Kapitel 14, in dem eine nicht ganz koschere Beerdigung stattfindet


Eine Woche war verstrichen und ich hatte es Colin immer noch nicht gesagt. Denn eins war ja wohl klar: Mit ihm verlobt bleiben, das konnte ich nicht. Ich war ein ordentliches Mädchen und wusste, dass das unfair war. Leider bekommt man doch immer das, was man nicht haben will und umgekehrt: Und was man nicht bekommt, das will man haben...

Am Tag der Beerdigung verschlief ich beinahe. Dabei war es ein sonniger Tag. Der Himmel war blau. Am Horizont trieb keine einzige Wolke. Das Weiß der kleinen Kirche strahlte. Als Colin und ich eintrafen, fehlte nur noch Harry. Der Pastor war schon da. Es war (leider!) nicht Stanley, sondern ein kleiner, ernster Mann. Er trug eine schwarze Kutte und dazu einen ebenfalls schwarzen, hohen Hut. Wir alle hatten schwarze Umhänge an.

Ich betrachtete die anderen und fühlte eine unendliche Traurigkeit in mir aufsteigen.

Mum hielt eine silberne Urne fest in ihren Händen, umklammerte sie, als wollte sie sie nicht mehr los lassen, nie wieder.

„Können wir beginnen?", fragte der Pastor mit dünner Stimme.

„Oh, entschuldigen Sie, wenn wir noch fünf Minuten warten könnten, dann-"

Genau in diesem Moment hörten wir alle einen Knall, der sich in den umliegenden Wiesen verlor. Erschrocken hüpfte der kleine Mann. Keine zwei Minuten später stieß Harry zu uns. „Es tut mir Leid", murmelte er mit rotem Kopf und stellte sich schnell neben Ron.

„Gut, nun, da wir vollständig sind, möchte ich mich kurz vorstellen", piepste der Pastor. „Ich bin Mr Huggindale. Heute werde ich, mit ihnen zusammen, Arthur Weasley verabschieden, der unglücklicherweise von uns gehen musste." Er bemühte sich um eine ernste und mitfühlende Miene. Er ging zu einem kleinen Loch in der Erde. Dahinter stand schon der Grabstein. Arthur Weasley, las ich. Geburts- und Sterbedatum, wie Ron es gesagt hatte. Und dann: Weasley ist unser King mit all seinen Autos und Feletonen.

Mr Huggindale las aus der Bibel vor. Ich fragte mich, wer von den Muggeln sich die ganz durchlas – in meinen Ohren klang es doch etwas schwer verständlich, einiges zumindestens, aber Mum weinte schon.

„Nun", beendete der Pastor seine Rede, „ich will Ihnen, Ihnen allen, noch die Möglichkeit geben, etwas zu sagen und sich so öffentlich zu verabschieden." Er trat beiseite.

Unsere Mutter war die Erste, die sich neben das Grab stellte, die Urne unter ihrem Arm. Mit einer zitternden Hand suchte sie in ihrer Tasche und fand den Zettel. Ron hatte mir erzählt, Mum habe am Abend zuvor eilig auf einen kleinen Fetzen Pergament gekrickelt.

„Mein lieber Arthur", las sie, auf ihre Notizen schauend, vor. „Wir sind heute hier versammelt, um uns von dir zu verabschieden. Die Ärztin hat gesagt, es könnte jederzeit passieren, und nun ist es passiert. Deine Organe haben versagt." Ihre Stimme war wackelig. „Ich habe zu deinen Ehren ein kleines Gedicht geschrieben, das ich vortragen möchte." Sie räusperte sich.

„Du warst der liebste Mann der Welt,

für mich kamst du wie bestellt.

Du liebtest mich, so wie ich bin,

und du liebtest unser erstes Kind.

Du hast geschuftet uns zu ernähn'

Dafür bedanke ich mich sehr,

waren die im Ministerium doch nicht immer nett,

gearbeitet hast du trotzdem adrett.

Vermissen werde ich dein rotes Haar,

auch wenn es immer lichter ward,

Vermissen werde ich dein Lachen

Über die verschiedensten Sachen

Eins ist klar, du bleibst für immer bei mir,

in meinem und dem Herzen deiner Kinder."

Sie putzte sich die Nase und schniefte. Wir klatschten leise Applaus.

Sonst wollte niemand etwas sagen, aber das brauchten wir auch nicht. Wir sahen unseren Dad vor uns, wir hörten seine Stimme. Wir erinnerten uns an seinen Mut, seine Tapferkeit und dass er nie seinen Humor verloren hatte. Dass er uns zu jeder Zeit beschützen wollte. Es war, als wäre er selber anwesend und würde uns alle noch einmal in den Arm nehmen, bevor er gen Himmel flog und verschwand.

Hermine schluchzte, Harry hatte Wasser in den Augen. Die Zwillinge standen mit betretenen Mienen vor dem Grab. Verstohlen wischte sich Fred mit dem Handdrücken über das Gesicht. Colin schwieg und blickte traurig drein. Ron drückte Hermines Hand so fest, dass sich ihre Knöchel weiß färbten; auch sein Gesicht war schneeweiß. Percy hatte einen Arm um Penelopé gelegt. Ihm rannen stumme Tränen die Wangen hinunter. Seine Frau biss nervös auf ihrer Unterlippe herum und starrte gedankenverloren ins Leere. Ich begann Rotz und Wasser zu heulen.

„Ich möchte Sie nun bitten, mit mir gemeinsam das Grab mit Erde zu bedecken", sagte Pastor Huggindale in einem ganz besonders einfühlsamen Tonfall.

Mum trat vor. „Ich werde sie hineinlegen, in Ordnung?", schluchzte sie und hielt die Urne in die Höhe. Mr Huggindale nickte kurz. Unsere Mutter beugte sich über die Grube und genau in diesem Moment rutschte sie aus. Erst weinten wir alle noch mehr, weil es auf Beerdigungen nicht üblich war und schon gar nicht koscher, in das Grab zu fallen, aber dann lachten wir alle, auch Mum, und wir waren uns sicher, dass Dad es ebenfalls witzig gefunden hätte. Der Pastor konnte sich ein Kichern nicht verkneifen und half Mum, wieder Rasen unter die Füße zu bekommen. Dann ließ er die Urne in die Erde ein.

Wir alle schippten mindestens eine Schaufel Erde, um das Grab zu bedecken. Mum hatte Blumen mitgebracht und rannte in die Kirche, um sie zu holen und einzupflanzen. Zum Schluss bat Pastor Huggindale um eine Schweigeminute, bevor er sich von uns verabschiedete. „Alles Gute", wünschte er meiner Familie und unseren Freunden. Wir bedankten uns.

„Jetzt habe ich zu Hause im Fuchsbau ein wenig zu essen vorbereitet und ich würde mich freuen, wenn ihr alle kommt", erhob meine Mum Molly ihre Stimme. Spontan gab es begeistertes Klatschen. Ein Lächeln zog sich über ihr Gesicht.

Colin und ich gehörten zu den Letzten, die apparierten, als ich plötzlich eine Bewegung hinter einem Baum wahrnahm und eine Stimme meinen Namen rief. Ich drehte mich suchend um und erblickte ihn sofort. Vorsichtig lugte er hinter dem dicken Stamm hervor. Colin wandte seinen Blick von ihm ab.

„Komm, Ginny", murmelte er und zog an meinem Arm. Aber ich reagierte nicht, sondern fragte Draco stattdessen: „Was willst du?"

„Mit dir reden!", rief er zurück.

„Okay, ich hab nicht viel Zeit", warnte ich meinen Ex-Freund, doch der zuckte nur mit den Achseln.

„Lass den doch, wir gehen", drängte Creevey.

„Gib uns ein paar Minuten, geh schon mal vor." Ich schüttelte seine Hand ab und ging ein paar Schritte auf Malfoy zu.

„Wie du meinst.", sagte mein Freund nur und ich sah, wie verletzt er war, als er mit einem Knall apparierte.

Draco ging zur Kirche hinüber und mir wurde bewusst, dass er sich sehr sicher sein musste, dass ich ihm hinterherdackeln würde, denn er drehte sich kein einziges Mal um. Das ärgerte mich und natürlich tat ich es trotzdem. Er setzte sich auf die unterste Stufe und klopfte neben sich. Ich setzte mich ebenfalls. Eine Minute verstrich. Er sagte nichts und ich sagte nichts.

„Also?", fragte ich schließlich.

„Ich liebe dich", flüsterte er, ohne mich anzusehen.

Ich liebe dich! Was waren das doch für drei lächerliche Worte – so einfach kam er mir nicht davon!

Die Tränen stiegen mir in die Augen, aber ich schnaubte: „Na klar. Hast du die ganze Beerdigung beobachtet?"

„Ja."

„Ich hab dich nicht herkommen hören."

„Ich habe etwas weiter weg appariert, damit mich keiner entdeckt."

„Wie mutig und elegant von dir", höhnte ich und wurde wütend auf mich, weil ich weinte und weil die Schmetterlinge in meinem Bauch immer aufgeregter flatterten.

„Wollen wir reingehen?" Er deutete auf das kleine, weiße Gebäude hinter uns ohne auf meinen Tonfall einzugehen.

„Woher kennst du die Kirche hier?", fragte ich ihn und stand auf, um vorzugehen. Zu meiner Überraschung lief Draco sehr rosa um die Nasenspitze herum an.

„I-Ich... Ich weiß nicht, na ja, also", stammelte er. Wir setzten uns auf die hinterste Bank. Wir waren die einzigen in der Kirche. „Ehrlich gesagt", er sah mich nicht an, „hab ich dich beobachtet. Du gingst hier her und ich bin dir gefolgt. Eigentlich wollte ich abends bei euch klingeln, aber ihr hattet Besuch. Ich wollte gerade gehen, als ich sah, wie du aus der Tür kamst."

„Woher wusstest du, wohin ich-?"

„Es war nicht das erste Mal, dass ich dich beobachtet habe", gestand Draco.

„Wieso hast du mir nicht einfach geschrieben, statt mich heimlich zu bespitzeln? Ich dachte, du würdest dich einen Dreck um mich scheren!" Ich vergrub mein Gesicht in den Händen und stöhnte auf.

„Ach, Ginny", er streichelte unbeholfen meinen Rücken, „du kennst mich doch."

„Du bist viel zu stolz", nuschelte ich hinter meinen Händen hervor.

„Jaaa", stimmte er verlegen zu. „Ich möchte dir erzählen, warum ich so lange in Gringotts geblieben bin", sagte Draco plötzlich ernst.

Ich schaute überrascht auf.

„Mein Vater brauchte das Geld."

Ich wartete darauf, dass er noch etwas sagte, aber er tat es nicht. „Das war alles?", hakte ich verblüfft nach. Er nickte. „Und wieso erzählst du mir das nicht gleich?"

„Ich dachte,... nun ja, ich dachte,...", druckste Malfoy herum, „...ich dachte, du würdest es nicht verstehen. Du magst meine Familie ja immer noch nicht sonderlich gerne und-"

„Oh mein Gott!", seufzte ich.

„Und jetzt wollte ich dich bitten...", er holte tief Luft, „...ich wollte dich bitten, wieder zu mir zurück zu kommen."

„Na so was", murmelte ich und starrte die hölzerne Bank vor mir an.

„Creevey hat gesagt, ihr wärt verlobt", setzte er hinterher und beobachtete mich aufmerksam, um festzustellen, ob es stimmte.

„Er hat mich gefragt und ich hab ja gesagt."

„Dass heißt, du.... Du willst gar nicht mehr, dass wir-?"

„Ich dachte das tatsächlich", erklärte ich ihm. „Und als du mich besuchst hast, du weißt schon-"

„Du meinst, als du nur in diese grüne Decke eingwickelt-"

„Genau", unterbrach ich ihn. „Da musste ich feststellen, dass... Dass ich dich durchaus noch..." Ich schaute verlegen an die Decke. „Dass ich dich liebe. Und wie!" Ich seufzte.

Draco entgegnete nichts, aber als ich ihn anschaute, lächelte er. Er legte, immer noch lächelnd, einen Arm um mich. Dann beugte er sich zu mir rüber. Sein Gesicht war ganz nah vor meinem und ich roch den Geruch seiner Haut. Wie sehr ich ihn vermisst hatte!

„Was machen Sie denn noch hier?", hörte ich eine überraschte Stimme. Wir fuhren auseinander, als würden wir etwas Verbotenes tun. Verwirrt tauchte hinter uns Pastor Huggindale auf.

„Wir... Wir...", suchte Draco nach einer Erklärung.

„Wir mussten noch etwas klären", sagte ich schnell.

„Jaa", stimmte mein Freund zu, „ganz dringende Sache."

„Nun denn, nun denn", sagte der Pastor, immer noch etwas verwundert, aber er ließ uns in Ruhe.

„Kommst du mit zur Trauerfeier?", fragte ich Malfoy, als wir wieder draußen in der Sonne standen.

„Ach, da ist doch noch Creevey und deine Mutter sieht mich sicherlich auch nicht so gerne und-"

Ich verdrehte genervt die Augen. Er versuchte schon wieder sich herauszureden. Versuchte schon wieder möglichst allem aus dem Weg zu gehen, was unangenehm war! Verdammt, es ging um mich und nicht immer nur um ihn!

„Dann nicht", erwiderte ich sauer und machte, dass ich nach Hause kam.

Die Trauerfeier wurde wirklich schön, Dad hätte sich gefreut. Aber Colin sah mich seltsam an. Als wir uns auf den Weg zu seiner Wohnung machten, wechselten wir kein Wort.


review?