Briefe

Am späten Nachmittag stand Harry Potter am Fenster seines Arbeitszimmers im Grimmauld Place Nummer zwölf und sah hinaus auf die Straße. Es schien als wolle der Schnee hier in London einfach nicht liegen bleiben. Kaum dass die Flocken das Pflaster berührten, verwandelten sie sich in Klumpen dunklen Schneematschs. Ein Milchbrötchen traf ihn am Hinterkopf und riss den Schwarzhaarigen aus seinen Gedanken.

„He, ich quassel' mir hier den Mund fusselig und du hörst gar nicht zu!"

Harry grinste wie ein Schaaf und sah entschuldigend zu Ron Weasley, seinem besten Freund. „Jaah, sorry! Ich war gerade woanders."

„Das hab ich bemerkt!"

Harry hob das Brötchen auf und setzte sich wieder zu Ron auf die Couch. Unbewusst begannen seine Finger mit der Semmel zu spielen. „Und du willst wirklich aufhören?"

Ron nickte. „Jep! Ich meine die letzten neunzehn Jahre waren toll und wir haben einiges bewirkt... ach was rede ich, wir haben den ganzen Laden umgekrempelt!" Er zuckte mit den Schultern und schaute Harry unsicher an. „Du hast doch auch schon darüber gemosert, dass dir die Abwechslung fehlt. Der Job als Auror ist nicht schlecht, aber in letzter Zeit komm ich mir eher als Anstandswauwau für durchgeknallte Teenager vor."

Harry gab seinem Freund Recht. Damals nach Voldemorts Tod hatte ihm Kingsley Shaklebolt, der designierte Zaubereiminister, die Leitung der Aurorenabteilung angeboten. Harry hatte damals freudig zugesagt und Ron als seinen Stellvertreter, zusammen mit Neville Longbottom mit ins Boot genommen. Von Grund auf hatten sie die Abteilung für magische Strafverfolgung umgekrempelt. Alles wurde modernisiert und entbürokratisiert. Nie wieder sollten die Auroren zum Spielball des Ministeriums werden, den die Administration nach Belieben zum Machterhalt missbrauchen konnte. Im Gegenzug durften die Auroren keine autarke Macht innerhalb der magischen Gesellschaft werden. Es war ein langer, arbeitsreicher Weg gewesen, aber sie waren ihn gern gegangen. Kingsley hatte alle, die an Harrys Seite in Hogwarts gekämpft hatten in den Dienst des Ministeriums berufen. Viele folgten dem Ruf, andere wollten lieber ihren Schulabschluss nachholen, darunter auch Hermione, die ihr Diplom mit Auszeichnung machte. Zunächst arbeitete sie in der Abteilung zur Führung und Aufsicht Magischer Geschöpfe und verbesserte die Lebensbedingungen für Hauselfen. Als sie dann, entgegen ihrer früheren Absicht, doch in eine hohe Position in der Abteilung für magische Strafverfolgung wechselte, hatte sie die Beziehungen zwischen Hexen und Zauberern zu den andren magischen Geschöpfen nachhaltig auf eine neue Ebene der Freundschaft und des gegenseitigen Respekts gehoben. Zusammen mit Kingsley hatten Harry, Ron und Hermione begonnen, den gesamten Verwaltungsapparat des Ministeriums zu verändern. Überhaupt wurde damals der Begriff ‚Veränderung' zum Schlagwort des neuen Milleniums. Viele der jungen Ministeriumsangestellten wollten verhindern, dass sich Ereignisse, wie sie sich bei der Machtübernahme durch den dunklen Lord abgespielt hatten, je wiederholen konnten.

Doch nach fast zwanzig Jahren gab es keine machtgierigen Schwarzmagier mehr, die Zeiten waren vorbei. Natürlich rechnete keiner damit, dass dies ein Zustand für die Ewigkeit sein würde, doch solange Harry Potter lebte, würde es niemand wagen, ihn herauszufordern. Infolge dessen mussten sich Harry und Ron in den letzten Jahren hauptsächlich mit Jungmagiern auseinandersetzten, die versuchten, die Grenzen des Erlasses zur vernunftgemäßen Beschränkung der Zauberei Minderjähriger auszutesten. Manchmal war es wirklich mehr als nervig, wenn ein Aurorenteam unter Harrys oder Rons Führung, irgendwo erschien und einen Haufen kichernder Teenager vorfand, die es aufregend fanden mit dunkler Magie zu experimentieren, um ihren Schwarm zu beeindrucken, oder einfach nur cool sein wollten. Wenn nichts Schlimmeres passiert war, mussten sich die armen Tröpfe hinterher eine saftige Standpauke in Hermiones Büro über sich ergehen lassen. Mit der Zeit, begannen sich Ron und Harry des Öfteren sehr zu langweilen. Während der Schwarzhaarige, bei der ein oder anderen Gastlesung in Verteidigung gegen die dunklen Künste in Hogwarts, Gefallen am Dozieren fand, half Ron immer öfters George im Laden aus. Schon mehrmals hatte George seinem kleinen Bruder angeboten, Teilhaber bei ‚Weasleys Zauberhafte Zauberscherze' zu werden. Doch Ron hatte bis jetzt immer abgelehnt. Als er jedoch dieses Jahr seine Tochter Rose auf ihrer Reise nach Hogwarts verabschiedet hatte, fasste Ron den endgültigen Entschluss. Er würde seine carmesinrote Aurorenrobe an den Nagel hängen.

„Ich hab mir das genau überlegt. Die Arbeit mit George macht unheimlich viel Spaß! Was ist mit dir Harry, du würdest doch auch viel lieber unterrichten so wie Neville, als in deinem Büro die Zeit totzuschlagen!"

„Jaah, stimmt irgendwie schon! Was meint eigentlich Hermione dazu?"

Grinsend zog Ron eine Grimasse. „Wir haben schon oft darüber gesprochen, erst vorgestern. Für sie ist es ok und ich denke, ich schau zu, dass ich mich vom Acker mache bevor meine, von mir über alles geliebte Frau, Zaubereiminister wird und das Heft in die Hand nimmt!"

Beide lachten herzhaft. Dies wurde schon zum geflügelten Running Gag. Hermione und ihre Durchsetzungskraft waren im Ministerium berüchtigt. Vor allem, als sie dafür gesorgt hatte, das alle Ministeriumsmitarbeiter, die wissentlich, teils einvernehmlich die Übernahme des Ministeriums durch Voldemort und seine Schergen begünstigt hatten, wie Dolores Umbridge, sich vor dem Zaubergamot verantworten mussten, hatte sich die jungen Hexe mit ihren buschigen, haselnussbraunen Haaren, eine Menge Respekt und Anerkennung erworben. Dies half ihr auch bei der Reform der Anti-Muggle-Gesetze und der Abschaffung von rassistischen Paragraphen. Seit damals wurde sie als neuer Kopf der magischen Gesellschaft gehandelt, wenn der allseits beliebte Kingsley Shaklebolt einst in den Ruhestand gehen würde.

Harry seufzte. „Minerva hat mir geschrieben." Er wartete bis er Rons volle Aufmerksamkeit hatte. „Sie hat mir offiziell den Posten als Professor für VgdK angeboten. Ich werde den Posten antreten, wenn Al seinen Abschluss hat!"

„Du hattest schon damals, als du uns für die DA ausgebildet hast, alle Qualitäten, die einen guten Lehrer ausmachen!"

Beide dachten ein wenig wehmütig an die Zeit zurück, als sie und einige Mitschüler, Professor Umbridge getrotzt hatten und einen verbotenen Club gründeten. Dumbledores Armee nannten sie sich und Harry unterwies sie in Zauber und Flüche, mit denen sie sich gegenüber den Schwarzmagiern behaupten konnten.

Harry goss Ron Tee ein und nahm sich selbst auch noch eine Tasse. „Minerva plant, mir in absehbarer Zeit die Leitung der Schule zu übertragen." Ron pfiff anerkennend und war sichtlich beeindruckt. „Tja, so wie es aussieht möchte sie Weiterziehen, eine neue Seite in ihrem Leben beginnen."

„Ehrlich gesagt fällt es mir schwer, das alte Mädchen nicht als strenge Professorin zu sehen."

Ein Grinsen umspielte Harrys grüne Augen. „Al mag sie sehr!"

„Na, freut er sich schon auf Weihnachten?"

Zögernd nickte Harry. „Jap, allerdings hat er sich da was in den Kopf gesetzt."

„Er wird doch wohl nicht über die Feiertage über in Hogwarts bleiben?"

„Nicht in Hogwarts!"

„Wo will er denn sonst..." Rons Augen wurden plötzlich groß wie Teller. „Er will doch nicht etwa zu..."

Harry nickte und grinste. „Doch, doch! Heute Morgen kam seine Eule." Er fischte Albus' Brief aus seiner Tasche und hielt ihn Ron unter die Nase.

Der griff zaghaft danach. „Bist du sicher, dass ich ihn lesen soll?"

„Lies den Brief!"

„Aber vielleicht ist es Al nicht recht, wenn ich..."

„Lies den Brief. Er weiß, dass ich mich oft mit dir und Herm beratschlage."

„Aber..."

Harry seufzte. „Bitte Ron, lies einfach!"

„Wenn du meinst." Langsam entfaltete Ron das Pergament.

‚Hi Paps,

ich hoffe es geht dir und Ma gut. Was macht meine kleine Lily? Ärgert sie sich immer noch so sehr, dass sie für Hogwarts noch zu jung ist?

Ich soll dir liebe Grüße von den anderen ausrichten. Du weißt schon, Hagrid, McGonagall und Onkel Neville. Bestimmt hast du schon gehört, dass ich Strafarbeit aufgebrummt bekommen hatte, zusammen mit Scorpius. Aber das war nicht so schlimm. Sag mal, war Filch bei euch damals genauso ätzend gewesen? Damit du wegen der Strafarbeit nicht so böse auf mich bist, hab ich noch eine kleine Überraschung. Ich habe ein „O" im letzten Test in Zaubertränke bekommen! Wie du siehst Paps, hab ich deinen Rat beherzigt und lerne fleißig mit Scorpius. Übrigens lässt dir McGonagall ausrichten, wenn du allzu sauer wegen der Strafarbeit wirst, soll ich dir sagen, du sollst dir an die eigene Nase fassen!? Ich weiß zwar nicht warum, aber sie hat recht herzhaft dabei gelacht, als sie mir das gesagt hat.

James ärgert mich zwar immer noch gern, aber es hat schon nachgelassen. Scoop passt auf mich auf. Er mag seinen Spitznamen immer noch nicht, aber ich lasse mich nicht entmutigen! Tja, in drei Wochen ist Weihnachten wie du weißt und ich habe eine große, groooooße Bitte an dich. Scoop hat mich eingeladen, die Weihnachtsferien bei ihm auf Malfoy Manor zu verbringen. Ich möchte da wirklich schrecklich gerne hin! Darf ich? Bitte! Biiiiiitte!! Du musst Ma unbedingt davon überzeugen, ja zu sagen! Ich weiß noch was für ein Trara sie wegen James im letzten Jahr gemacht hatte. Aber ich möchte wirklich sehr gerne fahren! Ich verzichte auch auf Geschenke!!

So, ich mach jetzt Schluss. Es ist saukalt und dieser vermaledeite Ofen stinkt und macht jede Menge Dampf, nur heizen tut er nicht. Also Paps, alles Liebe, alles Liebe auch für Ma und Lily, gib ihnen bitte einen dicken Schmatzer von mir. Und bitte sag ja!!

Al

PS: Wenn du das liest Onkel Ron, falls Dad dich um Rat fragen sollte, bitte mach dass er ja sagt! Du bist doch mein Lieblingsonkel!!'

Ron ließ das Pergament sinken und sah zu Harry. „Wie es scheint, liegt ihm wirklich viel daran. Hast du schon mit Gin darüber gesprochen?"

Harry schüttelte den Kopf. „Nein, aber ich werde es heute noch tun."

„Schon seltsam, was findet Al nur an diesem Fatzke?"

Einen Moment lang starrte Harry seinen Freund an und seufzte. „Vielleicht solltest du den Jungen nicht mit seinem Vater vergleichen und du solltest nie in Al's Beisein, so über Scorpius reden, sonst fürchte ich warst du die längste Zeit sein Lieblingsonkel!"

Ron grinste verschmitzt. „Ich hoffe du petzt nicht!"

„Ich? Nie im Leben!"

„Nein, jetzt mal im Ernst, warum ausgerechnet Kleinscorpius?"

„Na ja, sie haben sich im Zug kennen gelernt, so wie wir. Irgendwie muss er Al beeindruckt haben, schon in seinem ersten Brief hat er von Scorpius geschrieben. Stell dir vor, sie haben einen gemeinsamen Erzrivalen, genau wie wir damals!"

„Wen? Malfoy steht ja nicht zur Verfügung."

„Dennis Parkinson!"

„Oh Merlin, der soll ja ne schlimmerer Nervensäge als seine Mutter sein! Die mit ihren seltsamen Reinblüter-Club."

Harry machte dicken Backen. „Ja, ich hatte früher gedacht, wir geraten mal mit diesen Ewiggestrigen aneinander. Aber das sind alles nur Schwätzer. Und dann noch diese unschöne Geschichte mit dem Vater des Jungen."

Ron schüttelte sich. „Ich frage mich, wieso Malfoy eigentlich nicht diese Planschkuh geheiratet hat?"

„Nun, er hat halt das getan, was man von einem Malfoy erwarten würde. Eine Reinblüterin geehelicht! Aber dass er sich Astoria Greengrass geschnappt hat, zeugt doch von seinem guten Geschmack!"

„Weißt du noch ihre Schwester Daphne?"

Harry schnitt eine Grimasse. „Lass uns von was anderem reden. Ich werde es Al erlauben!" Sorgevoll zog Harry seine Augenbrauen zusammen. „Schreibst du ihm, falls mein geliebtes Eheweib mich erwürgt?"

„Klar! Vererbst du mir deinen alten Feuerblitz?"

„Na warte!"

Geschickt packte Harry den Rothaarigen im Schwitzkasten und wuschelte ihm durch die Haare, während Ron versuchte ihn zu kitzeln und ihm in die Seite piekste. Die Beiden balgten sich so arg herum, bis sie über ihre Beine stolperten und aufs Sofa purzelten. Harry packte die Gelegenheit beim Schopf und setzte sich auf Rons Rücken und zog ihn am Ohr.

„Na was ist? Gibst du auf?"

„Meine Güte, ihr beiden werdet wohl nie erwachsen!"

Mit einem breiten Grinsen trat Ginny ein und betrachtete sich Ron und Harry, die ertappt zu ihr aufschauten. „Was ist Bruderherz, bleibst du zum Essen?"

Ron schüttelte den Kopf. Plötzlich, Harrys Unachtsamkeit ausnutzend, versetzte er ihm einen Tritt mit der Ferse und warf ihn zu Boden.

„Argh! Ron, du Mistkerl!"

„Was denn, immer auf die Deckung achten, Boss!"

Nach einem missbilligenden Blick, verließ Ginny das Zimmer, nicht jedoch ohne vorher ein resignierendes „Männer!" zu brummen.

Lachend zog Ron Harry wieder auf die Beine. „Ich glaube es ist besser, wenn du allein mit ihr sprichst."

„Hm, das denke ich auch." Er seufzte. „Wollen wir am Wochenende einen Trinken gehen?"

„Gebongt!"

Sie redeten noch eine Weile, bis Harry seinen Freund in die Küche begleitete, in der Kreacher, Harrys Hauself und Ginny gerade dabei waren, das Abendessen vorzubereiten. Ron kniff seiner Schwester in die Wange, verabschiedete sich von Kreacher und nahm dann Harry in den Arm.

„Kopf hoch, Kumpel. Du schaffst dass!"

Sie grinsten sich an und Ron entnahm einer kleinen Schale, neben dem großen Kamin ein wenig von einem grünen, leicht grobkörnigen Pulver. Er trat in die Feuerstelle und warf das Flohpulver zu Boden, rief dabei laut und deutlich, den Namen seines Zuhauses. Augenblicklich loderten smaragdfarbene Flammen nach oben und der rothaarige Mann, mit den strahlend blauen Augen und einer Menge Sommersprossen im Gesicht, verschwand, während er sich wie ein Kreisel drehte.

Scorpius trottete zum Gemeinschaftsraum der Slytherin, um seine Schultasche vor dem Abendessen wegzupacken. Ein wenig atemlos kam ihn Nicola Zabini hinterher gelaufen.

„Warte doch mal, Scorpius! Ich wollte vor Myriel nichts sagen... aber..." Er schnaufte. „Wo warst du eigentlich heute die ganze Nacht?"

„In meinem Bett!"

„Was? Garantiert nicht!" Der Blonde öffnete seinen Mund, aber Nicola sprach schon weiter. „Du warst nicht im Bett! Nigel und ich hatten das gescheckt!" Er konnte sich das triumphierende Grinsen nicht verkneifen. „Also, was ist dran, an Parkinsons Gelaber?"

Der Blonde schwieg und Zabini knuffte ihn in die Seite. Ein wenig mit sich hadernd, offenbarte sich Scorpius schließlich. „Alles! Sie haben mich am Eulenturm aufgemischt in den Wald gebracht und dort einfach liegen gelassen. Al hat mich gerettet und die Nacht über im Gryffindor-Turm gepflegt."

„Woah! Moment! Stopp! Woher wusste er, wo du warst?"

Nun war es an Scorpius, dem anderen ein gehässiges Grinsen zu schenken. Übermütig schnippte er mit dem Zeigefinger gegen Nicolas Nase. „Na, du musst ja nicht alles wissen, Zabini"

Sie gingen weiter und kamen an das Portrait der elisabethanischen Hexe. Zabini nannte das Passwort und das Gemälde klappte zur Seite. Gerade als Nicola durchschlüpfen wollte, bemerkte der Slytherin, dass ihm ein Mäuschen entgegen kam. Völlig perplex starrte er sie an und kreischte plötzlich auf.

„IIIIIH! Eine Maus!" Panisch hüpfte er von einem Fuß auf den anderen. „Mach sie weg, mach sie weg! Bitte, bitte, mach dass sie weggeht!" Irritiert sah Scorpius zuerst auf Zabini und dann dem kleinen, pelzigen Etwas hinterher. Plötzlich, mit weit aufgerissenen Augen erkannte er den Nager und griff nach seinem Zauberstab.

„Hey, die kenne ich. Bleib sofort stehen du Aas!"

„Äh, Scorpius?" Nicola traute seinen Augen nicht. Scorpius hüpfte wütend hinter der kleinen, schwarzen Maus her, die verzweifelt im Zickzack lief und panisch quiekend suchte, ihr Heil in der Flucht zu finden. Schließlich erwischte Scorpius sie mit dem Wingardium Leviosa Spruch. Ängstlich zappelte der Nager mit seinen Beinchen in der Luft, bis der Blonde sie greifen konnte. Ein wenig befremdlich schaute ihn Zabini an.

„Was zum..."

Statt zu antworten stupste Scorpius mit seinem Zauberstab gegen die Maus und flüsterte. „Finite!" Langsam, nach und nach, wuchs die Maus. Je größer sie wurde, desto mehr schwanden der Schwanz, das Fell und die Ohren, bis der Blonde schließlich seine elegante Badetasche, triumphierend in den Händen hielt.

Schmunzelnd deutete Zabini auf die schwarze Tasche. „ Snufflifors?"

Scorpius zuckte leicht verärgert mit den Brauen. „ Snufflifors!" Er schnaubte und klopfte auf die Tasche. „Albus und seine Spielchen. Na, wenigstens kann ich mir jetzt die Haare fürs Abendessen, wieder vernünftig stylen.

„Wenn du mich fragst, hat Albus Recht..."

Als Nicola sah wie ihm Scorpius einen zutiefst verärgerten Seitenblick zuwarf, schnappte er seinen Mund zu. Mit Daumen und Zeigefinger seiner rechten Hand, ahmte er eine Bewegung nach, als würde er einen Reißverschluss, quer über seinem Mund schließen. Eine Weile giftete der Blonde ihn noch an, dann nickte Scorpius zufrieden und trat durch den Zugang zu den Slytherin-Kerkern.

Wilteshire war ein beschaulicher Landstrich im Südwesten Englands. Abseits einer kleinen Ortschaft, lagen weite Felder, die im Sommer mit saftigem, grünem Gras überzogen waren. Nun, im Winter zog sich eine endlose, weiße Schneelandschaft dahin. Sanfte Hügel und dichte Wälder wechselten sich ab. Inmitten all der Pracht lag der Landsitz der Familie Malfoy. Malfoy Manor. Das majestätisch anmutende Herrenhaus im Tudorstil thronte düster inmitten des Schnees, der eine Unmenge aus Gärten, Heckenlabyrinthen, die im Frühjahr zum Lustwandeln einluden, und einen Springbrunnen unter seiner dicken, eisigen Pulverschicht verbarg. In einem der oberen Stockwerke befand sich ein kleines, gemütliches Lesezimmer. Das munter im Kamin prasselnde Feuer und der flauschige Teppich ließen einen rasch den frostigen Winter, draußen vor dem mit Eisblumen überzogenen Fenster vergessen. Eine Dame, hübsch, Mitte Dreißig, hoch gewachsen und von anmutiger Gestalt, streichelte gerade eine Sperbereule, die auf einer Leselampe saß und zufrieden mit ihrem falkenähnlichem Schnabel knarzte. Die Frau hatte sehr kurz geschnittenes, flachsblondes Haar, das ihr in frechen Franzen, keck ins Gesicht hing und ihr ein übermütiges Wesen verlieh. Am Hinterkopf lief das Haar spitz in den ausrasierten Nacken und betonte ihren schönen, langen Schwanenhals. Grazile Finger hielten ein Stück Pergament. Ein Brief, den die Eule heute gebracht hatte. Die hellen, violetten Augen der Dame hatten einen wachen Ausdruck und überflogen erneut den Brief, Zeile für Zeile. Mit einem sanften Seufzer, reichte sie mit der anderen Hand, der Eule abwesend einen Keks, während sie las.

‚Liebste Mutter, liebster Vater,

ich hoffe sehr ihr seit Wohlauf. Ich freue mich schon sehr auf die Weihnachtszeit und auf Malfoy Manor. Ich erwarte mein Zimmer sieht noch genauso aus, wie ich es verlassen habe. Nicht dass du, in deiner so spontanen Art, es wieder mal umdekoriert hast, Mutter.'

Ein schelmisches Lächeln umspielte die blassen Lippen der Frau, dann nahm sie den Text wieder auf.

‚Ich schlage mich ganz gut in allen Fächern. Am herausragendsten natürlich in Zaubertränke. Meine Freundschaft zu Albus Potter verhalf mir auch in Verteidigung gegen die dunklen Künste zu einer guten Note und auch in anderen Fächern zahlt sich das Lernen mit ihm aus. Überraschender Weise scheine ich ein Händchen für Aufzucht und Pflege magischer Geschöpfe zu haben, jedenfalls ist der Wildhüter sehr zufrieden mit mir und nicht nur, weil ich mit Seidenschnabel so gut auskomme, im Gegensatz zu dir, Vater. (Ich hatte euch schon von meiner ersten Begegnung mit dem Hippogreifen geschrieben.) Hagrids riesiger, sabbernder Hund scheint mich auch irgendwie zu mögen, sehr zum Leidwesen meiner Kleidung.

Liebe Mutter, falls du besorgt bist wegen der Gerüchte, die schon bestimmt ihren Weg zu dir gefunden haben, natürlich von so genannten Freunden an dich weitergeleitet, so bitte ich dich, das Ganze nicht allzu ernst zu nehmen. Dennis Parkinson scheint mir tatsächlich seinen eigenen Privatkrieg erklärt zu haben. Aber ich weiß mit ihm umzugehen. Du magst zwar der Überzeugung sein, Mutter, dass ich mich an die Lehrer wenden soll. Aber das kann ich nicht. Ich kann nicht wie ein kleiner Junge zu meinen Professoren rennen, auf keinen Fall. Als ein Malfoy muss ich mit Parkinson auf meine Weise fertig werden. Aber ich bin nicht allein. Albus ist mir tatsächlich ein sehr guter Freund geworden und steht mir in allem unerschütterlich bei. Bei ihm habe ich zum ersten Mal das Gefühl, einem anderen Vertrauen zu können. Auch wenn unsere Wesen sehr unterschiedlich sind, ergänzen wir uns. Obwohl ich ihn manchmal wirklich erwürgen könnte... Nein, nicht wirklich, ich habe heute festgestellt, dass ich mehr als traurig wäre, wenn Albus wieder aus meinem Leben verschwinden würde.

Deshalb habe ich ihn auch über die Weihnachtsferien zu uns nach Hause eingeladen. Ich wäre sehr glücklich Vater, wenn du es erlauben würdest. Von Mutter bin ich überzeugt, dass sie nichts dagegen hat. Ich denke, sie ist schon furchtbar neugierig auf Albus...'

Die Frau hob eine Augenbraue und wackelte leicht spöttisch mit ihrem Kopf.

‚Ich hoffe sehr, ich bekomme eure Erlaubnis. Bitte sendet mir so schnell wie möglich eine Antwort.

Euer euch liebender Sohn

Scorpius Hyperion Malfoy'

Sie sah aus dem Fenster, während sie unablässig mit dem Brief gegen ihre Unterlippe klopfte. Astoria Malfoy freute sich für ihren Sohn. Draco und sie hatten nicht ohne Sorge all die Jahre bemerkt, wie sehr sich Scorpius von anderen Kindern zurückgezogen hatte. Nicht ohne Grund. Schon immer war ihr Sohn ein Außenseiter gewesen. Im besten Fall hatten ihn die anderen Kinder gemieden, da ihre Eltern es ihnen verboten hatten, sich mit einem Malfoy abzugeben. Doch es gab auch die andere Art von Eltern. Diejenigen, die versuchten Draco eins auszuwischen, ihn seine Vergangenheit spüren zu lassen, um alte Rechnungen zu begleichen und sich nicht zu schade waren, ihre Kinder dazu zu benutzen. Sie wussten nur zu genau, dass sie Draco über seinen Sohn treffen konnten. Daher war es auch kaum verwunderlich, dass Scorpius nach ein paar schlechten Erfahrungen, die Gesellschaft anderer Kinder mied. Selbst als er Nicola Zabini und Myriel Bulstrode kennen lernte, die ihn anständig behandelten, scheute er doch meistens ihre Nähe. Später als Scorpius in seinen ersten Briefen von seiner Freundschaft zu Albus Potter schrieb, wollte Astoria es erst gar nicht glauben. Sie war so glücklich über diese Wende des Schicksals, dass ihr die Tränen kamen. Sie schmunzelte, in seinen Briefen schrieb ihr Sohn Seitenweise über Albus und mit der Zeit nahm er nach und nach Gestalt an in ihrer Fantasie. Und nun würde sie ihn leibhaftig kennen lernen. Mrs. Malfoy verließ ihr Lesezimmer und schritt durch die langen Flure des Manors. Sie stieg die große Treppe hinunter und betrat das Arbeitszimmer ihres Mannes. Draco Malfoy saß an einem prachtvollen Schreibtisch im Empirestil. Hochkonzentriert studierte er einige Papiere und fügte dem ein oder anderen Pergament seine Unterschrift hinzu. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie sich ihren Mann liebevoll betrachtete. Die Tür seines Arbeitszimmers stand immer offen und dafür war sie ihm so unendlich dankbar. Jederzeit konnte sie zu ihm kommen und jedes Mal nahm er sich Zeit für sie. Nie fühlte sich Draco durch ihre Anwesenheit gestört, auch jetzt nicht. Er hob den Blick seiner seegrauen Augen und sie begannen augenblicklich zu funkeln, als sie ihrer Ansichtig wurden. Seine Papiere blieben unbeachtet und er lehnte sich in seinem bequemen Ledersessel zurück. Seine Hand hebend lächelte Draco ihr auffordernd zu.

„Ich kenne dieses Grinsen, Liebes! Scorpius hat wieder geschrieben!"

Elegant setzte sich Astoria auf seinen Schoß und stupste ihn mit dem Brief gegen seine spitze Nase. Ihre Lippen wanderten sanft über seine Wangen und bahnten sich ihren Weg über die Nase zum Mund.

„Hmmh! Seine Eule ist vorhin angekommen und..." Um die Spannung ein wenig in die Länge zu ziehen, ließ sie den Brief erneut über seine Nase streifen, bis Draco anfing zu knurren. „Knurr nicht Draco! Ich glaube unser Sohn hat eine kleine Überraschung für dich."

„Oh, noch eine gute Benotung? Oder hat er nach dem Hippogreif jetzt einen Drachen gestreichelt?"

Kopfschüttelnd lachte sie. „Nun ja, wenigstens ist sein Arm noch dran!"

Er überhörte ihre Spitze gegen sein früheres Missgeschick und seiner dramatischen Wehklage deswegen und schnappte sich den Brief. Er lachte laut auf, als er an die betreffende Stelle mit dem Hippogreif kam. Draco konnte nicht umhin, ausgenommen stolz auf seinen Filius zu sein. Erst recht, als er las, dass Scorpius die Sache mit Parkinson selbst regeln wollte. Ein ernster Zug legte sich auf Dracos Lippen, er würde ein Auge auf die Sache haben und eingreifen, falls es nötig werden sollte. Da sollte sich Pansy sehr in Acht nehmen. Die grauen Augen folgten weiter der feinen, scharf gestochenen Handschrift, Zeile für Zeile. Am Ende angelangt, atmete Draco tief durch und blickte seine Frau an, die ihm erwartungsvoll entgegensah.

„Nun, was denkst du, Draco?"

„Das ich in der Tat überrascht bin! Hat er tatsächlich geschrieben, dass er ihm vertraut? Das er glücklich ist und traurig wäre, wenn Albus nicht mehr da wäre?"

Sie nickte und hüpfte von seinem Schoß. „Tja, dann werd ich bei Albus' Vater um dessen Erlaubnis nachfragen!"

Sie hatte kaum die Tür erreicht, als sie sein typisches Hüsteln vernahm, wenn er mit einem Gespräch noch nicht fertig war und noch etwas zu sagen hatte.

„Was ist mit meiner Erlaubnis?"

Astoria warf ihm einen flüchtigen Handkuss zu und verließ sein Arbeitszimmer. Seufzend hob Draco eine Augenbraue. „Schön, dass ich hier auch noch was zu sagen habe." Dann wandte er sich wieder Scorpius' Brief zu und ein Lächeln legte sich auf seine Lippen.

Am späten Abend saß Harry in der Küche seines Hauses und sah neugierig seiner Frau und seinem Hauselfen zu, die gerade dabei waren Berge von Weihnachtskeksen zu backen. Die Ärmel hochgekrempelt, die Wangen leuchtend rot und leicht mit Mehl bestäubt, ähnelte Ginny auf gewisser Weise ihrer Mutter. Resolut knetete sie den Teig und blies sich grinsend eine Haarsträhne aus den Augen, als sie bemerkte, dass Harry sie beobachtete.

„Du hättest ruhig noch mit Ron heute um die Häuser ziehen können, ich bin den ganzen Abend bestimmt noch mit Backen beschäftigt."

„Nun, ich dachte, ich verbringe den Abend lieber mit meinem geliebten Weibe und helfe ihr beim backen! Darf ich?"

Harry war aufgestanden und zu Ginny herüber gebummelt, wohl in der Hoffnung noch eine Schüssel mit etwas Teig zu finden, die er auslecken konnte. Freudig entdeckte er eine, doch Kreacher war schneller. Er ließ die Schüssel zum Spülbecken schweben und Ginny drückte Harry einen Teller mit Keksen in die Hand. Als sie seinen bockigen Ausdruck im Gesicht sah, wies sie ihm energisch die Tür, grinste aber.

Harry seufzte. „Ok, ich seh schon, ich bin hier überflüssig!"

Betont schmollend wollte er gerade aus der Küche schlüpfen, als ein ungeduldiges Klopfen, gegen das Küchenfenster ertönte. Ein wenig hilflos hob Ginny ihre teigverschmierten Hände in die Höhe.

„Oh Schatz, würdest du bitte?"

Das Grinsen auf Harrys Gesicht nahm schon fast erschreckende Ausmaße an. „Ja, ja, jetzt werd ich wohl wieder gebraucht!"

Ginny klimperte provokant mit ihren Wimpern und sah Harry neugierig zu, der einen hübschen kleinen Elfenkauz einließ, der ihm augenblicklich auf den Unterarm hüpfte um ihm aufgeregt ein Bein, mit einem daran gebundenen Brief zu zustrecken.

„Na, was bist du denn für ein hübscher?" Harry kannte den kleinen flauschigen Vogel nicht, der auf dem Rücken goldbraune Federn hatte, die mit weißen Punkten übersäht waren. Die Vorderpartie war grau bis weiß gefiedert und er hatte um die dunklen Augen, lange, weiße Augenbrauen. Der Kauz knarzte und Harry befreite ihn von seiner Last. Dann ließ sich der kleine Elfenkauz auf dem Kaminsims nieder und schaute Harry erwartungsvoll an. „Oh, wie es aussieht erwartet er eine Antwort!"

Nachdem Harry dem kleinen Raubvogel ein paar Eulenkekse gegeben hatte, warf er einen Blick auf den Umschlag, während er das zarte Gefieder kraulte, das in den wärmsten Goldtönen erstrahlte. Das Käuzchen gab einige behagliche Laute von sich, die der Schwarzhaarige jedoch nicht mitbekam. Die elegante Handschrift in grüner Tinte sagte ihm nichts und Harry wendete den Umschlag. Das Wappen auf dem Siegel erkannte er sofort. Ein majestätischer Pfau, der sein Rad schlug, thronte über einem Schild, der auf der linken Seite die drei englischen Löwen trug, denen auf der anderen Seite drei französische Lilien gegenüberstanden. Der Schild wurde von einem Spruchbanner eingerahmt, das der Pfau in seinen Krallen hielt. Drei Worte auf Französisch standen auf dem Banner. Artifice, Malice, Malignité! Das Familienmotto der Malfoys, List, Verschlagenheit und Tücke. Mit zitternden Fingern riss Harry den Umschlag auf, überrascht darüber, dass er so aufgeregt war. Die Handschrift war eindeutig nicht die Dracos und ein schneller Blick auf die Fußzeile zeigte ihm, dass er von Astoria Malfoy stammte. Nachdem er ihn gelesen hatte, seufzte Harry bedächtig, nun konnte er sich nicht mehr davor drücken, mit Ginny zu reden.

„Und? Von wem ist der?" Sie wischte sich kurz mit dem Unterarm über die Nase und wartete. Harry sah sie mit seinen Hundeaugen an und Ginny wusste sofort, dass sie sich auf unangenehme Neuigkeiten gefasst machen musste. „Na los Schatz, sag schon, was ist los?"

„Trudy ist heute mit einem Brief von Al gekommen!"

Sie lächelte wissend. „Hat er dir wieder Mal sein Herz ausgeschüttet?" Sein erstaunter Blick erheiterte sie. Natürlich hatte Ginny längst herausgefunden, dass Albus oft im geheimen an seinen Vater schrieb, wenn er Sorgen hatte, oder Harry vorschob, um ihre Erlaubnis für seine Wünsche zu erhalten. Sie grinste, langsam kam Albus auch in das Alter, indem man Männerfragen nur mit seinem Vater besprechen wollte. Ginny musste sich damit wohl oder übel abfinden, Mütter standen hierbei außen vor.

„Nun schau nicht so erstaunt, Harry! Ich finde es eigentlich ganz niedlich, wenn ihr beiden kleine Geheimnisse miteinander habt."

„Ehrlich?"

Ginny rollte mit den Augen und Harry schob ihr einen Stuhl hin. „Setz dich bitte!"

Er füllte zwei Becher mit Tee und schob einen davon Ginny zu, während er sich ihr gegenüber niederließ. Ihre großen, braunen Augen schauten ihn skeptisch an.

„Was denn, so schlimm?"

Ein wenig verlegen druckste Harry herum. „Nun ja, wie man's nimmt. Al möchte seine Weihnachtsferien bei Scorpius verbringen!"

„Auf Malfoy Manor?! Das ist nicht dein Ernst?" Ginny quiekte fast schon.

„Eigentlich schon, Scorpius hat ihn eingeladen und..." Er deutete mit den Fingern auf den Brief. „...seine Eltern haben nichts dagegen."

Ginny schnaubte, sie mochte die Malfoys nicht. Ihrer Ansicht nach hätte man sie damals allesamt nach Askaban verfrachten sollen. Der Tod Freds und Dumbledores gingen ihrer Meinung nach auf Dracos Konto. Nie im Leben war sie dazu bereit, ihnen das zu vergeben, auch wenn Harry es nicht müde wurde zu betonen, dass die Malfoys sich aus der Schlacht um Hogwarts heraus gehalten hatten, um Draco zu suchen und Narcissa aus Sorge um ihren einzigen Sohn, sich auf Harrys Seite schlug und den schwarzen Lord angelogen hatte. Bis heute nahm sie es Harry krumm, dass er bei der Verhandlung der Malfoys, für diese aussagte und sie nicht nur vor Askaban bewahrte, sondern mit seiner Aussage dafür sorgte, dass sie in allen Punkten frei gesprochen wurden. Wieder einmal hatten es Lucius, Narcissa und Draco geschafft, ohne Strafe davonzukommen. Es passte Ginny überhaupt nicht, dass sich Albus mit Dracos Sohn angefreundet hatte. Doch Harry hatte sich gegen sie durchgesetzt. Der Gedanke schien ihn sogar irgendwie zu belustigen, dass die Söhne zweier so großer Streithähne Freundschaft schlossen. Sie wollte es kaum glauben, doch Harry hatte diese Querelen längst hinter sich gelassen.

„Wie siehst du das denn, Harry?"

„Ich finde es großartig!" Er grinste. „Du weißt doch wie schwierig es für Al war, mit mir als seinen Vater. Vor Außenstehenden hatte er sich immer zurückgezogen. Wenn James, Fred jr., Polly und die anderen nicht wären, hätte er gar niemanden um sich." Er wartete einen Moment um seine Worte wirken zu lassen. „Ich habe unseren Kleinen noch nie so überschwänglich erlebt. Er ist glücklich und darüber bin ich froh!"

Betrübt sah Ginny zu Boden. „Ich werde mein kleines Lämmchen vermissen!"

Harry lachte und kam um den Tisch gelaufen, um Ginny so richtig zu herzen. Liebevoll hob er ihr Kinn an und küsste sie sanft auf ihren Schmollmund. „He, du hast doch unser Lamm zehn Jahre lang an Weihnachten um dich gehabt. Al freut sich so sehr darauf und ich möchte es ihm nicht verwehren."

Ginny gab sich geschlagen. Sie wusste, dass sie auf verlorenem Posten stand, was gab es auch schon auf seine Entscheidung hin zu erwidern. Al wäre bestimmt sehr enttäuscht und die Auseinandersetzungen mit James im letzten Jahr, kamen ihr wieder in den Sinn. Geschlagen sah sie in die sanften, grünen Augen, die sie so sehr liebte.

„Ich werde ihn trotzdem sehr vermissen!"

„Keks?" Grinsend hielt Harry ihr einen Keks in Form einer Eule vor die Nase. Ginny biss hinein und legte ihren Kopf an seine Schulter.

„Alle meine Kinder verlassen mich."

„Trag es mit Fassung, so ist nun mal der Lauf der Welt! Doch tröste dich Weib, dir bleibt ja noch Lily." Sie streckte ihm die Zunge raus und knuffte ihn in die Seite, wegen seiner Neckerei.

„Ob James sauer sein wird?"

„Wenn ja zu Recht! Aber er wird es verstehen. Wilteshire liegt hier in der Nähe und nicht irgendwo in Süddeutschland. Aber ich fürchte, nächstes Jahr wirst du nicht darum herum kommen, ihm zu erlauben, mit Teddy oder Fred jr. auf Reisen zu gehen."

Harry kniff ihr in die Wange. „Jetzt schau nicht so traurig, du Glucke, unsere Kinder werden halt flügge."

„Bah, bist du gemein, Harry. Aber wenn ich die Glucke bin, bist du der Gockel!"

Er ließ ein lautes Kikeriki ertönen und brachte Ginny mit seiner Imitation eines Hahnes zum Lachen. Sie konnte ihm nicht lange böse sein, zumal Harry sie erneut mit einem Keks fütterte und die ganze Zeit „Putputput!" rief.

Undeutlich, da sie den Mund voller Krümel hatte, nuschelte Ginny los. „In Ordnung, schreib ihnen, dass wir einverstanden sind. Aber wehe sie tun meinem kleinen Al etwas an!"

„Wow, wow, wow!" Harry hob abwehrend die Hände. „Sie werden ihm schon nichts tun!"

„Bestimmt langweilen sie ihn mit ihrer Arroganz zu Tode."

„Möglicherweise, aber dies wäre dann sein Problem!"

Nach einem letzten Kuss auf Ginnys Nase, erhob sich Harry und ließ den Elfenkauz auf seine Schulter hüpfen. „Na komm mein Kleiner, dann wollen wir mal eine Antwort schreiben!"

„Und wenn du an Al schreibst, sag ihn ich hab ihn lieb!"

Harry nickte Ginny zu und verschwand aus der Küche, nicht jedoch ohne vorher heimlich ein paar Kekse stibitzt zu haben. Später in seinem Arbeitszimmer setzte Harry den Kauz zu Trudy auf ein Sideboard. Sie beäugte den Neuankömmling skeptisch, doch machte sie ihm großzügig etwas Platz, damit der Kauz an die Wasserschale konnte, die ihr Harry hingestellt hatte. Während Harry überlegte, wie er den Brief an die Malfoys beginnen sollte, fütterte er die beiden Vögel abwechselnd mit Eulenkeksen. Sein Blick wanderte zu seinem Schreibtisch, der übersät war mit Aktenstapeln, an denen ein Heer an Notizzettel klebte. Irgendwo in dem Chaos stand ein Bilderrahmen mit einem Photo von Ginny und den Kindern. Harry setzte sich an den Tisch und begann den Brief an Albus. Der ging ihm leicht von der Hand und er konnte sich schon das erfreute Gesicht seines Filius' vorstellen. Mit dem Brief an die Malfoys tat sich Harry jedoch schwer. Wie sollte er den überhaupt beginnen? Den Brief mit ‚Mr. Und Mrs. Malfoy' zu eröffnen, kam ihm irgendwie komisch vor. Mister Malfoy war für ihn Lucius gewesen und Draco war halt einfach Draco, oder Malfoy. Und Astoria konnte er schwerlich mit Vornamen anschreiben, schließlich wurden sie sich nie einander vorgestellt. Der Elfenkauz kam zu ihm auf den Schreibtisch gehüpft und Harry streichelte ihn grinsend. Vorsichtig zwackte ihn das kleine Federknäul in den Finger, um den schwarzhaarigen Magier dazu zu bewegen, ihm noch einen Keks zu geben.

Letztendlich hatte sich Harry dazu entschlossen, da ihn Mrs. Malfoy selbst angeschrieben hatte, den Brief mit ‚Liebe Astoria Malfoy...' zu beginnen. Er schrieb, dass Ginny und er sich über die Einladung Albus' nach Malfoy Manor sehr freuen und damit einverstanden sind, dass Albus seine Ferien bei den Malfoys verbringen würde. Im letzten Satz bat er sie, Draco seine Grüße auszurichten. Nachdem er, mit sich zufrieden, den Brief unterzeichnet und versiegelt hatte, band Harry das Pergament dem kleinen Elfenkauz ans Bein. Er öffnete das Fenster und entließ den kleinen Vogel in die Dämmerung. Die kalte Abendluft roch würzig und er atmete sie tief sein. Als Harry den Umschlag mit dem Brief für Albus nahm, fing Trudy erwartungsvoll an zu fiepen.

„Na, vermisst du dein Herrchen?"

Unruhig schuhute die große Schneeeule und Harry dachte einmal mehr mit großer Trauer zurück an seine Hedwig. Seine erste Eule. Sie war ebenso wie Trudy eine Schneeeule und Harry hatte sie von Hagrid zu seinem elften Geburtstag geschenkt bekommen. Damals war er sehr stolz auf seine Hedwig gewesen, die immer treu und unerschütterlich an seiner Seite war bis sie in der Nacht seines siebzehnten Geburtstages getötet wurde, als Voldemorts Schergen, ihn und Hagrid angegriffen hatten. Nach dem Sturz des dunklen Lords hatte Harry sehr lange damit gewartet, bevor er sich erneut eine Eule zulegte. Harry wollte keine Schneeeule mehr haben, oder überhaupt eine weiße Eule. Er hatte es einfach nicht übers Herz gebracht, da es sich anfühlen würde, als ob der Hedwig ersetzt hätte. Darum kaufte er eine große, schwarze Neuhollandeule. Ein riesiger, hässlicher Vogel, der meistens übellaunig war und auf den Namen Peacock hörte. Mit der Zeit war Harry dazu übergegangen ihn ‚blödes Mistviech' zu rufen, da Peacock ihn immer in die Hand biss. Als Albus, der darauf bestand seine Eule selbst auszuwählen, diesen Sommer mit einer großen Schneeeule, aus Eeylops Eulenkaufhaus trat, musste Harry schon schwer schlucken. Der Kleine präsentierte sie voller Stolz und als sie ihm aus Zuneigung in den Unterarm zwackte, musste Albus ein paar Tränchen tapfer wegblinzeln.

Sanft küsste Harry Trudy auf das Köpfchen, er vergewisserte sich, dass der Brief an Albus sicher festgebunden war und ließ sie schließlich in die zunehmende Dunkelheit entschwinden. Ein rascher Blick auf seine Taschenuhr zeigte ihm, dass es noch früh am Abend war und Harry beschloss dem Vorschlag seiner Frau zu folgen und mit Ron noch einen Trinken zu gehen.

Tbc...