Burgas, den 5. November

Severus,

mir scheint es, als sitze ich bereits seit Stunden vor diesem Bogen Papier, und der Brief an Sie scheitert allein daran, dass ich mich nicht entschließen kann, welche Anrede mir angemessen erscheint. „Verehrter Severus" erscheint mir doch ein wenig hölzern. „Mein lieber Severus" erscheint mir dagegen etwas zu vorschnell und persönlich, ich möchte nicht, dass Sie sich unangemessen behandelt fühlen. Doch irgendwie kann ich diese Beziehung, die wir durch das Schreiben unserer Briefe aufgebaut bzw. verändert haben, nur schwerlich in Worte fassen.

Könnte man denn tatsächlich sagen, wir seien so etwas wie Freunde geworden? Ihre Schwester fragte mich dies vorhin; ich muss gestehen, mir ist keine Antwort auf diese Frage eingefallen, die mir der Situation angemessen erschien.

Nun, das Lächeln Ihrer Schwester auf mein Gestottere – vermutlich hat sich auch meine Gesichtsfarbe etwas zum Roten hin verändert – lässt mich seit dieser Frage darüber nachdenken, was für eine Art von Beziehung das tatsächlich geworden ist.


Tja, das tat sie wirklich. Sie war sich einfach nicht im klaren über ihre Gefühle. Die Fledermaus aus den Kerkern von Hogwarts - ein Freund? Doch hatte sie ihn wirklich jemals so gesehen?

Waren sein Wissen und seine Zaubertrank-Braukunst nicht schon immer faszinierend gewesen für sie? Und jetzt, jetzt wo er sich ihr ein wenig öffnete, war da nicht der Mensch Severus Snape als solches einfach faszinierend? Sie seufzte.


Wie Sie bereits gelesen haben, konnte ich mich für keine der möglichen Anreden entscheiden, und so habe ich es bei Ihrem Vornamen belassen. Es ist vielleicht Beweis genug für die Nähe, die wir inzwischen aufgebaut haben, auch wenn wir so weit entfernt sind voneinander wie noch nie.

Herrje, ich verfange mich in meinen Gedanken…

Ich trinke jedoch immer noch diesen Tee Ihrer Schwester, und falls Sie meinen Gedanken nicht mehr folgen können oder sie als merkwürdig abtun möchten, so tun Sie mir den Gefallen und schieben dies alles auf die Zusätze dieses Tees… Nicht, dass ich Ihrer Schwester zu nahe treten möchte, sie kümmert sich wirklich rührend. Nur erscheint es mir einfach eine gute Ausrede zu sein, um nicht darüber nachdenken zu müssen, wie weit entfernt Sie momentan sind, und wie sehr ich darunter zu leiden scheine.

Ich muss ständig Mephisto ansehen; seine Augen und sein ganzes Verhalten strahlen eine Ruhe aus, die mich irgendwie kräftigt und nach vorn schauen lässt. Es ist, als könnte ich Ihre Stimme hören, die mir vor dem Feuer eines Kamins die Geheimnisse des Wolfsbanntrankes erläutert.

Aber seien Sie unbesorgt, Severus; wie könnten Sie eifersüchtig auf ein Tier sein, auch wenn es noch so begabt und intelligent ist? Wenn Sie dieses Gefühl schon wegen eines Tieres spüren – mein Herz beginnt schneller zu schlagen bei diesem Gedanken…

Es freut mich zu lesen, dass Ihnen die Highlands ebenso zu gefallen scheinen wie mir, Severus. Sie erahnen gar nicht, was es mir bedeutet, Gemeinsamkeiten mit Ihnen zu entdecken. Halten Sie mich bitte nicht für verrückt, aber seit ich es erworben habe, trage ich ein Bild meines Cottages mit mir herum. Das hatte ursprünglich ganz praktische Hintergründe, weil ich sicher sein wollte, dass es zur Einrichtung passt, falls ich einmal unterwegs einen schönen Gegenstand entdecke. Inzwischen hole ich es auch immer wieder aus meinem Umhang heraus, wenn ich so etwas wie Heimweh verspüre. Doch leider hat es mich bisher kaum zu trösten vermocht; vielmehr hat es mir die Einsamkeit vor Augen geführt, die mich dort erwarten würde. Und trotzdem, ich muss es mir immer wieder ansehen.

Ich habe dieses Bild nun diesem Brief beigelegt; Ihre Schwester versprach mir, ich könne eine ihrer Eulen verwenden, und so bin ich sicher, dass es Sie auch erreicht.

Vielleicht weckt es in Ihnen ja dieselben Sehnsüchte wie bei mir, wenn Sie es sich ansehen. Bitte bewahren Sie es gut auf, bis ich zurückgekehrt bin. Wir hätten dann vielleicht zumindest deswegen einen Anlass, uns persönlich zu begegnen, und sei es nur, um mir das Bild zurückzugeben.

Bitte, Severus, bezeichnen Sie sich nicht immer als Fledermaus. Ich kann mir zwar vorstellen, dass einige Ihrer Schüler das immer noch tun; dann aber nur, weil diese Kinder Sie nicht wirklich kennen. Ich kann zwar ebenfalls nicht behaupten, Sie wirklich zu kennen, doch kann ich vielleicht sagen, ich kenne Sie jetzt besser als während meiner gesamten Schulzeit. Es ist bestimmt einfacher, sich den Schülern gegenüber zu verschließen, ich kann Ihre Haltung ja nachvollziehen. Nicht jeder Mensch verdient es, dass man sich ihm gegenüber öffnet. Doch bitte, Severus, versprechen Sie mir, sich den Personen gegenüber, die es gut mit Ihnen meinen, ein wenig zu öffnen. Auch wenn persönliche Beziehungen immer ein wenig kompliziert sein können und werden, was man daraus zurückbekommt, wenn man ein wenig gibt, macht es doch lohnenswert.

Herrje, ich höre mich ja an wie eine Therapeutin; vermutlich sehen Sie vor Ihrem inneren Auge bereits die Hermine von früher vor sich stehen, wie sie mit erhobenem Zeigefinger endlich mal wieder jemanden belehren kann, so wie sie es für richtig hält.

Aber bitte, ich meine das nicht besserwisserisch; denken Sie über meine Worte nach, Severus. Mehr verlange ich nicht. Und fühlen Sie sich nicht bevormundet, ich schreibe Ihnen diese Zeilen als Freundin, die sich Sorgen um Sie macht.

Sie haben eine schwarze Katze geschenkt bekommen? Wie treffend. Ich sehe diese Katze förmlich um Sie herumschleichen, wie sie um Streicheleinheiten bittet. Eine Katze ist eigentlich ein passendes Tier für Sie; intelligent, mit eigenem Kopf, und doch um ein wenig Zuneigung von ihrem Herrn bemüht, der so vielleicht ein wenig aus seinem Panzer (verzeihen Sie mir diese Wortwahl) herauskommt. Vielleicht ist es das, was Sie meinten, wenn Sie sagen, Sie könnten von mir etwas lernen. Denn Fachwissen kann ich Ihnen sicher nicht bieten, Severus. Vielleicht ein wenig Menschlichkeit, auch wenn ich zugeben muss, dass man verletzlich wird, wenn man sich öffnet. Doch man gewinnt sehr viel, wenn man ein paar echte Freunde hat, Severus. Bitte, sehen Sie mich als Ihre Freundin an, Severus, wenn Ihnen das nicht zu anmaßend erscheint. Wissen kann ich Ihnen sicher nicht bieten. Aber ich höre Ihnen zu, Severus.

Jetzt muss ich mich allerdings doch einmal dem eigentlichen Grund meines Besuches hier widmen. Ihre Schwester war so freundlich, mir in Ihrem Namen Unsummen an Geld auszuhändigen. Damit war es glücklicherweise ein Leichtes, für morgen mit einem Unterhändler eines Nachfahren der Atanasoffs zu vereinbaren. Sie lesen richtig, mit der Hilfe Ihrer Schwester konnte ich die Familie des angeblichen Autors des Codex ausmachen; ein Teil dieser Familie ist vor geraumer Zeit von Rumänien hierher nach Burgas gezogen.

Ich werde also morgen mit Viktor diese Person treffen und werde hoffentlich Näheres erfahren.

Seien Sie unbesorgt, ich werde Mephisto mitnehmen, und Ihre Schwester hat sich dankenswerterweise bereiterklärt, uns ebenfalls zu begleiten. Sie haben Recht, was Ihre Schwester betrifft; sie ist ein herzensguter Mensch.

Sie kennt die Familie der Krums sehr gut. Nach ihren Angaben ist sich diese Familie untereinander nicht wirklich gut gesonnen; es gibt verschiedene Familienzweige, die sich gegenseitig das Leben schwer machen. Die gesamte Familie lebt über ganz Osteuropa verteilt, so lebt auch hier ein Teil von Viktors Familie. Die Angaben von Malicia passen zu denen von Viktor, weswegen ich ihn auch für vertrauenswürdig halte. Er versucht, dem Teil seiner Familie, die hier in Burgas lebt, aus dem Weg zu gehen; er sagt, das würde uns nur Schwierigkeiten bringen.

Ich hoffe, nach dem morgigen Treffen ist ein Ende meiner Reise absehbar; Sie glauben gar nicht, wie gern ich Ihre Einladung annehmen würde.

Ist denn eigentlich ein Zeitpunkt für die Öffnung dieses unsäglichen "Zoos" bekannt? Vielleicht muss ich morgen meine Bemühungen noch ein wenig intensivieren.

Ach, ein Name für Ihre Katze – nun, vielleicht sagt Ihnen Esmeralda zu. Das ist spanisch und bedeutet so etwas wie Smaragd.

Hat Ihre Katze grüne Augen?

Hermine


A/N: Wie Ihr sicher bemerkt habt (...), gab es gestern kein neues Kapitel. Wir stellen jetzt "nur noch" jeden zweiten Tag ein neues Kapitel online, einfach nur deswegen, damit wir uns nicht irgendwann selbst einholen und kein neues Kapitel mehr fertig haben... :o)