Adventskalender 2007

Kapitel 13 – Besuch beim Weihnachtsmann

Jack sah seine kleine Schwester nachdenklich an, die da nicht sehr begeistert auf ihrem Teller rumstocherte. Irgendetwas bedrückte sie und das gefiel ihm gar nicht.

„Was ist los, Kitty? Kein Hunger?"

Katie seufzte und stocherte mit der Gabel in dem kleinen Erbsenhaufen auf ihrem Teller.

„Nicht wirklich.", gestand sie. „Dabei wollte ich noch vor einer Stunde nichts lieber, als endlich Feierabend haben, um meinen herzallerliebsten Kollegen entwischen zu können."

„Au weia. Das hört sich nach Stress bei der Arbeit an.", bemerkte Jack und Katie hörte deutlich die ungestellte Frage in diesen Worten. Doch statt zu antworten schnaubte sie nur, spießte einige Erbsen auf die Gabel und steckte diese appetitlos in den Mund. Jack legte daraufhin selber sein Besteck weg und sah Katie aufmerksam an. „Was in denn los, Katie? So unmenschlich sind deine Kollegen doch gar nicht."

„Eigentlich nicht.", meinte sie, als Jack nach seinem Glas griff. „Allerdings sind sie im Moment nicht unbedingt auf meiner Seite."

„Nicht? Auf wessen Seite sind sie denn dann?", fragte er und setzte das Glas an, um einen tiefen Schluck zu trinken.

„Auf Oliver Woods.", knurrte Katie mit Grabesstimme.

Jack verschluckte sich so heftig, dass Katie erschrocken aufsprang und ihm kräftig auf den Rücken klopfte

„Meine Güte, Jack. Ist alles in Ordnung?", fragte sie ihn und sah in mit großen Augen an.

„Ja ... ja, ich glaube schon.", hustete Jack und wischte sich die Tränen aus den Augen. Dann sah er Katie fragend an, die inzwischen wieder auf dem Platz ihm gegenüber saß. „Sag mal, habe ich das gerade richtig verstanden? Deine Kollegen sind nicht auf deiner Seite, sondern auf Oliver Woods?"

„Ganz genau."

„Und was bitte schön hat gerade der mit dem zu tun, worum auch immer es bei dieser Sache geht?"

„Eine ganze Menge.", brummte Katie. „Er hat sich nämlich seit ein paar Tagen in den Kopf gesetzt, mich zum Kaffee trinken einzuladen und taucht seitdem jeden Tag im Laden auf."

„Ah, okay, so langsam verstehe ich, denke ich.", meinte Jack, dem jetzt ein Schmunzeln um die Mundwinkel lief. „Laß mich raten, wie die Geschichte weitergeht. Du lehnst treu und brav jeden Tag ab und deine Kollegen halten dich für vollkommen übergeschnappt, weil man so einem heißbegehrten Kerl wie Oliver Wood doch keinen Korb gibt."

„Volltreffer.", bestätigte Katie und stützte seufzend den Kopf auf die aufgestützten Hände.

„Darf man fragen, warum du ihm ständig Körbe gibst?", fragte Jack vorsichtig. „Ich meine, klar ist der Kerl manchmal ziemlich anstrengend. Das wissen schließlich alle, die in schon zu Hogwartszeiten kannten, aber so schlimm, dass man nicht mal einen harmlosen Kaffee mit einem alten Schulfreund trinken kann, ist er doch nun auch nicht."

Katie seufzte wieder, schwieg jedoch beharrlich.

„Katie?" Jack griff über den Tisch und zog Katies Handgelenke auf den Tisch runter, wodurch er sie zwang, den Kopf anzuheben und sie anzusehen. „Jetzt mal ganz ehrlich, weiß er, wer du bist?"

Stumm schüttelte Katie den Kopf und sah ihren Bruder unglücklich an. Jack sah genauso stumm zurück, bis Katie die Stille schließlich zu unangenehm wurde.

„Ich will gar nicht, dass er erfährt, wer ich bin, Jack."

„Und warum nicht? Was ist so schlimm daran, ihm zu sagen, dass du die kleine, freche Katie bist, die ihn jahrelang in den Wahnsinn getrieben hat, weil sie sich nichts so leicht gefallen lassen hat, was er sich im Training so ausgedacht hatte?"

„Ich bin das nicht mehr, Jack.", antwortete Katie leise und starrte auf die Tischplatte. „Ich bin nicht mehr die Katie, die er mal gekannt hat. Die Katie die ich jetzt bin, ist ihm genauso fremd, wie Chloe oder Laura damals auch, als ich bei Flourish & Blotts angefangen habe. Er würde es nicht begreifen, dass ich mit Quidditch nichts mehr zu tun haben will und genau aus diesem Grund würde auch mit uns nichts funktionieren. Weder eine aufgewärmte Freundschaft, noch ..."

„Noch was?", hakte Jack nach, als Katie stockend abbrach. „Eine Beziehung?"

Katie nickte stumm und kämpfte gegen die Tränen an, die sich langsam in ihr hochkämpften, wie immer, wenn Damien irgendwo unsichtbar im Raum stand.

„Katie, es ist 10 Jahre her. Mir ist klar, dass es Dinge gibt, die man sein Leben lang nicht vergißt, aber du kannst dich nicht dein ganzes restliches Leben lang verkriechen. Himmel, du bist 32 Jahre alt und nicht im Rentenalter. Damien hätte nicht gewollt, dass du dich so quälst. Das wissen wir beide.", beschwor Jack sie. „Katie, niemand zwingt dich, eine neue Beziehung einzugehen, aber es würde dich auch genauso wenig jemand dafür verurteilen. Und wer weiß, vielleicht ist es gerade gut, dass es wieder ein Quidditchspieler ist. Du meidest das Thema wie die Pest und ich habe das jahrelang mit angesehen, weil es anfangs vielleicht die richtige Entscheidung war, um ein wenig zur Ruhe und wieder auf die Beine zu kommen. Aber vielleicht ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, dass du dich deiner Vergangenheit stellen mußt."

„Aber ich will nicht, Jack.", fuhr Katie ihn heftig an und entzog ihrem Bruder mit einem Ruck ihre Handgelenke. „Dieser verfluchte Sport hat mir einmal alles genommen. Ich will das nicht ein zweites Mal durchmachen."

„Nicht alles, Kitty", erwiderte Jack leise und verfiel automatisch auf den Kosenamen zurück, mit der nur er sie ansprechen durfte. „Du hast eine wunderbare Tochter, auf die du mehr als stolz sein kannst. Damien ist jeden Tag bei dir, auch wenn du seine Gegenwart in Jenny immer wieder zu ignorieren versuchst. Und seien wir doch mal ehrlich, Quidditch hast du doch nie ganz aus deinem Leben verdrängen können. Dafür sorgt schon eure Tochter, die in der Beziehung viel zuviel von ihren Eltern hat."

Katie liefen jetzt leise Tränen über die Wangen und Jack hob die Hand, um sie ihr fort zu wischen.

„Gibt dir eine neue Chance, Kitty.", bat er sie leise. „Sperr dich nicht mehr so krampfhaft gegen alles, was mit Quidditch zu tun hat. Das tut dir auf Dauer nicht gut. Und gib Oliver beim nächsten mal keinen Korb, wenn er fragen sollte. Du mußt ja nicht gleich mit ihm was anfangen und du mußt ihm auch nicht unbedingt sagen, wer du wirklich bist, wenn du das nicht möchtest. Niemand macht dir Vorwürfe für ein kleines bißchen Selbstschutz. Aber komm ihm ein wenig entgegen. Teste aus, ob die Berührung mit der Quidditchwelt wirklich so schmerzhaft ist, wie sie jetzt scheint. Und wenn es wirklich so ist, dann zieh dich wieder zurück. Ich zumindest bin mir sicher, dass es dir nur gut tut, wenn du dem ganzen wieder ein wenig näher kommst. Und vielleicht wirst du es dann in Zukunft auch mit Jenny ein wenig leichter haben. Was meinst du?"

„Mal sehen.", flüsterte Katie unsicher. „Ich werde darüber nachdenken."

„Na bitte.", meinte Jack lächelnd. „Das ist doch immerhin schon ein Teilerfolg. Und jetzt laß uns bezahlen. Wir haben schließlich noch einen Termin beim Weihnachtsmann und der wartet nicht ewig."

Jetzt lächelte auch Katie wieder, wenn auch leicht unsicher und knappe zehn Minuten später wanderten die zwei durch die weihnachtliche Wintergasse, um die restlichen Weihnachtseinkäufe für die Familie und vor allem für Jenny zu besorgen.


Die Temperaturen waren um ein ganzes Stück gefallen und inzwischen hatte es auch wieder angefangen zu schneien. Katie hatte ihre unglückliche Stimmung inzwischen gänzlich verloren und schlenderte zusammen mit Jack durch die vielen kleinen Läden der Winkelgasse. Dieser mied das Thema vom Mittagessen wohlweislich, obwohl er keinesfalls ein schlechtes Gewissen wegen seiner mehr als offenen Worte hatte. Er war sich sicher, dass Katie nur ein wenig Starthilfe brauchte und die hatte er ihr mit diesen Worten geben wollen.

Innerhalb der nächsten drei Stunden hatten sie einen riesigen Berg an Tüten und Tasche angehäuft. Das meiste davon würde Jenny unter dem Weihnachtsbaum wiederfinden, doch auch für ihre Eltern hatten sie ein paar schöne Geschenke gefunden. Sogar für Emma und Richard hatten sie etwas gekauft, auch wenn es nur Kleinigkeiten waren, denn ganz so groß war die Spendierfreudigkeit auf Katies Seite dann doch nicht, wenn es um ihre Schwester und deren Mann ging. Erst recht nicht, nach dem was diese sich am letzten Sonntag wieder geleistet hatten.

Um kurz nach drei verabschiedete Jack sich, da er noch mit einem alten Schulfreund verabredet war, den er lange nicht mehr gesehen hatte, und Katie schlenderte alleine weiter. Zwar war das Schneetreiben inzwischen heftiger geworden und die Temperaturen waren mehr als eisig, doch nach der unruhigen Nacht und dem hektischen Vormittag im Laden genoß sie die frische Luft mehr, als sich an den Temperaturen zu stören.

Nachdem Jack gegangen war, war sie noch bei Madame Malkins vorbeigegangen und hatte sich nach einem hübschen Kleid umgesehen, denn sie hatte sich fest vorgenommen, beim Weihnachtsessen bei ihren Eltern gut auszusehen. Natürlich würde sie sich nicht so ein teures und maßgeschneidertes Kleid leisten können, wie ihre Schwester, aber da legte sie auch gar keinen Wert drauf. Solange sie sich selber hübsch genug darin fand, konnte es ruhig von der Stange sein.

Von dort aus schlenderte sie ziellos weiter. Sie hatte jetzt alles erledigt, was sie erledigen wollte und wollte jetzt nur noch ein wenig den Weihnachttrubel aus der anderen Perspektive erleben, als aus der einer gestressten Verkäuferin. Ohne es selber zu merken, wanderte sie auf Qualität für Quidditch zu und bemerkte dies erst, als sie die Ladentür schon in der Hand hatte.

Einen Moment lang sah sie erschrocken in ihr eigenes Spiegelbild in der Ladentür, doch dann gab sie sich einen Ruck. Vielleicht hatte Jack recht. Vielleicht mußte sie sich wirklich wieder ein wenig öffnen, um nicht völlig wahnsinnig zu werden. Und es war ja schließlich nicht so, als würde jemand sie hierbei beobachten. Entschlossen trat sie schließlich ein.

„Kann ich Ihnen vielleicht irgendwie helfen?"

Leicht erschrocken sah Katie sich um und erkannte Gina, die junge Verkäuferin vom letzten Besuch bei Qualität für Quidditch, wieder.

„Nein.", erwiderte sie und lächelte das junge Mädchen freundlich an. „Ich sehe mich hier nur ein wenig um."

„Natürlich.", meinte Gina. „Kein Problem. Wenn Sie trotzdem noch Hilfe brauchen, fragen Sie mich ruhig."

„Mache ich.", versicherte Katie ihr. Gina nickte ihr nochmal freundlich zu und wandte sich dann an eine ältere Dame, die ein wenig verloren in der Gegend rumstand.

Katie wandte sich wieder dem Regal mit den Jägerhandschuhen zu, vor dem sie nachdenklich gestanden hatte. Wie oft hatte sie in ihrer Jugend hier gestanden und sich die neusten Modelle angesehen. Meist mit Jack zusammen, aber auch oft mit Angelina und Alicia, denn sie alle waren natürlich der Meinung, dass gute Ausrüstung der halbe Sieg ist. Sehr zum Leidwesen der Eltern, die jedes Jahr neue, oft teure Jägerhandschuhe und andere Ausrüstungsteile kaufen mußten. Im Hause Bell hatte am Ende der Saison meist Katie den größeren Erfolg, auch wenn es nicht jedes Jahr zum Pokalsieg reichte. Oft genug aber mußte sie sich Jack und seinem Team geschlagen geben, wenn es zum direkten Vergleich kam.

Nach und nach hatte Katie, ohne es zu bemerken, ein Paar Jägerhandschuhe, einen Feder- und Tintenfasshalter im Quaffledesign, ein Quidditchmemory der aktuellen Saison und einen Plüschquaffle für Kinder in einen der kleinen Einkaufskörbe gelegt. Auf dem Weg zur Kasse kam sie an der Vitrine mit den teureren Quidditchfiguren vorbei und blieb nachdenklich stehen. Nach ein paar Minuten hatte sie einen Entschluß gefasst und sah sich suchend nach Gina um, die sie auch gleich entdeckte und zu ihr herüber kam.

„Haben Sie ein Frage zu diesen Figuren?", fragte sie und lächelte ihr freundliches Verkäuferinnenlächeln, dass Katie selber in Perfektion beherrschte.

„Ja.", antwortete Katie und sah erst Gina und dann die Figuren in der Vitrine wieder an. „Ich würde gerne eine von denen kaufen. Könnten Sie mir die Vitrine aufschließen?"

„Natürlich. Welche soll es denn sein?" Während sie sprach hatte Gina schon den Zauberstab gezückt und mit einem komplizierten Schlenker die Vitrine geöffnet.

„Die von Damien Callahan.", antwortete Katie mit leicht belegter Stimme.

„Gute Wahl.", erwiderte Gina, die Katies merkwürdige Stimmung nicht zu bemerken schien. „Ein verdammt guter Spieler. Schade, dass ich nie das Glück hatte, ihn live zu erleben. Mein Chef hat ihn oft spielen sehen und ist immer noch ein Riesenfan von ihm. Er meint, ein Jägertalent wie Damien Callahan gibt es nur ein paar mal in einem Jahrhundert."

„Ja, ein Talent war er wirklich.", meinte Katie leise. Gina hatte inzwischen den Mini-Damien heraus geholt und hielt ihn Katie hin, wobei sie diese nachdenklich ansah.

„Ich will ja nicht neugierig sein, aber haben Sie ihn mal spielen sehen? Sie sind ein paar Jahre älter als ich und es könnte durchaus möglich sein."

„Ich habe ihn spielen sehen.", antwortete Katie und ein erinnerungsseeliges Lächeln umspielte ihre Mundwinkel. „Mehrfach sogar. Und ihr Chef hat recht. Er war ein absolutes Ausnahmetalent."

Mit diesen Worten sah Katie auf, nickte Gina nochmal dankbar zu und ging zur Kasse rüber. Dort legte sie noch eine Tüte mit Fruchtgummi-Quidditchbällen zu ihren Errungenschaften und bezahlte. Ein paar Minuten später stand sie wieder auf der Straße und sah kopfschüttelnd auf die Tasche mit dem knalligen Logo von Qualität für Quidditch runter.

„Dich soll einer verstehen, Caitlin Callahan.", meinte sie ehrlich erstaunt über ihr eigenes Handeln. „Laß dich bloß nicht von deiner Tochter mit diesem Zeug erwischen, sonst kracht's ganz gewaltig."

Mit einem Schwenk hatte sie die auffällige Tüte klein gezaubert und hatte sie oben in die Tüte von Madame Malkins gelegt, damit sie einigermaßen außer Sicht war. Dann machte sie sich auf den Weg zu Florean Fortescues Eissalon, um sich bei einem großen Becher Kakao wieder aufzuwärmen.


Immer noch leicht verwirrt über ihren plötzlichen Anfall von Erinnerungsseeligkeit, doch irgendwie auch hochzufrieden mit sich und der Welt, saß sie eine halbe Stunde später an einem Tisch im hinteren Bereich des Eissalons und trank genüßlich die letzten Schlucke Kakao aus. Sie dachte gerade darüber nach, ob sie noch einen Becher bestellen sollte, als die Kellnerin schon mit einem dampfenden Becher bei ihr auftauchte und ihn vor ihr abstellte. Verdutzt sah Katie sie an.

„Sind Sie sicher, dass Sie am richtigen Tisch sind?", fragte sie die Kellnerin. „Ich habe das nämlich nicht bestellt."

„Ich weiß.", antwortete sie lächelnd. „Das hat der Gast dort drüben bestellt und läßt ihnen schöne Grüße ausrichten. Sie sollen es sich schmecken lassen."

Überrascht und neugierig sah Katie sich in die Richtung um, in die die Kellnerin gezeigt hatte und sah zu ihrem Erstaunen niemand geringeren als Oliver dort sitzen. Dieser lächelte sie an und stand dann auf, um zu ihr rüber zu kommen. In Katie machte sich eine Mischung aus Überraschung, Aufregung und Panik breit und sie wußte im ersten Moment nicht so recht, was sie zu ihm sagen sollte, wenn er sie erreicht hatte. Wollte sie, dass er blieb oder wollte sie ihn höflich aber bestimmt abweisen, wie die letzten Male schon?

„Sie hätten mir sagen können, dass Sie lieber Kakao statt Kaffee trinken. Dann hätte ich Sie gleich dazu eingeladen.", meinte Oliver, als er schließlich vor ihr stand. Katie sah ihn mit einem entschuldigenden Lächeln an und wußte immer noch nicht recht, was sie sagen sollte. „Darf ich mich denn jetzt zumindest zu Ihnen setzen, wenn wir uns schon so zufällig über den Weg laufen?"

„Naja, ich kann Sie ja schlecht wieder wegjagen, wenn Sie schon meinen Kakao bezahlen.", meinte Katie schließlich und schob mit dem Fuß einen der Stühle so, dass Oliver sich setzen konnte. Dieser nahm die Einladung auch gleich an und stellte seine eigene Tasse vor sich auf den Tisch.

„Sieht nach Weihnachtseinkäufen aus.", meinte Oliver und nickte zu den vielen Tüten rüber, die auf einem der anderen Stühle lagen und standen. „Ist das alles für Ihre Tochter?"

„Ja, ich hatte heute einen Termin beim Weihnachtsmann.", meinte Katie schmunzelnd und sah ebenfalls zu ihrem Tütenberg rüber. „Und der größte Teil ist wirklich für Jenny. Ein paar Sachen sind aber auch für mich und meine Eltern und Geschwister."

„Dann hätte ich Sie also gar nicht erwischt, wenn ich jetzt noch bei Flourish & Blotts reingeschaut hätte?", meinte Oliver mit gespieltem Entsetzen.

„Nein, das hätten Sie wohl nicht."

„Na, dann bin ich wirklich froh, dass ich hier sozusagen über Sie gestolpert bin.", erwiderte Oliver und schmunzelte sie mit einem Augenzwinkern an. Eine Weile musterte er sie schweigend und Katie wurde unruhig. Er hatte sie doch hoffentlich nicht erkannt, oder? „Warum wollten Sie eigentlich nicht mit mir was trinken gehen, Caitlin? Mache ich Ihnen etwa Angst?"

„Nein.", seufzte Katie und starrte nachdenklich in ihren Becher, bevor sie ihn wieder ansah. „Ich habe es nicht so mit Quidditch, wissen Sie. Und da bin ich nicht wirklich wild darauf, mit jemandem wie Ihnen auszugehen. Und sei es nur, um etwas trinken zu gehen."

„Ja, sowas erwähnte Ihre Tochter schon.", nickte Oliver. „Allerdings kann ich das ehrlich nicht begreifen. Wie kann man Quidditch nicht mögen? Es ist doch so ein herrlicher Sport. Ihre Tochter ist zumindest verrückt danach."

„Ja, leider." Katie sah, wie Oliver leicht fragend die Augenbraue hob und sie weiterhin ansah. Sie gab sich einen Ruck. „Ich halte nicht viel von Quidditch, weil es ein viel zu gefährlicher Sport ist, Mr. Wood und für die Sicherheit der Spieler auch nach viel zu vielen Unfällen nicht wirklich was getan wird. Ich werde meiner Tochter jedenfalls nicht erlauben, dass sie sich wegen eines Haushaltsgeräts den Hals bricht."

Oliver zuckte bei dem Wort „Haushaltsgerät" sichtbar zusammen, was Katie einerseits amüsierte und andererseits vollkommen egal war. Sie meinte jedes Wort so wie sie es gesagt hatte. Und wenn er damit ein Problem hatte, konnte er ja gehen. Sie würde ihn bestimmt nicht aufhalten.

„Ich merke schon, das ist ein Thema, was wir besser meiden sollten.", trat Oliver schließlich wohlweislich den taktischen Rückzug an. „Erzählen Sie mir doch lieber ein bißchen mehr von sich. Arbeiten Sie schon lange bei Flourish & Blotts?"

„Seit fast 10 Jahren.", antwortete Katie nach ein paar Minuten des Schweigens.

„Wirklich?" Oliver sah sie jetzt ehrlich erstaunt an. „Wieso habe ich Sie dann nie dort gesehen?"

„Das fragen Sie mich?", fragte Katie zurück und konnte jetzt ein leises Lachen nicht verhindert. „Vielleicht bin ich einfach zu unscheinbar für verwöhnte Augen wie Ihre."

„Was soll das denn heißen?"

„Nun, dass eine einfache, kleine Verkäuferin nicht mit Models und reichen Erbinnen mithalten kann, wie sie in Ihren Kreisen als Freundinnen üblich sind."

„Autsch!", meinte Oliver darauf und sah Katie mit leicht geneigtem Kopf an. „Der Hieb hat gesessen. Ich gebe ja gerne zu, dass meine Welt eine recht oberflächliche Welt ist, aber ich habe immer gedacht, dass ich selber nicht so oberflächlich bin, wie es nach außen hin scheint. Und ich frage mich wirklich, wie ich jemanden wie Sie all die Jahre übersehen konnte. Geben Sie es zu, Sie haben sich immer hinter eins der Regale geflüchtet, wenn ich in den Laden gekommen bin."

„Sie haben ein viel zu großes Selbstbewußtsein, als Ihnen gut tut, Mr. Wood.", gab Katie zurück und grinste ihn über ihren Kakaobecher hin an. „Ich habe es nun wirklich nicht nötig vor Ihnen zu flüchten. Ich bin Ihnen durchaus gewachsen."

„Ach ja? Beweisen Sie es."

„Was?"

„Ich sagte, beweisen Sie es.", wiederholte Oliver und hielt Katies Blick jetzt unbeirrt fest. „Gehen Sie ein paar Stunden lang mit mir aus - einen Nachmittag oder einen Abend – und beweisen Sie mir, dass Sie mir wirklich gewachsen sind."

„Sie glauben mir nicht, dass ich Ihnen gewachsen wäre?", fragte Katie zurück, um ein wenig Zeit zu gewinnen. Sie wollte nicht mit Oliver ausgehen. Eine halbe Stunde hier und jetzt war noch zu schaffen, aber ein paar Stunden am Stück, war ihr dann doch zuviel.

„Nein.", antwortete Oliver. „Ich denke nicht, dass Sie mir gewachsen wären. Das haben Sie gerade eben immerhin selber gesagt."

Katie stutzte einen Moment und sah ihn stirnrunzelnd an. Doch schon kurz darauf verstand sie, was Oliver meinte.

„Ich habe gemeint, dass ich nicht mit den Frauen in ihrer Welt mithalten kann, Mr. Wood.", meinte sie selbstbewußt. „Das bedeutet nicht, dass ich nicht mit Ihnen aufnehmen kann. Sie würden sich wundern, wie sehr ich Ihnen gewachsen wäre, wenn es drauf ankommt."

„Dann beweisen Sie es.", wiederholte Oliver seine Herausforderung. „Lassen Sie uns am Samstag ein paar Stunden am Stück miteinander verbringen. Spazieren gehen, reden, Kakao trinken und was uns sonst noch so einfällt. Und dann sehen wir ja, ob Sie mir gewachsen sind."

Unschlüssig sah Katie Oliver an und wußte nicht, was sie darauf antworten sollte. Es juckte ihr gewaltig in den Fingern, Oliver zu beweisen, dass sie es durchaus mit ihm aufnehmen konnte. Doch würde sie es wirklich schaffen können, ihn mehrere Stunden auf Abstand zu halten und ihr Geheimnis bewahren zu können? Da war sie sich nicht so sicher. Ihr Sicherheitswall war ihr wichtig. Wichtiger sogar, als ihr Stolz. Zumindest im Moment.

„Es tut mir leid, Mr. Wood. Ich muß Samstag arbeiten und danach habe ich auch noch eine Tochter, um die ich mich kümmern muß.", machte sie schließlich einen Rückzieher.

„Bis Samstag werde Sie doch wohl regeln können, dass Ihre Tochter ein paar Stunden Abends bei einer ihrer Freundinnen bleiben kann, oder nicht?" Oliver merkte, dass Katie versuchte, sich ihm zu entwinden, doch so schnell wollte er sie nicht gehen lassen. „Ich hatte zumindest das Gefühl, dass sie gerne bei denen ist und auch öfter mal dort übernachtet. Die Kinder haben es nebenbei erwähnt. Ihre Tochter akzeptiere ich also nicht als Ausrede, Caitlin. Da muß schon was besseres her."

„Nun, wie wäre es dann damit, dass ich nach einem langen Arbeitstag fix und fertig bin?", unternahm Katie den nächsten Versuch.

„Das bin ich auch.", erwiderte Oliver. „Ich habe am Samstag mehrere Pressetermine, ein mehrstündiges Training und eine garantiert stinklangweilig und ewig dauernde Taktikbesprechung. Wir haben also die gleichen Voraussetzungen."

Beinahe hätte Katie bei der Ironie dieser Worte laut aufgelacht. Ausgerechnet Oliver Wood fand stundenlange Taktikbesprechungen stinklangweilig? Das konnte nur ein schlechter Scherz sein. Schließlich war er der Meister ewig langer Taktikbesprechungen.

'Mag sein, aber diese Taktikbesprechungen hat er selber vorgebetet und mußte nicht zuhören und Interesse heucheln', flüsterte eine leise Stimme in ihrem Hinterkopf.

'Tja, dann weiß er halt mal, wie das so ist und hat vielleicht im Nachhinein ein wenig Verständnis für sein armes, gequältes Team', antwortete eine andere Stimme darauf und Katie hatte jetzt erst Recht Mühe, Ernst zu bleiben.

„Also?", hakte Oliver nach, als Katies Schweigen zu lange andauerte. „Kneifen Sie oder nehmen Sie meine Herausforderung an?"

„Habe ich eine Wahl?", gab Katie statt einer Antwort zurück.

„Nein.", antwortete Oliver grinsend. „Ich werde Samstag Abend auf jeden Fall bei Ihnen im Laden auftauchen. Packen Sie warme Kleidung und feste Schuhe ein. Sonst habe ich Sie im handumdrehen kopfüber im Schnee."

„Das werden wir ja sehen.", brummte Katie in ihren Kakaobecher, da sie sich ziemlich überrumpelt vorkam.

Oliver jedoch grinste zufrieden in sich hinein. Er war sich sicher, dass der Samstag Abend ein sehr amüsanter Abend war und dass er Caitlin in Windeseile klar gemacht hatte, dass sie ihm absolut nicht gewachsen war. Immerhin war er ein Profihüter und sie nur eine Buchverkäuferin. Allerdings eine ziemlich attraktive. Und wer wußte schon, wo so eine Schneeballschlacht, die ihm vorschwebte, am Ende hinführen konnte.


A/N: Na bitte, es geht doch. Und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass ihr jetzt alle denn Samstag kaum erwarten könnt, oder?