Nachdem dieses Kapitel besonderen Anklang bei meiner Betaleserin Slytherene gefunden hat, möchte ich es Euch nicht länger vorenthalten. Viel Vergnügen bei…

Kapitel 14: Macht

„Aconitum napellus, Claviceps purpurea, Artemisia absinthium, Blätter des Wassereppichs, an Neumond geerntet, Eicheln, zu Vollmond nackt gepflückt, Eisenkraut, mit der Hand gerupft am Nachmittag…", rezitierte Catriona MacGillivray nachdenklich und strich sich gedankenverloren eine kupferne Locke aus den Augen. Sie stand halb über einen Kessel gebeugt, in dem der Basistrank purpurviolett simmerte und versuchte, Snapes endgültige Rezeptur so exakt wie möglich zu reproduzieren.

Am Morgen hatte sie wie vereinbart nach den verwundeten Todessern gesehen. Zu ihrer Erleichterung schienen ihre durchschnittlichen medizinischen Fähigkeiten ausgereicht zu haben, zumindest keine weiteren Opfer zu fordern. Malfoy hatte mit hartem Lächeln auf die außergewöhnliche Zähigkeit seiner Männer hingewiesen, ihr aber sogleich versichert, wie sehr er ihre Arbeit schätzte. Und nicht nur er. Glücklicherweise blieb die befürchtete Audienz vorerst aus. Offenbar wünschte Voldemort nichts sehnlicher als die Vollendung des Werwolftrankes.

Die Tränkemeisterin schloß die Augen und atmete tief den vielschichtigen Duft der heißen Flüssigkeit, als könne sie allein dem Aroma entnehmen, welche Komponenten noch fehlten. Bei ihren Studien im brasilianischen Regenwald hatte sie sich manches Mal allein auf ihren Geruchssinn verlassen, um bestimmte Eigenschaften eines Extraktes zu klassifizieren; es gab ihr Ruhe und Frieden, sich völlig auf die beinahe meditative Stimmung einer konzentrierten Trankherstellung einzulassen. Unter den gegebenen Bedingungen allerdings war der erste Gedanke, daß sie besser sah, was um sie herum vor sich ging. Ihre Augen schossen auf.

Direkt vor ihr kauerte die abgerissene Gestalt Alison Tichenors, und MacGillivray schrak unwillkürlich zusammen.

„Was willst du?" herrschte sie die Frau außergewöhnlich schroff an. „Ich habe dich nicht gerufen."

Sie erwartete keine Antwort, machte einen Bogen, um besser an ihren Zutatentisch zu gelangen und bedeutete dem im Kessel ruhenden Messinglöffel, seine Tätigkeit wieder aufzunehmen. Auf dem Rückweg zum Kessel erinnerte sie sich jäh der Nachricht des Hauselfen, über die sie durch die unvorhergesehenen Ereignisse nicht länger hatte nachdenken können. „Severus Snape ist verletzt", teilte sie der Gefesselten mit und zwang sie durch einen Wink mit dem Zauberstab, sie anzusehen. „Wofür wirst du hier gestraft? Warum hast du dein Vergehen nicht sofort mit dem Tod bezahlt?" Sie spürte die Fruchtlosigkeit des Unterfangens; Tichenor würde ihr keine der gewünschten Informationen geben können, aber die Worte quollen wie ein Strom über ihre Lippen, unaufhaltsam, unbeherrschbar. „Weshalb schickt er dich zu mir? Was soll ich mit dir?"

MacGillivrays schottischer Akzent perlte seltsam von den rauhen Wänden des Gewölbes, und erst da begriff sie, daß sie zu laut gesprochen hatte. Immer schon war sie, ähnlich wie Snape, besonders stolz auf ihre kühle Überlegenheit gewesen. Unliebsame Diskussionen führte sie mit einer eisigen, scheinbar unbeteiligten Ruhe, die ihre Gegner, begingen sie den Fehler, aufbrausend zu reagieren, alsbald einschüchterte. Je größer der Ärger, desto kälter die Glut ihres Zornes und härter der Granit ihres Widerstandes.

Catriona wandte sich ruckartig von der Geschundenen ab, deren Schlangenfesseln warnend zischelten. Sie ballte die Hände zu Fäusten, den Zauberstab umklammert und wild entschlossen, einen jähzornigen Fluch auf die Kauernde zu werfen. Eine irrationale Wut, deren entfesselte Kraft sie entsetzte, versengte sie mit heißer Flamme, doch sie war nicht bereit, sich ihrer wertvollsten Waffe berauben zu lassen – der Besonnenheit. Mit zusammengebissenen Zähnen widerstand sie der Versuchung, fuhr zu Alison Tichenor herum und zischte bebend: „Scher dich fort, bevor ich mich vergesse!"

Die Gestalt verblaßte und löste sich in anklagendes Nichts auf. MacGillivray ließ den Zauberstab sinken und stand eine volle Minute völlig regungslos. Wie hatte sie sich nur so von etwas mitreißen lassen können, dessen Ursache ihr schleierhaft blieb? Gewiß, Alison Tichenor war auf eine rätselhafte Weise mit dem Schicksal Severus Snapes verbunden, aber diese entfesselte Wut hatte sie nicht verdient, und Catriona vermochte bereits jetzt nicht mehr zu rekapitulieren, was sie derartig erzürnt hatte. Dies war nicht die erste schwierige Situation, in der sie einen kühlen Kopf unter ausgesprochen widrigen Umständen bewahren mußte. Catriona riß sich los und fokussierte ihre Gedanken unabdinglich auf den Werwolftrank. Sie mochte nicht daran denken, daß dies entweder eine völlig erratische Überreaktion auf die Strapazen der letzten Wochen darstellte oder aber von einer Manipulation ihres Geistes herrührte. Immerhin, für den Moment hatte sie widerstanden. Jetzt zählte nur noch die Aufgabe.

xoxoxox

Der zugleich melodische und distinguierte Klang der Türglocke nötigte Narcissa Malfoy kaum mehr als ein unenthusiastisches Brauenwölben ab. Sie erwartete keinen Besuch, und da keine der Damen, mit denen sie aus Standespflicht verkehrte, die Etikette brechen und unangemeldet erscheinen würden, konnte es sich nur um einen Irrtum handeln – wenn auch um einen beachtlichen. Malfoy Manor umgab ein parkähnlicher Garten. Eine prächtige, kiesbestreute Auffahrt führte von der Straße zum Herrenhaus. Es gehörte schon viel Unverfrorenheit dazu, sich derart an einem Irrtum festzubeißen. Vielleicht würde die Eintönigkeit des Tages doch noch durch einen Funken Leben durchbrochen.

Sie erhob sich in einer eleganten Bewegung und glitt in die Halle hinaus, ohne auf die Meldung des Hauselfen zu warten, der bereits die Tür geöffnet hatte und unschlüssig schien, wie mit dem Besucher zu verfahren sei.

„Das genügt, Jerzy", wand sich Narcissas Stimme kalt wie ein Eisaal durch den Raum. „Du kannst gehen."

Während sich der Hauself das nicht zweimal sagen ließ, schwebte Narcissa graziös zu dem schmalen Spalt und blickte hinaus. Sekundenlang verschlug es ihr die Sprache, und ihre makellosen Gesichtszüge erstarrten in Unglauben.

„Narcissa", grüßte der Fremde formell, aber in seinen nachtdunklen Augen glomm ein seltsames Licht.

„Was führt dich her, Severus?" erkundigte sich Mrs. Malfoy, die sich rasch gefaßt hatte, ein wenig zu glatt. „Hast du keinen Unterricht zu geben?" Snape hatte nie mehr einen Fuß auf Lucius' Anwesen gesetzt, seit ihre Freundschaft empfindlich abgekühlt war. Narcissa hatte nie nach den exakten Gründen des Zerwürfnisses gefragt; es genügte, daß ihr Mann den Kontakt zu dem einstigen Freund mied.

Ein Schatten huschte über das blasse Gesicht des Tränkemeisters, aber er runzelte nur unwillig die Stirn und parierte: „Derzeit nicht. Drinnen würde es sich eventuell bequemer reden lassen", fügte er gereizt hinzu, als sie keine Anstalten machte, ihn hereinzubitten.

„Möchtest du hereinkommen?" Narcissa neigte den Kopf gerade soviel, um subtilen Spott zu bekunden und schloß die Tür hinter ihm. Sie ließ keinen Zweifel daran, daß sie die Eingangshalle für den angemessenen Ort hielt, sein Anliegen vorzutragen.

Snape preßte verärgert die Lippen aufeinander und vergrub die Hände tiefer in den Taschen seiner schweren Robe.

„Ihr habt einen Gast", sagte er frostig. „Ich muß mit Miß MacGillivray sprechen."

Narcissas überirdisch schöne Züge verrieten nichts, als sie in milder Überraschung die schmalen Hände hob. „Sie ist nicht hier", sagte sie ebenso freundlich wie unbeteiligt. In Snapes dunkle Augen trat ein undefinierbarer Ausdruck. „Sollte sie nicht wählen können, mit wem sie verkehrt?" säte sie den Keim der Zwietracht und beobachtete zufrieden, wie sich der Tränkemeister versteifte und sich sein Blick verdunkelte.

„Das heißt…?" verlangte er zu wissen, und seine Stimme klang heiser unter der Schärfe.

„Die Tränkemeisterin erfüllt einen Auftrag für ihn", sagte Mrs. Malfoy überlegen. „Ich dachte, das sei dir bekannt." Ihre Lippen zuckten kaum merklich. Bist du derartig in Ungnade gefallen?

Snape musterte sie mit einem Blick so stechend, daß sie für zwei lange Atemzüge meinte, sich in den endlosen Tunneln zu verlieren. Beinahe erwartete sie Schmerz oder Verwirrung, aber da war nichts, nur dunkle Leere. Abrupt gab er sie frei und verschwand in einem Wirbel schwarzen Stoffes.

Zurück in Hogwarts achtete er peinlich darauf, von niemandem gesehen zu werden, als er hastig durch die Schatten glitt und die Kerker über eine steile Treppe durch einen Seiteneingang erreichte.

Die Wirkung des Stärkungstrankes, die er, kaum, daß er der Krankenstation entronnen war, vorsichtshalber intensiviert hatte, ließ jetzt beängstigend schnell nach. Schon bereitete jeder Schritt übermenschliche Mühe, spielte ihm zittrige Schwäche listige Streiche. Snape stützte sich an der kalten, glatten Wand. Die Umgebung schwankte heftig, und er konnte sich des grausigen Gefühls nicht erwehren, jeden Moment zwischen den Wänden zerquetscht zu werden. Mit letzter Kraft gelang es ihm, die Tür zu öffnen und in die relative Sicherheit seines Quartiers zu entkommen.

Blind und schwindelig sank er auf den erstbesten Stuhl, den seine eisigen, steifen Finger ertasteten und begrub das Gesicht in den Händen.

'Die Tränkemeisterin erfüllt einen Auftrag für ihn' – Narcissas sanfte, scheinbar unbeteiligte Worte hallten noch in seinen Ohren, aber jetzt klang ihnen eine hämische Schadenfreude nach. Er hatte versucht herauszufinden, ob sie ihn belog, aber zu seinem weitaus größeren Entsetzen sprach sie die Wahrheit.

Catriona in den Reihen des Dunklen Lords, Catriona, deren Okklumentikfähigkeiten bestenfalls als mittelmäßig einzuschätzen waren – eisiges Grauen kroch über seinen Rücken. Sie war ganz Wissenschaftlerin, von den irrationalen, bisweilen gänzlich unzivilisierten Umgangsformen, die die Todesserreihen prägten, verstand sie nichts. Wie sollte sie dort bestehen?

Je mehr Macht er diesen Gedanken einräumte, desto stärker ergriff ein verhaßtes und erstickt geglaubtes Gefühl von ihm Besitz – Panik. Der schlimmstmögliche aller Fälle war eingetreten, ganz gleich, wie sehr er danach getrachtet hatte, Catriona zu schützen.

Er preßte die Handballen so fest auf die Augen, daß sich zu den schwarzen Strudeln bunte Farben gesellten. Narcissas böse Worte nagten an seiner Seele. Ahnte sie, was ihm MacGillivray bedeutete? Und gab es einen Grund für diese, seine Gesellschaft zu meiden? Allein der vage Schatten des Gedankens schmerzte wie eine sich selbst erneuernde Fluchwunde.

'Genug!' befahl sich der Tränkemeister grob und öffnete entschlossen die Augen gegen die Blitze und schwirrenden Farben.

Catriona war kühl und besonnen, verschlagen, wenn es sein mußte und außerordentlich intelligent. Bis zu einem gewissen Grad würde sie auch in Voldemorts Gefolgschaft auf sich achtgeben können. Hoffentlich.

Noch während er sich das Grübeln verbot, begannen seine Gedanken aufs Neue ihr unwillkommenes, bizarres Eigenleben. Befand sie sich wirklich aus freien Stücken beim Dunklen Lord? Oder hatten sie die Todesser auf sein Geheiß befreit? Hatte sie das gar das Dunkle Mal bekommen?

„Genug!" Seine Stimme hallte verzerrt von den Wänden wider, und Snape begriff beschämt, daß er geschrieen hatte. Er stemmte sich mühsam hoch, taumelte qualvoll erschöpft zu dem Schrank, der seine Trankvorräte barg und langte entschieden nach einer grünen Phiole, die er mit fliegenden Fingern entkorkte. Sämiges Bitter, das auf der Zunge einen prickelnden Geschmack hinterließ, überwältigte seine Sinne, aber Snape schluckte wütend und rang den Brechreiz so lange nieder, bis sich die gedankenklärende Wirkung mit der beruhigenden verband und er sich in der Lage sah, das Bett zu erreichen.

So sehr er die Schwäche verabscheute, wenn er sich keine Pause gönnte, würde er im Nu auf die Krankenstation zurückkehren müssen, und danach stand ihm keineswegs der Sinn. Catrionas schillernde Jadeaugen waren das letzte, das er sah, bevor ihn bewußtloser Schlaf mit sich nahm.

xoxoxox

„Wie kommen Sie voran?" Lucius Malfoys seidenglatte Stimme schmiegte sich in vollendeter Perfektion um MacGillivrays aufgewühlte Seele. Für einen Moment vergaß sie ihre natürliche Vorsicht und wandte sich mit einem selbstsicheren Lächeln vom Kessel ab. „Ich würde sagen, näher an Snapes Original gelange ich ohne seine Aufzeichnungen nicht."

Malfoy rümpfte fragend die Nase, so daß seine aristokratischen Züge in seltsame Unordnung gerieten.

„Er hat den Trank weiter modifiziert", gab sie zu bedenken und hoffte, dies würde auch Voldemort genügen, wenn er feststellte, daß ihre Version nicht genau dem makellosen Vorbild entsprach. Malfoys gnädiges Nicken glättete die Fältchen der Verwunderung, und die ein wenig zu selbstgefällige Gewißheit des Überlegenen kehrte in sein Gesicht zurück.

„Das trifft sich vorzüglich", sagte er mit einem bemüht warmen Lächeln. „Sie werden bereits erwartet."

Ein eisiger Peitschenhieb durchfuhr die Tränkemeisterin, aber sie hielt sich betont gerade, als sie mit spöttischem Licht in den meergrünen Augen fragte: „Sie sind sicher, daß nicht mein Werk erwartet wird?"

Malfoys Lippe zuckte kurz in dem vergeblichen Versuch, sein Mißfallen zu verbergen. „Man läßt ihn nicht warten", sagte er kühl, aber Catriona nahm wohl den Zorn wahr, der in seinen unnachgiebigen Augen kalt brannte.

„Sie haben Recht", pflichtete sie ihm gewandt bei. „Es gibt keinen Grund, unhöflich zu sein."

Ohne Malfoy weiter zu beachten, auf dessen Gesicht sich die Verblüffung rasch in Ärger über eine solche Anmaßung wandelte, füllte MacGillivray den Trank in einen Krug und versiegelte ihn mit einem eleganten Zauber. Sie war bereit. Welchen Nutzen zog sie aus Grübeleien und Sorgen, die sich ihrer Beherrschung entzogen? Jetzt galt es, Voldemort furchtlos, jedoch respektvoll gegenüberzutreten. Die Gratwanderung zwischen Respekt und Demut hatte MacGillivray noch nie gelegen; dies war auch der Grund, weshalb ihr Aufstieg innerhalb der Flamelstiftung nicht ganz geradlinig verlaufen war. Ellen Tillinghast, ihre derzeitige Vorgesetzte schätzte jedoch die kühle Selbstsicherheit, die von ihr ausging – vermutlich deshalb mit jener Generosität, die eine beachtliche räumliche Distanz mit sich brachte.

Catriona unterdrückte ein Seufzen. Wortlos trat sie an Malfoys Seite, der ihr mit frostiger Höflichkeit den Arm bot und sie im Moment eines Lidschlages an einen völlig anderen Ort verbrachte.

Ihr erster Eindruck war eine Halle, vor deren Fenster man Tücher gehängt hatte, die in einer leichten Brise auf und nieder wehten. Ein milchiges Licht durchwob den Raum fein wie ein Nebel, und Catriona fühlte sich unwillkürlich an eine Fotografie erinnert, die mit viel Weichzeichnung und Verwischeffekten den Anschein von Ferne und Übernatürlichkeit zu vermitteln suchte.

Tatsächlich schien die Halle auf den zweiten Blick nur eine Illusion gewesen zu sein, auch gab es keine sich wiegenden Vorhänge, nur eine sanfte Helligkeit, die je nach Anschauungsweise das dem Betrachter wahrscheinlichste Bild projizierte. MacGillivray fragte sich mehr interessiert denn alarmiert, wie ein solcher Zauber wohl funktionieren mochte. Lucius Malfoy hatte sich zurückgezogen. Sie konnte seine imposante Gestalt als Umriß im Nebellicht erkennen.

„Catriona." MacGillivray wandte aufmerksam den Kopf, um nicht aus Ungeschick den Moment der Respektsbezeugung zu verpassen. Die Stimme verklang nicht; sie vervielfachte sich in ihren Ohren zu einem süßen Verlangen, zu zehrender Wehmut, zu bitterem Schmerz. Sie widerstand einem Schaudern und blieb still stehen. Dies würde äußerst schwierig werden, aber hatte sie nicht erst kürzlich vor Dumbledore damit geprahlt, etwas übrig zu haben für Herausforderungen? Catrionas Lippen kräuselte ein säuerliches Lächeln. Geistesgegenwärtig neigte sie den Kopf in just dem Augenblick, als Voldemort aus dem überirdischen Szenario materialisierte und entging geschickt seinen forschenden Pupillen.

„Mylord." Ein tiefer Atemzug. Der Krug lag ruhig in ihrer Hand; sein kleines Einstimmungsspiel hatte sie nicht berührt.

„Der Trank ist fertiggestellt?" Die Melodie seiner Worte spülte über sie hinweg, harmonisch wie sanfter Wellengang, und Catriona wagte erst zu antworten, als sie sich mehr als deutlich vor Augen geführt hatte, was ihr vierschrötiger Vater zu solcher Art von „billiger Beeinflussung" gesagt hätte. Die Vorstellung allein war so bizarr, daß sie das Netz mühelos zerriß, das Voldemort um sie zu weben versuchte.

„So ist es, Mylord." Nun sah sie auf, vermied aber in vermeintlicher Demut, ihm direkt in die Augen zu sehen. „Ich bitte Euch allerdings", fügte sie ernsthaft hinzu, „bei Eurer Bewertung zu bedenken, daß dies mein Produkt ist. Severus Snape hat den Trank mit Sicherheit Modifikationen unterzogen, mit denen ich nicht vertraut bin."

Aus den Augenwinkeln sah sie Mißfallen – oder gar Zorn? – in Voldemorts maskenhaften Zügen, doch sie fühlte keine Furcht. Zu klar der Weg, den sie beschreiten mußte. Mutig hob sie daher den Krug und betonte gelassen: „Damit ist jede Verschlechterung der Wirkung ausschließlich mir anzulasten. – Jede Verbesserung aber ebenfalls!"

Sie machte eine bedeutende Pause und kostete den Moment ganz aus. Von irgendwoher hörte sie Malfoy leise den Kopf schütteln; sein langes Haar erzeugte ein ganz eigenes Geräusch auf dem kostbaren Umhang. MacGillivray lächelte in sich hinein. Hatte er denn ganz vergessen, wie man verhandelte? Wer schrieb vor, daß hier andere Gesetze galten, als bei einem Treffen, in dem die Höhe der Zuwendungen an die Stiftung diskutiert werden sollten? Geschick, Taktik, Mut zum Risiko – all das war sie bereit einzubringen.

„Du bist nicht nur mutig und stolz, sondern auch kühn und um deinen Vorteil bedacht", analysierte Voldemort belustigt. „Ich schätze solche Charakterzüge. Sie machen die Interaktionen um so vieles interessanter." Er verharrte in großer Geste, bevor er den Krug durch ein kaum merkliches Fingerschnippen aus MacGillivrays Händen entwand.

Voldemort schwebte nicht im Nebel; er war Teil der milchigen Helligkeit, schien je nach Belieben mit ihr verschmelzen und rematerialisieren zu können. Nur die roten Pupillen führten ein beunruhigendes Eigenleben, körperlos und allgegenwärtig.

„Es gibt kaum Gelegenheiten, zu denen ich jemandem danken müßte", sagte er nachdenklich und fast ein wenig amüsiert über die Absurdität der Vorstellung. „Dies ist jedoch eine solche Ausnahme." MacGillivray schlug die Augen nieder, wie es das Protokoll zweifellos vorschrieb, doch sie war nicht undankbar über die Gelegenheit, nicht mehr dem durchdringenden Rot seiner Augen ausgesetzt zu sein.

„Du hast dich mehr als erkenntlich gezeigt für den Dienst, den ich dir erwiesen habe." Er sprach leise und so sanft, daß es beachtlicher Willensstärke bedurfte, sich nicht dem Fließen hinzugeben. „Du hast Kampfgeist und einen starken Willen."

Sie preßte die Hände so fest zusammen, daß die Gelenke schmerzten. Wohlbekanntes Kopfweh kündete von der Anstrengung, derer es bedurfte, seiner Faszination zu widerstehen.

„Wisse, daß dir eine große Ehre zuteil wird, wenn ich dir hiermit den Platz des Tränkemeisters anbiete", wisperte Voldemort betörend, und MacGillivray stand einen Atemzug lang erstarrt vor Entsetzen und zornig über die eigene Reaktion. War dies denn nicht die logische Konsequenz, auf die alles hinausführte? Weshalb leistete sie sich kindischen Schrecken, wo doch Snape all die Jahre…

„Mylord, warum ist die Stelle vakant?" entfuhr es ihr, ohne ein zweites Mal nachzudenken. „Was ist mit Severus Snape geschehen?" setzte sie dann erhobenen Hauptes und in voller Absicht hinzu.

Malfoy begrub den Kopf in den Händen, und Voldemort, der bebend vor entfesselter Rage allein durch Gedankenkraft Blitze erzeugte, schoß direkt auf die Schottin zu. Sie wich keinen Schritt zurück, senkte jedoch das Haupt in bedingungsloser Anerkennung seiner Überlegenheit. Im Stillen war sie unsagbar erleichtert, daß er ihre zitternden Hände nicht sehen konnte, die sie in den Falten ihrer Robe verborgen hielt. Ihr Herz hämmerte in wildem Stakkato gegen die Rippen. War sie zu weit gegangen?

„Sieh her!" brüllte Voldemort, und ein schabendes Geräusch wie von Leder auf Stein erfüllte die Luft. Unter Catrionas scheinbar ruhigem Blick schlitterte die geschundene Gestalt Alison Tichenors über einen unsichtbaren Fußboden und landete mit schmerzerfülltem Gesicht direkt zu ihren Füßen. Die Schlangenketten zischelten enthusiastisch, als die Frau versuchte, sich aufzurichten.

„Du willst wissen, warum der Posten vakant ist?" ahmte Voldemort wutsprühend MacGillivrays Wortwahl und sogar ihren schottischen Akzent nach. „Sie wird es dir berichten. – Sprich!" Der Zauberstab zerteilte die Luft wie ein Peitschenhieb, und Tichenor winselte ein fruchtloses „Nein", bevor die Magie von ihr Besitz ergriff.

„Es gab ein Treffen", stieß sie gequält hervor und wand sich, als bereite ihr jedes Wort Schmerzen. „Wir wollten dem Giftmischer eine Lektion erteilen." Sie jaulte auf, und MacGillivray erkannte Brandspuren auf der narbigen Haut der Gefesselten. Sie schluckte, um das Grauen in einen fernen Winkel ihres Bewußtseins zu verbannen; dies war genau, was Snape gemeint hatte. Bis vor kurzem hatte sie sich keine Vorstellung von dem machen können, was unter Voldemorts Herrschaft vor sich ging. Und war Snape in Azkaban anders behandelt worden? durchzuckte es sie kalt und böse, doch dann wurde ihre Aufmerksamkeit erneut durch das Martyrium der Gefolterten gefangengenommen, die unter neuerlichen Brandmalen hervorpreßte, Kopf einer Verschwörung inmitten der Todesser gewesen zu sein, die Snape als erreichbarem Vertreter Voldemorts einen Denkzettel verpassen wollte.

„Aber etwas ist fehlgeschlagen, nicht wahr?" schrie Voldemort, außer sich vor Zorn und zerrte die Schlangenketten an Handgelenken und Knöcheln fester. Tichenor wimmerte matt. Dies war allemal leichter zu ertragen, als die Brandwunden, die jedes ihrer Geständnisworte unweigerlich hervorrief.

„Ja", schluchzte sie tränenlos. „Ich weiß nicht, warum…" Dünner Schwelrauch stieg aus ihrem zerrissenen Gewand auf, und sie schrie ein schrilles Schreien, das, gemessen an den Schmerzen, mehr Kraft erfordert hätte, als sie noch in der Lage war aufzubringen.

„Mylord", Catriona bebte am ganzen Leib, „ich bitte Euch. Ich bin derartiges nicht gewohnt. Mir reicht zu wissen, was geschehen ist und warum. Mich dürstet nicht nach –"

„Schweig!" donnerte Voldemort und bedachte MacGillivray mit einem zornglühenden Blick. Sie spürte deutlich ein drohendes Zerren an ihren lächerlichen mentalen Barrieren. „Hör ihr zu!"

Tichenor wischte sich mit zerschrammten, zitternden Händen über die Augen und verschmierte damit nur Blut quer übers Gesicht. „Wir waren wütend", stieß sie geschlagen hervor. Eine Wunde wie von einer Kerzenflamme versengte ihre rechte Wange.

„Es sollte doch nur ein Denkzettel sein", heulte sie und trat wild mit den gebundenen Beinen gegen die übermenschlichen Schmerzen. MacGillivray wollte sich in einem Impuls übermächtiger Abscheu umwenden, aber keines ihrer Glieder gehorchte ihr. „Es tut mir leid!" schrie Tichenor, doch Catriona vermochte nicht auszumachen, ob sie es ernst meinte oder das Geständnis nur durch Folter erpreßt wurde. Mehr Rauch stieg auf, und der Geruch verbrannten Fleisches wurde übermächtig. „Ich bereue", heulte die Geschundene ein übers andere Mal, und MacGillivray spürte heiße Tränen in die Augen schießen, während immer mehr von dem verschwand, was einst Alison Tichenor gewesen war und in irren Schreien, Rauch und Gestank von den Flammen verzehrt wurde.

Schließlich machte Voldemort dem Grauen durch eine einzige lapidare Handbewegung ein jähes Ende. „Wenn sie ihn nicht nach Hogwarts –" er spie das Wort aus wie eine Beleidigung, „gebracht hätten!"

„Ausgerechnet Hogwarts", flüsterte MacGillivray automatisch. Sie verstand jetzt Voldemorts Rage, er war nicht nur von loyalen Todessern hintergangen worden, nein, die Verschwörer hatten auch noch den Frevel vollendet, indem sie den verletzten Snape an den einzigen Ort überführt hatten, an den er, Voldemort, nicht gehen konnte. Noch nicht.

„Sie haben alle gebüßt", sagte Voldemort zufrieden. „Die Werwölfe haben sich dank Snapes Trank bewährt. Und deiner wird dazu dienen, die letzte Gegenwehr zu sühnen." Es bedurfte keiner weiteren Erklärung, um Catriona vor Augen zu führen, wovon er sprach. Zu deutlich sah sie den blonden Jungen vor sich, für den sie nichts mehr hatte tun können. Alison Tichenors Sterben zu verhindern war nicht in ihrer Macht gewesen; bei Snape würde sie sich dies nicht vorzuwerfen haben.

MacGillivray straffte die Gestalt, schob die Brille mit eisigsteifen Fingern höher und sagte sehr kalt: „Mylord, ich bin mir der Ehre bewußt, die Ihr bereit seid, mir zuteil werden zu lassen. Ich könnte jedoch niemals Severus Snape ersetzen." Sie holte tief Atem. „Es wäre mir ein Leichtes, nach Hogwarts zu gehen", bemerkte sie bedeutungsschwer und harrte atemlos der Reaktion.

Voldemort schien müde, als sei er durch Tichenors Bestrafung weiteren Umganges mit Sterblichen überdrüssig. Er beäugte die Schottin mißtrauisch, streifte mehr aus Gewohnheit ihren Geist und spürte glatte Ehrlichkeit. MacGillivray vermochte sich kaum des Zusammenkrümmens zu erwehren. Verzweifelt konzentrierte sie sich nur auf das Ziel, Snape beizustehen, und als sich die gewaltige Macht desinteressiert zurückzog, hielt sie nur ihr Starrsinn aufrecht.

„Geh", sagte Voldemort unerwartet sanft, so daß sie sich daran erinnern mußte, daß es nicht zu ihrem Verhalten gehörte, vor ihm auf die Knie zu sinken. „Malfoy erwartet dich in sieben Tagen. Du möchtest gewiß der Wirkung deines Werkes beiwohnen."

Die Schottin zwang sich zu einer tiefen Verbeugung, aus der sich aufzurichten beinahe ihre restliche Kraft verzehrte. Lucius Malfoy war mit einem Mal an ihrer Seite, um sie mit festem Griff vor einem Sturz zu bewahren.

„Um den Geheimdienst besorge dich nicht", flüsterte die weiche, beherrschende Stimme, und MacGillivray erkannte mit neu aufflackernder Panik, daß sie tatsächlich an dieses Problem gedacht hatte. Mindestens ebenso gut verstand sie die verklausulierte Warnung. Das Ministerium konnte jederzeit wieder Interesse an ihrer Person zeigen.

„Vielen Dank, Mylord", sagte sie schnell. „Ihr wißt natürlich, wie sehr ich Eurer Sache zugeneigt bin."

„Natürlich", wisperte es körperlos. „Natürlich", echote es von unsichtbaren Wänden, bis der Vielklang zerstob wie brüchiges Glas im Wind.

„Festhalten", kommandierte Lucius Malfoy in einem seltsamen Tonfall, fast als bedauere er, ihr auch dies noch zumuten zu müssen, und die Bei-Apparition trug Catriona auf unsanften Schwingen fort.

Malfoy Manor schien willkommenes Refugium, ein heißes Bad, ein bequemes Bett… MacGillivray setzte ihre Schritte so vorsichtig, als ginge sie barfuß über zerbrochenes Glas.

„Sie sind verrückt", hatte Lucius ihr zugeraunt, als sie im Garten seines prächtigen Anwesens gelandet waren. „Ihm so die Stirn zu bieten und ein solches Angebot auszuschlagen – Sie wissen ja nicht, was Sie tun."

Kaum war seine samtige Stimme verklungen, vermochte Catriona nicht mehr zu sagen, ob die Worte ihrer überreizten Phantasie entsprungen waren. Sie schenkte Lucius ein erzwungen nonchalantes Lächeln, bevor sie bat: „Ich würde mich gern einen Moment ausruhen" und an Narcissa vorbei, die überrascht aus dem Salon nach den Stimmen sah, die Treppen zu ihrem Quartier hinaufhuschte.

Schwer atmend lehnte sie sich minutenlang von innen gegen die Tür, bevor sie sich abstieß und langsam zum Bad hinüberging. Vor der leeren Wanne hielt sie inne und starrte geistesabwesend auf die blanken Armaturen, die in einem Zaubererhaushalt eigentlich überflüssig waren, die aber zweifelsohne einen hohen ästhetischen Wert besaßen.

Ohne es recht zu wollen, ließ sie sich auf dem Boden nieder, hüllte sich in die Robe und lehnte den Kopf an den marmoreingefaßten Wannenrand.

Ihr graute weniger vor dem, dessen sie heute Zeugin geworden war; die Welt war nicht gut oder gar ehrbar, aber es zerriß sie, daß Snape dies und Schlimmeres wieder und wieder erdulden oder selbst ausführen mußte. Wenn all diese selbstgerechten, oh-so-verdienstvollen Ordensmitglieder nur einmal sehen könnten, was er seit so langer Zeit für sie auf sich nahm! Wie leicht schien es, den Spion aus sicherer Entfernung zu verdammen.

MacGillivray gönnte sich noch einige Minuten Bitterkeit, dann stand sie entschieden auf und schnippte nach Jerzy. Erst als heiße Dampfwölkchen aus dem Badewasser aufstiegen und sich ihre angespannten Muskeln zusammen mit ihrer rigiden Selbstbeherrschung zu lockern begannen, weinte sie, bis keine Tränen mehr kamen.

Hier endet Kapitel vierzehn.

Vielen Dank an J.K. Rowling für die Erfindung dieser faszinierenden Charaktere. Catriona MacGillivray gehört jedoch mir. ;-)