14. Kapitel
Pemberley, Derbyshire – Große Ereignisse werfen ihren Schatten voraus...und es kommt BesuchWilliam traute seinen Augen nicht. Seine erste Reaktion war eine tiefe, wenn auch irrationale Eifersucht. Hatte er es nicht schon von Anfang an gesagt? Elizabeth...äh...Miss Bennet, war in den neuen Lehrer verliebt. Natürlich, warum auch nicht. Es paßte ihm zwar nicht, aber er konnte nichts dagegen tun. Aber mußte sie sich hier vor seinen Augen küssen lassen? Das ging zu weit, das konnte er nicht dulden. Sollte er Elizabeth hinauswerfen? Oder sollte er Mr. Ladislaw rausschmeißen?
Bevor Elizabeth reagieren konnte, war William bereits aus dem Zimmer gestürmt und hatte die Tür hinter sich zugeschlagen.
„Oh oh, das hat er in den falschen Hals bekommen," murmelte Elizabeth bedrückt. „Soll ich ihm nachgehen?"
„Besser nicht. Er soll sich zuerst wieder beruhigen, dann werde ich es ihm erklären. Er weiß nichts von mir und Dorothea. Kein Wunder, daß er so reagiert hat."
Mr. Ladislaw hatte schon seit geraumer Zeit den nicht ganz von der Hand zu weisenden Verdacht, daß sein Arbeitgeber mehr für Miss Bennet empfand, als es schicklich war zwischen Arbeitgeber und Gouvernante. Die Art und Weise, wie er sie manchmal anschaute, die gutmütige Nachsicht, mit der er ihr ihre oft vorlauten, ja impertinenten Bemerkungen durchgehen ließ. Elizabeth schien das nicht zu spüren, aber Mr. Darcys Reaktion sprach für sich.
Die Atmosphäre beim Abendessen eine halbe Stunde später war sehr angespannt. Mr. Ladislaw hatte vergebens versucht, seinen Dienstherrn davon zu überzeugen, daß nichts unschickliches in seinem Haus vorgefallen war. William hatte einfach nur die Hand gehoben und sehr deutlich gesagt, daß er nichts davon hören wollte. „Ich interessiere mich nicht für das Liebesleben meiner Angestellten," sagte er bloß kühl. Elizabeth wollte hochfahren, doch Mr. Ladislaw hielt sie zurück. Er ahnte instinktiv, daß dies ein sensibles Thema für William war und Elizabeth gänzlich ahnungslos darüber, was ihr Arbeitgeber für sie empfand. Am besten, sie überzeugten Mr. Darcy mit Taten als mit Worten. Er würde mit der Zeit schon feststellen, daß sie kein Liebespaar waren und auch nicht werden würden.
Am nächsten Morgen war William immer noch ziemlich reserviert – reservierter als sonst – aber die Zwillinge sorgten schnell dafür, daß er auf andere Gedanken kam. Sie saßen mit ihrem Vater und Mr. Ladislaw schon am Frühstückstisch, als Elizabeth das Zimmer betrat. „Lizzy, Lizzy, stell dir vor, ich weiß jetzt, wo die Kinder herkommen!" rief Alexander aufgeregt und strahlte sie an. „Papa hat es uns gestern erklärt!" William wurde rot, Mr. Ladislaw biß sich auf die Unterlippe und Elizabeth schaute den Jungen perplex an.
„Ah, tatsächlich? Das ist sehr nett von deinem Papa, Alexander." Elizabeth warf dem verlegenen William einen amüsierten Blick zu, den dieser grimmig erwiderte.
Sie nahm am Tisch platz und dankte Mr. Ladislaw, der ihr Kaffee einschenkte.
„Wie oft hab ich dir gesagt, Alexander, es heißt „Miss Bennet"!" versuchte William den Jungen abzulenken.
„Miss Bennet, ja. Also, Lizzy, man braucht einen Mann, und man braucht eine Frau. Und die müssen heiraten. Und dann legen die sich in ein Bett und…"
„Genug, Alexander. Miss Bennet weiß sehr gut selbst, wo die Kinder herkommen," unterbrach William entnervt.
Elizabeth lächelte zuckersüß. „Nicht so genau, Sir. Sie wissen, ich bin nicht verheiratet. Und laut Alexander ist das ein maßgebliches Kriterium dafür, Kinder herzustellen, nicht wahr?"
„Ganz genau, Lizzy. Das hat Papa jedenfalls so erklärt," sagte der Junge stolz.
William rollte die Augen. „Miss Bennet, sollten sie jemals die Absicht hegen zu heiraten, bin ich sicher, daß ihre Mutter ihnen alles sehr genau erklären wird."
Elizabeths Blick wurde ernst und etwas traurig, daß es sogar William auffiel. „Sie können unbesorgt sein, Mr. Darcy, dieses Ereignis wird nicht so bald eintreffen," sagte sie leise, aber bestimmt, und wandte sich schweigend ihrem Frühstück zu.
Wo sollte sie auch einen respektablen Ehemann herbekommen, dachte sie, auf einmal sehr niedergeschlagen. Der, der ihr praktisch ins Haus geweht wurde, war reizend, aber anderweitig verlobt, für ihren Arbeitgeber schwärmte sie zwar heimlich ein bißchen, aber nicht ernsthaft, denn dieser war selbstverständlich außerhalb ihrer Möglichkeiten. Sie war sicher, sie würde als alte Jungfer enden.
William kam nicht dazu, etwas zu sagen, da in diesem Moment Mrs. Reynolds das Frühstückszimmer betrat und ihrem Herrn die Post brachte. William dankte ihr und stutzte, als er beim oberflächlichen Durchblättern der Briefe einen altbekannten Namen auf einem Umschlag entdeckte. Elizabeth und das Problem, woher die Kinder kamen, waren sofort vergessen.
Nachdenklich starrte er den Brief an. Doch, es gab keinen Zweifel, er war von seinem alten Freund, John Thornton.
William entschuldigte sich und ging in sein Arbeitszimmer. Wie lange war es her, seit er zum letzten Mal von John gehört hatte? Über ein Jahr wahrscheinlich. John war seit über einem Jahr Witwer und seit diesem Zeitpunkt hatten sie keinen Kontakt mehr gehabt. William erinnerte sich – Johns Frau Margaret war im Kindbett gestorben, als sie ihr erstes Kind erwartet hatte. Für John ein schwerer Schlag, er hatte seine junge, hübsche Frau so sehr geliebt, daß William fast ein bißchen neidisch auf das Glück seines Freundes gewesen war. Natürlich hatte er ihm damals geschrieben, aber der Kummer war zuviel für John gewesen und er hatte sich von allem zurückgezogen. Ein Jahr lang hatte er für sich getrauert und jetzt meldete er sich wieder. William war gespannt, was er zu schreiben hatte.
Der Brief war nicht besonders lang und überraschte William ein wenig. Mr. Thornton hatte sein florierendes Handelsunternehmen seinem Schwager überlassen und für sich selbst einen Landsitz in Cornwall erworben. Er wollte Schafe züchten, Landwirtschaft betreiben und Grundbesitzer sein. Außerdem äußerte er den Wunsch, William zu besuchen. Für einige Wochen, wenn es ihm nichts ausmachte. Er hegte die Hoffnung, William würde ihm, einem blutigen Anfänger in Sachen Landwirtschaft, vielleicht hilfreich zur Seite stehen und ihm seine unzähligen Fragen beantworten sowie ihn vor den gröbsten Fehlern bewahren.
William war erfreut über den Brief und nur zu gerne bereit, seinen alten Freund bei sich aufzunehmen. Er hatte in letzter Zeit immer öfter einmal an John gedacht und sich gefragt, was er wohl so triebe. Daß er sich jetzt von sich aus bei ihm meldete, freute ihn aufrichtig und er verfasste sofort ein Antwortschreiben, indem er Mr. Thornton herzlich einlud, so lange wie er wollte nach Pemberley zu kommen.
In dem großen Stapel Briefe befand sich noch einer von seiner Schwester Georgiana. Sie hielten unregelmäßigen Briefkontakt das Jahr über – Georgie war eine eher nachlässige Briefeschreiberin – aber sie sahen sich leider relativ selten. William verließ Pemberley nur ungerne – es reichte ihm schon, wenn er geschäftlich in London zu tun hatte, und Georgiana lebte mit ihrer Familie in Norfolk. Und auch sie kündigte ihren Besuch an – mitsamt Ehemann und Sohn. Sie war offenbar der Meinung, daß ihr Bruder da oben in Pemberley vereinsamen mußte und dagegen wollte sie etwas tun, teilte sie ihm unverblümt mit. Und wenn er bei dieser Gelegenheit vielleicht erwägen könnte, einen kleinen Ball zu geben...
William lächelte. Seine kleine, intrigante Schwester wollte ihn wohl endlich unter die Haube bringen. Sie machte sich wahrscheinlich Sorgen, daß er alleine hier oben mit der Zeit wunderlich und verschroben werden würde, dachte er und grinste. Aber warum eigentlich nicht? Warum sollte es auf Pemberley nicht mal wieder einen Ball geben? Wieviel Zeit war vergangen seit dem letzten? Er erinnerte sich nicht. John würde da sein, Georgie mit ihrer Familie, er konnte die Bingleys einladen, er würde mit Elizabeth die ganze Nacht durchtanzen...
Er zuckte zusammen. Woher kam dieser Gedanke? Er wurde tatsächlich langsam wunderlich, dachte er irritiert. Was für ein Unsinn. Das Kindermädchen hatte auf dem Ball nichts verloren, Angestellte nahmen an solchen Festivitäten selbstverständlich nicht teil. Wie würde das aussehen? Aber er brauchte eine Gastgeberin an seiner Seite. Da er keine Ehefrau hatte, müßte Georgie einspringen. Gut, das war kein Problem. Wen würde er einladen? Die engsten Nachbarn im Umkreis von 10 Meilen, seine Verwandtschaft aus Matlock, die Bingleys.
Die Bingleys...hmmm...hier geriet er in einen Gewissenskonflikt. Er konnte schlecht Jane Bingley einladen und dann ihrer Schwester verbieten, am Ball teilzunehmen. Würde er jedoch Elizabeth gestatten teilzunehmen, mußte er auch Mr. Ladislaw dazubitten. Nein, das ging nicht. Außerdem wollte er die beiden nicht zusammen auf der Tanzfläche sehen. Eifersüchtig, Darce? Unsinn.
Und Charles würde mit Sicherheit seine Schwester mitbringen – der Gedanke alleine verursachte ihm regelrecht Gänsehaut. Die Bingleys gar nicht einladen? Nicht gut.
William seufzte. Er würde später genauer darüber nachdenken. Zunächst beantwortete er Georgianas Brief und setzte bei dieser Gelegenheit den Termin für den Ball fest: den 1. Dezember. Heute in sechs Wochen.
Zwei Wochen später. Der Herbst war bisher erstaunlich mild und sonnig gewesen und Elizabeth liebte es, soviel Zeit wie möglich draußen in der Natur zu verbringen. An einem schönen, klaren Sonntagmorgen hatte sie sich zeitig auf den Weg gemacht, um die Schönheiten des Herbstes in Pemberleys Park zu genießen. Besonders liebte sie den Weg in Richtung Lambton über grüne Wiesen und durch lichte Alleen, deren Bäume jetzt in all ihrer bunten Pracht erstrahlten. Es war die Zeit, die sie für sich alleine hatte, ohne die Kinder – die sie wie eine Mutter liebten und an denen sie so sehr hing, und ohne William Darcys strenge Blicke. Mittlerweile hatte er offenbar verstanden, daß sie mit Mr. Ladislaw nur gut befreundet war, trotzdem ertappte sie ihn immer wieder einmal dabei, wie er sie anstarrte. Es irritierte sie maßlos. Nein, der Sonntag gehörte ihr alleine und sie genoß ihn mit jeder Faser.
Als sie heute jedoch auf dem Rückweg nach Pemberley war, wurde sie von einem Reiter eingeholt, der sie höflich ansprach.
„Entschuldigen sie bitte vielmals, Miss, bin ich hier auf dem richtigen Weg nach Pemberley?" fragte der Mann und neigte höflich den Kopf. Elizabeth starrte den Reiter neugierig an. Er hätte ein Bruder ihres Arbeitgebers sein können: schlanke, elegante Gestalt, dunkle Haare, ebenso dunkler Gesichtsausdruck, aber trotzdem attraktiv. Nur, daß dieser Herr hier tiefblaue Augen hatte und keine dunkelbraunen, die bei seltenen Anlässen so warm blicken konnten…
Elizabeth riß sich zusammen. Der Fremde hatte sie etwas gefragt und sie stand hier und starrte ihn an. „Äh…ja, wenn sie dem breiten Weg folgen, kommen sie nach etwa einer Meile ans Haus," sagte sie verlegen.
Der Mann war abgestiegen. „Gehen sie auch in die Richtung, Miss?"
Elizabeth musterte ihn skeptisch und wäre am liebsten davongerannt. Er starrte sie so ernst an, fast finster! Sie beinahe ein bißchen Angst vor ihm, vor allem, da sie nicht wußte, wer er war.
„Ich muß jetzt gehen, Sir," sagte sie und ärgerte sich über ihre piepsige, leicht schrille Stimme. Sie wandte sich ab und ging schnellen Schrittes davon. Der Fremde holte sie mit langen Schritten ein, sein Pferd hinter sich führend.
„Entschuldigen sie, Miss. Ich bin sehr unhöflich. Mein Name ist John Thornton, und ich bin auf dem Weg nach Pemberley. Mr. Darcy erwartet mich."
Elizabeth war stehengeblieben und schaute sich um. Das war also der angekündigte Gast aus Cornwall. Mr. Darcy hatte sie und Sebastian kurz darüber informiert, aber keiner wußte so genau, wann Mr. Thornton kommen würde. „Elizabeth Bennet," sagte sie leise und deutete einen Knicks an.
Mr. Thornton lächelte leicht und verbeugte sich. „Freut mich sehr, Miss Bennet. Darf ich sie zurückbegleiten?"
Elizabeth starrte ihn an. Ähnlich wie bei Mr. Darcy wirkte ein kleines Lächeln Wunder – er sah sofort ganz anders aus. Sehr attraktiv. Sie lächelte aufrichtig zurück und zuckte mit den Achseln.
„Nun ja, warum nicht, wenn wir schon den gleichen Weg haben…"
Mr. Thornton erwies sich nach kurzer Zeit schon als erstaunlich charmanter Begleiter und Elizabeth brauchte nicht lange, um unbefangen mit ihm zu plaudern. Mr. Darcy hatte nicht viel über seinen Freund erzählt (Mr. Darcy erzählte generell wenig, davon ganz abgesehen), und so wußte sie nichts von Mr. Thorntons tragischem Schicksal, das jetzt schon über ein Jahr zurücklag. Mr. Thornton sprach das Thema auch nicht an. Trotzdem spürte sie instinktiv, daß etwas hinter seiner höflichen, charmanten Fassade lauerte, etwas dunkles, trauriges. Sie fand, er war ein durchaus interessanter Mann.
„Wie lange werden sie auf Pemberley bleiben, Sir?" fragte Elizabeth. „Solange Darcy mich erträgt," lächelte Mr. Thornton. „Nein, ernsthaft, ich denke, ich werde vor Weihnachten wieder nach Hause fahren. Ich will die Geduld meines Gastgebers nicht über Gebühr strapazieren."
Elizabeth seufzte. „Es kommen so wenige Besucher nach Pemberley, wir freuen uns über jede Abwechslung!"
Mr. Thornton schaute sie erstaunt an. Er hatte keine Ahnung, daß Elizabeth lediglich das Kindermädchen der Familie war und wollte eine Bemerkung dazu machen, daß es doch sicherlich genügend Nachbarn und Bekannte gab, die man zum Dinner einlud, als vor ihnen zwei Frauen auftauchten. Eine von ihnen trug ein kleines Kind auf dem Arm, die andere, ältere, eine Ladung Holz. In dem Moment, in dem sie ins Blickfeld kamen, stolperte die ältere Frau und ließ das ganze Holz fallen.
Mr. Thornton und Elizabeth eilten sofort auf die Frauen zu und kamen ihnen zu Hilfe. Nachdem alles wieder gut verstaut war und die beiden sich höflich bedankt hatten, sprach Elizabeth die jüngere der beiden an. „Hallo Amy, wie geht es der Kleinen?" fragte sie und kitzelte das Baby am Kinn. Das Mädchen giggelte und die Mutter lächelte Elizabeth schüchtern an. „Oh, danke, sehr gut, Miss Elizabeth. Sie hat das Fieber gut überstanden. Ich werde ihnen ihre Freundlichkeit niemals vergessen, Miss. Mrs. Reynolds hat uns im Namen von Master William einen großen Korb voll mit Lebensmitteln schicken lassen. Wir sind ihm sehr dankbar."
Elizabeth nickte und lächelte das Kind an. „Na, kleine Milly, dir geht es wieder gut, höre ich? Sie sieht auch schon wieder aus wie das blühende Leben, nicht wahr? So hübsche rote Bäckchen!"
Die drei Frauen tauschten noch einige Höflichkeiten aus, bedankten sich noch einmal bei ihren Helfern und gingen dann ihrer Wege.
„Kennen sie alle Pächter von Pemberley, Miss Bennet?" fragte Mr. Thornton.
„Oh, fast alle, denke ich. Ich gehe manchmal mit Mrs. Reynolds, wenn sie ihre Besuche macht. Das kleine Mädchen eben stand schon mit einem Bein im Grab, stellen sie sich vor! Sie hatte hohes Fieber, aber sie ist wieder komplett gesund."
Sie erwähnte dabei weder, daß Mr. Darcy auf seine Kosten einen Arzt geholt, noch daß sie zwei Nächte lang an der Seite der Kleinen gewacht und der Mutter, die ebenfalls krank gewesen war, sehr geholfen hatte.
Als sie an den Ställen Pemberleys vorbeikamen, wurde Elizabeth vom Stallmeister freundlich begrüßt. „Guten Tag, Miss Elizabeth! Schön, sie zu sehen! Wir haben sie schon vermißt!"
„Guten Tag, Mr. Dawson. Ich muß gestehen, ich habe meine vierbeinigen Freunde in der Tat sehr vernachlässigt in letzter Zeit! Aber heute bringe ich ihnen Mr. Thornton, er wird einige Zeit auf Pemberley zu Gast sein."
Dawson nickte. William hatte ihn bereits darüber in Kenntnis gesetzt. Er grüßte den Besucher höflich. „Sir, ich gehe davon aus, ihre Kutsche erscheint auch noch im Lauf des Tages?"
Elizabeth fiel jetzt erst auf, daß Thornton ohne Gepäck auf dem Pferd gekommen war und schüttelte über sich selbst amüsiert den Kopf.
„Ja, ich bin vorausgeritten. Meine Kutsche wird heute nachmittag mit meinem Kammerdiener und natürlich auch meinem Gepäck eintreffen."
Dawson nickte. „Ich werde alles notwendige veranlassen, Sir."
„Danke."
Elizabeth lächelte dem Stallmeister höflich zu, der sich um das Pferd kümmerte und führte Mr. Thornton die letzten paar hundert Meter zum Haus. Dort verabschiedete sie sich vorläufig von ihm und überließ ihn der Obhut von Mrs. Reynolds, die ihn zu Mr. Darcy brachte. Elizabeth ging auf ihr Zimmer, um ein Buch zu holen. Sie wollte draußen im Garten das schöne Wetter ausnutzen, um ein bißchen lesen.
Mrs. Reynolds fragte den Gast, ob er zunächst sein Zimmer sehen wollte um sich ein bißchen frischzumachen oder ob sie ihn zu Mr. Darcy bringen sollte. Thornton wollte zuerst seinen Gastgeber treffen. William saß entspannt mit einer Tasse Kaffee in der Bibliothek vor dem Kamin und war vollkommen in sein Buch vertieft. Die Kinder waren oben im Spielzimmer, Mr. Ladislaw ging irgendwo seinen Interessen nach und da auch Elizabeth ihren freien Tag hatte, konnte William ein paar ruhige Stunden für sich alleine genießen. Zunächst war er nicht gerade erfreut über die Störung, aber dann erkannte er seinen alten Freund und erhob sich lächelnd.
„John! Ich hatte dich nicht so früh erwartet!" Er trat auf ihn zu und die beiden Männer begrüßten einander herzlich. „Bist du geflogen?" fragte William amüsiert, dankte Mrs. Reynolds und bot seinem Gast einen Sessel vor dem Kamin an.
„Ich bin vorausgeritten. Mein Diener kommt mit der Kutsche und einem Ersatzpferd hinterher. Ich hatte bei diesem wundervollen Wetter keine Geduld, lange in der Kutsche zu sitzen."
William lachte. „Das kommt mir bekannt vor. Ich hasse lange Kutschfahrten. Es geht nichts über einen Ritt auf einem guten Pferd." Er sah seinen Freund aufmerksam an. „Du siehst aus, als hättest du gegen einen Cognac nichts einzuwenden?"
Thornton lehnte nicht ab und William goß zwei Gläser ein. „Ich freue mich, daß du da bist, Thornton."
„Ich freue mich, daß du mich aufnimmst und mir ein bißchen helfen willst – meine Kenntnisse in Landwirtschaft und der Verwaltung eines Anwesens tendieren gegen Null, muß ich gestehen!"
Sie lachten und prosteten sich zu. William wollte ihn nicht auf Margaret ansprechen – er konnte noch nicht richtig einschätzen, wie er mit seiner Trauer momentan umgehen konnte. Aber Thornton kam ihm zuvor.
„Ich habe eine reizende junge Frau auf meinem Weg hierher getroffen. Ich nehme an, die zukünftige Herrin des Hauses? Du bist wirklich zu beneiden, Darcy, meinen Glückwunsch."
William schaute seinen Freund überrascht an. „Es gibt keine zukünftige Mrs. Darcy, Thornton. Wer war die Frau?"
Thornton hob erstaunt die Augenbrauen. „Nein? Ich habe sie ein Stück des Wegs zurück hierher begleitet, ein wahrhaft bezauberndes Geschöpf. Wie war der Name noch gleich… Elizabeth? Den Nachnamen habe ich dummerweise vergessen."
„Elizabeth Bennet?"
„Ja, genauso hieß sie. Wer ist sie? Ich hatte wirklich angenommen, sie wäre deine Verlobte."
Darcy schüttelte amüsiert den Kopf. „Sie ist die Gouvernante meiner Kinder."
„Die Gouvernante?" Thornton war perplex.
„Ja, was ist daran ungewöhnlich?"
Thornton erzählte seinem Freund von der Reaktion der Pächter und des Stallmeisters auf Elizabeth, und wie freundlich, offen und souverän sie die Leute behandelte.
„Ich hatte tatsächlich den Eindruck, sie ist die zukünftige Herrin hier."
William konnte sich sehr gut vorstellen, daß Elizabeth bei den Pächtern und den Bediensteten auf Pemberley sehr beliebt war. Er wußte, daß sie ab und zu aushalf und auch immer wieder einmal Mrs. Reynolds begleitete. Sie sprach nie darüber, aber er wußte dennoch davon und schätzte ihre Bescheidenheit in diesem Falle sehr.
Thornton schüttelte verständnislos den Kopf. „Darce, da lebt dieses Juwel von einem Mädchen in deinem Haus und du bist immer noch Junggeselle? Sie ist jung, bildhübsch, von offenbar gutem Charakter – und du beschäftigst sie als Kindermädchen? Sag, was ist ihr Makel? Sie muß einen gravierend schweren Fehler haben, nicht wahr?"
Darauf wußte William keine Antwort. Thornton, der Elizabeth gerade mal seit wenigen Minuten kannte, hatte sein Dilemma höchstpräzise auf den Punkt gebracht. „Ich möchte nicht mehr heiraten," sagte er daher etwas lahm.
Thornton schüttelte ungläubig den Kopf. „Du bist grade mal 30 Jahre alt, Darce! Das ist kein Alter, um sich zu verkriechen. Ernsthaft, Mann, was mißfällt dir an Miss Bennet?"
„Sie ist die Gouvernante, John! Ihre Familie ist unbedeutend, sie hat keine Verbindungen, kein Vermögen…"
Thornton runzelte die Stirn und selbst in Williams Ohren hörte sich diese Begründung sehr arrogant an. Er winkte ab und wechselte schnell das Thema. „Erzähl mir lieber von dir, alter Freund. Du hast das Anwesen in Cornwall schon gekauft?"
Thornton spürte, daß es William aus irgendwelchen Gründen unangenehm war, über Elizabeth zu sprechen und beantwortete willig seine Fragen. Er würde sich später damit beschäftigen und war fest entschlossen, das Geheimnis, das die junge Frau möglicherweise umgab, herauszubekommen. Bald waren sie in ein Gespräch über Schafzucht und Landwirtschaft vertieft und Elizabeth war fürs erste vergessen.
