bei dem Gedanken unwohl fühlte. Amerika sollte sich nicht auf dem eigenen Boden in einen Guerillakrieg verwickeln lassen, aber er war nur Mittelsmann zwischen Elminster und der Regierung der USA, magische wie Muggel.

„Sind dir noch weitere Ideen gekommen, wie wir diese Bastarde aufhalten können?", fragte John pflichtbewusst. Er hoffte, Elminster würde nein sagen, dann könnte er endlich von hier verschwinden. „Ja", sagte der alte Mann, der weiter genüsslich paffte, machte aber keine Anstalten einer weiteren Ausführung. John seufzte resignierend und erhob sich schwankend. „Also gut, du weißt ja wo du mich finden kannst, wenn du mir etwas sagen willst. Leider", konstatierte der Amerikaner und verschwand mit einem ‚Peng'.

Elminster sah zu wie sich die Sonne senkte. Noch immer erklangen vereinzelte Explosionen in der Stadt und einmal sauste ein Meteorit nieder und zerstörte ein Hochhaus. „Gut, gut", murmelte der Weise von Schattental schließlich, als er endlich das spürte, was er vermisst hatte. „Mal sehen, ob der Junge wirklich so hart ist wie ich glaube, dass er sein könnte." Dann fing er an zu grinsen, danach begann sein Bart zu zittern und schließlich brach er in Gelächter aus, das man in der ganzen Stadt hören konnte. Das Leben war sehr skurril wenn man es solange erlebt hatte wie er.


Kaum war Harry total ermüdet neben Alusair eingeschlafen, da fand er sich schon in der Vision wieder. Doch diesmal gab es keinen angenehmen Nebel, keine schützende Barriere. Klein und unbedeutend schwebte er im Raum, völlig nackt und entblößt. Über ihm ragte Mystra und funkelte ihn an, als ob sie wünschte ihn mit ihrem Blick zu verbrennen. Bevor Harry mehr Zeit hatte, sich mit seiner Situation bewusst zu werden, dröhnte die Stimme von Mystra, „Noch nie bin ich so verraten worden, nicht von meinem schlimmsten Feind, schon gar nicht von einem meiner Kinder! Ich gab dir Macht und habe dich gewarnt, vorsichtig damit umzugehen. Nein, du brauchst dich nicht zu verteidigen. Ich will es nicht hören, denn ich weiß nur zu gut, warum du es getan hast, könnte es sogar als Sterbliche noch verstehen.

Trotzdem hatte ich mehr von dir erwartet. Du hast nicht auf die Stimme der Vernunft gehört, sondern auf die der Macht und hast dich von ihr beherrschen lassen. Du bist eine Gefahr für alle, für mich. Hiermit nehme ich dir alle Privilegien eines Auserwählten und das Gewebe selbst soll sich dir entziehen. Wenn du je wieder auch nur ein Licht zaubern willst, musst du dich erst wieder beweisen. Zeige mir und allen Ebenen, dass du weißt was Verantwortung heißt. Nein, sag kein Wort. Die Strafe mag dir hart erscheinen, aber das ist nur meine Strafe dafür, dass du mein Vertrauen missbraucht hast. Die anderen Götter werden eine Strafe dafür fordern, dass du gegen die Gesetze von Ao verstoßen hast.

Ich und meine Verbündeten werden für dich kämpfen, aber in dieser Sache ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Ich werde wieder mit dir sprechen, wenn das Urteil gefällt wurde. Jetzt geh und denke über meine Worte und deine Taten nach. Halt dabei die Augen offen und nimm dich vor den Schatten in Acht." Bevor Harry die Chance hatte auch nur den Mund zu öffnen, hatte er das Gefühl in ein ewiges Schwarz zu stürzen. Er wollte schreien, doch er brachte keinen Ton hervor.

Dann ertönte ein lautes Geräusch und Harry schoss in die Vertikale. Neben ihm räkelte sich Alusair verschlafen. Harry schwitze und fror zur gleichen Zeit. Er musste mehrmals blinzeln und trotzdem sah er alles nur verschwommen. Das Klopfen wiederholte sich, diesmal noch energischer. Draußen war es noch dunkel, so viel konnte Harry erkennen. „Herrin, ist alles in Ordnung?", fragte jemand von draußen. Alusair, die vom zweiten Klopfen aufgewacht war, richtete sich auch auf. „Ja. Ja! Schon gut. Alles in Ordnung, Caladnei. Warte noch, ich bin gleich salonfähig", erwiderte die Herrscherin noch etwas verschlafen.

„Alusair, das hört sich nicht nach dir an. Ich komme rein", rief die Vertraute durch die Tür. „Wenn du jetzt einen Fuß durch die Tür setzt, lasse ich dich wegen Hochverrat hinrichten, Caladnei", entgegnete Alusair hitzig. Entweder wollte Caladnei die Ernsthaftigkeit dieser Aussage nicht überprüfen oder sie glaubte nun, dass wirklich alles in Ordnung war, jedenfalls blieb die Tür geschlossen. Ein wenig unbeholfen und langsam suchten Harry und Alusair ihre Kleidung zusammen und zogen sich an. Alusair bändigte ihre wild abstehenden Haare noch kurz mit einem Haarband, dann ließ sie Caladnei eintreten.

Die Hofmagierin stutze nicht einmal als sie Harry sah, sondern brachte direkt ihr Anliegen vor. „Alli, jemand hat die Kornkammern vergiftet. Die Kleriker kümmern sich bereits darum, aber es sind immer noch viele Leute auf der Straße und es gehen Gerüchte herum. Du solltest vor die Menschen treten, das würde ihre Sorgen zerstreuen. Wir können keine Panik brauchen!", erklärte die Beraterin. „Ja, du hast Recht. Ich komme sofort." Die junge Frau sah Harry entschuldigend an und gab ihm einen flüchtigen Kuss.

Bevor Harry vorschlagen konnte, die Frau mit der er gerade das Bett geteilt hatte zu begleiten, verriet ihm Caladnei, „Ihr seht müde und erschöpft aus, Ritter. Am besten ruht ihr euch aus, man weiß nie, wann die nächste Schlacht ansteht." Harry nickte, mühsam ein Gähnen unterdrückend und folgte der Magierin zur Tür hinaus. Seine Waffe geschultert, schleppte Harry sich durch die Gänge. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, aber im Licht der Fackeln fand er den Weg recht gut. Doch urplötzlich stand er im Dunkeln und nur das fahle Mondlicht erlaubte es noch überhaupt etwas zu sehen.

Ohne wirklich überrascht zu sein stellte Harry fest, dass er kein Licht herbeizaubern konnte. Niedergeschlagen schlurfte er im Dunkeln weiter, bis unvermittelt ein solider Schatten vor ihm auftauchte. Viel zu spät erkannte Harry, dass jemand anderes vor ihm stand und dieser jemand ihn um einen Kopf überragte, rot leuchtende Augen hatte und in eine absolut schwarze Rüstung gehüllt war, die ihn praktisch mit den Schatten verschmelzen ließ. Auf einmal ergab die unangekündigte Dunkelheit einen Sinn. Behäbig nahm Harry seinen Stab in beide Hände, machte ein paar Schritte zurück und nahm eine Abwehrposition ein, auch wenn er wusste, dass er in keinem guten Zustand war.

Adrenalin begann durch seinen Körper zu pumpen und er wurde wacher. „Wer ist da?", fragte Harry, doch sein Gegenüber lachte nur. Lautlos wie ein Schatten glitt der Gesichtslose auf Harry zu und Harry konnte die großen Flügel sehen, die über den Kopf hinausragten. Wie ein Blitz machte Harry einen Ausfallschritt und schlug nach dem Mann, der keine guten Absichten haben konnte. Das Ende des Kampfstabes schoss auf den Kopf des Wesens zu, als er mitten in der Luft verharrte. Erschrocken bemerkte Harry, dass sein Gegner den Schlag einfach mit einer Hand aufgefangen hatte. Der Hexenmeister versuchte mit mehr Druck den Schlag doch noch ins Ziel zu wuchten, aber die Waffe rührte sich kaum merklich. Den Druck auf dieser Seite des Stabes wegnehmend, ließ Harry die Waffen herum schwingen und versuchte mit dem anderen Ende ein Treffer auf den Oberschenkel seines Gegners zu landen.

Doch dieser lachte nur und wich dem Schlag behände aus. Immerhin ließ er dabei die Waffe los und Harry zog sich ein wenig zurück. „Keine Magie, mächtiger Magier?", fragte sein Gegner höhnisch mit öliger Stimme aus dem Dunkeln. Harry knurrte vor Wut und griff mit einem gewagten Sprung an. Er hatte seinen Gegner fast erreicht als kurz Mondlicht aufblitzte. Dann gab es eine Explosion aus weißem Licht, das Harry blendete und zurückschleuderte. Als er sich am Stab aufrappeln wollte, musste er feststellen, dass seine Waffe in zwei Teile geteilt worden war.

Die beiden Teile der Waffe verzweifelt umklammernd versuchte er wieder etwas zu erkennen, aber seine Sicht bestand nur aus tanzenden Punkten und schwarzen Flecken. Dann wurden ihm die Überreste des Stockes aus der Hand gerissen und eine Hand packte ihn an der Gurgel. Er wurde hoch gerissen und hing in der Luft. Wie wild trat und schlug Harry um sich, aber seine Versuche prallten an der Rüstung wirkungslos ab. „Lächerlich, kleiner Mensch. Anscheinend war meine Warnung an das Netzwerk verfrüht. Nach der Darbietung von gestern, hätte ich mehr erwartet, aber ihr Menschen seid so schrecklich kurzlebig und der Höhepunkt eurer Macht geht so schnell vorüber", höhnte Harrys Angreifer und der faulige Geruch von Schwefel schlug dem Jungen ins Gesicht.

„Ich glaube…", setzte der Unbekannte an, brach dann aber ab und holte tief Luft. „Wie schade, das wir uns nicht länger unterhalten können", sagte der Schatten und Harry fiel röchelnd zu Boden. „Bete, dass wir uns nicht wieder sehen. Bete, Schwächling, bete", flüsterte die Stimme und verschwand. Mit dem Verschwinden des Angreifers, erwachten die Fackeln wieder zum leben. Wenige Sekunden später stürzte Kareth mit gezogenen Waffen in den Korridor. Als er sah, dass Harry lebte und nicht in Gefahr schwebte, steckte er die Waffen weg und ging neben Harry in die Hocke.

„Alles in Ordnung?", fragte der Kämpfer besorgt und sah sich um. Dabei sah er den gespaltenen Stab und wandte sich wieder Harry zu, „Was ist passiert?" „Nichts ist in Ordnung, Kareth", gestand Harry und schlug die Hände vors Gesicht, um die Tränen zu verbergen, die sich in seinen Augen sammelten. Kareth ließ sich neben seinen Schützling nieder und legte ihm einen Arm um die Schulter. Geduldig wartete der Halbdrache, bis Harry sich wieder gefangen hatte und die Hände in den Schoss fallen ließ.

„Mystra hat mir die Magie entzogen. Als Strafe. Sie hat gesagt, ich soll beweisen, dass ich Verantwortung tragen kann. Die anderen Götter wollen mich auch noch bestrafen. Weil ich gegen das Gesetz von Ao verstoßen habe. Dann hat jemand die Kornkammern vergiftet. Als ich gerade auf den Weg in meine Kammer war, griff mich dieses, dieses … Ding an. Es hat mich ausgelacht und den Stab zerstört. Es wollte mich umbringen, dann hat es dich gerochen und ist verschwunden", sprudelte es aus Harry hervor, der kurz vor haltloser Panik stand. Der Fall war einfach zu tief für ihn. Erst seine Magie, die ihm geraubt wurde, und jetzt erwies sich auch noch seine Waffenfertigkeit als unzureichend.

Kareth hielt alle Fragen zurück und drückte Harry kumpelhaft an sich. „Keine Sorge, Harry, das wird schon wieder", versuchte Kareth den Jungen zu beruhigen, als ihm etwas ins Auge fiel. Er hob den Gegenstand vom Boden auf, hielt ihn auf Augehöhe und begutachtete ihn genauer. Ein langer Seufzer erklang und sein Arm fiel mutlos nach unten. „Was ist das?", wollte Harry wissen. Seine Augen waren gerötet, aber seine Wangen waren trocken und auch die Tränen in seinen Augen verschwanden.

„Das, sagt uns, dass wer immer dich angegriffen hat, dich nicht töten wollte", eröffnete Kareth seinem Schüler und zeigte ihm einen Anhänger. Es war eine schwarze Scheibe in die ein Z eingraviert war und an einer Kette aus geschwärztem Mithril aufgehängt war. „Wie kommst du darauf?", erkundigte sich der Junge. „Das hier ist das Zeichen eines Agenten der Zhentarim. Erinnerst du dich, ich hab dir von ihnen erzählt?" „Ja, aber was wollen Sklavenhändler von mir?", wunderte sich Harry, der sich auf die ganze Sache kein Reim machen konnte.

„Ich weiß es nicht, aber sie wollen dich nicht töten, denn sonst wärst du jetzt tot. Doch genug davon für jetzt. Die Sonne geht schon auf und du siehst fertig aus. Komm ich bring dich in deine Kammer", sagte Kareth und half Harry auf die Beine. Als Harry sich aufs Bett geschmissen hatte, fragte er leise, „Warum passiert das alles? Warum passiert mir das alles?" „Ich weiß es nicht, aber die Zeit wird es zeigen. Die Götter haben einen Plan", vertröstete Kareth, aber Harry war schon eingeschlafen.