9. Der Beschluss
,Hermine, sollen wir wirklich nicht mitkommen?"
,Nein, Ron. Ich soll alleine zu Dumbledore gehen!" erwiderte Hermine. Sie musste zugeben, dass es ihr nur recht war, dass Harry und Ron nicht daneben standen, wenn eine Frage nach der anderen sie tiefer und tiefer in den Boden sinken lassen würden. Das Gefühl, das sie befallen hatte, seit sie im Krankenflügel wieder erwacht war - man konnte es als nichts anderes als Scham bezeichnen. Und dieses Gefühl war dank Rons sich immer wieder erstaunt wiederholenden Beschreibungen ihrer Kampfeswut nicht gelindert worden. In seinen Augen hatte sie zwar anfangs Ungläubigkeit über ihre Tat erblickt, doch diese hatte sich während der zwei Tage im Krankenflügel in vor hämischer Freude durchwirkten Stolz gewandelt.
,Das war die gryffindorsche Wut." hatte er begeistert von sich gegeben. ,Sie hat sie ihm gezeigt, nicht wahr , Harry?"
Harry wiederum ging an die ganze Sache mit kühleren Verstand heran. Ein Blinder merkte, dass Rons Bewunderung noch von einem ganz anderen Gefühl genährt wurde. Von unausgesprochener Zuneigung, die nicht einmal von ihm selbst bemerkt Hermine aus seinen Augen entgegenleuchtete.
Hermine merkte dies sehr wohl. Nicht nur an seinem Blick, auch an seinen Gesten.
Aber Rons Bemerkungen waren angenehmer gewesen, als die besorgten Fragen, die ihr Harry unentwegt gestellt hatte. Dass ihre Freundin einfach einen Lehrer angegriffen hatte- und mochte es auch der widerlichste von allen sein- und zusammengebrochen war, hatte ihn so sehr erschreckt, dass er einen Tag lang nicht von ihr ablassen wollte. Frage um Frage. Was ist mit dir?
Warum hast du das gemacht? Es ging dir schon die ganze Zeit nicht gut, nicht wahr? Was hat Snape getan?
Hermine zupfte ihre Krawatte zurecht. Wenn sie schon zu Dumbledore gehen musste, dann wollte sie wenigstens ordentlich aussehen. Sie war froh, dass sie den Krankenflügel endlich verlassen konnte. Zwei Tage gepflegte Langeweile waren mehr als genug. Aber bevor sie dies tun konnte, kam Madame Pomfrey auf sie zu gehastet.
Sie deutete auf den Teller mit Essen, der halb geleert auf dem Nachttisch neben Hermines Krankenlager stand.
,Miss Granger, es wundert mich überhaupt nicht, dass sie einfach so zusammenbrechen. Sie essen so gut wie gar nichts. Gucken sie sich nur ihr Gesicht an. Im letzten Jahr waren ihre Wangen noch nicht so hohl. Ein Strich in der Landschaft, mehr sind sie nicht mehr!" erklang es mit vorwurfsvollem Ton.
,Bitte, ich hatte wirklich keinen Hunger."
,Sie sind doch eine intelligente junge Frau. Dann müssten sie eigentlich wissen, dass man nicht zu Kräften kommen kann, wenn man nichts isst."
,Ich werde ordentlich was zum Mittagessen. Versprochen!"
Madame Pomfrey hob ob dieser fadenscheinigen Lüge ihre Augenbrauen. ,Haben sie wenigstens ihren Stärkungstrank getrunken?"
,Ja, Poppy. Ich danke ihnen. Aber ich muss jetzt wirklich los. Albus Dumbledore wartet auf mich!"
Madame Pomfrey tätschelte ihr die mit einem sanften Lächeln die Schulter ,Wird schon." sagte sie.
Trotz Poppys aufmunternden Lächelns kroch die Angst in jede Faser ihres Körpers. Sie war von dieser Aufregung so sehr eingenommen, dass sie nicht einmal die Worte ihrer besten Freunde wahrnahm, die sie noch bis zum Wasserspeier begleiteten.
Ron und Harry schenkten ihr ein warmes Abschiedslächeln.
,Plumpudding!"
Der Eingang öffnete sich einladend.
Hermine schritt mit einem klammen Gefühl die Treppen hoch. Warum stellst du dich so an? Es ist Dumbledore. Er wird dir schon nicht den Kopf abreißen!
,Miss Granger. Wie schön, dass sie gekommen sind. Nehmen sie platz!" empfing sie der Schulleiter mit warmen Willkommensworten. Hermine spürte, wie ein wenig von der Anspannung von ihr abfiel. Der sanfte Blick seiner blauen Augen tat daseinige.
,Guten Morgen, Professor!"
Sie ging zu dem Stuhl vor seinem Tisch und setzte sich.
,Ich hoffe es geht ihnen wieder gut, Miss Granger. Professor McGonnagal berichtete mir davon, dass sie einen ganzen Tag nicht aufgewacht sind. Und Poppy erzählte mir besorgt, dass sie einen unruhigen Schlaf hatten."
Die Träume, sie waren wiedergekehrt. So furchteinflössend wie nie zuvor.
Aber da war noch etwas anderes gewesen. Etwas, dass sie dem Schulleiter noch viel weniger anvertraut hätte.
,Es geht mir wieder gut, Professor." log sie.
Erst jetzt bemerkte sie den Schatten, der hinter sie getreten war.
,Magicum revelio." vernahm sie eine all zu bekannte raue Stimme. Snape war an sie herangetreten und ließ seinen Zauberstab über ihre Gestalt wandern. Es dauerte nur einen Augenblick, bevor er wieder zurücktrat. Aber es hatte ausgereicht, um von seinem Geruch umfangen zu werden, der Erinnerungen an die letzte Nacht heraufbeschwor.
,Keine Spuren, die auf die Einwirkung eines Zaubers hindeuten, Schulleiter." hörte sie ihn schnarren. Schon im nächsten Moment war er wieder in die schattige Ecke zurückgetreten, in der er sich verborgen hatte. Dort blieb er stehen und betrachtete die Szenerie mit unbewegter Miene.
,Beruhigend zu wissen, aber sie werden sicherlich verstehen, dass wir sie noch eingehender untersuchen müssen, Miss Granger." sagte Dumbledore jetzt.
,Ja, Professor." murmelte Hermine. Ihr Herz hatte hart zu klopfen begonnen. So sehr sie Dumbledores sanfter Blick beruhigte, all dies wurde zunichte gemacht von seiner Anwesenheit. Severus Snape.
Hermine war es, die beschloss das Wort an sich zu reißen. ,I-ich weiß, Professor, dass das, was ich getan habe, unverzeihlich war. Es tut mir leid. So leid."
Ihr Blick huschte zu Snape. Dieser belegte sie mit einem unbewegten, abschätzigen Blick.
,Das glaube ich gern, Miss Granger." erwiderte Dumbledore. ,Das, was sie getan haben, passt nicht zu ihnen. Haben sie uns etwas mit zu teilen?"
Hermine war es, als bekomme sie keine Luft mehr. Ja, sie wusste, warum sie es getan hatte. Aber das konnte sie unmöglich zugeben.
,Bitte, verweisen sie mich nicht der Schule. Ich – ich- diese Ausbildung ist alles, was ich mir jemals erträumt habe - ich würde alles tun, Professor, alles- damit ich es ungeschehen machen könnte."
Über das Gesicht des Schulleiters schlich sich ein mildes Lächeln. ,Darüber sollten sie sich keine Sorgen machen. Ich werde eine exzellente Schülerin nicht einfach von der Schule verweisen. Ich bin immer noch der Schulleiter und habe darüber zu entscheiden."
Mit einem Zwinkern griff er zu einer Schüssel mit Säuredrops und hielt sie ihr hin. Hermine griff sich mit klammen Fingern einer der Süßigkeiten, doch sie steckte ihn nicht in den Mund.
,Professor Snape wird über ihr Strafmaß entscheiden. Und über die Art der Strafe. Sie haben schließlich seinen Unterricht ins Chaos gestürzt."
,Es tut mir leid, wirklich - ."
,Filch wird ein Auge auf sie haben." kam es rau aus der dunklen Ecke. ,Montag bis Freitag. Sie haben sich bei ihm jeden Abend um acht Uhr ein zu finden. Und nicht vor neun Uhr zu gehen."
,Ja, Professor." hauchte sie.
Hermine. Bist du das? Ein Mädchen von sechszehndreivirtel Jahren. Zusammengesackt auf einem Stuhl, auf dem Blick eines Mannes liegt, in dessen Augen du eine solche Plage bist, dass er dich nicht einmal beim Nachsitzen in seinem Büro haben will?
Es lag wieder Dumbledores fragender Blick auf ihr.
,Bitte, Miss Granger. Sagen sie mir, was in ihnen vorgegangen ist!
Hermine hob ihr Gesicht und sah in die blauen Augen. Diese blickten ihr so offen entgegen, dass es unmöglich war, kein Vertrauen zu fassen. Doch Snape. Seine Anwesenheit lähmte sie.
,I- ich habe nur ein wenig Stress gehabt."
,Haben sie persönliche Differenzen mit Professor Snape?"
Die Gestalt in der Ecke trat jetzt wieder ins dämmrige Herbstlicht, das durch das Turmfenster fiel. In Snapes bleichem Gesicht spiegelte sich unverhohlener Missmut wider.
Er wollte etwas sagen, doch Albus hob seine Hand um ihm zu bedeuten, nicht zu sprechen.
,Nein, Severus. Ich möchte wissen, was der Ursprung ihrer Wut war."
War das die Andeutung eines Lächelns, das sich da über ihr Gesicht schlich? War diese Situation wirklich? War jetzt nachdem sie Snape vor versammelter Schülerschaft ihre Wut funkensprühend entgegen geschleudert hatte und jeder gesehen hatte, was mit ihr los war nicht sowieso alles egal?
,Ich schätze nicht, dass es irgendeinen Schüler gibt, mit dem er keine persönlichen Differenzen hat. Außer Malfoy vielleicht." erwiderte sie mit fester Stimme, ohne Snape eines Blickes zu würdigen.
,Das geht zu weit, Granger." knurrte der dunkelgewandete, hagere Mann neben ihr.
,Miss Granger, bei ihnen scheint diese persönliche Differenz sehr ausgeprägt zu sein. Salopp gesagt: Sie scheinen ihn auf den Tod nicht ausstehen zu können!" erwiderte Dumbledore.
,Sonst hätten sie wohl kaum versucht mich nieder zu strecken. Alles in allem war ihr alberner Versuch mich mit ihren dahingefuchtelten Schockzaubern von den Füßen zu reißen nichts als eine Farce, MISS GRANGER!"
Hermine erhob sich mit einer fahrigen Bewegung. ,Professor Dumbledore. Sie können jeden um mich herum fragen: Und jeder wird ihnen sagen, dass ich Professor Snape immer respektvoll gegenüber getreten bin. Ich habe mich nicht entmutigen lassen von seinen Bemerkungen. Von seinen Beleidigungen!" Sie streifte das bleiche, teigige Gesicht mit einem vorwurfsvollem Blick, bevor sie sich wieder dem Schulleiter zuwandte ,Ich habe jetzt fünf Jahre Unterricht hinter mir, in denen er zu verstehen gegeben hat, was er von mir hält. NICHTS! Und dabei bemühe ich mich. Ich bemühe mich so sehr. Ich kann ihnen nicht sagen, wie leid ich es bin!"
,Wie anrührend, Granger." troff es sarkastisch aus Snapes Mund.
Sie fixierte ihn mit ihrem Blick. ,SIE, SIR." knurrte sie zurück ,Sie erwarten herausragende Leistungen. Und wenn ich sie ihnen liefere, zertreten sie sie, als seien sie nichts wert. Wissen sie wie es sich anfühlt, stundenlang für einen Aufsatz in der Bibliothek zu sitzen und zu wissen, dass man dafür lediglich ein Annehmbar erhält, weil das die beste Note ist, die sie einer lästigen Muggelhexe zu geben bereit sind?" Hermine bemerkte erst jetzt, dass sie lauter geworden war, als sie es gewollt hatte.
,Wie wütend sie sind, Miss Granger. Sollte ich meinen Zauberstab zücken?" knurrte es zurück.
,Severus, bitte." erklang mahnend die Stimme des Schulleiters.
Snape nahm wieder Haltung an, doch er trat einen Schritt zurück, um seinen Unmut zu bekunden.
Hermine ließ sich wieder auf den Stuhl sinken. Während sie sich setzte, war es ihr als schwände der Mut, der sie eben noch erfasst hatte. Die Scham eroberte sie zurück.
,Professor Snape berichtete davon, dass sie eine Art verklärten Blick hatten, als seien sie in einer Art Trance! Was haben sie gesehen?"
,Was?"
Die Schlange. Der Grim. Knurren. Jaulen. Beißen. Die verschwommene Gestalt eines Mannes, der sie wütend anstarrte. Trauer. Angst. Tod. Sehnsucht. Unfassbare Sehnsucht. Ein Zischen.
,Professor Dumbledore. Ich kann ihnen nicht sagen-."
,Es tut mir leid Miss Granger, aber wir müssen sicher gehen, dass in ihren Kopf eingedrungen wurde. Hatten sie eine Vision?"
,Ich weiß es nicht, Professor. Es kam ganz plötzlich. Es waren nur Schatten. Nicht mehr als Schemen. Eine Schlange. Ein raubtierförmiger Schatten."
Dumbledore sah sie jetzt eindringlich an. ,Hatten sie diese Vision schon vorher einmal?"
,Ja, in den letzten Wochen der Ferien und auch hier in Hogwarts. Aber -."
,Es war gedankenlos von ihnen, Dumbledore nicht sofort auf zu suchen." unterbrach Snape sie. ,Sie wissen, was mit Potter im letzten Jahr geschehen ist."
,Ja, aber es lag doch an seiner Narbe und außerdem sind die Sicherheitsvorkehrungen enorm erhöht worden." warf Hermine protestierend ein.
,Miss Granger. Wir müssen- ich bin mir sicher, sie verstehen dies - alle Eventualitäten einbeziehen. Severus, da wir uns nicht sicher sein können, dass nicht Voldemort hinter diesen Visionen steckt, musst du sie in die Okklumentik einweisen."
,Ja, Schulleiter." In Snapes Gesicht tat sich nichts.
Hermine erhob sich hastig. Sie versuchte, die Panik, die sie erfasste nicht ihren Blick durchdringen zu lassen. ,Das wird nicht notwendig sein. Es wird reichen, wenn ich Professor Trewalney aufsuche!"
Dumbledore erhob sich und sah sie ruhig. ,Ich habe mir geschworen jeden einzelnen Schüler in diesen unsicheren Zeiten vor dem Schlimmsten zu bewahren. Sie sind zusammengebrochen, Miss Granger. Der Einfluss dunkler Magie kann nicht ausgeschlossen werden."
,Aber ich -."
,Soll ich Professor Snape darlegen lassen, was von Opfern Voldemorts geistiger Attacken am Ende noch übrig ist?" Dumbledore hob seine Augenbrauen.
Hermine schnappte panisch nach Luft. Das konnte nicht wahr sein. Es war, als hätte der Schulleiter sie mit einem incacerus verhext. Es gab kein vor und zurück. Was war, wenn Dumbledore recht hatte und sie die Visionen nicht ihrer neu erworbenen Wahrsagefähigkeit zu verdanken hatte?
Ihr Blick huschte zu Snapes Gesicht, aus dem ihr schwarze Augen streng entgegensahen.
,Sie haben sich von nun an montags und mittwochs um neun Uhr in meinem Büro ein zu finden. Zuspätkommen dulde ich nicht."
Mit einem letzten funkelnden Blick seiner dunklen Augen wandte er sich zur Tür. Ehe sie noch ein Wort des Protestes von sich geben konnte, war seine dunkle Gestalt verschwunden.
,Es muss sein, Miss Granger. Er ist der einzige Lehrer, der die Okklumentik gut genug beherrscht." vernahm sie Dumbledores Stimme. Die Worte drangen in ihr Ohr, aber sie erreichten nicht mehr ihren von Angst vernebelten Verstand.
,G-guten Tag, Professor." murmelte sie und wandte sich zur Tür. Noch immer den inzwischen klebrigen Säuredrop in ihrer klammen Hand stieg sie dir Treppe hinab.
Das Gefühl betäubt zu sein, wurde auch nicht von Rons und Harrys warmen Lächeln vertrieben.
Sie war verloren.
