"Also..."
Kitty fuhr mit dem Finger über den Rand ihres Glases, zog die Augenbrauen in die Höhe und sah Rahne an.
"Tat?, Wahl? oder...die allseits beliebte Wahrheit?"
Im Hintergrund lief leise Seven Nations Army von White Stripes.
Lockheed hatte sich auf die Flasche in der Mitte gesetzt und spielte mit dem Deckel.

Rahnes Wangen verfärbten sich vor Aufregung.
Weezy und Theresa wechselten gespannte Blicke.
Rahne starrte den Flaschhals, der auf sie zeigte an.
"Tat?", antwortete sie unsicher.
Lookheed sah Kitty fragend an.
Sie nickte. Er schien zu lächeln und flatterte auf ihre Schulter.

"Nun gut", Kitty grinste und hielt sich die Taschenlampe unters Kinn um sich dramatisch in Szene zu setzen.
"Schleich in die Cafeteria und tausche am Lehrertisch Salz gegen Zucker und Zucker gegen Salz."
Rahnes Augen wurden groß, sie starrte zur Tür.
"Jetzt?", fragte sie .
"Ja jetzt, wann denn sonst? ", Tracy kicherte.
"Kann ich noch Wahrheit nehmen?"
"Nö", grinste Kitty und machte ein beinah hämisches Gesicht.
Rahne stand verlegen auf und warf mir einen Hilfe suchenden Blick zu.
"Sollten wir sie nicht begleiten oder sowas?", fragte ich schnell,"natürlich nur, um zu sehen, dass sie es auch macht?"
Kitty schüttelte den Kopf.
"Ich bin mir sicher, dass wir den Effekt Morgen früh beim Frühstück live bewundern können. Falls sich Sinclair nicht drückt, natürlich"

Ich sah sie an und zuckte bedauernd mit den Schultern.
Rahne öffnete vorsichtig die Tür.
Als Rahne verschwunden war, sah ich Kitty an.
"Meinst du, es ist eine gute Idee ausgerechnet die kleine Nachts durch den Flur zu jagen?", fragte ich zweifelnd.
Die anderen Mädchen waren ziemlich gelassen.
"Ach, Rahne wird das schon packen..", lachte Weezie und schob sich eine Lakritzschnecke in den Mund.
"So sind halt die Regeln-und es soll ja auch ein bisschen gemein sein!"

Theresa sah mich an.
"Dein Pyjama ist echt cool...er steht dir"
"Danke für die Blumen...", sagte ich zerknirscht, "Ich hasse meinen Vater immer noch dafür..."
"Naja eigentlich meinte ich das ernst...", sagte sie etwas überrascht, "Was ist denn falsch an dem PJ?"
"Ach, ich weiß nicht, er ist einfach oberpeinlich.."
Ich sah auf meine Hosen.
"Du hast ne Ahnung...weißt du was mir mein Vater zum Geburtstag geschickt hat?"
Sie seufzte.
"Aber wehe, wehe eine von Euch erzählt das weiter-"
Wir nickten alle.
Theresa ging an ihren Schrank und zog ein noch Orginal verschweißtes Paket hervor und seufzte.
Es war ein pinkfarbendes Minnie-Maus Nachthemd.
"Das ist peinlich!"

"Ach herrje,du Arme!" rief Weezie.
"Ich werde in einer Stunde vierzehn!", grummelte Theresa, "aber leider hat das mein Vater bisher nicht bemerkt. Er hält mich für drei...wirklich."

Theresas Dad war ja auch ein Mutant und- was ich ziemlich spannend fand, Interpol Agent.
Sein Codename war Banshee und nach Aussage meines Vaters ein ziemlicher Haudegen.
"Naja so sind Eltern halt! Wenn die wüssten was ich hier mache...", seufzte Kitty. Ihre Eltern wussten ja nicht einmal das sie eine Mutantin war, geschweige denn, dass dies nicht ein ganz ausgezeichnetes Internat für Hochbegabte, wie der Professor ihnen erzählt hatte.

"Du kannst dir nicht vorstellen, was ich mir ständig anhören muss...", müffelte Theresa weiter.
"Denk nur, er hat ständig Angst das mir was passiert. Letztens wollte er unbedingt das ich zu Fuß gehe, weil draußen ein bisschen Sturm war- Bei ihm ist es cool, wenn er bei Sturm fliegt. Für mich aber zu gefährlich-"
Sie vergrub resigniert den Kopf in der Verpackung.
"Wie lange gehe ich jetzt gleich auf diese Schule? Väter..."

Ich musste an meinen Vater denken und an Mike.
Eigentlich hatte ich es da doch vergleichsweise gut getroffen.
OK , Mike war manchmal ein bisschen anstrengend, aber für ein Baby hielt er mich gewiss nicht.
Ihm war es sogar ganz recht, dass ich jetzt erwachsener war und er machte mir fast nie Vorschriften.

"Bekommt dein Dad auch nen Panikanfall, wenn du etwas machst, was er ständig tut?", fragte mich Tracy, wohl in der Hoffnung eine Leidensschwester vor sich zu haben.
Ich hüstelte."Öhm..."
Bei Hank konnte ich ja dazu noch gar nicht sagen.
Vermutlich war er auch ziemlich gelassen aber hundertprozentig sicher war ich mir da auch nicht.
Momentan wollte er ja eher zu Viel von mir, als zu wenig von mir...
Rahne öffnete die Tür und ich konnte mich um eine Antwort drücken.
"Du bist aber schnell"
Rahne sah ziemlich gehetzt aus. Als sie begriff, dass sie jetzt in Sicherheit war, ließ sie sich erlöst auf den Boden plumpsen.
"Mann, mir ist natürlich Jones über den Weg gelaufen...Das ist kein Gerücht. Der Typ schläft echt nie-"
"Und, hast du es trotzdem getan?", fragte Kitty beinah autoritär und sah Rahne streng an.
Sie nickte.
"Dann darfst du drehen!", sagte Weezie.

Rahne drehte schwungvoll die Flasche. Sie drehte sich, eierte und der Hals zeigte auf unser Beinahe-Geburtstagskind.
"Och nö..." , quietschte Theresa,"Wahl...Wahl"
Alle starrte Rahne an, die angestrengt nachdachte.
"Erstens...du könntest in den Jungentrakt gehen und...bindest alle Schnürsenkel zusammen aber nicht paarweise sondern hübsch bunt durch gemischt..."
"Ach das ist ja so Standard", maulte Theresa.
"Oder, du konntest den Sattel von Mr. Summers Motorrad mit schwarzer Schuhcreme ordentlich dick einschmieren..."
"Na super und Morgen früh setzt sich dann Mr. Logan drauf, danke! Ich wollte zumindest noch ein oder zwei Tage am Leben bleiben. Immerhin habe ich morgen Geburtstag. Da mag ich nicht aufgespießt werden!"
„Mit unserem Glück ist es eh bis Morgen eingezogen...", meinte Weezie praktisch veranlagt wie sie war..
"Ach, Tracy, ich bemühe mich ja schon um die nötige kriminelle Energie..", seufzte Rahne.
Dann stutzte sie, als hätte sie einen Einfall.

"Oder...", sie grinste so fies es ging,"Du gehst hübsch brav noch was zu trinken holen, denn unsere Vorräte sind beinahe aufgebraucht."
Siryn seufzte.
"Das ist meine Party, echt unfair..."
"Und meine Aufgaben", lächelte Rahne, "ich musste auch was machen, was mir nicht gepasst hat"
"Ist ja wohl logisch, was ich mache, oder?", sagte Tracy genervt.

Dann nahm sie ihren Rucksack und die Geldbörse.
"Möchte sonst noch wer was?", fragte sie und öffnete das Fenster.
"Eis?",fragte ich,"...Viel davon" und sah Theresa bittend an.
"Oh ja, eine prima Idee- mir bitte auch", fiel Kitty ein.

"Na dann, hoffe ich mal, das ich noch mit dreizehn wieder da bin..."sagte Theresa auf dem Fensterbrett sitzend.
Rahne grinste.
"Guten Flug auch..."
"Ich hab dich auch ganz doll lieb, Sinclair", antwortete sie und schon war sie verschwunden.

Wir sahen uns verlegen an. Das würde ja jetzt eine Weile dauern.
"Ich glaube, du hast das Spiel nicht richtig verstanden, Rahne"
sagte Weezie und stützte den Kopf auf ihre Hand, "So richtig fies ist Getränke holen ja nicht..."
"Aber richtig verboten..", antwortete Rahne ernsthaft-"Außerdem ist es ja ganz praktisch"

Ich sah in die Runde.
"Tja Mädels, was machen wir jetzt mit dm angebrochenen Abend?"
"Immer nur Lächeln, Jeanny",rief Weezie.
Ein helles Licht blendete mich plötzlich.
Als ich wieder mehr, als nur grüne Flecken sehen konnte, begriff ich, das Weezie mich fotografiert hatte. Sie sah sich gerade das Ergebnis ihrer überraschende Attacke an.
"Haha, du schaust vielleicht belämmert aus der Wäsche..."
"Echt Louise, du hast sie nicht mehr alle!", knurrte ich, immer noch leicht desorientiert.
Kitty riss Weezie die Kamera aus der Hand.
"Ich will das auch sehen!"
Sie schaute auf den Display der Digicam und grinste amüsiert.
"Das muss echt in meinen Blog", lachte sie.
"Bist du wahnsinnig! Du kannst doch kein Foto von mir ins Internet stellen!", rief ich entsetzt.
Mir würde ganz mulmig.
Alles, nur das nicht.
Kitty überhörte meinen Einwurf. Sie hielt mir die Kamera unter die Nase.
"Was für ein Foto- Minx wie sie leibt und lebt!"
Ich wollte eigentlich gar nicht wissen was auf dem Display war.
Vorsichtig schielte ich auf den Display.
Das Foto war wirklich übel.
Alles Blut sackte mir in den unteren Bereich meines Körpers.
Mit halboffenem Mund, damit man auch ja keinen, meiner eh schon ziemlich schlimmen Zähne übersah, starrte ich eigentlich überrascht in die Kamera. Aber nun sah es aus, als würde ich der Fotografin im nächsten Moment ins Gesicht springen.
Ein Wunder das die Linse nicht geplatzt war.
Es war wirklich scheußlich.
Die roten Augen vom Blitz machten das ganze noch schlimmer.
„Oh nein...", flüsterte ich. Entsetzt schloss ich die Augen und schob die Kamera weg.
"Wasn los?Das Foto ist doch voll lustig...", sagte Weezie ein wenig überrascht.
Ich schwieg immer noch entsetzt.Es war das allererste Mal, das ich ein Foto von mir in meiner neuen Form sah und es war absolut das gruseligste was ich mir vorstellen konnte. Es erinnere mich an das Video aus der Krankenstation.

Rahne suchte meinen Blick.
Dann hüpfte sie kurzerhand über die Flasche und umarmte mich.
"Mach mal ein hübsches Foto von unserem Krümelmonster und mir! Dann hab ich ein Bild, dass ich in die Ferien mitnehmen kann..."
Weezie nickte und nahm die Kamera an sich.
Ich versuchte "normal" auszusehen. Zumindest würde ich nicht noch einmal zulassen, dass sie mich so kalt erwischte.
Und vor allem versuchte ich zu verdrängen, wie die Fotos aussehen würden...
Bloß jetzt nicht schwächeln, dachte ich tapfer.

Du willst ein cooles Mädchen sein, also benimm dich halbwegs cool.

Ich wollte auf gar keinen Fall, das die anderen mitbekamen, dass es ein Problem für mich war.

Das Ergebnis war eine ganze Serie von Fotos von Rahne, Kitty und mir, bzw Weezie, Rahne und Kitty denn ich bot mich- total uneigennützig, hahah- als Fotografin an.
Als Theresa wieder kam, wurde sie natürlich ebenfalls von mir fotografiert.

Außerdem beglückwunschten wir unser Geburtstagskind natürlich.
"Wollten wir eigentlich noch weiterspielen, Flaschendrehen meine ich?", fragte Tracy,"Ich würd mich gern noch rächen, dafür das ich in Nacht und Nebel zur Tankstelle musste. Ihr hättet den Blick sehen sollen, von dem Typ-"
Ich konnte mir lebhaft vorstellen, das ein junges Mädchen in Nachtzeug, das Getränke und Eis holte, nicht gerade unauffällig war.
Immerhin lag die Tankstelle ja ziemlich im Nirgendwo, soweit ich wusste.
"Naja, aber wenn nicht mehr so lange...", sagte Weezie und gähnte. Sie sah auf die Uhr.
Es war kurz nach eins.
Ich löffelte mein Eis.
"Wenn es sein muss..."
"Es muss", lachte Tracy und gab der Flasche einen ordentlichen Schubs.
Sie blieb direkt vor mir stehen.
"Na super, immer auf die kleinen...", murmelte ich.
"Nur gerecht, du warst noch gar nicht dran..Weezie musste Dougs Bauch mit Zahncreme bestreichen, Rahne hat den Zucker vertauscht und ich hab die blöde Tafel mit Haarspray vollgesprayt. Also-", sagte Kitty.
Ich wollte nicht mehr durch die Gegend laufen und irgendwelchen Unsinn anstellen.
Die Chance, das ich nach Bobby gefragt werden würde, stand ziemlich hoch, wenn ich Wahrheit nehmen würde. Und lügen konnte ich schon immer gut...

"Wahrheit..." murmelte ich also."Das geht am schnellsten"
Tracy sah mich lange an und überlegte anscheinend. Etwas zu lange, für meinen Geschmack.

"Bist du schon immer so gewesen?", fragte sie.

Ich sprang auf.
"Was ist denn das für eine bescheuerte Frage?", schrie ich sie an.
Theresa lächelte verlegen.
"Eigentlich wollte ich das immer schon wissen...ne ganz normale Frage halt..."
Wortlos drehte ich mich um und rannte aus dem Zimmer. Rahne flitzte hinter mir her.
"Ich hab nichts damit zu tun, ehrlich..."
"Ich weiß...", antwortete ich zähneknirschend und knöchelte zum Zimmer."Wieso war ich nicht darauf gekommen, dass sie ausgerechnet so eine Frage stellen würde?
"Jeanna?", fragte Rahne vorsichtig.
Ich zog mir die Decke über den Kopf.
"Lass mich pennen, OK?"