Am frühen Abend landete das Flugzeug am John-F.-Kennedy Flughafen in New York. Nachdem sie das Gepäck empfangen hatten, setzte Harry zum ersten Mal ihren Fuß auf amerikanischen Boden. Der kalte Wind ließ sie frösteln. Dempsey legte seinen Mantel um ihre Schultern und legte einen Arm um sie, als er ein Taxi heran rief. Ein gelbes Taxi hielt unmittelbar vor ihnen. Harry war überrascht. In London war es nicht so einfach ein Taxi zu bekommen. Der Fahrer verstaute die Koffer im Kofferraum und sie stiegen ein. Dempsey nannte ihm die Adresse seiner Mutter. Harry hatte ein merkwürdiges Gefühl im Bauch. Würde seine Familie sie wirklich akzeptieren? Er hatte nie viel über seine Familie erzählt, und Harry hatte das Gefühl in eine ungewisse Zukunft zu fahren. Das Taxi brachte sie in den Stadtteil Brooklyn. Alte Häuser säumten die Straßen. Die Fenster waren hell erleuchtet und die wirkten Häuser freundlich. Nach einer Stunde Fahrt hielt das Taxi vor einem Haus in einer Nebenstraße. Dempsey bezahlte den Fahrer und nahm das Gepäck aus dem Kofferraum.
„Das ist es", sagte er fröhlich und lächelte.
„Okay", sagte sie nur und nahm ihren Koffer.
„Was ist los, Harry? Du hast die ganze Fahrt nichts gesagt", bemerkte er besorgt.
„Ich bin nur schrecklich müde", log sie und sah seinen besorgten Blick. Er weiß, dass ich lüge, dachte sie und lächelte. Sie konnte ihn einfach nicht anlügen, er kannte sie zu gut.
„Wir sind wirklich hier", seufzte sie verlegen.
„Ja, das sind wir und ich friere hier gleich fest, wenn wir hier noch länger in der Kälte stehen", merkte er an und hüpfte auf der Stelle.
„Und sie weiß nicht, das wir kommen?", fragte sie nervös und starrte auf die erleuchteten Fenster.
„Ich will sie überraschen", antwortete er freundlich und grinste, wie ein kleiner Junge.
Sanft legte er einen Arm um ihre bebenden Schultern, um sie zu beruhigen. Er war sich sicher, dass seine Mutter sie lieben würde.
„Komm schon, Feigling", forderte er sie fröhlich auf und zog sie mit sich zur Tür.
Er nahm seinen Hausschlüssel aus der Manteltasche und steckte ihn ins Schloß. Der Schlüssel bewegte sich nicht. Augenscheinlich wurde das Schloß ausgewechselt. Dempsey betätigte die Klingel. Nach einigen Augenblicken wurde die Tür durch eine junge Frau geöffnet.
„Das darf ja wohl nicht wahr sein", schrie die junge Frau und fiel Dempsey um den Hals.
„Debbie", sagte er fröhlich und wirbelte seine Schwester durch die Luft.
„Ich dachte, wir sehen dich nie wieder. Bist ja jetzt ein echter Snob", ärgerte sie ihn und kicherte.
„Freches Ding", stöhnte er und drückte sie fest an sich.
„Wer ist denn diese hübsche Frau da hinter dir?", fragte Debbie neugierig, als sie über seine Schulter schaute.
„Das ist Harriet, meine Partnerin", stellte er sie vor und zog Harry vor sich.
Die beiden Frauen schüttelten sich die Hand zur Begrüßung. Harry konnte nicht glauben, was er gerade gesagt hatte. Hatte er sie tatsächlich als seine Partnerin vorgestellt?
„Mummy? Wer ist das?", fragte eine weiche, sanfte Stimme aus dem Hintergrund.
„Das ist dein Onkel James. Komm her, mein Schatz", sagte Debbie und nahm ihren kleinen Sohn auf den Arm.
Dempsey war gerührt. Seine Schwester schien sich wirklich verändert zu haben. Debbie wirkte wie eine glückliche, junge Mutter. Der kleine Danny legte seinen Kopf verlegen an die Schulter seiner Mutter.
„Hallo, kleiner Mann. Ich bin Harry", sagte Makepeace sanft und strich dem Kind über den Kopf. Danny lächelte und steckte sich einen Finger in den Mund.
„Mum ist noch nicht zu Hause", sagte Debbie und bat die beiden ins Wohnzimmer.
„Wir bringen das Gepäck nach oben, würdest du kurz auf Danny aufpassen?", fragte Debbie freundlich und meinte damit Harry.
„Natürlich", stotterte Harry verlegen.
Dempsey und seine Schwester verschwanden. Danny stand verlegen im Raum und wackelte nervös hin und her. Ich weiß, wie du dich fühlst, dachte Harry und lächelte liebevoll. Von diesem Lächeln animiert, stürmte Danny los und setzte sich auf Harry's Schoß.
„Spielen?", fragte er und Harry begann ihre Beine rauf und runter zu bewegen. Dabei sang sie ein altes Lied aus ihren Kindertagen.
„Horsey, horsey don't you stop. Just let your hooves go clipity-clop. Your tail go swish and your wheels go ...ddy up, we're homeward bound", sang Harry und Danny quietschte vor Vergnügen.
Nach einigen Minuten kamen Dempsey und Debbie zurück. Dempsey war überrascht, als er sah, wie vertraut Danny bereits mit Harry war. Er setzte sich neben sie und lächelte glücklich.
„Betrügst du mich?", fragte er scherzhaft.
„Wer kann seinem Charm widerstehen?", fragte Harry zurück und zwinkerte.
„Ich bringe den kleinen Mann jetzt ins Bett. Es wird Zeit für ihn. Ihr zwei könnt euch Morgen den ganzen Tag mit ihm beschäftigen und du, lieber Bruder, kannst deinen Neffen endlich kennenlernen", schlug Debbie vor, und sie nahm Danny auf den Arm.
„Nachti", sagte Danny verlegen und winkte in den Raum.
Dempsey und Harry lachten herzlich, als die beiden den Raum verließen. Danny hatte das Eis gebrochen und Harry's Nervösität war verschwunden.
„Du siehst sehr glücklich aus", stellte Harry fest und lehnte sich an Dempsey.
„Das bin ich. Du machst mich glücklich und die Tatsache, dass ich meine Familie endlich wieder sehe", sagte er ehrlich und ließ seinen Kopf zurück fallen.
„Debbie ist wirklich sehr nett", sagte sie leise, damit keiner sie hörte.
„Ich erkenne Debbie kaum wieder. Als ich sie zuletzt gesehen habe, war sie zugedröhnt und hat mich zur Hölle gewünscht. Was sie mir alles gesagt hat, will ich hier gar nicht wiederholen, dir fallen sonst die Ohren ab", erklärte er und kicherte.
Harry küsste ihn sanft auf den Mund und seufzte. Sie fühlte sich wohler, als sie erwartet hatte. In diesem Moment wurde die Tür geöffnet und eine ältere Dame trat ein. Harry zuckte erschrocken zusammen.
„Hallo Debbie. Hast du den kleinen Danny schon ins Bett gebracht?", fragte die Frau, ohne ihren Blick auf Dempsey zu richten.
Dempsey räusperte sich und die Frau zuckte zusammen. Sie ließ ihre Einkaufstaschen zu Boden fallen und riss die Augen weit auf. Fassungslos stand sie da, und starrte ihren Sohn an. Dempsey sprang auf und schloß die alte Dame in seine Arme. Tränen rannen über ihre Wangen. Sie war gerührt vor Freude. Minutenlang standen sie eng umschlungen mitten im Raum. Sophia wollte ihren Sohn nie wieder los lassen.
„Du hast mich fast zu Tode erschreckt", sagte sie plötzlich und ließ ihn los.
„Hallo Mum", sagte Dempsey glücklich.
„Laß dich anschauen, Jimmy. Du bist dünn geworden. Das englische Essen bekommt dir nicht. Man sagt ja, dass die Briten nicht kochen können", sagte sie und kniff ihrem Sohn in die Wange.
„Du hast mir gefehlt, Mum...und natürlich deine italienische Küche", sagte er und drückte sie wieder an sich.
„Ich habe dich vermisst, mein Schatz", sagte sie ehrlich und weinte.
Harry fühlte sich überflüssig und wollte das Wiedersehen nicht stören. Leise versuchte sie sich aus dem Raum zu schleichen. Dempsey hielt sie am Arm fest, als sie an ihm vorbei schlich.
„Mum, das ist Harriet, meine Freundin und meine Partnerin", sagte er und legte einen Arm um Harry's Schultern.
Harry schaute Sophia in ihre sanften braunen Augen. Sie hatte die gleichen gütigen Augen, wie ihr Sohn.
