Kapitel 14
Der Weihnachtsball

Am Weihnachtstag fiel der Schnee in sanften Wirbeln, der schwere Schneesturm der vergangenen Nacht hatte sich gelegt, und wenn die Sonne in einer Stunde endlich ihre Anwesenheit kundtun würde, würde es ein schöner Tag in Hogwarts werden. Stille erfüllte das Schloß, das einzige Geräusch kam aus der Küche, wo die Hauselfen bereits hektisch herumwerkelten. Sämtliche Schüler schliefen noch fest, alle außer Draco Malfoy.

Draco lag in seinem Himmelbett und versuchte erfolglos, seine Ohren mit seinem Kissen zu bedecken. Goyles lautes Schnarchen, an das er sich so gewöhnt hatte, daß es ihm normalerweise beim Einschlafen half, hatte ihn sehr viel früher geweckt, als ihm lieb war. Draco war niemand, der ein paar zusätzliche Stunden Schlaf am Morgen ausschlug. Aber es wurde langsam ersichtlich, daß dies kein solcher Morgen sein würde. Mit einem verärgerten Stöhnen schmiß er sein Kissen zur Seite und setzte sich auf. Er schob die dunkelgrünen Vorhänge zur Seite und tastete in seiner Tasche nach seinem Zauberstab. Das Zielen war etwas schwierig, da es im Zimmer noch dunkel war; die Hauselfen hatten die Feuer noch nicht entfacht. Schließlich gelang es Draco, seine Augen auf Goyles massige Form auszurichten. Zu seinem eigenen Unglück nahm Goyle sich nie die Zeit, seine Vorhänge zuzuziehen.

„Petrificus Totalus!" zischte Draco.

Er wartete einen Moment auf eine Reaktion von Goyle, aber da war nur Stille. Mit einem selbstzufriedenen Seufzen lehnte Draco sich zurück gegen sein silbergrünes Bettzeug. Jetzt konnte er weiterschlafen und hoffentlich zu dem Traum zurückkehren, aus dem er so grob herausgerissen worden war. Er konnte fühlen, wie ihm die Realität entglitt, als der Schlaf ihn langsam überkam, und die Bibliothek flackerte undeutlich durch seine Gedanken, als er das Bewußtsein verlor. Er wußte, wohin er ging und wer dort warten würde, er hoffte nur, daß sie immer noch in derselben Aufmachung, oder vielmehr ohne Aufmachung, war wie bevor er aufgewacht war.

Plötzliche war da ein würgendes Geräusch, unmittelbar gefolgt von einem langen, tiefen Keuchen. Draco knurrte und setzte sich wieder auf.

„Nur Goyle kann durch eine Ganzkörperklammer durch schnarchen", grummelte er.

Draco stand auf und begann, drohend auf die nichtsahnende Gestalt, die Goyle war, zuzuschreiten. Der Steinkerker, der den Jungen der fünften Klasse aus Slytherin als Schlafsaal diente, war plötzlich von flackerndem Feuerschein überflutet. Draco war für einen Moment abgelenkt und sah hinüber zu dem Feuer, das nun heftig auf dem Feuerrost brannte, der nur wenige Augenblicke zuvor kalt gewesen war. Die Hauselfen begannen offensichtlich, ihre Runde zu machen. Draco hielt inne und seufzte niedergeschlagen. Es hatte keinen Sinn mehr.

Nachdem er leise den Umkehrzauber gesprochen hatte, wandte er sich von Goyle ab und sah zum ersten Mal zum Fußende seines Bettes, wo ein großer Stapel leuchtend verpackter Geschenke auf ihn wartete. Er war vorübergehend überrascht, Lucius wollte ihn vermutlich umbringen, nicht ihm Geschenke schicken. Auf der anderen Seite hatte Lucius wahrscheinlichen niemanden davon in Kenntnis gesetzt, daß sein Sohn die Herde verlassen hatte. Es könnte auf andere verdächtig wirken, wenn Weihnachten kam und ging und Lucius seinen Sohn ignorierte.

Vorsichtig stieß er eins der Pakete mit der Spitze seines Zauberstabs an. Man schien es anfassen zu können, also hob Draco alle Päckchen von zu Hause auf und warf sie in den Kamin. Er nahm Lucius' letzten Brief ernst und hielt es daher für besser, nichts zu öffnen, womit sein Vater zu tun gehabt haben könnte. Draco hatte nie herausgefunden, was das übelriechende Pulver gewesen war, aber seine Fingerspitzen waren für Tage rot gewesen und hatten gebrannt. Draco konnte sich vorstellen, daß es dem Empfänger eigentlich wesentlich mehr schaden sollte, aber Draco war immerhin Lucius' Sohn.

Er stand vor dem Feuer und beobachtete, wie die Geschenke in Flammen aufgingen. Er drehte sich wieder zu seinem Bett um und begutachtete den wesentlich kleineren Stapel verbliebener Geschenke. Lucius rechtzugeben wäre so viel einfacher gewesen als all das hier. Dumbledore hatte ihm versichert, daß er hier in Hogwarts absolut sicher sein würde. Aber Draco kannte Lucius besser als irgend jemand sonst, und er bezweifelte stark, daß das hier schon das Ende war. Und all seine Gründe, Lucius - und somit dem Dunklen Lord - zu folgen, fielen in sich zusammen in Anbetracht der überwältigenden Wahrscheinlichkeit seines bevorstehenden Todes. Alle Gründe bis auf einen hatten vor dem Dunklen Lord keinen Bestand, alle bis auf die braunen Augen des Mädchens, das mit nichts als Verachtung auf ihn herabsehen würde, sollte er es jemals zulassen, daß ihm das Dunkle Mal auf den Arm gebrannt wurde.

Jeder in der Schule schien übermäßig aufgeregt zu sein, wegen der bevorstehenden Ereignisses an diesem Abend, wenigstens erschien es Draco so. Als Malfoy waren ihm gesellschaftliche Ereignisse zu Hause auf dem Landsitz recht geläufig, und ein kleiner, armseliger Ball schien kaum beeindruckend. Aber dies war das erste Mal, daß die jüngeren Schüler teilnehmen durften, und Draco war in der Lage, über den Aufruhr in der Großen Halle hinwegzusehen, während er frühstückte. Er konnte den Tumult in der Bibliothek ignorieren. Sogar Madame Pince hatte es aufgegeben, den Eifer der anderen Schüler zu bremsen. Aber er konnte nicht die Menge von Gryffindors übersehen, die sich draußen versammelten, und eine Art von sehr geräuschvollem Spiel im tiefen Schnee veranstalteten.

Draco verengte die Augen, als er in der Eingangshalle stand. Konnte er nie eine ruhige Minute haben, ohne von einem Haufen lauter Gryffindors gestört zu werden, die nicht mal genug Verstand hatten, um an so einem kalten Tag drinnen zu bleiben? Und natürlich war da der Star des Gryffindor–Turms, Potter persönlich, und Weasley auch. Aber Granger war nicht bei ihnen. Draco suchte die Schneehügel ab und fand sie schließlich. Sie ging neben diesem Jungen, dem Jungen aus Zaubertränke, ihrem Partner für den Ball. Draco schnitt eine Grimasse. Er war nicht beeindruckt von Dean Thomas. Granger hätte jemand wesentlich Besseres finden können.

Mit einem unerwarteten Schrei von den beiden identischen Weasleys, die sich hinter einem Baum versteckt hatten, begann fliegender Schnee die Luft zu erfüllen.

Draco kam die Stufen herunter und stellte sich an den Rand des großen Meers von Schnee, das die Schule umgab, und sah weiter unbemerkt dem Chaos zu, das losbrach, nachdem die Zwillinge die Schneeballschlacht angefangen hatten. Schnee flog überall, kam aber nie in seine Nähe, so als würden sich die Flocken selbst vor seinem Blick vollkommener Mißbilligung und absoluten Abscheus fürchten.

Granger und dieser Junge waren bislang noch davongekommen, aber als Weasley eine große Handvoll Schnee aufhob und Granger zu jagen begann, drehte sie sich um und begann, direkt auf die Schultore zuzurennen. Sie lief so schnell sie konnte, während sie den Rotschopf im Auge behielt, der näherkam, und bemerkte nicht, daß Draco ihren Weg blockierte, bis sie ihn umrannte. Mit einem erschrockenen Aufschrei prallte sie hart zurück und landete vor ihm auf dem Boden. Sein erster Impuls war gewesen, sie aufzufangen wie er es schon so oft getan hatte, aber er sah, daß Thomas und Weasley ebenfalls versuchten, sie zu erreichen, und wenn sie ihre Zeit mit denen verbringen wollte, konnte auch einer von ihnen sie auffangen. Er funkelte wütend auf sie hinab, die buschigen Haare und ihr hübsches Gesicht machten ihn nur noch ärgerlicher. Er hörte sich die alte Beleidigung aussprechen, bevor er sich stoppen konnte.

„Paß auf, wo du hinläufst, Schlammblut", zischte er und vergaß vorübergehend, daß er ein einzelner Slytherin inmitten einer Horde von Gryffindors war.

Grangers Augen waren noch immer geschlossen gewesen, aber sie flogen bei diesen Worten auf, und sie starrte geschockt zu ihm auf. Stille breitete sich schnell auf der offenen Fläche aus, als alle Gryffindors unterbrachen, was sie gerade taten, und Draco mit unverhülltem Haß ansahen.

Weasley erreichte sie als erster, fast unmittelbar gefolgt von Thomas. Weasley ging jedoch direkt an Granger vorbei und schwang seine Faust nach Draco, der elegant auswich und wieder Granger ansah. Thomas half Granger unterdessen beim Aufstehen. Draco bezahlte seine kurze Unaufmerksamkeit allerdings, als sich die beiden anderen Weasleys in die Schlägerei einmischten. Draco fand sich bald heftig gegen die Steinwand gepreßt und einen halben Meter über dem Boden baumelnd, als die Zwillinge ihn hochhielten, damit ihr Bruder angemessen zielen konnte.

„Ron! Hör auf!" schallte Grangers Stimme durch das zornige Gemurmel ihrer übrigen Freunde. „Fred, George, laßt ihn runter."

„Was?" riefen die Zwillinge wie aus einem Munde.

„Hermine", schnappte Ron an sie gewandt, „du hast gehört, was er gesagt hat, oder?"

Granger hatte sich neben ihn gestellt, und sie legte eine Hand auf den Arm, mit dem Weasley gerade nach Draco schlagen wollte, und sagte mit ruhiger Stimme:

„Ich hab's gehört, Ron. Es ist mir nur egal. Es ist mir egal, was immer er zu sagen hat."

Draco sah sie überrascht an. Sie begegnete seinem Blick nur kurz, aber das war alles, was er brauchte. Sie war nicht wütend, nur müde und verletzt. Draco fühlte sich augenblicklich schuldig für das Ganze. Jetzt da er ihr in die Augen sehen konnte, war er sich nicht mehr ganz sicher, warum er so wütend gewesen war.

Widerwillig ließen die Zwillinge ihn herunter, und die drei Weasley kehrten ihm den Rücken zu und gingen zu ihren wartenden Kameraden hinüber.

„Granger, ich …", begann Draco. Er wollte es irgendwie erklären, aber sie schnitt ihm das Wort ab.

„Verschwinde, Malfoy", sagte sie mit trauriger, niedergeschlagener Stimme, „du bist hier nicht erwünscht."

ooOOoo

„Draco! Da bist du ja, ich hab schon gedacht, du hättest mich vergessen."

Draco blickte zur anderen Seite des Gemeinschaftsraums, um Pansy auf sich zustürzen zu sehen, wobei ihre blaue Robe irritierend schimmerte.

„Natürlich nicht, Pansy. Der Ball fängt um sieben an, ich hab doch gesagt, daß ich dich um viertel vor treffen würde", sagte Draco langsam und ruhig, als würde er mit einem sehr kleinen Kind sprechen.

Pansy verzog unansehnlich das Gesicht, schien sich dann aber, was immer sie hatte sagen wollen, eines Besseren zu besinnen und setzte ein Lächeln auf.

„Na ja, jetzt bist du ja hier. Seh ich nicht hinreißend aus?" brüstete sich Pansy vor ihm, ihre enge blaue Robe perfekt anliegend an den Kurven, die, wie Draco zugeben mußte, ihren Reiz hatten.

„Mhmm", antwortete er. „Sollen wir?"

Pansys Lächeln wurde breiter, und sie nahm den Arm, den Draco ihr anbot. Sie schlenderten die Kerkertreppen hinauf und gelangten zum Treppenabsatz gegenüber der Großen Halle. Die Türen waren weit geöffnet, und die Leute begannen bereits, durch sie hindurch in den hell erleuchteten Speisesaal zu treten. Pansy lächelte beinahe jeden an, dem sie begegneten. Es war kein Zeichen der Freundschaft, nur von Stolz und Eitelkeit. Obwohl es Draco nie gestört hatte, fand er die Show, die sie abzog, ziemlich geschmacklos. Ihre blaue Robe war so freizügig, daß es schon fast peinlich war, und während Draco seinen Aussichtspunkt früher einmal als vorteilhaft angesehen hätte, fand er heute Abend, daß ihr Aufzug beinahe unanständig war, und er konnte nicht umhin, an eine gewisse braunhaarige Gryffindor zu denken, die niemals so eine offensichtliche Show aus ihren physischen Attributen machen würde, so anziehend sie auch waren.

Sie setzten sich an einen kleinen Tisch mit Crabbe und Goyle und deren Verabredungen. Sie hatten es beide geschafft, eine Zweitkläßlerin aus Slytherin zu überzeugen, sie zu begleiten. Draco vermutete, daß das auf Seiten der Mädchen nicht ganz freiwillig gewesen war. Die beiden saßen zusammengekauert nebeneinander und sahen aus, als hätten sie Angst vor den zwei riesigen, brutalen Kerlen an ihrer Seite.

Das Abendessen war schnell vorüber, und die Schüler konnten endlich beginnen, sich zu unterhalten. Pansy hängte sich wieder an Draco und zog ihn auf die Tanzfläche hinaus. Sie schlang augenblicklich ihre Arme um seinen Hals und zog ihn eng an sich. Ihr Körper rieb sich im Rhythmus der Musik an seinem. Es hatte eine Zeit gegeben, zu der Draco dies ziemlich anregend gefunden hätte. Aber jetzt erschien ihm Pansy nur als ein schwacher Schatten dessen, was er wirklich wollte. Draco hielt im Tanzen inne.

‚Will ich Granger?' fragte er sich schockiert. ‚Ist es das, worum es hier geht? Granger?'

Pansy überkreuzte verärgert die Arme. „Was ist los mit dir, Draco?"

Draco starrte auf Pansy hinunter, ohne sie zu sehen. Sein Verstand raste, wegen dieses plötzlichen Hindernisses in seinen Gedanken. Er wußte, daß er sie geküßt hatte, mehr als einmal, aber er hatte nie in Betracht gezogen, daß er sie tatsächlich wollen könnte. Sie hatte eine Art verwirrender Anziehung, dessen war er sich sehr wohl bewußt. Aber, daß er sie tatsächlich wollte... Er hatte es nie als eine Möglichkeit gesehen.

„Draco …", jammerte Pansy. Einer plötzlichen Eingebung folgend lehnte sie sich weit zu ihm vor und schnurrte ihm ins Ohr: „Was immer dich ablenkt, ich kann dir später etwas wesentlich Interessanteres zeigen." Ihre Hände festigten ihren Griff an ihm auf eine Weise, die Draco keinen Zweifel ließ, was sie damit meinte.

„Nein danke, Pansy", erwiderte er, eine Spur Ekel in der Stimme.

Sie starrte ihn sehr wütend an, machte auf dem Absatz kehrt und stürmte verärgert davon. Draco beobachtete ihren Rückzug jedoch nicht, er suchte schon die lärmende Menge von Schülern nach Granger ab.

Er bewegte sich an den Rand, so daß er die Menge besser überblicken konnte. Er war schwer, in so einem Gewimmel jemanden zu finden. Da alle Klassen teilnehmen durften, war es sehr laut hier. Es war schwierig, die Band herauszuhören, eine Gruppe Frauen, die fast wie Todesfeen aussahen und mit hohen Stimmen jammerten, die seltsam angenehm waren. Es dauerte ein paar Minuten, bis er sie gefunden hatte. Sie tanzte mit diesem Jungen. Draco funkelte sie ärgerlich an, er fühlte sich ähnlich wie schon früher an diesem Tag. Thomas bewegte sich plump mit Granger hin und her, die verglichen mit ihm so graziös aussah, daß die passende Metapher etwas sein mußte wie der Vergleich eines Schmetterlings mit einem Elefanten.

Sie trug die rote Robe, die er sie bei Gladrags hatte bewundern sehen. Die Robe bewegte sich leicht mit ihr, und Draco bemerkte, daß sie eine erstaunliche Vielfalt von Farben in ihrem braunen Haar zum Vorschein brachte. Sie wirkte völlig zufrieden damit, mit Thomas zu tanzen, aber Draco wußte, daß sie jemand Besseres hätte finden können.

Das Paar unterbrach das Tanzen nach dem nächsten Lied und setzte sich an einen Tisch weit in der Gryffindor–Ecke der Großen Halle. Draco beobachtete mit kaltem Blick, wie sie bei ihren Freunden saß. Potter und Weasley waren ohne Verabredungen gekommen, aber sie schienen sich gut zu amüsieren. Potter, Weasley, Thomas und sein irischer Freund schienen sich angeregt miteinander zu unterhalten. Als Weasley plötzlich aufsprang und mit den Händen einen Sturzflug andeutete, wußte Draco, daß sie über Quidditch redeten. Draco liebte Quidditch zwar so sehr wie jeder andere, aber das war keine Art, seine Verabredung bei einem gesellschaftlichen Ereignis zu behandeln. Granger begann eindeutig, gelangweilt auszusehen. So besorgt er auch über Thomas' Verhalten war, hatte er keinen Gedanken an die wahrscheinlich extrem bestürzte Pansy Parkinson verschwendet.

Granger beugte sich zu dem Jungen vor und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Er nickte lächelnd, und sie verließ den Tisch. Sie ging zu dem Tisch mit den Erfrischungen und füllte sich ein Glas mit gewürztem Kürbissaft. Sie trank ihn langsam, während sie etwas ziellos an den Rändern der tanzenden Masse entlangschlenderte. Etwas schien ihre Aufmerksamkeit zu erregen, und sie ging zu den offenen Türen, die nach draußen führten.

Draco beobachtete, wie sie auf die Ländereien hinaussah, einen Ausdruck von Freude auf dem Gesicht. Er wußte, daß er eigenartige Gedanken hatte, was sie betraf. Aber er hatte ihnen vorher nie viel Beachtung geschenkt. Er hatte gedacht, sie würden von selbst wieder verschwinden wie eine Erkältung. Aber jetzt da er mit der Idee konfrontiert war, er könnte sie wollen, kam ihm noch ein anderer noch beunruhigenderer Gedanke. Was, wenn er sie tatsächlich mochte? Was, wenn diese seltsamen Gedanken über Lust hinausgingen? Was dann?

Granger warf einen Blick zurück auf Thomas und ihre Freunde. Sie unterhielten sich immer noch und schienen von dem Ball um sie herum ziemlich wenig mitzubekommen.

„Könnte ich mich wirklich allem widersetzen, was Lucius mir je über Schlammblüter und Reinblüter beigebracht hat? Könnte ich wirklich Gefühle für Hermine Granger haben?" fragte Draco sich leise. Fast fürchtete er die Antwort.

Granger warf einen letzten Blick auf ihre Verabredung und ging dann durch die offenstehenden Türen. Als das letzte bißchen karmesinroten Stoffs verschwunden war, war Draco zu einem Entschluß gelangt.

„Nun", murmelte er, „es gibt nur einen Weg, das herauszufinden, und es ist lange her, seit ich das letzte Mal auf Lucius gehört habe."

Draco stahl sich über die Tanzfläche, wobei er herumwirbelnden Paaren auswich, und tauchte durch die Türen in die Kälte ein. Aber Draco stellte fest, daß es draußen gar nicht kalt war. Da war offenbar irgendein Zauber, der dafür sorgte, daß die Außentemperatur angenehm war. Er mußte nicht einmal seinen Umhang anziehen gehen. Eine kühle Brise fuhr durch seine rauchgraue Festrobe, aber es war nicht genug, um ihn frösteln zu lassen.

Im vergangenen Jahr hatte er den Ball verlassen, um mit Pansy die geschmückten Gärten zu erkunden. Nicht daß sie viel erkundet hätten, jedenfalls nicht im herkömmlichen Sinn. Dieses Jahr waren die Ländereien jedoch anders. Alles schien aus Eis zu bestehen. Wo sonst eine offene Wiese war, befand sich jetzt ein Irrgarten aus Eis. Dicke Wände umgaben einen Pfad aus Backsteinen, die aus Eis gemacht waren. Zierliche Schneeflocken fielen von einem klaren, wolkenlosen Himmel. Auf einer großen Lichtung fand Draco einen Springbrunnen aus Eis, Wasser sprudelte unablässig davon herab und gefror auf halbem Weg nach unten, wobei winzige Eiszapfen entstanden, die auf den Grund fielen, wo sie beinah sofort schmolzen. Er konnte keine Lichter sehen, und dennoch glühte die gesamte Umgebung mit einem rosigen Glanz. Aber war er rosig? Denn als Draco um eine Ecke bog, schien das Licht erst grün, dann blau und dann gelb zu werden. Das Licht schien von dem Eis selbst auszugehen. Er berührte behutsam eine der Wände und stellte fest, daß sie nicht kalt war.

Er war jetzt seit einiger Zeit durch dieses Winterwunderland gewandert und hatte nirgends das geringste Zeichen von Granger entdeckt. Er hatte natürlich flüchtige Blicke auf andere Leute erhascht, namenlose Gestalten, die sich auf irgendeinem beliebigen Pfad in leidenschaftlicher Umarmung eng aneinanderpreßten.

Draco konnte hören, wie die melodische Musik lauter wurde. Entweder näherte er sich dem Ball, oder sie hatten die Musik lauter gemacht. Etwas frustriert setzte Draco sich auf eine kunstvoll geschnitzte Bank, die in Anbetracht der Tatsache, daß sie aus Eis war, eiskalt hätte sein müssen, es aber nicht war. Eine Bewegung erregte seine Aufmerksamkeit, und er blickte auf. Durch die gegenüberliegende Eiswand konnte er verschwommen eine in Rot gekleidete Gestalt erkennen. Draco stand auf und machte sich schnell wieder auf den Weg den Pfad hinauf. Bei der erstbesten Gelegenheit wandte er sich nach links, er ging den Weg zurück und fand sich bald auf einem runden Platz wieder, der an den Wänden entlang von Bänken gesäumt war. Granger saß auf einer von ihnen, sie sah hinauf in den Himmel, als kleine Schneeflocken herunterrieselten. Ihr gelocktes braunes Haar war nur halb hochgesteckt, der Rest fiel in leichten Wellen auf ihre Schultern, wo sich vereinzelte Schneeflocken in ihren Locken verfingen.

„Keine zwei Schneeflocken sind gleich, weißt du, jede ist ein eigenes kleines Wunder", sagte sie leise, als wäre sie eigentlich sehr weit weg und nicht nur knapp außer Reichweite.

„Eigentlich", sagte er, während er sich lässig auf eine benachbarte Bank fallen ließ, „ist alles, was du tun mußt, den Spielgelzauber zu benutzen und sie zu duplizieren. Ich hab das dauernd gemacht als ich noch klein war, hat die Muggel in wahnsinnige Aufregung versetzt, identischen Schnee zu sehen..."

Draco unterbrach sich, als Granger ihm einen vernichtenden Blick zuwarf. Das nostalgische Lächeln wich von seinem Gesicht.

„Was willst du, Malfoy?"

„Ich … Wer sagt, daß ich was will?" erwiderte er bissig.

Granger wandte sich wortlos von ihm ab. Draco fand, daß sie sonderbar klein aussah, wie sie da saß, ein winziger Punkt von Scharlachrot inmitten einer Fläche von eisigem Weiß. Draco spürte etwas in sich nachgeben.

„Es tut mir leid, was ich vorhin gesagt hab."

Sie blickte erstaunt auf. „Warum tut es dir leid?"

„Ich hätte das nicht sagen sollen." Er machte eine Pause und sah sie wieder an. „Und ich hab's auch nicht so gemeint."

Sie sah ihm in die Augen und lächelte. Draco spürte, wie sein selbstzufriedenes Grinsen zurückkehrte, und er seufzte glücklich. Dies war, wie es sein sollte. Er hörte, wie die Musik wieder begann, eine entfernte Melodie, die langsam über das Eis getragen wurde. Er stand auf, drehte sich zu ihr um und streckte ihr seine Hand entgegen. Sie sah ihn fragend an.

„Was?"

Draco rollte mit den Augen, bevor er antwortete. „Ich bitte dich zum Tanzen, Granger."

„Was?"

„Tanzen, Granger, das ist es, was die Leute auf Bällen tun, sie tanzen." Eine Andeutung von Belustigung mischte sich in seinen Tonfall.

Sie runzelte die Stirn. „Du machst Witze."

„Ich hab dich mit Thomas tanzen sehen, und ich dachte, daß du wenigsten einen Tanz mit einem richtigen Partner verdienst. Ich hab dir ja gesagt, daß er zu ungeschickt ist", antwortete Draco geduldig.

„Er ist nicht ungeschickt", erwiderte Granger schnippisch, aber Draco erkannte, daß sie das nur aus Gryffindor–Stolz heraus sagte.

„Granger?" Draco hielt ihr noch immer seine Hand hin.

Mit einem Blick, der besagte, daß sie glaubte, dabei könne nichts Gutes herauskommen, hob Granger vorsichtig ihre Hand und legte sie in seine. Er hatte einen Moment, um sich wundern, wie zierlich ihre Hand in seiner erschien, bevor er seinen Griff verstärkte und sie sanft auf die Füße zog.

Granger sah ihn nervös an und plazierte unbeholfen eine Hand auf seiner Schulter. Draco lächelte selbstgefällig bei ihrer Besorgnis und schlang seinen Arm um ihre Taille, seine Hand mit leichtem Druck auf ihrem Rücken. Ihre Augen weiteten sich bei diesem Kontakt, und sie schien kurz davor, ihn dafür zu maßregeln, aber er hatte bereits begonnen zu tanzen und zog sie mit sich.

Ihr Unbehagen schien vergessen, Granger ließ ihn sie eng an sich ziehen, während sie tanzten. Nach einem Augenblick schien sie vollkommen ruhig zu sein, und er stellte fest, daß sie auf eine entrückte, träumerische Weise lächelte. Ihre Augen waren halb geschlossen, während ihre langsamen Bewegungen der entfernten Musik folgten. Sie lehnte ihren Kopf sanft an seine Schulter, als die Musik sich zum Schneckentempo verlangsamte. Sie bewegten sich kaum noch. Der Schnee rieselte immer noch um sie herum, und von dem Eis ging ein leichter Lichtschimmer aus, aber Draco war sich dessen nicht mehr bewußt. Er konnte nur sie sehen, einen seiner vielen Feinde, und wahrscheinlich seine einzige Freundin. Draco wußte, daß es in diesem perfekten Zeitfenster keine Bedeutung hatte, daß er ein Reinblüter war und sie ein Schlammblut. Es hatte keine Bedeutung, daß Lucius hinter ihm her war und daß der Dunkle Lord sie vermutlich alle in einem oder zwei Jahren umbringen würde. Alles, worauf es im Moment ankam, war, daß das Mädchen aus seinen Träumen hier war und er im Begriff war, sie zu küssen.

Er neigte den Kopf zu ihr hinunter, seine Lippen suchten ihre, er wollte sie so sehr auf ihn reagieren spüren. Draco schloß seine Augen, er wußte, er mußte sie nicht sehen, um sie zu finden.

„Malfoy, was läuft da zwischen uns?" flüsterte sie.

Draco erwachte aus seiner Starre. Granger sah ihn an, offensichtlich fragend. Draco spürte, wie ihm sein perfekter Moment zwischen den Fingern zerrann, und erneut lastete das Gewicht der Realität auf ihm. Sie so zu brauchen, war unmöglich für ihn, er konnte nicht so tun als wäre es nicht so.

„Warum nennst du mich immer „Malfoy"?" fragte er. Er ließ sie los und trat einen Schritt zurück.

„W… was?" Granger sah verwirrt aus. Der plötzliche Themenwechsel hatte sie ziemlich überrascht, und Draco zwang sich zu seinem überlegensten Lächeln.

„Du nennst mich immer „Malfoy", und ich nenn dich immer „Granger", weshalb ist das so?"

„Ich … ich weiß nicht." Sie sah jetzt äußerst verwirrt aus. „Nun, wir sind einander nie angemessen vorgestellt worden, oder?" Granger schien aus reiner Verzweiflung nach dieser lächerlichen Bemerkung zu greifen.

„Stimmt, wir haben diese Nettigkeiten bei unserer ersten Begegnung nicht durchlaufen, oder?" Draco spürte, wie er die Situation wieder unter Kontrolle bekam. „Das läßt sich einfach beheben, weißt du. Draco Aquilis Malfoy, zu deinen Diensten." Er verneigte sich leicht.

Granger schien fassungslos. Sie öffnete und schloß ihren Mund mehrfach, offenbar auf der Suche nach einer geistreichen Erwiderung. Als ihr keine einfiel, errötete sie nur und sah auf ihre Füße, bevor sie etwas entgegnete.

„Hermine Anne Granger, und mach dich nicht über die Initialen lustig."

Draco konnte nicht widerstehen. „Alte Hexe? Wie passend …" Er lächelte, im Augenblick schien es, als wären sie Freunde.

„Aquilis? Ist das nicht Latein?" fragte Hermine auf einmal und zog seine Aufmerksamkeit wieder auf sich.

„Ja, ist es. Genauso wie Draco."

„Ich weiß, daß Draco lateinisch ist, es bedeutet „Drache", aber „Aquilis"?" Sie runzelte die Stirn in Konzentration und begann, hin und herzulaufen. „Aquilis... heißt das nicht dunkel?"

Draco grinste sie an, seltsam stolz auf ihre Klugheit, und nickte.

„Dein Name ist ‚dunkler Drache'?" Ein Grinsen breitete sich plötzlich über ihr Gesicht aus.

„Es ist ein alter Name aus der Familie!" sagte Draco empört.

„Natürlich", stimmte sie ihm zu, während sie erfolglos versuchte, ein Kichern zu unterdrücken.

„Jetzt ist mir klar, wieso wir einander nie korrekt vorgestellt wurde", ließ sich Draco ärgerlich vernehmen, obwohl der Ärger seine Augen nicht erreichte, und sie wußte es.

„Ich werde nicht mehr lachen, ich versprech's", keuchte sie zwischen zwei Lachanfällen hervor.

Ihr Lachen erstarb, während Draco sie mißbilligend anfunkelte, und wieder schien sie in Gedanken verloren zu sein.

„Mal… Draco?" sagte sie leise.

Draco spürte, wie er lächeln wollte, als sie ihn mit seinem Namen ansprach, aber er unterdrückte es.

„Ja?"

„Wenn du ein Zauberer im 16. Jahrhundert wärst, und du würdest etwas sehr Wichtiges aufschreiben, in welcher Sprache würdest du schreiben?" flüsterte sie atemlos.

„Na ja …" Draco versuchte nachzudenken. „Das hinge davon ab, ob ich gut ausgebildet wäre. Ich meine, die meisten Zauberer damals konnten schreiben, aber die wirklich intellektuellen scheinen immer tote Sprachen bevorzugt zu haben, wie Griechisch oder …" Er brach ab und sah sie an. „Du meinst nicht …?"

„Natürlich! Das erklärt alles!" rief sie fröhlich. „Er hat die Bücher auf Latein geschrieben, bevor er sie in Arithmantikcode übersetzt hat!"

Hermine hüpfte nach vorn, schlang ihre Arme um Draco und küßte ihn aufgeregt auf die Wange. Bevor er auch nur reagieren konnte, hatte sie seinen Arm gepackt und war herumgewirbelt. Sie zog ihn hinter sich her, während sie auf dem vereisten Weg wieder zurückstürmte.

„Was? Wohin gehen wir?" brachte er hervor, immer noch geschockt über ihre überschwengliche Darbietung.

„In die Bibliothek natürlich. Wir müssen mit der Übersetzung anfangen!" erwiderte sie über die Schulter.

„Aber was ist mit dem Ball?"

„Wie kannst du in so einem Moment an Bälle denken?" Sie blieb stehen und wandte sich zu ihm um. „Wir stehen kurz davor herauszufinden, was in diesen Büchern steht. Willst du nicht wissen, was so wichtig war, daß O'Leary all diese Mühen auf sich genommen hat?" Sie ließ seinen Arm los und starrte ihn verärgert an. „Kommst du mit oder nicht?"

Draco starrte die in Karmesinrot gekleidete Gryffindor an. Sie sah aus, als könnte sie vor Aufregung explodieren. Und er mußte zugeben, daß er es auch fühlte.

„Natürlich komme ich … Hermine."


Anmerkung:

Für das Wortspiel mit Hermines Initialen ist mir nichts eingefallen, womit man das richtig übersetzen kann, ohne es kaputtzumachen, daher hab ich die Erklärung in den Text eingebaut. Da es in dem Abschnitt sowieso schon um diverse verschiedene Sprachen geht, fällt das hoffentlich nicht so besonders auf. ;)