Das Erzählen der vielen Gerüchte nahm viel Zeit in Anspruch.

Ein paar davon kannte Ginny schon von Hermine, doch bei weitem nicht alle.

Draco musste sich ein paar Mal sehr zusammenreißen, um nicht loszulachen. Andere entlockten ihm nur ein Schulterzucken. Das war mehr oder weniger das, was er erwartet hatte.

Blossom und Trevor schlichen eine ganze Zeit misstrauisch umeinander herum, aber als Neville fertig war, lagen beide nebeneinander auf dem Fensterbrett und genossen friedlich die Wintersonne.

„Das ist doch echt lächerlich", murmelte Ginny vor sich hin.

Draco gab seine Zurückhaltung auf und grinste.

„Du weißt doch, wie das ist. Die Menschen glauben nun mal das, was ihnen am besten gefällt. Moira Richardson hat mich vorhin allen Ernstes gefragt, ob es wahr ist, dass ich nach Gryffindor überwechsle."

Ginny prustete los.

„Du? Nach Gryffindor? Hat sie jetzt völlig den Verstand verloren?"

„Genau das habe ich sie auch gefragt. Nicht, dass da viel zu verlieren wäre. Und Parkinson hat versucht, mich mit ihren Blicken aufzuspießen." Er machte eine wegwerfende Handbewegung. „Kümmere dich einfach nicht darum, wir wussten von Anfang an, dass es nicht einfach werden würde."

„Das sagst du so leicht." Ginny dachte wieder an die Reaktion von Dean und Seamus. „Ich komme mir vor wie ein Verbrecher."

„Blödsinn." Draco sah aus dem Fenster. „Wir sind gleich da. Willst du noch einen kostenlosen Ratschlag?"

„Der da wäre?"

„Versuch, es nicht allzu schwer zu nehmen und lass dir nichts anmerken. Und gib kontra, wenn man dich beleidigen will. Wir haben nichts getan, was uns peinlich sein müsste. Na ja. Fast nichts."

Ginny warf einen Seitenblick auf Neville. Der tat, als hätte er nichts gehört, obwohl er rote Ohren bekommen hatte.

Der Zug hielt, und Draco richtete sich auf.

„Wie heißt es doch so schön? Auf in den Kampf."


Ginny hatte das Gefühl, als ob die gesamte Halle einen Moment verstummte, als sie mit Draco zusammen das Portal durchschritt.

Der Slytherin hatte einen Arm um ihre Schulter gelegt und entgegnete jedem Blick herausfordernd.

An den Haustischen trennten sie sich. Blossom war hin- und hergerissen, wem sie folgen sollte, aber Draco sagte leise etwas zu ihr, und sie sprang Ginny hinterher.

Mit Blossom auf der Schulter setzte sich die kleine Gryffindor auf ihren gewohnten Platz. Der fast kopflose Nick winkte ihr zu, und sie winkte zurück.

„Wenigstens einer, der so ist wie sonst auch", murmelte sie vor sich hin.

„Hey, Ginny", sagte Dawn Lawson, eine ihrer Zimmergenossinnen. „Ist es wahr, dass Malfoy dein Sklave war, da drüben? Was hast du gemacht, ihn verhext?" Ihre hellen Augen glitzerten begierig.

„Zu deiner Information, Dawn", entgegnete Ginny kühl. „Das ist erstunken und erlogen. Keiner von uns hat den anderen irgendwie verzaubert – Kunststück, wir hatten in Chryois nämlich gar keine Zauberkraft."

Dawn lehnte sich enttäuscht zurück.

„Dann seid ihr jetzt ... was seid ihr jetzt eigentlich?"

„Befreundet", sagte Ginny knapp.

„Klar", kam Parvatis sarkastische Stimme. „Du willst mir doch nicht ernsthaft weismachen, dass jemand wie Draco Malfoy ernsthaft an dir interessiert ist?"

Sie warf affektiert ihr Haar in den Nacken, und Lavender Brown neben ihr nickte heftig.

Ginny dachte an Dracos Rat und lächelte nur.

„Das hört sich für mich irgendwie so an, als würdest du mich beneiden", gab sie dann zuckersüß zurück.

„Was denn, ich?" Parvati lachte etwas zu laut.

Ginny lehnte sich zurück, grinste und sagte gar nichts mehr. Dann warf sie einen raschen Blick zum Slytherin Tisch hinüber.

Pansy Parkinson und ihr Anhang saßen etwas weiter von Draco entfernt, und die Augen der Slytherin blitzten immer wieder wütend zu ihm hinüber.

Draco beachtete sie gar nicht, im Gegenteil, er hörte gerade mit ungeteilter Aufmerksamkeit Gregory Goyle zu. An seinem Gesicht konnte Ginny erkennen, dass Goyle ihm etwas erzählte, was er sehr interessant fand.

Der sonst so tumbe Slytherin redete mit ungewohnter Intensität und lehnte sich dabei leicht vor.

Draco nickte, verzog den Mund zu einem sarkastischen Lächeln, und erwiderte dann etwas, was Goyle ein bellendes Lachen entlockte.

Blossom quietschte, und Ginny wandte ihre Aufmerksamkeit an ihren eigenen Tisch zurück. Noch immer wurde sie angestarrt, hatte jedoch keine Lust mehr, noch irgendwie darauf zu reagieren.

Neville hatte sich demonstrativ neben sie gesetzt und fragte sie während des Essens nach dem Gezeitenportal und ihrer Reise aus.

„Freust du dich, wieder zu Hause zu sein?" fragte er am Ende zögernd.

Ginny dachte über die Frage nach.

„Ja und nein", antwortete sie dann langsam. „Klar freue ich mich, endlich wieder hier zu sein. Ich dachte, ich sehe meine Eltern nie wieder, meine Freunde ... ach, einfach alles."

Neville nickte.

„Aber?"

„Es fühlt sich irgendwie fremd an. Nicht nur, dass Leute, die ich schon lange kenne, mich behandeln, als hätte ich mich in eine Art Monster verwandelt, das ist nur ein kleiner Teil davon. In Chryois ... das war ... anders. Ich kann es nicht besser ausdrücken. Die Schule, das normale Leben – es kommt mir nicht mehr so wichtig vor. Himmel, hört sich das grausig an."

„Nein, ich verstehe, was du meinst. Irgendwie jedenfalls. Aber auch wenn ich es hasse, mit Malfoy einer Meinung zu sein, er hat Recht. Ignorier die anderen, und leb dich erst mal in Ruhe wieder ein."

„Es bedeutet mir eine Menge, wenn du das sagst, Neville."

Neville wurde rot.

„Das ist doch völlig selbstverständlich."

„Scheinbar nur für dich."

Auf dem Weg aus der großen Halle heraus blieb Neville neben Ginny.

Blossom, der hier natürlich fast alles fremd war, quietschte immer wieder aufgeregt, sprang von Ginnys Schulter herunter und wieder herauf und lief mehreren Leuten vor die Füße, was allgemein mit einem ärgerlichen Ausruf quittiert wurde.

Ein paar davon bewunderten die kleine Feuerechse jedoch auch, und Ginny musste immer wieder dieselben Fragen beantworten.

„Nein, sie beißt nicht. Jedenfalls hat sie uns noch nie gebissen. Ja, sie spricht, allerdings nur, wenn sie will. Wir haben sie Blossom genannte, weil sie mich an eine Feuerblume erinnert."

Allmählich kam sie sich in der riesigen Menschenmasse nicht mehr so verloren vor.

Ron, der gerade an ihr vorbeilief, zog es vor, nicht in ihre Richtung zu sehen, und Harry tat es ihm gleich. Hermine jedoch drehte sich kurz um und lächelte ihr zu – etwas, dass Ginny sehr erleichterte. Vielleicht würde sich doch noch alles einrenken, sie musste nur Geduld haben.

Noch bevor Ginny mit Neville im Schlepptau die Treppen erreichten, legte sich plötzlich eine kräftige Hand auf ihre Schulter.

„Warte mal einen Moment."

Ginny drehte sich um und sah nach oben. Das musste sie auch, denn Wayne Delaney, ein Siebtklässler aus Hufflepuff, war mindestens zwei Köpfe größer als sie. Sie kannte ihn nur flüchtig.

„Was ist?"

„Ich habe gehört, dass du und dieses kleine Frettchen Malfoy etwas miteinander habt. Stimmt das?" Der Tonfall war mehr als höhnisch.

„Nimm die Pfote von meiner Schulter, das tut weh. Und ich wüsste nicht, dass dich das was angeht."

Er folgte ihrer Aufforderung nicht, im Gegenteil, der Griff wurde noch etwas fester.

Blossom, die sich gerade von zwei Drittklässlern bewundern ließ, fauchte alarmiert und huschte so schnell es ging in Ginnys Richtung zurück.

Auch Neville hatte bereits den Mund geöffnet, als eine weitere Stimme sich einmischte.

„Ich schlage vor, du hörst auf die Lady", sagte sie träge. „Oder willst du etwa kopfüber im See landen? Dann nur zu."

Wayne drehte sich mit einem weiteren höhnischen Spruch auf den Lippen zu dem Sprecher um, der ihm jedoch schnellstens verging. Seine Hand auf Ginnys Schulter erstarrte.

Ginny wandte ebenfalls vorsichtig den Kopf und bekam dann ganz große Augen. Neville gab ein ungläubiges Ächzen von sich.

Eine Gruppe Slytherins stand im Gang, allen voran Gregory Goyle. Ginny konnte auch Theodore Nott, Vincent Crabbe, Millicent Bulstrode und Blaise Zabini erkennen.

„Und?" fragte Goyle, als Wayne sich nicht von der Stelle rührte.

Der ließ hastig die Hand sinken und verschwand so schnell er konnte, ohne ein weiteres Wort zu verlieren.

Die Slytherins gaben ein belustigtes Schnauben von sich und zerstreuten sich, bis auf Goyle, der nach wie vor stehen blieb.

„Mach den Mund zu, Weasley", sagte er. „Du auch, Longbottom. Ihr seht aus, als hättet ihr gerade einen Drachen vorbeifliegen sehen."

„So könnte man es auch ausdrücken", murmelte Neville vor sich hin.

Auch Ginny war völlig verwirrt.

„Warum habt ihr ... ich meine, hallo? Ich Gryffindor, ihr Slytherins?!"

„Draco ist verhindert", gab Goyle behäbig zurück. „Er hat mich gebeten, ein Auge auf dich zu werfen. Zu Recht, wie mir scheint."

„Ich kann's immer noch nicht glauben."

Goyle zuckte mit den riesigen Schultern.

„Lass dir das von Draco erklären. Vielleicht nur soviel, im Gegensatz zu deinen Hausmitgliedern halten wir zusammen. Schließt dich irgendwie mit ein, wenn du Dracos Mädchen bist."

Damit drehte er sich einfach um und verschwand, wobei er die gaffende Menge manchmal unter dem Gebrauch seiner Ellenbogen beiseite schubste.

Ginny und Neville starrten ihm hinterher.

„Wenn du mir das vorher erzählt hättest, ich hätte dich ausgelacht", sagte Ginny schließlich fassungslos.

„Das unterschreibe ich mit."


AN: Wenn ihr meint, die Slytherins benehmen sich merkwürdig – das war der Sinn der Sache.

Vielleicht werde ich es Draco aufklären lassen, obwohl, wie ich unseren Slytherin kenne, der grinst nur und lässt Ginny rätseln ... aber wir warten es mal ab!

Und bevor Fragen kommen: nicht alle werden Ginny als Dracos Freundin akzeptieren. Jetzt ratet mal, von wem ich rede?

Bis zum nächsten Chap!

TalynSlytherin