Epilog, Akt 1
Finsternis und Kälte hüllte ihn ein, ehe die Dunkelheit von einem schmalen Streifen Licht unterbrochen wurde, als Lir langsam die Augen öffnete. Sein Kopf schmerzte und als er seinen rechten Arm heben wollte, um seinen Kopf zu betasten, durchfuhr ihn stechender Schmerz. Er konnte seinen Arm nicht bewegen. Was war mit ihm passiert? Wie hatte er den Sturz überlebt? Und wo war er überhaupt? Lir drehte den Kopf und sah sich um. Er lag in einer Art Bett. Weiches Moos war seine Matratze und er war in eine dicke Felldecke gehüllt. Als er sich umsah, erkannte er, dass er in einer Art Höhle war. Die Wände waren schwarz. Der Raum war annähernd rund, hatte eine hohe Decke. Überall waren Regale voller Schüsseln aus Ton. "Wo bin ich?", fragte er heiser und versuchte, aufzustehen. Plötzlich schien sich ein Schatten am Eingang dieser Höhle zu manifestieren. Ein Vorhang aus Tierfell wurde zur Seite geschoben und eine Gestalt betrat die Höhle. "Du bist in meinem Zuhause, Jedi." Die Stimme hallte in Lirs Kopf wieder, verstärkte seine Kopfschmerzen. Er kniff die Augen zusammen und sah sich die Gestalt genauer an. Es war ein riesiges, breites Etwas. Fast zweieinhalb Meter groß, schätzte Lir. Es war bedeckt von Lumpen, zusammengenäht aus verschiedenen Tierfellen. Und das Gesicht war eine Maske, nein, ein Schädel irgendeines Tiers. Ein Geweih ging von diesem Schädel aus. Und irgendwie kam ihm dieser Anblick vertraut vor. Doch fand er es auch beängstigend. War er vielleicht in die Gewalt eines Monsters geraten, welches ihn essen wollte? Doch woher wusste dieses Wesen, dass er ein Jedi war? Neben dem Bett, auf einer Art Nachttisch, lag Lirs Lichtschwert. "Wer seid Ihr?", wollte Lir wissen und nahm sich sein Lichtschwert, obwohl er sich kaum bewegen konnte. Das Wesen blieb stehen und ließ einen Korb zu Boden fallen, der voller Moos war. "Mein Name ist Tianorr", hörte Lir die Stimme in seinem Kopf. Offenbar benutzte dieses Wesen Telepathie. "Habt Ihr mich gerettet?" Die Gestalt mit der Schädelmaske nickte. "Ich habe deinen Sturz etwas abgebremst. Doch trotzdem hast du dir den Arm gebrochen und dich am Kopf verletzt. Aber besser als der Tod ist das allemal, würde ich sagen." Das Wesen, Tianorr, trat in die Mitte des runden Raums, wo ein Kessel über einer Feuerstelle baumelte. Der Raum hatte eine Kegelform. Rauch würde in der Mitte des Raums hoch steigen und durch ein kleines Loch nach draußen gelangen. "Ich muss wieder zurück", sagte Lir, als Tianorr ihm eine Schale mit Suppe reichte. Lir trank einen Schluck der warmen Brühe. Sie schmeckte nicht besonders gut, doch solange sie satt machte, wollte Lir sich nicht bei seinem Retter beschweren. Doch da fiel ihm etwas ein. "Seid Ihr verbannt, dass Ihr hier lebt?" Die Gestalt sah ihn aus der Schwärze der Augenlöcher des Schädels an. "Ja, das bin ich. Ich lebe seit zweihundert Jahren hier unten." Und dann verstand Lir, was diese Gestalt war. Und er erkannte auch, warum ihm der Anblick Tianorrs so bekannt vorkam. Sofort aktivierte er sein Lichtschwert. "Ihr seid ein Tulgah-Hexer, nicht wahr?" Und Tianorr gab ein Geräusch von sich, welches an ein Lachen erinnerte. Ein hohles Lachen. Und Lir musste wieder an seinen Traum denken, den er unterwegs nach Kashyyyk gehabt hatte. Plötzlich erstarb die blaue Klinge seines Lichtschwerts und kurz danach zerfiel die Waffe in seine Einzelteile. Tianorr hatte eine vage Handbewegung gemacht und die Waffe zerstört. "Was wollt Ihr von mir? Warum habt ihr mich gerettet?", wollte Lir wissen, der sich ohne Waffe hilflos fühlte.
Tianorr knurrte etwas und Lir stellte fest, dass es sich um einen Wookiee handelte. Tianorr meinte, dass er Lir in seinen Visionen gesehen hatte, dass es der Wille der Macht gewesen war, dass Lir in die Tiefe stürzte und von ihm gerettet wurde. "Es ist der Wille der Macht, dass du hier bist, Lir. Du wirst mein Schüler werden." Lir hätte beinahe aufgelacht, als er diese Worte in seinem Kopf vernahm. Er sollte der Schüler eines Tulgah-Hexers werden? "Eure finsteren Lehren könnt Ihr für Euch behalten", rief Lir und schwang die Decke zur Seite, um sich aus dem Bett zu erheben. Doch plötzlich wurde er wie von einer unsichtbaren Macht festgehalten. "Es liegt in der Natur des Menschen, alles was er nicht kennt zu fürchten", hallte Tianorrs Stimme in Lirs pochendem Kopf wieder. "Strebt ihr Jedi nicht nach Weisheit? Und wer sagt, dass alles, was ich dir beibringen könnte, von schlechter Natur ist?" Er unsichtbare Griff, der Lir festgehalten hatte, war verschwunden. Lir musste an die Worte seines Meisters Tyvokka denken, dass Wissen niemals falsch war. Doch waren die Tulgah ein böser Orden gewesen. "Ihr seid böse und deshalb seid Ihr verbannt worden", entgegnete Lir trotzig. Tianorr schüttelte den Kopf. "Nein, wir wurden verbannt, weil die Jedi Angst vor uns hatten, weil sie neidisch auf uns waren. Wenn man das große Mysterium der Macht verstehen will, muss man alle seine Aspekte kennen. Doch wenn du nicht willst...dann lasse ich dich laufen. Doch deine Freunde sind schon längst weg. Du hast eine ganze Woche geschlafen." Lir erschrak. Er griff umgehend mit der Macht hinaus, um seinen Meister zu erspüren. Doch er fand ihn nicht. Tyvokka, Yaddle und Ryan hatten den Planeten tatsächlich verlassen. Hatten sie ihn aufgegeben? Hielten sie ihn für tot? Er musste an Ryan denken und an ihren Kampf. Es hätte nicht soweit kommen dürfen, er hatte einen Fehler gemacht. "Ich will ein Jedi werden und kein verrückter Hexer", sagte Lir fest entschlossen. "Ich gehe." Tianorrs Augen funkelten in den Tiefen seiner Schädelmaske. Er hob eine Hand und fuhr seine Klauen aus. Etwas, was bei Wookiees eigentlich unehrenhaft war. "Wirst du mich verraten?", fragte die Stimme in Lirs Kopf. Und Lir wusste keine Antwort darauf. "Ihr seid ein Tulgah-Hexer. Ich bin sicher, der Jedi-Orden wäre froh, Euch tot zu wissen." Und sofort bereute er die Antwort. Sicher konnte der Wookiee ihn mit Leichtigkeit umbringen. Und niemand würde es erfahren, weil man ihn bereits für tot hielt. "Ihr könntet mich umbringen, wenn Ihr glaubt, ich könnte Euch in Gefahr bringen. Und wenn ich niemandem von Euch erzähle, würdet Ihr mir glauben?" Tianorr ging im Raum auf und ab. "Ich könnte dein Gedächtnis löschen", hörte Lir die Stimme in seinem Kopf flüstern. "Du würdest dich nicht an mich erinnern. Ich würde dich also gehen lassen. Ich bin kein Mörder. Ich bin ein Bewahrer des Wissens." Lir überlegte. Ein gutes Angebot. Die Erinnerung an diesen Vorfall verlieren und frei sein. Doch würde er es überhaupt in die Zivilisation zurück schaffen? Ohne Lichtschwert? Er griff mit der Macht hinaus. Er war hunderte von Kilometern von der nächsten Stadt entfernt. "Was ist, wenn ich hier bleibe? Ihr wollt einen Schüler? Und warum soll ich der Richtige sein? Ich will ein Jedi werden." Tianorr sah ihn lange an. "Du bist ein Freidenker. Ich habe es gesehen. Und gespürt. wie du dich gegen deinen Kameraden gestellt hast. Zwingt dich der Jedi-Kodex nicht in eine Rolle, die deinem Verstand und deinem Herzen zuwider ist? Für die Republik kämpfen, aber so vielen Regeln unterworfen zu sein. Und so viele Welten vernachlässigen zu müssen. Ist es so schön, ein Jedi zu sein? Ihr seid eingeschränkt und blind für die Wahrheit. Für das Übel in der Galaxis und für wahre Kraft" Lir musste sich konzentrieren, die Worte zu verstehen, die der Wookiee viel zu hastig in seinen Geist übermittelte. "Dann sagt mir doch, was Euch besser als die Jedi macht", konterte Lir wütend. Und Tianorr erzählte es ihm.
"Die Jedi-Ritter stehen für die Republik, Freiheit und Gerechtigkeit", hallte Tianorrs Stimme in Lirs Kopf. "Doch die Republik macht Fehler, wie du weißt. Ihre Ansicht von Gerechtigkeit ist denselben Grenzen unterworfen wie dein Verständnis für die Macht." Tianorr setzte sich neben Lir auf das Moosbett. Aus dieser Nähe konnte Lir sehen, dass das Fell des Wookiees schwarz war. "Die Jedi müssen tun, was die Republik für gut erachtet. Aber du hast dich gegen diese Ansichten gestellt. Und nun stell dir vor, du wärst frei. Frei zu tun, was du möchtest." Tianorr starrte Lir durch die Schädelmaske hindurch an. "Aber du kennst keine Freiheit. Ihr Jedi dürft nichts besitzen, nichts lieben, nichts begehren. Ich frage dich: Wie kannst du für Freiheit kämpfen, wenn du sie selber gar nicht kennst?" Darauf wusste Lir nichts zu sagen. "Ich bin es halt so gewohnt", begann er zögernd. "Keine ablenkenden Dinge zu kennen ist gut." Da lachte der Wookiee. "Nach Weisheit strebt ihr und so vieles kennt ihr Jedi überhaupt nicht. Ihr seid Gefangene eurer Regeln und alles, was nicht euren Idealen entspricht ist böse und muss vernichtet werden. Ich bin hier Gefangen, weil die Jedi keinen Respekt vor wahrer Weisheit haben." Lir schwieg. Es stimmte, es gab so viele Dinge, die er nicht kannte. So viele Erlebnisse, die für normale Menschen alltäglich und normal waren. Er, als Jedi, hatte vor dem Jedi-Rat zu kuschen, der selber von der Republik kontrolliert wurde. "Selbst wenn die Jedi so schlimm und unwissend sind", begann Lir, "Was sollen die Vorteile Eurer Lehren sein? Wenn sie mich zur Dunklen Seite der Macht bringen?" Tianorr starrte ihn noch immer an, der Anblick erinnerte Lir an die Büste in den Archiven des Jedi-Tempels. "Um die Macht gänzlich zu begreifen muss man beide Seiten kennen. Perfektes Gleichgewicht muss erreicht werden, so dass man der Dunklen Seite nicht anheim fällt. Warum ist Zorn falsch, wenn er dich stark macht? Die Mächte, die ich beherrsche, können für das Gute eingesetzt werden." Tianorr machte eine lange Pause. "Mein Meister ging sogar soweit zu sagen, dass es keine Dunkle Seite der Macht gibt. Es gibt nur die Macht. Wie man sie einsetzt, ist jedem selber überlassen." Lir hörte der Stimme in seinem Kopf zu. "Und ihr Jedi-Ritter widersprecht euch selber: Ihr kämpft für die Republik, obwohl euer Kodex sagt, dass ein Jedi die Macht für das Wissen, für die Verteidigung benutzt. Niemals zum Angriff. Wenn das stimmen würde, würden die Jedi keine Kämpfer sein. Sondern nur nach Wissen streben. Aber selbst das macht ihr nicht wirklich. Ihr lernt nur die harmlosen Dinge. Die wahre Kraft wird gemieden. Ihr versteht die Macht nur zur Hälfte." Wieder lachte der Wookiee. "Die Macht zur Verteidigung nutzen, niemals zum Angriff... Ihr haltet euch nicht an euren eigenen Kodex. Ihr dient der Republik und deren verdrehter Ansicht von Recht und Ordnung. Eure Weisheit reicht nicht aus, um eigene Entscheidungen zu treffen. Ich stehe über solchen Dingen. Und du kannst das auch." Lir hatte dem Tulgah-Hexer gut zugehört. Er beschloss, vorerst hier zu bleiben. Wissen war niemals falsch und wenn ihm die Lehren Tianorrs nicht gefielen, würde er sie einfach nie benutzen. Aber vielleicht war das Wissen, was der Wookiee vermitteln konnte, ja nützlich und würde Lir zu einem noch besseren Jedi machen, wenn er zum Orden zurückkehrte.
Ende, Akt 1
