14. Mekor Barukh, Jerusalem

In der späten Abendsonne stiegen die beiden Abenteurer eine schmale und steile Straße hinauf. Die typisch israelischen, sandsteinfarbenen Wohnhäuser waren Wand an Wand aneinandergedrängt und unterschieden sich nur durch leichte Abweichungen der Farbnuancen und Oberflächenstruktur. Vor einem unscheinbaren, zweistöckigen Steinhaus mit weißen Fensterläden und weißem Balkon hielt die Britin an und stieß einen leisen, zufriedenen Seufzer aus.

„Da wären wir."

Kurtis' Blick folgte ihrem. „Kein Hotel?", fragte er, angenehm überrascht.

„Hört, hört.", neckte ihn die Britin. „Mr. Trent hätte gerne ein Hotel."

„Naja, er hätte mit einem gerechnet, nachdem er bei der Großherzogin zu Besuch war.", stichelte er zurück.

Herzogin.", bestand Lara. „Das hier ist viel besser als das beste Fünfsternehotel der Stadt. Wenn der uneingeschränkte Zugang zur Hausbibliothek eines ausgezeichneten Historikers kein Luxus ist -"

Kurtis verschränkte die Arme und nickte anerkennend. „Du hast wohl Freunde in jedem Land?"

„Natürlich.", entgegnete sie selbstverständlich. „Warte hier."

Sie machte einen kurzen Abstecher an die nächste Haustür, während die Aufmerksamkeit des Amerikaners zwischen ihr und einer streunenden Katze, die von dem Balkon darüber zum nächsten sprang, pendelte. Ein junger Mann empfing die Britin an seiner Haustür, als hätte er sie scheinbar erwartet. Nach nur einem kurzen Wortwechsel verabschiedete sie sich und kehrte, mit einem kleinen Schlüsselbund winkend, zu Kurtis zurück, der sich an die Hauswand gelehnt hatte. Schnell hatte sie das Schloss geöffnet und ließ die Tür nach innen aufschwingen.

„Willkommen daheim bei Dr. Samuel Andrews.", sagte sie, „Er kann uns leider nicht persönlich empfangen, aber er möchte trotzdem, dass wir uns ganz wie zuhause fühlen."

„Der Mann ist mir sympathisch...", nuschelte Kurtis, gerade noch so leise, dass sie es nicht gehört hatte.


Stillschweigend folgte Monteiro dem Sizilianer durch das Tunnelsystem des Eisbunkers in Labaro. Vor wenigen Momenten hatte er mit Lara Croft Rücksprache gehalten – falls man das so nennen konnte; es hatte ihn Einiges an Überzeugungskraft gekostet, der Britin einige spärliche Informationen über ihr Vorankommen und ihren momentanen Standort zu entlocken. Trotz der Tatsache, dass er ihr Auftraggeber war, hatte ihn Laras Verhalten nicht allzu sehr gewundert. Ihre Vorgehensweise unterschied sich von seiner eigenen nicht allzu sehr: handeln und dabei die Anzahl der Mitwisser auf ein Minimum reduziert halten. Oder gegebenenfalls reduzieren. Dennoch konnte er sich nicht mit dem Gefühl begnügen, selbst dabei zu kurz zu kommen. Er biss sich auf die Lippen, um sein Missfallen an der Situation nach außen hin nicht zu zeigen.

Die beiden Männer erreichten das Ende des Ganges, wo sie auf eine geschlossene Stahltür mit großem, massivem Drehrad trafen. Der Italiener begab sich zu dem grauen, in der Wand integrierten Identitätsleser und entsicherte mit einer Zahlenkombination die Elektronik. Mit einem kräftigen Ruck am Drehrad löste er die mechanische Verriegelung und öffnete die schwere Tür.

„Jetzt wird es sehr kalt, Boss.", erklärte er und ließ Monteiro über die Schwelle treten.

Der eiskalte Geruch von Medikamenten und Sterilität stahl sich augenblicklich in die Nase des Portugiesen und durchzog ihn mit einem unangenehmen Schauder. Monteiro sah sich um. Ringsum an den grauen Wänden standen unzählige Stahlschränke, Spinde, mehrere große Abstellflächen und ein langes Waschbecken mit zwei Wasserhähnen. Möglicherweise hatte dieser Bereich früher zu medizinisch-operativen Zwecken gedient. Von der relativ niedrigen Decke hingen in kurzen Abständen ausgeschaltete Halogenleuchter herab. Trotzdem war Raum weiß erleuchtet: Die Wand zu seiner linken war völlig verglast und bot Einsicht in den angrenzenden Bereich. Kaltblaues Flutlicht strahlte blendend hell und ließ den Frostnebel, der darin wallte, noch dichter und noch eisiger erscheinen. Monteiro trat dichter an die Scheibe heran. Nach einigen Momenten erkannte er in den weichen, diffusen Schwaden die Umrisse eines langen, in weißen Laken eingehüllten Körpers auf einer Metallbahre.

„Das ist er also.", sprach Monteiro leise, beinahe ehrfürchtig.

Wie benommen starrte er durch die Scheibe auf die langgestreckte Silhouette des Nephilim. Unter den Leinen befand sich also der Schlüssel, der womöglich alles wiederherstellen konnte. Sein analytischer Verstand versuchte ihm immer wieder aufs Neue zu verdeutlichen, wie irrational, manisch und völlig unmöglich zu erfüllen sein Wunsch nach der Wiederauferstehung seiner Frau doch sei, doch seitdem sein Pate ihn mit diesem Hoffnungsschimmer verführt hatte, erkannte Monteiro sich selbst nicht wieder.

„Wie kalt wird er gelagert?", wollte er wissen.

„Minus 37 Grad Celsius.", erwiderte der Sizilianer mechanisch.

„Gut."

Monteiros Gedanken schweiften wieder zu Lara Croft. Würde sie ihren Auftrag erfüllen und die Reliquie finden können? Er traute es ihr zu, doch das war ihm zu wenig. Er brauchte Gewissheit, dass sie einzig und allein in seinem Interesse handelte. Er brauchte direkten Zugang zu ihrem Wissen.

„Möchten Sie sich das Objekt näher ansehen, Boss?", wollte der Sizilianer wissen. „Soll ich Ihnen einen Frostschutzanzug herauslegen?"

„Nein. Ich bin hier fertig. Bring mich hinauf und bereite meinen Hubschrauber zum Vatikan vor.", orderte er.

Er musste Lara Croft Chase Carver als ihren offiziellen Partner vorstellen.


„Ich hoffe, Sie mussten nicht lange warten, Miss Croft", begrüßte ein älterer, hochgewachsener Mann die Britin, „Ich bin Yotam Keren, Willkommen in Jerusalem!"

„Danke, Dr. Keren.", entgegnete die Archäologin und schüttelte die Hand des Museumsleiters.

„Seit wann sind sie in der Stadt?"

„Erst seit gestern Abend. Jerusalem hat sich sehr verändert, seit ich das letzte mal hier war."

„Ja, es ist viel passiert. Aber unser Museum steht noch immer.", lachte er und sah sich dezent suchend um, „Samuel hatte angekündigt, dass Sie in Begleitung kommen?"

„In Begleitung?" fragte Lara verwundert, fing sich dann aber schnell. „Oh, Mr. Trent arbeitet sich gerade in seine Quellen ein. Wir arbeiten an verschiedenen Projekten.", stellte sie mit einem kleinen Lächeln klar. Offenbar hatte Dr. Andrews ihre Erwähnung eines ‚Partners' missverstanden.

„Nun gut." Er streckte die Hand in die Richtung der Verwaltungsräume aus. „Wollen wir?"

Auf dem Weg in die Kellersammlung wunderte sich Lara über die sehr einfachen Sicherheitsmaßnahmen, die aus einfachen Schlössern und einer – sichtlich defekten – Überwachungskamera bestanden. Aber auch das Archiv selbst war an Schlichtheit kaum zu überbieten: Ausgehend von einem engen Mittelgang erstreckten sich zu beiden Seiten lange Metallregale. Die unzähligen, akkurat etikettierten Ordnerrücken und Sammelbänder sorgten für eine einheitliche Front.

Der Direktor führte Lara zu einer breiten Nische, die fast schon als eigener Raum angesehen werden konnte und offenbar als kleine Arbeitsstation für weniger aufwändige Untersuchungen genutzt wurde. Vor zwei Wänden befanden sich jeweils ein langer und breiter Tisch. Die dritte Wand war bis zur Decke von einem breiten, schwarzen Karteischrank ausgefüllt. Dr. Keren bot der Archäologin auf einem der beiden Drehstühle Platz an, schaltete die Lichtleiste an und begab sich an den Schrank, um die entsprechende Kartei zu herauszusuchen.

„Ah, da bist du ja.", sagte er halblaut, zog eine Mappe aus dem Register, öffnete sie und schaute nach der Archivnummer, „Waren Sie kurz, Miss Croft, ich bin gleich zurück."

Einige Momente später rollte Dr. Keren einen langen, robusten Ordner auf einem kleinen Aluminiumwagen heran und legte ihn behutsam auf die Arbeitsfläche. Er löste die Scharniere, die den Deckel fixierten und öffnete ihn. Jedes Blatt der alten Schrift in dem Ordner war ordentlich konserviert und zwischen Leichtglasscheiben gepresst.

„Es ist ein Wunder, dass das Papyrus rund viertausend Jahre fast ohne Beschädigung überlebt hat." Seine Stimme flüsterte voller Bewunderung, während sich seine Augen an dem antiken Papier gar nicht satt sehen konnten.

Lara schmunzelte in sich hinein – sie konnte die Faszination des Museumsleiters nachvollziehen, aber für sie war dieser Anblick nicht ganz so ungewöhnlich. Immerhin hatte sie in verlassenen ägyptischen Grabstätten solche und noch ältere Papyri wie Sand am Meer gesehen, die nur auf so viel Aufmerksamkeit hoffen konnten. „Das sind also vermutlich die ersten schriftlichen Quellen der Kabbala.", sagte sie verhalten. „Um ehrlich zu sein, hatte ich mit geritzten Steintafeln gerechnet."

Dr. Keren lächelte. „Es sind keine Gebote, wie bei Moses, Miss Croft. Überwiegend ist das hier ein Journal über die Zeit, die Shem und Ever in der Höhle verbracht haben, um zu meditieren."

„Die beiden waren also nicht die Begründer?"

„Natürlich nicht, aber ich bin mir relativ sicher, dass sie die ersten waren, die überhaupt über die Kabbala geschrieben haben. Wir haben Glück, dass Shem und Ever nicht nur auserwählt waren, sondern dazu auch noch schreiben konnten!"

„Auserwählt - das klingt nach einem Auftrag durch eine übersinnliche Macht.", warf Lara ein, „Die Kabbala ist doch keine Religion."

„Das stimmt. Dennoch heißt es, dass die Essenz dieser Überlieferung nur bestimmten Menschen sichtbar gemacht werden kann." Dr. Keren suchte einen bestimmten Absatz ungefähr in der Mitte der langen Schrift. „Die beiden haben in der Höhle Besuch bekommen, und zwar von einem Wesen, das – so heißt es hier –", Er klopfte vorsichtig durch das Glas auf die Stelle, „menschengleich war. Haben Sie von dem geheimen Buch Henoch gehört, Miss Croft?"

Lara erinnerte sich an eine Erwähnung dieses Namens im Tagebuch ihres verstorbenen Mentors. ‚Nephilim - aus den Psalmen des ENOCH. Verfluchte Abkömmlinge der Engel und Menschen. Wurden in biblischen Zeiten vernichtet.' Damals hatte die Britin die Textzeile nicht genauer nachgeschlagen.

Sie schüttelte den Kopf. „Was hat es damit auf sich?"

„Möglicherweise liefert es eine Erklärung." Er schob einen Drehstuhl heran, setzte sich und atmete durch. „Henoch war ein biblischer Prophet.", begann er. „Er wurde noch zu Lebzeiten in den Himmel geführt und durfte seine Beobachtungen niederschreiben, um sie später an die Menschen weiterzugeben. Er passierte die zehn Sphären des Himmels, sah die schönen Orte für die Frommen und Guten. Er sah aber auch furchtbare Orte, die den Sündigern vorbehalten waren. Und dort traf er auf die so genannten Wächter - Engel mit abgeschlagenen Flügeln, die angekettet auf ihre Strafe warteten."

Lara schaute auf. „Ich glaube, ich habe eine solche Szene schon einmal gesehen", sagte sie stockend und beschrieb das Szenario, das sie vom dritten Gemälde der Finsternis in Erinnerung hatte, bevor es mit den vier anderen Stichen verschmolzen wurde. „Da waren auf einem großen, runden Platz dunkle, weinende Gefangene mit Flügelstummel am Rücken an Metallschlaufen im Boden gekettet. Darüber schwebte ein großer Engel mit einem Schwert in der Hand und im Hintergrund konnte man eine riesige Burg erkennen. Es war eine grauenvolle Szene."

„Das Gericht des zweiten Himmels, ja. Die Wächter hatten den Menschen Laster und Sünden beigebracht. Sie hatten sich auf die menschlichen Frauen eingelassen und sie Hexerei, Beschwörungen und Weissagungen gelehrt. Die Strafe der Wächter war die endgültige Verdammnis aus dem Himmel, wo sie unter höllischen Qualen unter den Menschen weilen sollten. Noch schlimmer traf es aber deren halbmenschliche Nachkommen: die waren furchtbare, mächtige Riesen. Seelenlos, gottlos und unsterblich."

„Die Nephilim.", sagte Lara in Gedanken.

Dr. Keren nickte bestätigend. „Nephilim, böse Geister, Dämonen–", zählte er auf, „sie sind unter vielen Namen bekannt. Henoch schreibt, sie seien geboren mit einem unstillbaren Hunger nach Hass, Rachsucht und Zerstörungswut."

Er blätterte sorgfältig weiter. „Wenn wir zu dieser Schrift zurückkommen - Shem berichtet von einer riesigen, von innen heraus leuchtenden, menschlichen Gestalt, die zu ihm und seinem Sohn in die Höhle gekommen war. Diese Gestalt lehrte die beiden, ihren Sinn für das Reine empfänglich zu machen. Als aber nach vielen Jahren die beiden ihre Lehren vollendet hatten und die Höhle verlassen wollten, wurden sie von derselben Gestalt wieder heimgesucht. Diese raubte ihnen Seele und Verstand und verlängerte ihr Leben um 500 Jahre." Dr. Keren machte eine kurze Pause und setzte dann mit deutlich leiserer Stimme fort. „In späteren Schriften werden Shem und Ever beschrieben als entstellte, blinde Greise, die von quälenden Schmerzen und Schreckensvisionen in den Wahnsinn getrieben wurden." Er sah kurz zu den Regalen hinüber. „Ich könnte ihnen das Material heraussuchen, aber das könnte länger dauern."

„Nicht nötig.", winkte Lara ab, „Sie meinen wirklich, dass die Figur ein Nephilim gewesen sein könnte?" Sie dachte an Joachim Karel, der sich ihr gegenüber doch recht kultiviert benommen hatte. Vielleicht hatte das aber auch schlichtweg daran gelegen, dass sie eine Frau war.

„Abrahams Söhne waren fromm. Gott oder ein Engel hätte ihnen entweder die Gabe des Empfangens gegeben, ohne dafür eine Gegenleistung zu verlangen – oder er hätte es gar nicht getan."

„Erzählen Sie mir mehr über diese Gabe.", bat sie.

„Ever berichtet von bunten Gesteinen, funkelnden Scheiben, mächtigen Zahnrädern und Sternenkonstellationen, die er vor seinem geistigen Auge sieht. Mit jedem Mal erscheint ihm diese Vision immer größer und deutlicher. Am Ende sieht er, wie die ganzen Elemente in bestimmten Bahnen umeinander her schweben und sich dann zu einer Einheit verschmelzen."

„Und dann?"

Der Mann blätterte mehrere Seiten weiter, „Hier beschreibt er, wie seine Seele aus seinem Körper schwebt und sich in die Lüfte erhebt. Über die Sphären des Himmels hinaus ins Universum, wo er dem En-Soph gegenübersteht. Es reinigt ihn und erfüllt ihn mit einer übernatürlichen Kraft." Dr. Kerens Stirn legte sich in Falten, während er halblaut den hebräischen Text entzifferte, „Und am Ende des siebten Tages sprach En-Soph zu mir: Es ist Zeit, zu deinen Brüdern zurückzukehren, Adam Kadmon. Finde das Amulett, das du gesehen hast, auf Erden und rufe mich an durch ein Kind Jezirahs."

„Wer ist Jezirah?", unterbrach ihn Lara.

„Jezirah ist die Welt der Schöpfung. Es ist das Reich der Engel.", erklärte der Museumsleiter und fuhr im Text fort, „- durch ein Kind Jezirahs. Dann wirst du vollkommen sein. Und es entzog mir das Licht, das es mir verliehen hatte und es gab mir zwei Engel als Begleiter aus dem himmlischen Jerusalem und es ließ mich in die Höhle zurückkehren, wo mein Vater über meinem Körper wachte." Keren blickte auf. „Evers Erzählung endet hier."

„Ganz ohne Floskeln zum Abschluss, ohne Moral.", bemerkte sie. „Ein zu abruptes Ende für ein so bedeutendes Werk, finden Sie nicht?", bemerkte Lara. „Als ob er gezwungen war, es schnell fertig zu schreiben."

„Da haben Sie recht." Behutsam klappte Dr. Keren den Ordner zu. „Auch was dieses Amulett aus seiner Vision bedeuten soll, haben wir uns lange gefragt. Vielleicht ein Sinnbild für irgendetwas."

Ein Engel und ein Amulett. Der Blick der Britin war starr auf das Etikett mit der Archivnummer gerichtet, während sie in Gedanken nach Parallelen suchte.

„Es ist schon seltsam, dass gerade ein Amulett und nicht der Glaube Vollendung versprechen soll.", wiederholte er, „Wir haben lange Zeit mit Recherchen danach verbracht, aber leider ohne Erfolg -"

Abrupt sah Lara auf. Ja, ein Amulett, das durch einen Engel Vollendung verspricht. Wie Eckhardts geschmiedete Sanglyphe, die durch einen Schläfer-Nephilim in gewisser Weise das Gleiche verspricht.

Der Museumsleiter setzte seinen Monolog aus technischen Details fort, doch Laras Gedanken kreisten nun längst um den Brief an Kurtis' Vater und den zwei gestohlenen Medaillons, die möglicherweise Elemente des Amuletts aus Evers Vision waren. Die Verbindung zwischen ihrem Auftrag und Kurtis' Ermittlungen schien der Archäologin zum Greifen nahe. Es war ein aufregendes Gefühl.

Anstandshalber ließ sie Dr. Keren zu Ende vortragen und bedankte sich für die Sichtung. Der Direktor kehrte mit Lara ins Foyer des gut besuchten Museums zurück und bat sie eindringlich, sich zu melden, sobald neue Fragen auftreten würden. Die Britin verabschiedete sich dankend und trat zügig den Weg zurück zu Dr. Andrews Haus an. Sie konnte es kaum erwarten, die Lux Veritatis-Stätte hier in Jerusalem zu betreten und hoffentlich eine Bestätigung ihrer Theorie zu bekommen.


Gerade noch bevor das heftige Sommergewitter wie ein Wasserfall auf die Stadt heruntergekommen war, hatte Kurtis es zurück zur Wohnung von Dr. Andrews geschafft. Er war in seinen Untersuchungen ein Stückchen weitergekommen und hatte sich die Altstadt und vor allem das Plateau des Felsendoms, wo er das Hauptquartier vermutet hatte, der Orientierung halber schon einmal vorab angesehen. Er verschwand in die Küche, um sich ein glas Wasser zu besorgen, als er die Klingel hörte. Vorsichtig spähte er durch das Fenster neben der Haustür und öffnete dann mit einem bemitleidenden Grinsen die Haustür. Er kippte den Kopf zur Seite und konnte nicht anders, als den Anblick genießen, der sich ihm bot. Lara war von Kopf bis Fuß durchnässt. Kleine Wasserbäche rieselten die dunklen Haarsträhnen herunter, die in ihrem Gesicht klebten. Das Wasser sammelte sich an ihrem Kinn und tropfte regelmäßig auf das ursprünglich cremefarbene Top, das jetzt wie eine zweite Haut aussah.

„Hast du geduscht?", lachte er leise.

„Nein, ich war kurz in England.", brummelte sie und stahl sich an ihm vorbei.

„Du hast dir ganz schön lange Zeit gelassen.", bemerkte er, während sie die durchgeweichten Schuhe auszog, „Hattest du Erfolg?"

Mit beiden Händen strich sie die nassen Strähnen aus dem Gesicht. „Wenn ich richtig liege, hat mein Auftrag sogar unmittelbar mit deinen verschwundenen Amuletten zu tun." Interessiert hob Kurtis die Augenbrauen. Sein Blick folgte der Brünetten, die schnurstracks auf das Bad zumarschierte. Kurz davor drehte sie sich um. „Setzt du bitte Wasser auf?", bat sie. „Ich beeile mich."

Eine heiße Dusche später schlüpfte sie aus dem Bad in die Küche und trat wenige Momente später ins Wohnzimmer, wo der Amerikaner über den Plänen des vorhin besuchten Areals brütete. Er sah kurz auf und folgte den Bewegungen der Britin, die auf dem breiten Wohnzimmersofa Platz nahm und sich hinter dem Rücken ein Kissen zurechtrückte. Es war seltsam, die Archäologin ohne funktionelle Kleidung, in einem viel zu großen Bademantel, frottierten Haaren auf den Schultern und einer dampfenden Tasse Tee in den Händen zu sehen. Sie wirkte so zierlich und feminin – so gar nicht wie die zähe Lara Croft, die es, ohne mit der Wimper zu zucken, mit jedem doppelt so großen Biest aufnehmen konnte. So, wie sie in wenigen Metern Entfernung von Kurtis saß, weckte sie in ihm sofort einen gewissen Beschützerinstinkt. Er wunderte sich kurz, ob sie das beabsichtigte, verwarf den Gedanken aber sofort.

„Also, was genau verbindet unsere Geschichten?", räusperte er sich, als ihm bewusst wurde, dass er ein wenig zu lange gestarrt hatte.

Mit einem dezenten, wissenden Lächeln pustete sie in ihre Tasse, nahm einen zögerlichen Schluck und erzählte dem Amerikaner von dem Treffen mit dem Museumsleiter.

Es wunderte Kurtis, dass ihn Nichts mehr wunderte. Er schaute zum Fenster heraus und stellte fest, dass der Platzregen bereits aufgehört hatte. „Eckhardt reloaded. War ja klar.", schlussfolgerte er seufzend und griff nach einer Zigarettenschachtel auf dem Tisch. „Aber diesmal bringen wir die Sache endgültig zuende!"

Lara warf dem Päckchen in seiner Hand einen missbilligenden Blick zu, stellte ihre Tasse ab und rieb sich den Nacken. „Wo hast du dich eigentlich rumgetrieben, bevor ich zurückgekommen bin?", wollte sie plötzlich wissen.

„Was, woher-?", gab er etwas irritiert zurück.

„Deine Schuhe.", zwinkerte sie und nickte in deren Richtung. „Sie waren heute Morgen noch nicht so staubig."

„Ich habe mir mal die Route von unserem, sagen wir, Touristenausflug angesehen.", sagte er und winkte die Abenteurerin zu sich. Er legte die Zigaretten beiseite, zog einen Plan der Jerusalemer Altstadt heraus und legte ihn auf den Tisch.

„Ein Spaziergang am Felsendom. Ausgezeichnet!"

„Um genau zu sein, unter dem Felsendom. Dieser gesamte Bereich -", mit dem Zeigefinger fuhr er den fast rechteckigen Platz nach, „soll auf dem Fundament eines riesigen Tempelkomplexes stehen."

„Der legendäre Tempel von Salomo.", nickte Lara, schob die Pläne und die Zigarettenschachtel etwas weg und setzte sich halb auf den Tisch.

„König Balduin II soll den Templern einen Teil dieses Bereichs als Hauptquartier zur Verfügung gestellt haben – eine Marienbasilika, wie es heißt." Der Amerikaner deutete auf das längliche Gebäude südlich des Felsendoms.

„Unter der Al-Aqsa-Moschee?"

Der Amerikaner schüttelte den Kopf. „Die Al-Aqsa-Moschee. Die Kreuzritter hatten sie im 11. Jahrhundert zu einer Kirche umfunktioniert. Aber es dauerte keine hundert Jahre, bis Saladin Jerusalem zurückeroberte und schnell alles entfernte, was nach Christentum aussah. Er machte sie wieder zur Moschee. Das Gebäude an sich blieb unverändert, aber die Templer hatten sich in der kurzen Zeit auch unterirdisch schon richtig ausgetobt."

Katakomben. Laras Augen leuchteten auf.

„Der Begründer unseres Ordens war die rechte Hand des Tempelmeisters Otto von Saint-Amand. Ich bin mir sehr sicher, dass wir durch ihn auch zum Lux Veritatis-Hauptquartier gelangen. Es muss sich irgendwo in der Krypta befinden."

Kurtis streckte die Hand aus, um nach den Zigaretten hinter Lara zu greifen. Plötzlich legte sich ihre Hand auf seine. Das Gefühl eines winzigen Stromschlags durchzuckte ihn und er hielt inne; ihre Blicke trafen sich für einen langen Moment. Dann hoben sich Laras Mundwinkel. „Das ist meine Spezialität, Kurtis.", säuselte sie.

Der Amerikaner war völlig perplex. Er wollte irgendwie reagieren, doch bevor er das konnte, war die hübsche Frau schon aufgestanden. Wie in Zeitlupe registrierte er die flüssige Bewegung ihrer Hüften, bis sie wieder im Bad verschwunden war, um sich die Haare trocken zu fönen. Er begriff nicht, wie sie das fertig bringen konnte. Gut, er war ein Mann und sie eine, zugegeben, sehr attraktive Frau. Nach ihrem Aufeinandertreffen im Strahov'schen Hochsicherheitstrakt in Prag war das schon das zweite Mal, dass sie ihn mit einer einfachen Berührung sprachlos gemacht hatte. Er war vorgewarnt gewesen.

Kurtis schüttelte den Kopf, stand auf, sammelte auf dem Weg zum Badezimmer ein kleines, silberfarbenes Handy von einem niedrigen Schrank auf und lehnte sich in den Türrahmen, wo Lara neben der Dusche stand und die Haare gerade kopfüber trocknete.

„Übrigens hast du einen Stalker.", sagte er leise, während ihm auffiel, wie schmal ihre Fußknöchel waren.

Sie schaltete den Fön aus und warf die Haare elegant nach hinten. „Wie bitte?"

„Du hast einen Stalker.", wiederholte er.

„Ach, Kurtis.", lachte sie. „Ich empfinde dich doch schon lange nicht mehr als einen Stalker."

Er hob die Augenbraue. „Verdammt.", grinste er. „Und was ist mit diesem Chase, der heute gefühlte fünfzig Mal versucht hat, dich zu erreichen?"

Sie sah Kurtis fragend an, wunderte sich, woher er überhaupt von ihm wusste. Dann entdeckte sie ihr Handy in seiner Hand. „Oh!", entfuhr es ihr. Sie hatte nicht einmal gemerkt, dass sie es in der Wohnung liegengelassen hatte.

„Nach dem fünften Mal hab ich es lautlos gestellt.", zuckte der Lux Veritatis die Schultern und gab ihr das Gerät.

„Danke.", nickte sie, „Lass mich das schnell klären und dann kann's schon losgehen."