Kapitel 14

Obi-Wan war inzwischen wieder aufgestanden und zum Fenster geschlendert, durch das man jedoch kaum nach draußen blicken konnte, da es so verdreckt war. Doch vertieft in seinen Bericht bemerkte er diese Tatsache kaum.

Aniya kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte und starrte Obi-Wan einfach nur an, hin und her gerissen zwischen Faszination und einem Gefühl, dass der Jedi-Meister nicht deuten konnte.

Auf jeden Fall hatte er ihre zwiespältigen Gefühle durchaus bemerkt bzw. gefühlt und nachdem er seinen Bericht beendet hatte, wandte er sich wieder zu ihr um und blickte direkt in ihre Augen. Sie waren blau. Merkwürdig, dass ihm das jetzt gerade auffiel.

Einen Moment lang herrschte ein drückendes Schweigen zwischen ihnen. Dann holten beide Luft und begannen gleichzeitig einen Satz und hörten ebenso abrupt wieder auf zu reden.

Obi-Wan grinste.

„Du zuerst."

„Na schön. Also, das ist… Ich hab mir ja schon gedacht, dass du nen Freak bist, aber diese Geschichte… Verdammt, Obi… äh…Wan, oder wie auch immer du heißen magst, was zur Hölle soll ich dazu sagen? Paralleluniversum. Hast du dich schon mal selbst gehört?"

Obi-Wan wartete bis sie sich abreagiert hatte.

„Wie ich bereits sagte, erscheint das, was ich dir gerade erzählt habe äußerst unwahrscheinlich. Aber wenn meine Vermutung stimmt, dann müsste es hier noch den ‚echten' Obi-Wan geben. Vielleicht würdest du mir dann glauben. Andererseits, wenn ich es mir recht überlege, glaube ich nicht, dass ich darauf angewiesen bin, dass du mir glaubst.

Es gibt also mehrere Möglichkeiten. Erstens: Du glaubst mir nicht. Dann werde ich gehen und du kannst dieses Erlebnis anderen als ‚Anekdote' erzählen. Zweitens: Du glaubst mir nicht und versuchst, einem, deiner Meinung nach irren, Mann zu helfen, indem du ihn irgendwie behördlich meldest. Drittens: Du glaubst mir, siehst aber keine Veranlassung, mir irgendwie zu helfen. Und zu guter Letzt viertens: Du glaubst mir und hilfst mir.

Es liegt nun an dir. Ich werde selbstverständlich jedwede Entscheidung von dir respektieren."

Aniya starrte ihn mit offenem Mund an.

„Ich, äh…"

„Oh bitte, lass dir ruhig Zeit."

Obi-Wan drehte sich nun wieder zum Fenster und wartete gespannt. Zwar wagte er nicht zu hoffen, dass diese Frau ihm helfen würde und es stellte sich außerdem die Frage, wie sie das überhaupt könnte. Aber ein Gefühl sagte ihm, dass sie ihm als Verbündete noch nützlich sein könnte. Es umgab sie immer noch etwas Mysteriöses, was er nicht deuten konnte und sie hatte ihm längst noch nicht alles aus ihrer Vergangenheit erzählt.

Seit Qui-Gon sein Mentor geworden war, hatte Obi-Wan immer wieder lernen müssen, seinen Gefühlen zu vertrauen. So auch diesmal.

Der Jedi bemerkte erst jetzt, dass er die ganze Zeit den Atem angehalten hatte, wunderte sich über sich selbst und ließ die Luft wieder langsam aus seinen Lungen entweichen

Nach erneutem minutenlangen Schweigen, wobei sie beide ihren Gedanken nachgingen, ergriff Aniya nun gefasst und ruhig das Wort, ließ Obi-Wan aber nicht aus den Augen: „Ich glaube dir. Aber ich weiß nicht, warum ich dir helfen sollte und vor allem wie."

Obi-Wan nickte: „Gut. Ich danke dir für dein Vertrauen. Du könntest mir helfen, indem du mir verrätst, woher du dein Wissen über die Jedi hast. Schließlich hast du mir vorhin selbst gesagt, dass fast niemand außer den Jedi selbst über innere Angelegenheiten Bescheid weiß. Und ich habe meine Zweifel, dass die Jedi ausgerechnet dir etwas über sich erzählt haben. Deshalb fragt sich nun der geneigte Zuhörer, woher du deine Informationen hast."

Fragend hob er eine Augenbraue und neigte leicht den Kopf. Erstaunlich, dass sie ihm das alles glaubte. Er hatte kurzzeitig ja schon an sich selbst gezweifelt. Und diese Frau, die er noch nicht mal eine Stunde kannte, glaubte ihm fast ohne Zögern. Sein Instinkt, der weit über die Ebene bewusster Gedanken hinausging, sagte ihm, dass etwas ganz und gar nicht stimmte. Konnte er ihr vertrauen?

Aniya seufzte: „Ach, ich sagte doch bereits, dass ich meine Quellen hatte. Dass ich dir deine Geschichte abkaufe, heißt noch lange nicht, dass ich meine Vergangenheit vor dir ausbreite. Selbst wenn du ein Jedi bist und so furchtbar mächtig, das geht dich einfach nichts an, das ist privat."

Sie konnte Obi-Wans Blick nicht länger standhalten und senkte trotzig den Kopf.

Der Jedi konnte spüren, dass sie ihm nicht die Wahrheit sagte.

„Glaub mir, wenn ich wüsste, wie ich dir helfen soll, würde ich es tun."

Sie schaute wieder zu ihm auf.

Diesmal meinte Obi-Wan, sie sage die Wahrheit. Er wurde einfach nicht schlau aus ihr. Vor ein paar Minuten hatte er noch das Gefühl, sie könne ihm nützlich sein und jetzt, kurze Zeit später, war er sich dessen nicht mehr so sicher. Konnte er sich überhaupt noch auf irgendeines seiner Gefühle verlassen?

Obi-Wan holte tief Luft: „Damit wären wir wieder am Anfang. Zurzeit sehe ich leider auch keine Möglichkeit, wie du mir helfen könntest, aber ich weiß ja, wo ich dich finden kann. Ich werde dich jetzt nicht länger belästigen und suche mir eine Unterkunft zum Übernachten."

„Du kannst doch auch hier schlafen, wenn du willst."

Obi-Wans Augen weiteten sich. Allein der Gedanke, eine ganze Nacht in diesem Loch verbringen zu müssen…

„Oh, nein, nur keine Umstände. Ich find schon was. Aber danke. Für alles. Du hast mir sehr geholfen."

Mit diesen Worten bewegte er sich Richtung Tür. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass es merkwürdig war, einfach so zu gehen. Nach allem, was passiert war. Immerhin hatte sie ihn zuerst bedroht, dann er sie und jetzt, nachdem sie eine Weile in ihrer Wohnung geplaudert hatten, ging er einfach. Aber was sollte er schon anderes tun? Er musste sich schließlich auf das Wesentliche konzentrieren und einen Weg finden, aus seiner Misere wieder herauszukommen. Und offenbar konnte sie ihm nicht helfen, obwohl sein Gefühl ihm anfangs etwas anderes vermittelt hatte. Aber er hatte keine Zeit, Freundschaften zu schließen. Dafür war seine Lage viel zu ernst. Falls es keine Lösung für sein Problem gab, konnte er immer noch beginnen, sich mit Leuten anzufreunden.

Aber was waren das schon wieder für Gedanken? Ein Jedi beschäftigt sich erst mit einem Problem, wenn es eingetroffen ist und macht sich nicht von vornherein Sorgen.

Völlig in Gedanken versunken öffnete er also die Tür der schäbigen Wohnung, als Aniya ihn noch einmal in die Realität holte: „Ähm, würdest du mir noch meinen Blaster zurückgeben? Ich werde ihn auch nicht mehr gegen dich einsetzen, aber…"

Den Rest ließ sie lieber offen.

Obi-Wan schaute sie zuerst etwas irritiert an, dann auf seine Hand, die noch immer die Waffe hielt, zögerte kurz und warf sie ihr dann aber schließlich trotzdem zu. Dann drehte er sich wieder um und wollte gerade die Tür hinter sich schließen, als Aniya ihn erneut aufhielt: „Und Obi-Wan?"

Dieser verharrte in der Tür.

„Ja?"

„Würdest du mir Bescheid sagen, wenn du eine Lösung für dein Problem gefunden hast? Dann, äh, könnten wir uns noch einmal sehen."

Ein kurzes Schweigen, doch dann antwortete ihr der Jedi-Meister: „Wenn du das möchtest. Ich melde mich, sobald ich etwas herausgefunden habe oder deine Hilfe gebrauchen könnte. Gute Nacht."

Mit einem leichten Stirnrunzeln zog er nun vollends die Tür hinter sich zu, blieb jedoch noch einen Augenblick im Hausflur stehen. Merkwürdig diese Bitte.

Was nun?

Obi-Wan beschloss, ein Hotel aufzusuchen, in dem Qui-Gon und er vor vielen Jahren einmal „zu tun" hatten. Es war zwar nicht das, was man ein Top-Hotel nennen konnte, jedoch auch nicht allzu sehr heruntergekommen. Er wollte einfach nicht zu viel Geld ausgeben.

Während er sich also auf den Weg dorthin machte, wobei er inzwischen schon eine etwas bessere Orientierung hatte, dadurch, dass er nun zum vierten Mal dieselbe Strecke lief, wobei das nichts an der Kälte und der Dunkelheit änderten, ließ er noch einmal alles, was er erfahren hatte, Revue passieren.

Von Padmé hatte er erfahren, dass es einen Senat gab. Außerdem auch einen obersten Kanzler bzw. im Moment eine Kanzlerin. Logischerweise gab es Senatoren, die jedoch von den Jedi beeinflusst oder manipuliert und erpresst wurden und das auch mit Gewalt. Man empfand den Jedi und ihrem Regime, falls man das schon so nennen konnte, gegenüber Angst, was durchaus berechtigt erschien. Allerdings machte dieses System auf den ersten Blick den Eindruck, als würde es hervorragend funktionieren.

Aniya jedoch hatte ihm anderes berichtet. Offenbar hatten sich die Jedi nicht wie in seiner Welt in Sith bzw. dunkle Jedi und die Jedi, wie er sie kannte, geteilt, sondern waren eins geblieben und das zur Zeit Xenons. Seit dem hatten sie einen immensen Einfluss auf die gesamte Republik, der eben nicht immer von Vorteil war.

Bedauerlicherweise wusste der Jedi noch nichts über den Kodex. Er konnte sich keinen vorstellen, der beide Ansichten unter einen Hut bringen konnte. Aber offenbar klappte es hier.

Dass sich noch niemand den Jedi in den Weg gestellt hatte, war nicht weiter verwunderlich, da es wohl kaum jemanden gab, der es mit ihnen hätte aufnehmen können.

Hieran zeigte sich, was passieren konnte, wenn Leute mit den falschen Motiven Macht hatten. Missbrauch stand hier Tür und Tor offen.

Das alles war zwar sehr informativ und könnte ihm evtl. weiterhelfen, allerdings hatte Obi-Wan noch nicht den Hauch einer Ahnung, wie er jetzt weiter verfahren sollte. Er wusste ja immer noch nicht einmal, ob er sich überhaupt in einem Paralleluniversum befand. Wahrscheinlich war es das Beste ein wenig zu schlafen und zu meditieren. Morgen würde vielleicht schon ein klarerer Weg vor ihm liegen.