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Jenseits von Hogwarts
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Kapitel 14
Der Unauflösbare Eid
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Der Sturm tobte durch den Wald und bog die jungen Bäume bis auf den Boden nieder. Krachend stürzte ein großer Ast herab und verfehlte die schwarze Gestalt, die sich mühsam ihren Weg durchs Unterholz bahnte, um nur wenige Zentimeter.
Severus fluchte und stemmte sich gegen die nächste Windböe. Seine Stiefel sanken knöcheltief in den matschigen Waldboden ein. Sein Umhang und seine Robe waren mittlerweile so mit Wasser vollgesogen, dass ihm die Nässe bis auf die Haut drang.
Er kämpfte sich um die nächste Biegung des Wildwechsels und sah erleichtert ein schwaches Licht durch den Regenschleier glimmen.
Keuchend arbeitete er sich die letzten Meter durch peitschendes, dorniges Brombeergestrüpp.
Endlich stand er vor der niedrigen Tür einer unscheinbaren Holzhütte.
Severus hob die Hand und klopfte. Zweimal kurz ... dreimal lang ... zweimal kurz.
Er wartete.
Dann hörte er Schritte. Die Tür wurde einen Spalt weit geöffnet. Ein dünner Streifen blassen Lichts fiel auf sein regennasses Gesicht. Durch den Türspalt sah er den schmalen Ausschnitt eines anderen Gesichts. Eine Strähne blonden Haars fiel über das eine sichtbare blaue Auge.
„Severus! Endlich!"
Die Frau riss die Tür auf.
„Narcissa."
Rasch trat er in die Hütte. Narcissa Malfoy schloss die Tür hinter ihm, sperrte Sturm, Regen und Dunkelheit aus.
Severus hängte seinen tropfnassen Umhang über einen Stuhl, zog seinen Zauberstab und trocknete sich und seine Kleidung.
Er ließ seinen Blick über die einfache Ausstattung des kleinen Raumes schweifen: ein Bett, ein Tisch, eine Bank, zwei Stühle, ein grob gezimmerter Schrank, ein verschlissener Teppich ... An einer Wand standen zwei Koffer. Sie hatten die alte Jagdhütte aus Sicherheitsgründen nicht mit Hilfe von Magie einrichten oder gar vergrößern können, das hätte nur die Auroren angezogen.
Severus wandte sich mit ernstem Gesichtsausdruck zu Narcissa um, die immer noch vor der Tür stand. Sie wirkte unruhig und besorgt.
„Setz dich lieber, Narcissa. Ich habe leider keine guten Nachrichten für dich."
Narcissa presste die Lippen aufeinander. Als sie sich setzte, verschränkte sie die Hände ineinander, wohl um ein Zittern zu unterdrücken.
Severus ging zum Schrank hinüber, öffnete ihn und nahm eine Flasche und zwei Gläser heraus. Er stellte die Gläser stumm auf den Tisch und füllte sie bis zum Rand mit Cognac.
„Trink", sagte er bittend.
Sie sah ihn unsicher an. „Wie schlimm kann es denn sein, dass ich mich schon betrinken soll, ehe du mir überhaupt mitgeteilt hast, was geschehen ist?"
Severus ließ sich auf einen der wackligen Stühle fallen, der ein verdächtiges Knirschen hören ließ. Er griff nach seinem Glas und nahm einen großen Schluck.
„Lucius ist tot", sagte er bitter.
Narcissa streckte eine zitternde Hand nach ihrem Glas aus. Sie trank es zur Hälfte leer, ehe sie es wieder auf den Tisch stellte.
„Ich hatte gehofft, dass es nicht dazu kommen würde", sagte sie leise. „Auch wenn es unwahrscheinlich war, dass er es schaffen würde. – Wie ...?"
„Gift. Er hat es von mir bekommen. Es war vollkommen schmerzlos."
Narcissa schloss einen Moment lang die Augen.
„Danke, Severus ...", flüsterte sie.
Was nach dem physischen Tod mit Lucius geschehen war, verschwieg er ihr wohlweislich. Es war so schon schlimm genug.
Narcissa legte eine Hand über die Augen und fuhr sich mit der anderen durchs Haar.
„Was ist mit Draco?", fragte sie schließlich. Ihre Stimme klang erstaunlich fest, und als sie die Hände sinken ließ und ihn ansah, konnte er keine Tränen in ihren Augen entdecken.
„Er ist in Sicherheit. Potter ist bei ihm."
„Potter? Harry Potter?"
Severus unterdrückte ein Lächeln. Sie betonte den Namen genauso, wie Potter „Lucius? Lucius Malfoy?" betont hatte.
„Genau der." Jetzt lächelte er doch, dünn, grimmig. „Draco hatte ein paar ziemlich raue Stunden in der Obhut einiger Phönixkrieger. Zufällig ist Potter genau in das Verhör hineingelaufen, und" –
„Woher weißt du das?", fiel Narcissa ihm erregt ins Wort. „Hast du mit Draco gesprochen?"
„Ich habe ihn das letzte Mal gesehen, als er sich von Lucius verabschiedet und Malfoy Manor verlassen hat. Ich habe keine Ahnung, wie sie Draco schließlich erwischt haben. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass er jetzt aus dem Gröbsten heraus ist. Er wird wahrscheinlich straffrei ausgehen, und die gute alte Minerva McGonagall hat ihm sogar angeboten, ihn wieder in Hogwarts aufzunehmen. Sie haben ihn ins Hauptquartier des Phönixordens gebracht. Ein Heiler kümmert sich um ihn."
„Woher weißt du das alles?"
Severus' Mundwinkel zuckten. „Man könnte sagen, dass ich in ständiger Verbindung zu Harry Potter stehe."
„Aber" –
„Narcissa, bitte ... Ich habe nicht viel Zeit. Ich bin hauptsächlich hier, um dich zu warnen. Das Ministerium veranstaltet eine regelrechte Treibjagd auf Todesser und alle, die sie dafür halten. Ich empfehle dir dringend, dich noch einige Monate versteckt zu halten."
Erschrecken malte sich auf Narcissas bleichem Gesicht ab. „Einige Monate? Severus, das ist völlig unmöglich! Ich muss mich um meinen Sohn kümmern, um meine Schwester ..."
„Bella ist tot", sagte er kalt.
Merlin sei Dank dafür, dachte er gleichzeitig.
„Rodolphus auch."
Merlin, ich kann gar nicht sagen, wie dankbar ich dafür bin.
Narcissa legte das Gesicht in die Hände und schüttelte schwach den Kopf.
„Sie haben sich der Verhaftung widersetzt und drei Auroren getötet, ehe sie sich selbst in die Luft gejagt haben", setzte Severus emotionslos hinzu. „Dabei haben sie dann noch zwei weitere Auroren erwischt."
„Wer noch?" Narcissas Stimme klang heiser.
„Crabbe und Goyle – die Väter, nicht die Söhne –, Thompson, Greyback, beide Carrows, Levebre ... Das sind die Namen, die ich kenne. Angeblich haben sie bereits fünfzehn von uns im Kampf getötet. Sieben Selbstmorde, darunter einer in Haft: Jim Avery senior."
Narcissa schloss kurz die Augen.
„Rookwood und Amyntha Prowt sollen auch unter den Selbstmördern sein. Siebenunddreißig Inhaftierungen in Askaban. Dazu zweiundzwanzig Personen in den Ministeriumszellen in Untersuchungshaft."
Severus nahm einen Schluck aus seinem Cognacglas und schenkte ihnen beiden nach.
„Sie haben pauschal die Todesstrafe für die Mitgliedschaft im Dunklen Orden verhängt. Das Mal gilt als hinreichender Beweis. Es nicht zu tragen, rettet einen allerdings auch nicht unbedingt. Begnadigung und geringeres Strafmaß gibt es nur in Ausnahmefällen. Die ersten Hinrichtungstermine sollen schon feststehen. Das behauptet zumindest der Tagesprophet. Aber sie haben den Kuss abgeschafft ..."
„Du hast Recht", sagte Narcissa resigniert. „Ich kann hier wirklich nicht raus."
Severus sah sie ernst an.
„Trotzdem glaube ich, dass du eine reelle Chance hast, bei der Geschichte ganz gut wegzukommen. Sie werden ihr eigenes Versagen vertuschen wollen, konkret: den Einsatz von Folter bei Dracos Verhör. Minerva wird nicht zulassen, dass das unter den Teppich gekehrt wird, es sei denn, das Ministerium bietet ihr für ihr Schweigen eine angemessene Gegenleistung. Sie fühlt sich persönlich verantwortlich für die Verfehlungen ihrer Leute und hat Draco unter ihre Fittiche genommen. Gut möglich, dass sie bereit ist, dich ebenfalls zu schützen. Warte, bis sich die Aufregung etwas gelegt hat, der Volkszorn ein bisschen abgekühlt ist, und versuch' dann, Kontakt mit ihr aufzunehmen."
Es klopfte an der Tür. Zweimal kurz ... dreimal lang ... zweimal kurz.
Narcissa sprang in die Höhe. „Wer ist das? Wieso kennt er das Klopfzeichen?"
„Ich habe es ihm verraten."
Severus nickte ihr beruhigend zu. Dann stand er auf und schwenkte seinen Zauberstab. Die Tür schwang quietschend auf. Herein trat ein junger Mann, groß und schlank, mit krausen braunen Haaren und strahlenden, ungewöhnlich grünen Augen.
„Danny!", rief Narcissa erleichtert aus.
Danny grinste. Eine schmutzige Pfütze bildete sich um seine schlammbedeckten Stiefel.
„Hallo Narcissa. Darf ich reinkommen?"
„Selbstverständlich. Aber was machst du hier?"
Danny schloss sorgsam die Tür hinter sich, trocknete und säuberte magisch Kleidung und Schuhe.
Severus sah Narcissa eindringlich an. „Du brauchst einen neuen Geheimniswahrer. Ich werde gesucht, mehr noch als die meisten anderen Todesser. Die Gefahr, dass ich die Auroren auf deine Spur führe, ist zu groß. Danny dagegen werden sie nicht verdächtigen – er ist schließlich ein respektables Mitglied des Phönixordens."
Narcissa riss die Augen auf. „Du, Danny? Im Phönixorden?"
Danny grinste und nickte vergnügt. „Dank Albus Dumbledore. Hat sich besonders für mich eingesetzt."
„Heißt das etwa, du kümmerst dich um Draco?"
Danny nickte. Seine Augen funkelten triumphierend.
Da lachte Narcissa, und alle Spannung und Traurigkeit schien plötzlich von ihr abzufallen. „Danny!" Sie eilte auf ihn zu und umarmte ihn erleichtert.
„Severus ..." Sie drehte sich zu ihm um, zögerte kurz und nahm ihn dann ebenfalls in die Arme. Erschauernd spürte er ihre weichen Lippen auf seiner Haut, als sie ihm einen Kuss auf die Wange drückte.
„Ich danke dir, Severus", flüsterte sie ihm ins Ohr. „Ich danke dir, und ich entbinde dich hiermit von deinem Eid."
„Danke ..."
Severus fühlte sich, als wäre eine Zentnerlast von ihm genommen worden.
Endlich.
Aber er ließ sich nichts von seiner Erleichterung anmerken.
„Wie ist es gelaufen im Ministerium, Danny? Bei der Anhörung?", fragte er wie beiläufig.
Danny schnaubte verächtlich. „Die haben keine Ahnung, stochern bloß im Nebel rum und hoffen, dabei einen Treffer zu landen."
Er bemerkte Narcissas fragenden Blick.
„Ich hatte heute eine Ladung vor den Untersuchungsausschuss. Nicht etwa, dass sie mich oder meine Eltern verdächtigen würden. Von uns ist ja auch niemand im Orden gewesen – trotz unserer verwandt- und freundschaftlichen Verbindungen zu zahlreichen Todesserfamilien. Aber sie sind meinem Bruder auf die Schliche gekommen."
Er schüttelte frustriert den Kopf.
„Der Witz dabei ist, dass er nur auf Intiative Dumbledores in den Dunklen Orden eingetreten war. Albus brauchte noch weitere zuverlässige Spione."
Narcissa sah ihn entsetzt an. „Spione? Spione im Dunklen Orden?!"
Severus bedachte sie mit seinem dünnsten und gezwungensten Lächeln. „Nicht so wichtig jetzt."
Danny holte tief Luft. Dann fuhr er leise fort: „Leider ist der Dunkle Lord wohl schneller hinter die wahren Absichten meines Bruders gekommen als das Ministerium. Die Phönixkrieger, die euer Hauptquartier gestürmt haben, haben dabei auch ihn gefunden. Besser gesagt, seine Leiche. Marcus ist tot."
Dannys Worte sandten einen glühenden Schauer durch Severus' Körper. Fast hatte er das Gefühl, seine Beine würden ein bisschen nachgeben. Verwirrt sah er in Dannys strahlend grüne Augen, die ihn mit einem Mal so sehr an ein anderes Paar ebenso grüner Augen erinnerten.
„Severus, ist alles in Ordnung mit dir?" Dannys Stimme klang undeutlich, gedämpft.
Das Zimmer schien in grauem Nebel zu versinken. Severus schwankte leicht und fühlte, wie er am Arm gepackt und auf einen Stuhl gedrängt wurde. Jemand drückte ihm ein Glas in die Hand, keinen Alkohol, sondern Wasser, und er leerte es gierig. Der Nebel lichtete sich.
„Was ist los mit dir?" Narcissa starrte ihm besorgt ins Gesicht.
„Nichts weiter ... Ich habe vielleicht ein bisschen wenig geschlafen und gegessen in den letzten Tagen. Dazu der Alkohol ...", murmelte er vage.
Danny beugte sich über ihn und sah ihn durchdringend an. „Red' keinen Quatsch. Du magst vielleicht erschöpft sein, betrunken bist du sicher nicht. – Severus, gibt es da etwas, das ich wissen sollte? Über dich – oder über Draco?"
Severus schloss resigniert die Augen. Offensichtlich war er nicht länger in der Lage, Geist und Körper so zu kontrollieren, wie er es sich gewünscht hätte.
„Danny, es tut mir wirklich leid ..." Erstaunt registrierte er, dass das sogar stimmte. „Schau, ich konnte es nicht verhindern, und wenn du einen Verantwortlichen suchst, dann bin sicher ich das."
Dannys Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. Er funkelte Severus zornig an.
„Was soll das heißen? Willst du damit sagen, du hast Marcus getötet?"
„Nicht eigenhändig, nein, aber ich war ... beteiligt. Sicher mehr als die Person, die den Mord letztlich ausgeführt hat."
Erkenntnis blitzte in den grünen Augen auf. „Draco!", hauchte Danny überrascht.
Severus hörte Narcissa erschrocken nach Luft schnappen.
Er nickte zur Bestätigung.
Danny schien ihn mit Blicken erdolchen zu wollen.
„Und du erwartest allen Ernstes, dass ich mich weiter um ihn kümmere? Dass ich Narcissas Geheimniswahrer werde? Obwohl Draco meinen Bruder getötet hat?!"
„Danny, bitte ... Es war nicht Dracos Entscheidung. Du weißt, das Wort des Dunklen Lords war Gesetz für uns. Und Marcus wusste, worauf er sich einließ, als er zu Dumbledores Spion wurde. Dennoch, wenn du einen Schuldigen suchst – hier bin ich", sagte er bitter.
Danny musterte ihn durchdringend.
„Kannst du mir zeigen, wie er gestorben ist?"
Severus stöhnte innerlich. Langsam hatte er es satt, unerwünschte Besucher durch seinen Geist spazieren zu sehen.
„Wenn mich deine Erinnerung davon überzeugt, dass Draco nicht in böser Absicht gehandelt hat, werde ich mich weiter um ihn kümmern und Marcus – zumindest vorläufig – ihm gegenüber nicht erwähnen. Auch für Narcissas Sicherheit werde ich sorgen. Vorausgesetzt, du bist bereit, die Verantwortung für Marcus' Tod zu übernehmen."
Müde erwiderte Severus Dannys Blick. „Wie du willst", sagte er leise.
Danny hob den Zauberstab. Aus den Augenwinkeln sah Severus eine ziemlich verstörte Narcissa, die sich verzweifelt an ihrem Cognacglas festklammerte.
„Legilimens!"
Es war nicht halb so unangenehm, wie Sirius Black in seinem Kopf zu haben. Danny verlangte es nur nach dieser einen Erinnerung, alles andere ließ er unangetastet. Severus zeigte ihm bereitwillig nicht nur Marcus' Tod, sondern auch einen Teil der vorausgegangenen Verhöre.
Schließlich zog Danny sich zurück und blickte ihn nachdenklich an.
„Ich bin bereit, mich weiterhin um Draco und Narcissa zu kümmern."
Ein Stoßseufzer der Erleichterung erklang aus Narcissas Ecke.
„Aber ich will einen Ausgleich für den Tod meines Bruders. Ich weiß, dass du es warst, der ihn an den Dunklen Lord verraten hat, auch wenn du mir das nicht gezeigt hast."
Severus nickte wortlos.
„Du bist bereit, diesen Ausgleich zu leisten?"
Severus neigte in einer stummen Geste des Einverständnisses den Kopf.
„Gut. Dann sollten wir jetzt den Geheimniswahrer tauschen und uns anschließend auf den Weg machen."
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Severus und Danny gingen schweigend durch den nächtlichen Wald. Der Sturm war abgeflaut, und es fiel ein gleichmäßiger, starker Sommerregen, der dumpf auf die Blätter der Bäume prasselte.
Der Weg führte sie auf eine Lichtung, einen Windbruch voll gestürzter Fichten, Farnkraut und Fingerhut. Im Osten zeigte sich bereits ein heller Streifen am Horizont, doch der Rest des Himmels war von mächtigen schwarzblauen Wolkengebirgen bedeckt.
Severus hielt an und ließ sich auf einen Baumstamm sinken. Danny setzte sich neben ihn.
Schweigend zog Severus eine Phiole aus seinem Umhang und hielt sie Danny hin.
Danny schüttelte abwehrend den Kopf.
„Du hast mir dein Wort gegeben. Ich vertraue dir."
Severus lachte, leise und bitter. Dann entkorkte er die Phiole, setzte sie an die Lippen und leerte sie.
Er ließ seinen Blick über die Waldlichtung schweifen. Roter Fingerhut, Wasserschierling, Mädesüß ... Adlerfarn, Schwefelporling, Pestwurz ... Hier gab es so vieles, das er unter anderen Umständen hätte gebrauchen können. Aber so, wie die Dinge lagen, war es auch schön, das alles unter rein ästhetischen Gesichtspunkten zu betrachten.
Kälte kroch durch seinen vom Regen durchweichten Körper. Seine Hände und Füße wurden taub.
Nun, nichts, was ihn beunruhigen sollte.
Eine Eule schrie. Ein kleines Tier huschte raschelnd durchs Unterholz.
Severus lauschte in die Nacht hinaus und hörte den nervösen Atem seines Begleiters.
„Kein Grund zur Beunruhigung, Danny", wollte er sagen, doch seine Zunge gehorchte ihm nicht mehr.
Nun, auch das war im Rahmen des Üblichen.
Er spürte immer weniger von seinem Körper. Plötzlich rutschte er von dem Baumstamm und hinunter ins nasse Farnkraut.
Er sah, wie sich ein Schatten über ihn beugte und hörte Worte, aber sie ergaben keinen Sinn mehr. Sein Blick verengte sich, bis er nur noch einen winzigen dämmrigen Punkt erkennen konnte.
Für einen Moment fühlte er Schmerz und Angst, als er seine Lungen füllen wollte und auch diese ihm nicht mehr gehorchten. Er kämpfte kurz dagegen an. Dann ergab er sich und glitt in die Schwärze hinab.
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Es war dunkel.
Dunkel und warm.
Wohlige Geborgenheit.
Hier wollte er bleiben, immer ...
Doch etwas trieb ihn weiter, drängte ihn behutsam voran.
Er wusste, da war noch etwas ... etwas, das ihn unwiderstehlich anzog ...
Dann, in weiter Ferne: ein winziges Licht.
Oh ja. Das war es. Da wollte er hin.
Sehnsüchtig näherte er sich dem leuchtenden Punkt, der größer und größer wurde, ein blendend helles Strahlen.
Er streckte sich. Gleich würde er es erreichen ...
Da verschwand das Licht.
Plötzlich war es völlig finster.
Doch es war nicht die wohlig warme Dunkelheit, in der er sich eben noch so geborgen gefühlt hatte.
Diese Schwärze war eisig.
Grenzenlose Enttäuschung durchflutete ihn, riss ihn mit sich fort.
Mit einem Mal sah er sich von zahllosen blauen Flämmchen umringt.
Flammen aus Eis. Flammen aus Todeskälte.
Die Angst packte ihn wie ein böses Tier, würgte und verschlang ihn, bis er selbst Angst war.
Todesangst.
Dann hörte er sie. Kleine, kalte, mitleidlose Stimmen, die um ihn her wogten und wehten, ein Netz aus Angst und aus Hass webten.
Hass.
Er wusste, wer sie waren. Er wusste, woher die Angst und der Hass kamen.
Er selbst hatte sie wachsen lassen, diese Blumen der Angst und des Hasses, und nun streckten sie ihre tödlichen Schlingpflanzenranken aus, um ihn damit zu erwürgen.
So, wie er sie gewürgt hatte.
Würgengel.
Würgteufel.
Teufel.
Er wusste, er würde den Rest der Ewigkeit an diesem Ort verbringen, eine zeitlose Zeit in diesem Meer der Verzweiflung, das er selbst geschaffen hatte.
Er begann, haltlos zu weinen, als er sich bereit machte für die Unendlichkeit der Verzweiflung, die ihn erwartete.
Doch mit einem Mal war da etwas anderes. Ein Hauch von Wärme und Licht in der eisigen Finsternis.
Es war nicht so hell und strahlend wie das weiße Licht, das er zu Beginn gesehen hatte. Es war klein und schwach.
Aber es war ein Licht.
Hastig tastete er danach, blind vor Angst, versuchte, den winzigen Funken festzuhalten.
„Severus ..."
Er kannte die Stimme ... Die Stimme bedeutete Halt ... Geborgenheit ...
„Sie lassen mich nicht hinein!", schrie er, angstvoll und verzweifelt.
„Ich weiß, Severus", sagte die Stimme kummervoll. „Noch kannst du nicht hinein. Aber du kannst mit mir kommen. Ich habe einen Weg für dich gefunden. Vertrau mir ..."
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