Kapitel 14

Es ist so eigenartig, was hier passiert. Mehr denn je benötige ich einen klaren Kopf, warum will es mir gerade jetzt nicht gelingen? Es ist schlimm genug, meine eigenen Gedanken ertragen zu müssen; sie dulden zu müssen und nichts gegen sie tun zu können. Wo ist die Kontrolle, wenn man sie einmal braucht? Wie kann es sein, dass ich immer alles im Griff hatte und jetzt?

Und dann noch Voldemort. Natürlich hat Professor Dumbledore das nicht ausdrücklich gesagt, aber wann lag Harry jemals mit einer Vermutung diesbezüglich falsch? Und warum sonst sollte Professor McGonagall so aufgelöst gewesen sein? Sie, die doch ständig die Fassung wahrte. Oh, ich werd einfach nicht schlau daraus und ich hab so entsetzliche Angst.

Warum muss alles auf einmal kommen? Warum müssen sich meine Gedanken, ganz egal um was es geht, am Ende immer um Snape drehen. Snape! Ich meine: Hallo? Geht's noch? Das ist alles so absurd und so...ach, ich weiß auch nicht. Ich bin einfach so verwirrt. Was ist es, das mich immerzu an diese Fledermaus denken lässt?

Jetzt schon wieder: Ich schreibe „Fledermaus", dabei will ich das gar nicht. Es ist nur eine weitere Sache, die ich von Ron und Harry übernommen habe. Nein, das stimmt nicht. Ich dachte auch mal so. Früher. Und jetzt? Jetzt sträubt es sich fast in mir, wenn ich ihn in Gedanken zu beschimpfen versuche. Das macht mich alles so unglaublich wütend. Wütend auf ihn, weil er da etwas mit mir macht, das ich nicht will oder zumindest glaube, nicht zu wollen. Aber noch viel mehr macht es mich wütend auf mich selbst, weil ich es mit mir machen LASSE. Weil ich es zulasse, weil ich mich nicht beherrsche und alle wie auch immer gearteten Gedanken nicht einfach strikt zurückweise. Weil ich es nicht...kann. Ich versuche es, aber es geht nicht.

War es ein Fehler, mit ihm außerhalb der Schulzeiten zusammenzuarbeiten? War es ein Fehler, es anzunehmen? Ein Fehler, nicht mehr die Angst von früher vor ihm zu haben?

Die Angst...was gäbe ich dafür, hätte ich sie noch. Sie wäre da, würde genau an der Stelle sitzen an der nun dieses Etwas ist, das diese widersinnigen Gedanken fabriziert. Das Etwas, das mich nicht mehr richtig schlafen lässt, das mich mit offenen Augen träumen lässt, das mich bei der Arbeit hindert, alles blockiert und die Kontrolle über mich zu übernehmen scheint.

Wenn ich doch nur wüsste, was dieses Etwas ist? Oder woher es kommt? Und warum es auf einmal da ist? War es schon die ganze Zeit da? Nein, die Angst hätte ihm keinen Platz gelassen, aber war es vielleicht Teil der Angst? Und nun, da sich diese aufgelöst hat, tritt das Etwas zutage und kann seine Arbeit machen?

Wie soll ich jemals den Kopf freibekommen, wenn mich die Gedanken über die Gedanken noch mehr verwirren und meinen Kopf dröhnen lassen? Wie soll ich zu einem Schluss kommen? Und wie soll ich diese Woche verbringen, ohne Schule oder andere Dinge, in die ich mich stürzen könnte, um diesen Gedanken für ein paar Stunden zu entfliehen?

Es gibt einfach niemanden, mit dem ich darüber reden, mit dem ich meine Gedanken teilen könnte. Und wie könnte ich auch? Ich verstehe es ja selbst nicht einmal. Wie sollte ich mich auch ausdrücken und das in Worte fassen, was mich innerlich so sehr beschäftigt? Es ist...ein Gefühl? Kann man es so nennen? Es ist ein so starkes Wort, wenn ich mir klar mache, für was ich es verwenden will.

Ich möchte diese Gedanken nicht haben. Warum kann ich sie nicht einfach Gedanken sein lassen, wegwischen, vorbeiziehen lassen? Warum muss ich mich auch noch mit ihnen auseinandersetzen?

Logik. Wo ist die Logik des Ganzen?

Und wenn ich dann an gestern denke, wird mir ganz anders. Was immer auf Hogwarts vor sich geht, ich werde das Gefühl nicht los, dass Professor Snape eine entscheidende Rolle spielt. Nichts anderes schwang in seinen Worten mit, dass er etwas tun könne.

Es macht mich wahnsinnig, nicht zu wissen, was los ist und einfach nur untätig herumsitzen zu müssen, während die Lehrer vielleicht in größter Gefahr sind. Was hätte ich tun sollen? Mich wiedersetzen? Bleiben? Ja...es ist das, was ich tun wollte, was ich intuitiv tun wollte. Aber mein Verstand hat noch funktioniert und mir gesagt, dass ich nichts würde tun können. DA kann er sich wieder einschalten, aber wenn man ihn mal dringend benötigt, lässt er sich nicht blicken.

Ach, es hat keinen Sinn. Es hat keinen Sinn, sich mehr und mehr den Kopf darüber zu zerbrechen und sich dabei mehr und mehr verrückt zu machen, wenn man letzten Endes sowieso zu keinem Ergebnis gelangt...

Eine Weile noch schaute Hermine gedankenverloren aus dem Fenster, vor dem sich der Schreibtisch befand, ehe sie ihr Tagebuch, begleitet von einem leisen Seufzen, schloss und wieder verstaute.

Lange hatte sie nicht mehr hineingeschrieben und die Zeiten, in denen sie dies tat, waren so spärlich gesät, dass dieses eine Buch ihr wohl für den Rest ihres Lebens ausreichen würde. Doch heute hatte sie ein immens großes Bedürfnis, ihre Gedanken, wenn sie sie schon nicht begreifen konnte, so doch wenigstens festzuhalten.


Es war bereits Nachmittag und Harry und Ron hatten sich in die Winkelgasse aufgemacht, nicht ohne sich verwunderte Blicke zuzuwerfen, als Hermine ablehnte, mitzukommen. Ein ironisches „Frauen!" war das Einzige, das Ron darauf erwiderte. Mehr noch als Ron bemerkte Harry, dass etwas mit Hermine nicht stimmte und so nahm er sich vor, später am Abend mit ihr darüber zu reden, falls sie es wollte. Er hatte in letzter Zeit wahrlich schon genug Misere angerichtet und wollte ihr nun auf keinen Fall ein Gespräch aufdrängen.

Auch Ginny befand, dass Hermines Verhalten alles andere als normal war. Sie wirkte so abwesend und auch Ginnys Angebot, mit ihr und ein paar Freundinnen ebenfalls die Winkelgasse aufzusuchen, hatte sie abgelehnt, was so noch nie der Fall gewesen war.

Und so lief sie hinaus in den Garten und sah Mrs Weasley zu, die gerade Unkraut jätete.

Es dauerte eine Weile, bis diese sie bemerkt hatte.

„Oh, hallo Liebes. Ich hab schon gehört, dass du nicht mit den anderen mitgegangen bist."

Was sollte sie darauf noch groß erwidern? Es schien, als hätte sie ihre Sprache verloren. Mrs Weasley deutete ihr Schweigen richtig.

„Komm her zu mir und hilf mir ein bisschen", sagte sie während sie sich mit der mit Erde beschmutzten Hand über die Stirn wischte und einen braunen Streifen hinterließ.

Verwirrt schaute Hermine sie an. Unkraut jäten? Doch intuitiv begriff sie, dass Mrs Weasley ihr hiermit einen Gefallen tun wollte und so ging sie zu ihr hinüber und riss einen ungebetenen Gartengast nach dem anderen ruckartig aus dem Boden.

„Arbeit macht den Kopf frei", sagte Mrs Weasley leise während sie Hermine eine Locke hinters Ohr steckte. Hermine nickte nur.


Wie betäubt lief sie nach dem Abendessen über die Wiesen und Felder der Umgebung, völlig in Gedanken versunken. Ihr Blick verlor sich in den Weiten des golden schimmernden Horizonts

Eine Woche. In einer Woche konnte so unglaublich viel geschehen. Ohne die Tragweite zu kennen, wusste sie, dass das, was sich auf Hogwarts abspielte, bitterer Ernst war und zum ersten Mal seit ihrer Abreise beschlich sie der Gedanke, dass es vielleicht nicht gut ausgehen könnte. Was machte sie überhaupt so sicher, dass binnen dieser kurzen Woche alles wieder im Lot sein würde? Was, wenn es mit Hogwarts vorbei sein würde?

Innerlich ermahnte sie sich für diese Gedanken. Wie konnte sie nur so denken? Verdammt, das war Dumbledore und nicht einfach irgendwer! Dumbledore ist die Sicherheit, Dumbledore wird die Sache in den Griff bekommen. Das wird er.

„Oh Gott, ich hoffe, dass wird er" und bei diesen Worten ließ Hermine sich auf die Erde fallen und vergrub ihr Gesicht im vom nächtlichen Regen noch feuchten Gras, um sich selbst vom Weinen abzuhalten.


In den nächsten Tagen suchte Hermine förmlich die Arbeit. Zahlreiche magische Putzvorgänge hatte sie abgebrochen, um sich selbsts daran zu machen. Mrs Weasley war dies zunächst sehr unangenehm und mehr als einmal versuchte sie, Hermine davon abzuhalten, doch ein Blick in die Augen der jungen Frau genügte, um zu sehen, dass es sie auf andere Gedanken brachte, die sie im Augenblick bitter nötig hatte.

Harry und Ron hielten sich erstaunlicherweise zurück. Sie spürten, dass Hermine betroffener zu sein schien, als sie selbst und Harry suchte auch mehrmals das Gespräch, doch er konnte nicht zu ihr durchdringen und so respektierte er es, dass sie in Ruhe gelassen werden wollte.

Am Donnerstag Abend hielt er es allerdings nicht mehr aus. Es war der Abend vor der Abreise und er hatte in der vergangenen Woche kaum zwei anständige Worte mit Hermine wechseln können und so zog er sie mit sich aus dem Haus, durch den Garten und auf einen Spazierweg hinaus. Sie hatte sich zuerst ziemlich zaghaft gewehrt und dann auch noch dieses bisschen Widerstand aufgegeben und sich von ihm mitziehen lassen, ohne einen Ton zu sagen.

Als sie ein gutes Stück gelaufen waren und das Haus der Weasleys nur noch klein aus der Entfernung zu erkennen war, blieb Harry stehen, stellte sich vor Hermine und fasste sie bei den Schultern.

„Hermine, was zum Teufel ist los mit dir?" fragte er in besorgtem, aber auch strengem Ton und blickte ihr dabei tief in die Augen, was Hermine dazu veranlasste, ihren Blick zu senken.

„Mine...Schau mich an", sagte er nun um einiges leiser und als seine Freundin den Blick hob, konnte er das Glitzern in ihren Augenwinkeln sehen.

Sie wusste, wenn sie jetzt etwas sagen würde, würden die Tränen aus ihr herausbrechen und so schüttelte sie einfach den Kopf, bevor sie ihn auf ihre Brust sinken ließ.

„Komm her", sagte Harry und zog sie sanft in seine Arme. Hermine krallte sich am Stoff seiner Jacke fest und versuchte angestrengt, die Tränen, die sich ihren Weg aus den Augen bahnen wollten, zu unterdrücken.

„Ich weiß, wie angespannt du bist und wie viele Sorgen du dir machst. Aber glaub mir, Dumbledore hat das im Griff, Hermine, ganz bestimmt!" und er sagte das so zuversichtlich, dass Hermine ihm sogar fast schon glauben schenken wollte. Daran merkte sie, dass dies nicht der eigentliche Grund für ihre plötzliche Traurigkeit zu sein schien.

„Wir werden morgen nach Hogwarts zurückfahren und du wirst sehen, dass alles wieder in Ordnung ist und wir werden ein grandioses Halloween haben! Alles okay?"

Hermine hatte immernoch nichts gesagt und so lockerte Harry langsam seinen Griff, doch sie hielt ihn immernoch fest. Ihr Körper zitterte, woraus Harry zunächst schloss, dass sie fror, doch als er sie langsam von sich schob, gerade so weit, dass er ihr Gesicht sehen konnte, blickte er in ein stummes, jedoch von Tränen überströmtes Gesicht, das augenblicklich zu schluchzen begann. Harry fühlte sich hilflos und unfähig, etwas zu tun. Was sollte er sagen?

Mit einem Mal gaben ihre Knie nach und sie sank zu Boden und schlug die Hände vors Gesicht.

Ziemlich verdutzt starrte Harry sie einfach nur eine Weile lang an, bis das Schluchzen leiser wurde und zu verebben schien.

„Hermine?" Vorsichtig berührte er sie an der Schulter, wovon sie so erschrak, dass sie mit einem einzigen Satz aufsprang und Harry entgeistert anschaute.

„Ist...ist alles in Ordnung mit dir?"

„Sehe ich etwa so aus?" gab sie kratzbürstig zurück.

„Hermine, bitte", sagte er, als er einen Schritt auf sie zu tat und sie wieder, wie zu Beginng bei den Schultern zu fassen.

„Bitte, ich merke doch, dass mit dir was ist. Das kann doch nicht alles wegen dieser Sache in der Schule sein?"

„Sagmal, bist du von allen guten Geistern verlassen? Hast du vielleicht vergessen, welchen Verdacht du noch im Zug ausgesprochen hast? Hast du eigentlich kein bisschen Verstand mehr? Wieso sitzen wir hier die ganze Woche lang untätig herum? Warum sind wir nicht in der Schule? Warum versuchen wir nicht zu helfen? Wieso hältst DU dich JETZT an die Regeln?" prasselten Hermines Fragen, da sie ihre Sprache wiedergefunden hatte, in seltsamem Ton auf ihn nieder. Vorwürfe schwangen mit, auch Verzweiflung und gegen Ende hatte ihre Stimme einen hysterischen Unterton angenommen, sodass Harry befürchtete, sie könne jeden Moment durchdrehen.

Für was hielt sie ihn eigentlich? Glaubte sie, seine bisherigen Begegnungen mit Voldemort hatten ihm Spaß gemacht? Ein netter kleiner Zeitvertreib für Zwischendurch?

Die Verletzung, die er angesichts ihrer Worte empfand, konnte er kaum verbergen, was Hermine sofort mit Reue erfüllte.

„Harry, es...es tut mir leid. Ich weiß nicht, was... Verstehst du, ich..." Was wollte sie überhaupt sagen? Wie sollte sie erklären, warum sie so...traurig und...wütend war? Wie konnte sie erklären, warum sie so überreagierte? Noch einmal stammelte sie ein leises „Tut mir leid", bevor sie sich umdrehte und wieder zum Haus zurücklief. Harry, der sie noch einmal besorgt anblickte, folgte ihr nach wenigen Schritten.


„Wo ist Harry?"

Eine sichtlich verwirrte Mrs Weasley rannte durch den Raum, in der Hand einen Brief, dessen Couvert auf dem Tisch lag.

„Ich bin hier", antwortete der gerade Eingetretene.

„Gut. Ron! Ginny!" rief sie, als sie schnell die Treppen hochstieg und Harry und Hermine allein zurücklies. Für ein paar Sekunden schauten sie sich gegenseitig mit fragendem Blick an, bevor Harry das Couvert nahm.

„Ein Eil-Brief. – Aus Hogwarts."