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Ohne das ich es bemerkt hatte, war es Mittag geworden. Ich war mir unschlüssig ob ich weiter lesen sollte, oder nicht. Vieles was ich gelesen hatte ging mir durch den Kopf. Konnte er tatsächlich wieder ein Mensch werden? War diese Legende war? Vielleicht. Bis vor ein paar Tagen hätte ich vermutlich auch jeden ausgelacht, der behauptet Vampire gibt es und nun wurde ich eines besseren belehrt. Und noch etwas wurde mir klar, Sebastian war sehr gefährlich.

Er hat soviel Menschen ohne Mitleid und ohne Reue getötet. Ich glaube nicht, dass er sich so verändert hat, dass er das jetzt nicht mehr tat. Was unterscheidet mich von seinen anderen Opfern? War ihm wirklich an mir gelegen? Ich seufzte, Antworten würde ich nur bei ihm und in diesem Buch finden. Entschlossen blätterte ich ein paar Seiten nach vor und wollte weiter lesen. Doch aus den Seiten purzelte ein kleines Stofftuch. Es war ein mit weißer Spitze umsäumtes, ca. 10 cm großes Tuch, in einer Ecke war kunstvoll der Buchstabe M eingestickt worden. Es wirkte etwas vergilbt und sehr alt. Verwundert hielt ich es in meinen Händen. Auf einmal zweifelte ich, ob ich hier weiterlesen sollte. Instinktiv spürte ich, dass das was jetzt kam, das war was er vor mir verschloss.

Ich war mir nicht sicher, ob es recht von mir war das zu lesen. Immerhin war es so was wie ein Tagebuch. Gut es ist schon ein bisschen spät jetzt ein schlechtes Gewissen deswegen zu haben. Ich besah mir die Seite näher und lass die Überschrift.

Madeleine meine größte Sünde – meine größte Schuld!

Das klang nicht gut. Ich haderte mit mir, was sollte ich tun? Unentschlossen legte ich das Buch nieder und trat zum Fenster. Ich öffnete einen kleinen Spalt vom Vorhang und sah zum Himmel hoch, als könnte ich dort die Antwort finden. Ich musste mich entscheiden, weiterlesen oder nicht. Fahrig fuhr ich mir durchs Haar, mit dem Ergebnis das es mir wieder wie wild vom Kopf abstand, aber dessen war ich mir gar nicht Bewusst, so sehr war ich in Gedanken bei dem Buch. Was sollte ich tun? Ich konnte hier nicht ruhig dasitzen und dieses Buch zu Ende lesen und dann einfach mit Sebastian zur Tagesordnung übergehen. So nach dem Motto, Beisst er mich dafür ja oder nein? Und ich wollte nicht so sein wie er, ganz sicher nicht!

Ich hatte mich Entschieden, ich packte das Buch und das Tuch und nahm beides an mich. An Sebastian schrieb ich einen kurzen Brief, dass ich mir das Buch ausgeborgt habe und das ich es ihm wieder zurück bringen werde und das es mir Leid tue das ich es gelesen habe, aber es war zu spät. ich musste den Rest von ihm auch erfahren, ich musste einfach. Ich lief förmlich zur Tür hinaus, ich war so in Eile, ich vergaß die Tür hinter mir zu schließen. Schnell startete ich meinen Wagen und brauste los. Meine Heimreise kam mir schneller vor, als das herkommen, vor einer wie mir schien Ewigkeit.

War es wirklich nur vier Tage her, als ich diese Strecke in die andere Richtung fuhr? Ich konnte es fast nicht glauben, aber es war so.

Als ich dann in meiner Wohnung stand, in meiner vertrauten Umgebung und meinen Ernest in die Arme schloss, war ich so Erleichtert das ich in Tränen ausbrach. Erst jetzt wurde mir die Anspannung der letzten Tage bewusst. Alles war zuviel für so kurze Zeit gewesen. Kaum hatte ich mich etwas beruhig, rief ich Julia an und sagte ihr das ich wieder da war und sie sich nicht mehr um Ernest kümmern musste. Meine Kleider warf ich nass wie sie waren einfach in die Waschmaschine und mir selber gönnte ich bei einem Glas Wein ein ausgiebiges Bad. Ich döste im warmen Wasser vor mich hin und fühlte mich herrlich entspannt, als das schrille läuten des Telefons mich aus der Wanne hochfahren ließ.

Ich wusste wer mich anrief, auch wen ich keine Ahnung hatte wie er zu meiner Nummer kam. Hastig schlang ich ein Handtuch um meinen Körper und lief eine Tropfspur hinter mich lassend zum Telefon.

„Ja!" Klang meine Stimme nur für mich atemlos oder auch für ihn.

„Warum bist du gegangen?" Seine Stimme ließ mein Innerstes vibrieren. Schon wieder kamen mir die Tränen. Am liebsten hätte ich ihm gesagt wie sehr ich ihn vermisse, wie sehr er mir fehlte, doch statt dessen sagte ich so gefasst wie ich konnte.

„Ich brauchte ein bisschen Abstand, mir wurde da alles zuviel. Versteh mich bitte." Am anderes Ende war es lange Still.

„Und mein Buch?" Ich hatte auf diese Frage schon gewartet, aber dennoch verspürte ich einen Kloß im Hals als er sie mir stellte.

„Ich….es tut mir so leid.." stotterte ich , nicht wissend was ich sagen sollte.

„Ließ es!" Viel er mir ins Wort. „Und dann sag mir was du von mir hältst." Mit diesen Worten legte er einfach auf, sagte mir nichts nettes oder freundliches.

Ich stand noch einen Augenblick da, den Hörer in der Hand, so als wartete ich darauf, dass er doch noch etwas sagen würde, aber außer dem Freizeichen war nichts mehr zu hören. Ich ließ den Hörer kraftlos auf die Gabel fallen und stand wie betäubt da. Vielleicht machte er sich doch nichts aus mir. Schön langsam spürte ich die Kälte und bemerkte die kleine Pfütze zu meinen Füssen. Schnell riss ich mir das Handtuch vom Körper und wischte sie auf. Dann eilte ich in mein Schlafzimmer und zog mir was über.

In der Küche bereitete ich mir einen Tee zu und kuschelte mich mit einer Decke auf mein Sofa. Die Tasse und sein Buch griffbereit vor mir auf dem Tisch. Gedankenverloren nippte ich an meinem Tee und blickte dabei auf das Buch. Dann wie aus einem Impuls heraus griff ich danach und schlug die Seite auf. Madeleine..

1803 Ille-et-Vilaine-Rennes – Madeleine

Naoleon regierte Frankreich auf seine mehr schlechte als recht Art, doch mir konnte es egal sein. Ich hatte mich in Ille-et.Vilaine-Rennes niedergelassen und führte jetzt alleine ein gutes Leben. Ich wechselte in der Region von Zeit zu Zeit den Ort, damit meine Opferzahl nicht zu hoch wurde und vielleicht doch jemand Verdacht schöpfte. In Romille´ erwarb ich mir eine kleine Villa und dort lernte ich Madeleine kennen. Ich sah sie bei meinem üblichen Nachtspaziergang. Sie lief gleich einer Elfe über den Platz, vorbei am Brunnen. Ich eilte ihr ohne zu zögern hinterher. Ich musste wissen wer sie war. Als ich sie endlich eingeholt hatte, war ich so aufgewühlt, dass ich ihr beinahe die Kehle aufriss, aber nur beinahe. Ich hatte dank Martha gelernt mich zu beherrschen.

Kurz wandte ich mein Gesicht vor ihr ab, sie sollte meine Zähne nicht sehen. Nachdem ich mich wieder beruhigt hatte, sah ich hinab in das schönste Gesicht das ich je zuvor erblickte. Ihr dunkles langes Haar umrahmte das Antlitz einer Elfe. Sie blickte mich mit ihren mandelförmigen braunen Augen voller Vertrauen an und ihr voller Mund lud mich zum Küssen ein. Ich nahm mir was sie mir so freizügig bot. Nach dem Kuss fragte ich sie nach ihrem Namen – Madeleine. Laut sprach ich ihn aus und hörte ihn noch tief in meinem Herzen. Ich hatte mich auf den ersten Blick in sie verliebt. Ich begleitete sie Nachhause und wir verabredeten uns für den Nächsten. Wie schleppend mir die zeit bis dahin verging, selbst am Tage fand ich keine Ruhe, unruhig ging ich in meinem Verlies, so empfand ich meine Ruhestätte.

Zum ersten Mal seit ich ein Vampir war, wünschte ich bei Tage raus gehen zu können. Alles in mir schrie nach Madeleine. Wie konnte mich ein Augenblick mit einem Menschen so verzaubern? Ich dachte an Martha und an meine Zeit mir ihr. Vielleicht könnte ich mir auch eine Gefährtin schaffen? Was sprach dagegen? Martha hat mir erzählt sie habe das auch gemacht. Bei ihr war es dieser Vlad Tepes gewesen und sie hat es nicht bereut, auch wenn sie sich später getrennt haben. Es könnte durchaus sein, dass es in der Natur eines Vampirs lag sich von Zeit zu Zeit einen Gefährten zu Suchen. Ich wollte, dass Madeleine meine Gefährtin wurde. Ich würde ihr die Zeit geben sich an mich zu gewöhnen und sie dann zu einer wie mich machen und nur die Ewigkeit würde uns trennen können. Was war ich für ein Narr gewesen? Wie unglaublich dumm und arrogant. Und wie bitter musste ich dafür bezahlen.