Kapitel 13 - Kleinigkeiten

Karola kicherte, als Liz herzhaft gähnte.

"Verrätst du mir, was du so komisch findest?"

"Na ja, einfach, dass du jetzt müde bist. Mich überrascht ja selbst, dass ich nicht müde bin..."

"Du bist ja auch noch jung, Kleines. Du verträgst es ganz gut, mal etwas länger wach zu sein. Aber ich... ich gehöre doch zum alten Eisen."

"Ja, sicher. Warst du 25 oder 52?" Die Jüngere grinste breit.

"Du kleiner Frechdachs."

"Hey, wer hat denn damit angefangen, sich als alt zu bezeichnen?"

"Dürfte ich die Damen wohl kurz unterbrechen?", funkte da eine männliche Stimme in das spielerische Streitgespräch der Schwestern.

Liz sah auf - und direkt in Dimitris Gesicht. Nur mühsam konnte sie ein Seufzen unterdrücken.

"Was wollen Sie?", erkundigte sie sich genervt.

"Ich... wollt nur mal wissen, wie hier so der Tages-, pardon, Nachtablauf ist."

"Am Tage schlafen, nachts wach sein. Ganz einfach. Sonst noch Fragen?"

"Ja. Haben Sie was gegen mich?"

Dimitri war ins Zimmer getreten und hatte die Hände in die Hüften gestemmt. Und auch Liz nahm ihre 'Kampfposition' ein.

"Warum streitet ihr beide ständig?", fiel da Karola ein, die das ganze missmutig mit angesehen hatte. Sie verstand nicht, was die beiden gegeneinander hatten, kannten sie sich doch kaum. Sie wusste zwar um das hitzige Temperament ihrer Schwester, doch konnte sie sich nicht vorstellen, was an dem ehemaligen Kutscher sie gereizt haben könnte.

"Na weil... weil...", begann Liz, fast schon fauchend, wusste dann jedoch keine Erklärung und knurrte nur grimmig.

"Sie würden sich gut als Wachhund machen, so wie Sie bellen", nutzte Dimitri da seine Chance; wenn der jungen Frau schon mal die Worte fehlten, konnte er erst recht nicht an sich halten.

"Um Leute wie Sie fernzuhalten, würde ich das doch glatt tun."

"'Leute wie Sie'? Hatten wir nicht vorhin eine Diskussion über dieses alle über einen Kamm scheren?"

"Das war nur eine Floskel, ich beurteile lediglich Sie", erwiderte Liz lapidar und wollte sich abwenden. Doch der ihr gegenüber Stehende hatte andere Pläne.

"Wagen Sie es nicht, jetzt feige zu gehen. Ich will das ausdiskutiert haben!"

"Sie stellen Ansprüche? Sie sind hier Gast, vergessen Sie das nicht." Die gefährlich leise Stimme war zurückgekehrt - Dimitri hatte Mühe, die Worte der jungen Frau, die mehr ein Zischen waren, zu verstehen.

Karola beobachtete die beiden mit schief gelegtem Kopf, schüttelte selbigen dann und hielt es für ratsamer, den Raum zu verlassen. Nicht einmal das schienen die beiden anderen zu bemerken.

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Kaum dass sie auf dem Gang stand und sich wahllos in eine Richtung wandte, wäre sie auch schon beinahe in Koukol gerannt. Sie schreckte zurück und trat mit einem versuchsweisen Lächeln zur Seite. Der Buckelige war ihr unheimlich, auch wenn er ihr sicherlich nichts tun würde.

Koukol machte jedoch keine Anstalten, vorbei zu gehen, sondern blieb ganz im Gegenteil vor dem jungen Mädchen stehen und studierte sie intensiv, wobei diese sich zunehmend unwohler fühlte. Was wollte er von ihr?

"Du... Angst?", keuchte er schließlich.

Karola blinzelte verwirrt.

"Ähm... na ja..." Ihre Fähigkeit, sich zu artikulieren, schien mächtig eingeschränkt, dachte sie bei sich, als sie, immer noch mit der Ahnung eines Lächelns, die Stirn kraus zog.

"Mitko...mmen. Mitkommen", fuhr Koukol da fort und deutete ihr mit einem Wink, ihm zu folgen. Dann humpelte er weiter.

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Alfred verstand die Welt nicht mehr. Herbert schien wie ausgewechselt, nichts ließ noch auch nur erahnen, dass er zu so einem Verhalten wie bei ihrem Aufeinandertreffen im Bad vor zwei Tagen fähig wäre. Der Grafensohn wirkte... normal. Wie ein erwachsener junger Mann, wie einer der ruhigen, älteren Studenten der Uni, an der er studierte.

Würde der Vampir nicht von Zeit zu Zeit ein wenig mit ihm flirten oder ihn 'Chéri' nennen...

Herbert beobachtete Alfred mit einem schiefen Grinsen. Die Rädchen im Kopf des Studenten hatten ziemlich viel zu tun, wie es schien.

"Alfred? Was hast du?" Er konnte es ja nicht zulassen, dass der Jüngling sich das hübsche Köpfchen zerbrach, dachte sich der Grafensohn und lachte innerlich auf.

Der Angesprochene fühlte sich etwas überfordert von der plötzlichen Frage und winkte erst einmal heftig ab. Doch dann fiel ihm etwas ein, was er eigentlich schon die ganze Zeit hätte fragen sollen.

"Wo ist eigentlich Sarah? Und wie geht es ihr?"

Der Grafensohn musste sich zusammenreißen, nicht das Gesicht zu verziehen.

"Es geht ihr gut. Sie ist bei meinem Vater", antwortete er eine Spur kühler als beabsichtigt. Zumindest ging er davon aus, dass es Sarah besser ging. Und wenn nicht, hätte der Graf sie mittlerweile gebissen, um ihr zu Genesung zu verhelfen.

"Oh", war das einzige, was Alfred daraufhin sagen konnte. Sarah war beim Grafen? Dann würde er selbst wohl kaum mehr eine Chance bei der Wirtstochter haben. So naiv war er nicht, das zu glauben.

Andererseits, vielleicht hatte sie ja keine Ahnung, dass er sich im Schloss befand...

Nein, das ist Unsinn, Alfred, schalt er sich. Sie hatte ihn und den Professor verlassen, um ganz offensichtlich zum Schloss zurück zu kehren. So vermessen war er dann doch nicht, sich Hoffnungen zu machen, wo scheinbar keine waren.

Aufgeben wollte er aber dennoch nicht. Wenigstens noch einmal reden würde er mit ihr, nahm er sich vor. Oder es versuchen und dabei möglichst auch ein paar Worte herausbekommen.

Der junge Student seufzte. Verfluchen könnte er den Professor, allein schon dafür, dass er ihn jemals auf diese Reise mitgenommen hatte. Und dann hatte der alte Mann sich nur um sich selbst und seine Forschung gekümmert. Er hätte es besser wissen müssen, das wurde Alfred jetzt klar. Von der treuen Ergebenheit gegenüber seines Lehrers war nichts mehr übrig.

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Der Graf hatte darauf bestanden, sofort die Kleiderbestände seiner verstorbenen Frau gemeinsam mit Sarah zu begutachten. In über 300 Jahren hatte er sich selbst gut genug kennen gelernt, um zu wissen, dass er so ein Vorhaben in die Tat umsetzen musste, wenn die Teile seines Herzens und Gewissens, die krampfhaft um das Andenken an Ekaterina bemüht waren, ruhten und sich nicht zu Wort meldeten.

Es war Zeit, nach vorne zu blicken; Sarah konnte endlich diejenige sein, die ihm den benötigten Anstoß, den Impuls dazu gab, doch einen entscheidenden Teil musste er auch selbst beitragen und dies kostete ihn eine gewisse Überwindung, die aufzubringen er die Kraft haben musste.

Sarah jetzt zu beobachten, wie sie mit den leuchtenden Augen eines begeisterten Kindes jedes Kleid genau betrachtete - offensichtlich hatte sie bei ihrer Wahl der Robe zuvor nicht viel Zeit dem Auskundschaften gewidmet, sondern mehr spontan etwas herausgegriffen - bereitete ihm große Freude. Eines sollte sie nie verlieren - ihre Freude am Leben. Das nahm von Krolock sich fest vor.

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So groß war ihr die Auswahl gar nicht vorgekommen, als sie sich ihr Kleid herausgesucht hatte, bemerkte Sarah erstaunt. Jetzt, da sie jedes Gewand einzeln ansah, kam sie aus dem Staunen kaum mehr heraus und ihr Unterkiefer ließ sich nur mit Mühe davon abhalten, nach unten zu klappen. Schließlich entschied sie sich zur Anprobe eines weißen Gewandes in fließendem Schnitt, das sich sanft an ihren Körper schmiegte. So gekleidet trat sie vor den Paravent, mit erwartungsvollem Blick zu von Krolock, der in Ermangelung eines Stuhls auf dem Bett Platz genommen hatte.

Zuerst etwas verwundert, dann aber mit einem zärtlichen Lächeln entdeckte sie einen schlafenden Vampirgrafen, der auf dem großen Himmelbett halb lang und halb saß. Eine Ahnung ließ Sarah vorsichtig, so dass kein Lichtstrahl hineindringen konnte, hinter die schweren Vorhänge treten. Ein traumhaftes Bild der langsam aufgehenden Sonne über der glitzernden Winterlandschaft bot sich ihr.

Es war längst Schlafenszeit für die Vampire.

Sorgsam die Vorhänge bewegend kehrte sie zum Bett zurück, nahm eine der Decken, die in einem kleinen Regal unweit der Schlafstätte deponiert waren, und legte diese über den Grafen.

Eine ganze Weile verbrachte sie damit, ihn nur zu betrachten. Wenn man ihn so dort liegen sah, dann musste man tatsächlich glauben, er sei tot. Doch Sarah wusste es besser. Mochte dieser Mann körperlich tot - oder untot - sein, seine Seele lebte noch, anders, als es ihr immer erzählt worden war. Vampire waren keine seelenlosen Wesen. Der Graf zeigte ihr das nur all zu deutlich.

Die ebenen Gesichtszüge, die nichts über sein Alter, weder das menschliche noch das vampirische, verrieten, zuckten nur selten. Er wirkte so friedlich.

Irgendwann wurde auch Sarah von der Müdigkeit und nach wie vor währenden Erschöpfung übermannt.

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Dimitri hatte abermals kapituliert. Diese Frau hatte einen angeborenen Kampfgeist, gegen den er nicht bestehen konnte und wollte. Sollte sie sich doch echauffieren, seine Nerven waren ihm zu schade. Dann würde er halt versuchen, ihr aus dem Weg zu gehen.

Liz hatte sich nicht beirren lassen. Für sie war der Kutscher ein Störfaktor, das hatte sie ihm unmissverständlich klar gemacht. Nur warum, mochte sie ihm nicht sagen. Was er getan hatte, um derart ihre Antipathie zu wecken, konnte er sich nicht erklären. Aber eigentlich konnte es ihm egal sein. Das Schloss war groß genug und wenn er weiterhin als Kutscher arbeiten konnte, hier, für den Grafen, würde er sie nicht oft sehen.

Sollte sich gar keine Lösung finden lassen, würde er weiterziehen, beschloss er für sich. Von Frauen hatte er sich noch nie sein Leben vermiesen lassen. Erst recht nicht von solch Streitsüchtigen.