Gespräche unter Geschwistern
Darcy stand in seinem Arbeitszimmer und blickte aus dem Fenster. Der Winter stand in Pemberley kurz bevor. Nur noch einzelne Blätter zierten die grossen Bäume und warteten darauf vom nächsten Windstoss davon geweht zu werden.
Auf seinem Schreibtisch türmten sich die Briefe, doch es fiel ihm an diesem Morgen schwer sich zu konzentrieren. Er war am Vortag erst angekommen. Nachdem er den Brief in Hunsford aufgegeben hatte, hielt ihn dort nichts mehr länger. Bereits am nächsten Tag war er nach London und von dort aus auf dem kürzesten Weg nach Pemberley gereist.
Er fragte sich, ob Elizabeth den Brief inzwischen wohl erhalten hatte?
Es war ihm nicht leicht gefallen diesen Brief zu verfassen. So sehr er sich auch darum bemüht hatte diesen Eindruck zu vermeiden, es wirkte in seinen Augen so, als wolle er sie damit an das erinnern was er für sie getan hatte. Es war das letzte was er wollte, dass sie sich ihm nun verpflichtet fühlte.
Das war wohl auch der Grund dafür, dass er ihr nicht alles geschrieben hatte. Sie würde niemals erfahren wie viel er Mr. Collins wirklich bezahlt und wie viel mehr noch er ihm versprochen hatte sollte dieser Longbourn nicht erben. Es war schwieriger gewesen als erwartet Mr. Collins dazu zu bringen die Verlobung aufzulösen. Die Angst dadurch an Ansehen zu verlieren in den Augen seiner Gemeinde, vor allem aber in den Augen Lady Catherine de Bourgh's war gross gewesen. Erst eine beträchtlich höhere Geldsumme, als die um welche es sich bei den Schulden der Bennet's gehandelt hatte, brachte ihn dazu seine Skrupel zu vergessen.
Darcy kehrte zu seinem Schreibtisch zurück und setzte sich hin. Er hatte die Versicherung von Mr. Collins, dass Elizabeth's Ruf nicht unter der Auflösung leiden würde, doch er war kein Dummkopf. Er konnte von dem Mann schlecht erwarten, dass er sich selbst in ein schlechteres Licht rückte als seine ehemalige Verlobte.
Er war abgereist bevor Mr. Collins Lady Catherine von der Auflösung der Verlobung berichtet hatte, daher wusste er nicht, oder noch nicht wie sie die Angelegenheit sah. Doch er war sich sicher, dass er es im nächsten Brief von ihr erfahren würde und er bezweifelte stark, dass sie die Schuld bei Mr. Collins suchen würde.
Er spielte sogar einen kurzen Moment lang mit dem Gedanken, ihren nächsten Brief gar nicht zu lesen, er würde mit grösster Wahrscheinlichkeit nur eine Verleumdung Elizabeth's enthalten und ihre Meinung würde kurze Zeit später ganz Hunsford teilen.
Darcy gehörte allerdings nicht zu den Menschen, welche die Augen vor der Realität verschlossen. Er konnte einfach nur hoffen, dass die Gerüchte sich in Grenzen halten würden. Die Leute redeten schnell, vergassen glücklicherweise aber genauso schnell wieder.
Er bereute deshalb nicht was er getan hatte. Er war sich sicher, dass Elizabeth das Gerede der Leute gerne in Kauf nahm, wenn sie dafür der Verlobung entkommen war. Auch wenn sie sich zuerst die grösste Mühe gegeben hatte es vor ihm zu verbergen, er hatte gesehen wie sehr sie litt; alles war besser als das.
Ein Klopfen riss ihn aus seinen Gedanken: „Ja?". Georgiana trat ein: „Ich hoffe ich störe dich nicht?", fragte sie und blieb zögernd auf der Türschwelle stehen. Er schüttelte den Kopf und lächelte: „Nein, komm nur rein", er blickte seufzend auf die Briefe vor sich, „Ich scheine heute ohnehin nicht weiter zu kommen."
Sie kam zu ihm an den Schreibtisch und während er sie betrachtete, fragte er sich wo ihre Kindheit gelblieben war. Georgiana war mit ihren 16 Jahren zu einer jungen Frau herangewachsen und sie glich ihrer Mutter mit jedem Tag mehr. Er würde sich wohl bald Gedanken darüber machen müssen, sie in die Gesellschaft einzuführen.
„William, werden wir dieses Weihnachten auch in die Stadt fahren, selbst wenn Charles nicht da ist?", fragte sie ihn. Er stand auf: „Natürlich. Wir reisen wie geplant in der zweiten Dezemberwoche in die Stadt", er lächelte, „Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Charles Weihnachten lieber auf Netherfield in der Nähe seiner Verlobten verbringen will" Seit dem Tod seines Vaters vor über fünf Jahren, hatte sie Weihnachten nie mehr in Pemberley gefeiert und daran würde sich auch nichts ändern, solange sie zu zweit blieben.
„Ich freue mich schon darauf Miss Bennet kennen zu lernen, nachdem was du mir erzählst scheint sie vorzüglich zu Bingley zu passen."
„Ja, mein Freund hat richtig Glück gehabt, aber du wirst dich wohl noch bis zur Hochzeit der beiden gedulden müssen, bevor du ihr begegnest." Er hätte seiner Schwester gern eine andere Bennet vorgestellt und der Gedanke, dass er Elizabeth wohl ebenfalls erst an der Hochzeit ihrer Schwester und seines Freundes wiedersehen würde, schmerzte ihn. „Meine Arbeit kann einen Moment lang warten, möchtest du mir nicht ein paar Stücke auf dem Klavier vorspielen? Ich hab dich so lange nicht mehr spielen gehört", fragte er Georgiana um sich abzulenken und sie gewährte ihm seine Bitte zu gerne.
„Lizzy, hast du mir eigentlich zugehört?", Jane's Stimme riss Elizabeth aus ihren Gedanken. „Ja, natürlich", log sie und schenkte ihrer Schwester ein Lächeln. Weisse Flocken tanzten vor dem Fenster und auch wenn Lizzy sich über den ersten Schneefall in diesem Jahr freute, so bedauerte sie, dass er sie dazu zwang im Haus zu bleiben.
„Hat Mr. Bingley für heute Abend nicht seinen Besuch angekündigt?", fragte Lizzy um ihre Schwester davon abzulenken, dass sie nicht im Geringsten wusste, wovon Jane eben gesprochen hatte.
„Ja, aber das weißt du ja bereits. Lizzy…", Jane machte eine Pause und Elizabeth erkannte an ihrem Blick, dass die nächsten Worte ihre nicht gefallen würden, „geht es dir gut? Du wirkst in letzter Zeit oft abwesend." – „Natürlich geht es mir gut, Jane. Mach dir keine Sorgen." Sie lächelte ihre ältere Schwester an um ihre Worte zu untermalen an und widmete sich dann wieder ihrem Buch, oder versucht es wenigstens.
„Lizzy, wen willst du mit diesen Worten täuschen? Ich sehe doch, das irgendetwas dich beschäftigt."
Elizabeth liess das Buch wieder sinken und blickte seufzend auf, zögerte aber mit einer Antwort. Drei Wochen waren vergangen, seit sie die beiden Briefe erhalten hatte. In der ersten Zeit war sie einfach nur erleichtert darüber gewesen, dass sie nicht Mrs. Collins werden würde. Schon damals hatte sie eine tiefe Dankbarkeit für Mr. Darcy empfunden, der dafür verantwortlich war.
Sie hatte sich schnell daran gewöhnt, dass die Verlobung aufgelöst wurde, doch der Gedanke an Mr. Darcy hatte sie nicht losgelassen. Sie hatte seinen Brief schon unzählige Male gelesen und er lag noch immer direkt neben ihrem Bett, wenn auch in einem Buch versteckt.
Sein Verfasser war ihr immer noch ein Rätsel. Sie konnte nicht verstehen weshalb er all das auf sich genommen und das Geld bezahlt hatte. Sie hatte lange darüber nachgedacht, was für Gründe er wohl gehabt hatte und ihr war nur ein einziger eingefallen, der Sinn machte. Er musste immer noch etwas für sie empfinden.
Konnte er sie wirklich noch lieben, nachdem sie in mit so harten Worten zurückgewiesen hatte? Und vor allem, wollte sie, dass seine Gefühle sich nicht geändert hatten? Die ersten Tage hatte sie sich einzureden versucht, dass es nur Dankbarkeit war, die sie ihm gegenüber empfand. Nur konnte diese nicht der Grund dafür sein, dass sie ständig an ihn dachte, dass sie sich wünschte ihn wiederzusehen. Sie hatte gehofft er würde nach Netherfield zurückkehren, doch über Jane hatte sie von Bingley erfahren, dass er längst wieder in Pemberley war und auch nicht beabsichtige vor der Hochzeit seines Freundes nach Hertfordshire zurück zu kehren.
Wenn es wirklich Liebe war die ihn dazu getrieben hatte ihr zu helfen, warum blieb er dann Netherfield und damit auch ihr fern?
Sie wusste nicht was sie denken und fühlen sollte, er verwirrte sie, jetzt noch mehr als vorher. Sie konnte nur mit Sicherheit sagen, dass sie ihn nicht mehr verabscheute, schon lange nicht mehr.
„Geht es um Mr. Darcy", fragte Jane, nachdem Lizzy auch nach einigen Minuten noch keine Antwort gegeben hatte. „Ich weiss es nicht, vielleicht", entgegnete sie leise und stand auf um ans Fenster zu treten. „Alles was er für mich getan hat…ich würde gerne mit ihm sprechen, mich bei ihm bedanken." Sie drehte sich zu Jane um und blickte sie schweigend an. Sie fürchtete, dass dies nicht alles, war doch sie konnte Jane nicht mehr erzählen. Sie konnte ihr nicht erzählen, dass sie seine Umarmung im Regen nicht vergessen konnte, das Gefühl das sein Blick in ihr auslöste…dass sie fürchtete mehr für ihn zu empfinden, als sie durfte, als sie sollte.
Die Türe ging auf und Kitty und Lydia traten. Beide hatten von der Kälte rote Wangen, sie waren vom Schneefall überrascht worden, als sie Mrs. Phillips in Meryton besucht hatten.
Lizzy war erleichtert über ihr Erscheinen, es ersparte ihr vorerst weitere Fragen von Jane und sie wandte sich ihren Schwestern deshalb freundlicher zu, als sie es sonst vielleicht getan hätte. Sie hatte keine schlechte Beziehung zu ihren jüngeren Geschwistern, doch es kam nie an das heran was zwischen ihr und Jane bestand.
„Ich dachte ihr würdet gleich bei unserer Tante bleiben, was hat euch dazu gebracht euch durch den Schnee zurück zu kämpfen?" fragte sie die beiden mit einem Lächeln.
Lydia setzte sich und rieb ihre Handflächen gegeneinander um wieder warm zu bekommen: „Als wir losgelaufen sind hat es noch nicht geschneit", erklärte sie und lehnte sich zurück. „Wie geht es unserer Tante?", erkundigte Jane sich, „Sie hatte doch eine leichte Erkältung." –„Ihr geht es gut"; Kitty setzte sich zu Jane, „aber wir haben Sachen von ihr erfahren, die weit weniger angenehm sind."
Elizabeth hatte schon eine dunkle Ahnung, wovon Kitty sprach und Lydia bestätigte ihre Vermutung durch ihre nächsten Worte: „Die Leute reden über dich Lizzy."
Jane seufzte: „Das wissen wir doch Lydia, das ist nichts neues. Ich wünschte ihr würdet endlich aufhören diesen Leuten Gehör zu schenken."
Lizzy überliess es Jane sie zu verteidigen, sie konnte diese Gespräche langsam nicht mehr hören. Von jedem Besuch aus der Stadt brachten ihre jüngeren Schwestern oder ihre Mutter neue Geschichten mit, welche die Leute sich erzählten.
„Ich kann dich ja verstehen Jane, du bist verlobt, dir kann das egal sein. Aber ich finde es alles andere als angenehm, wenn wir nicht mehr zu Bällen eingeladen werde, wegen Elizabeth."
Lizzy stand auf, dieses Mal ging Lydia zu weit: „Was erwartest du von mir?", fragte sie und ihre Stimme war dabei lauter, als sie es beabsichtig hatte, „soll ich Mr. Collins auf Knien flehend darum bitten mich doch zu heiraten? Ich habe nichts Falsches getan ihr kennt die Wahrheit. Was willst du also von mir Lydia?"
Ihr war in diesem Moment egal, dass ihre Schwestern nicht die ganze Wahrheit kannten. Es reichte, dass sie wusste, dass das Gerede der Leute nicht den Tatsachen entsprach. Lydias Worte verletzten sie, wenn auch anders als diese beabsichtigt hatte.
Ihr Ruf hatte gelitten, sie wusste das und wenn es nur um die Leute in Meryton gegangen wäre, so hätte sie wohl kaum einen Gedanken daran verschwendet. Doch sie musste annehmen, dass es in Hunsford nicht besser sein würde und damit wusste es auch Lady Catherine, Mr. Darcy's Tante.
War das der Grund dafür, dass er nicht zurückehrte? Selbst wenn er sie immer noch liebte, sie stand nun gesellschaftlich viel tiefer unter ihm als bei seinem Antrag und schon damals war ihre Familie ein Problem gewesen. Seine Tante kannte die Gerüchte, das Gerede der Leute. Niemals wäre es möglich, dass er es in Betracht zog sie noch immer zu heiraten.
Noch nie war ihr diese Tatsache so klar gewesen, wie in diesem Moment und der Schmerz den sie darüber empfand war viel grösser als sie erwartet hatte.
Sie verliess den Salon und begab sich in ihr Zimmer. Sie wollte alleine sein um einen Moment lang nachdenken zu können und das letzte was sie in diesem Moment brauchte, waren weitere Vorwürfe von Lydia.
Sie setzte sich auf ihr Bett und legte ihre zitternde Hand einen Moment über ihre Augen um sich zu beruhigen. Sie durfte deswegen doch nicht so aufgebracht sein. Sie hatte doch niemals gehofft, dass er ihr einen zweiten Antrag machen wurde, oder doch? Lizzy wusste nicht mehr was sie denken sollte.
Es war keine halbe Stunde her seit Jane sie nach ihm gefragt hatte und sie war beinahe überzeugt gewesen, dass sie ihm nur Dankbarkeit entgegenbrachte und nun?
Lizzy fragte sich, was sie geantwortet hätte, wenn er wirklich noch einmal um ihre Hand angehalten hätte.
Sie stand auf und verbot sich diesen Gedanken zu Ende zu führen, aus Furcht vor ihrer Antwort. Solche Überlegungen waren sinnlos, eine Hochzeit zwischen ihr und Mr. Darcy stand ausser Frage. Sie fügte sich nur unnötig Schmerzen zu, wenn sie zuviel darüber nachdachte.
Dieser Vorsatz war leichter gefasst, als in die Tat umgesetzt. Lizzy verbrachte den restlichen Vormittag in ihrem Zimmer, stets darum bemüht sich irgendwie zu beschäftigen um keine Zeit zum Nachdenken zu haben.
Ein leises Klopfen liess Lizzy erschrocken auffahren. Sie war so vertieft gewesen in ihr Buch, dass sie nicht gehört hatte wie jemand in ihr Zimmer getreten war. Kitty stand neben der offenen Türe und blickte sie entschuldigend an: „Mama schickt mich um dich daran zu erinnern, dass Mr. Bingley in Kürze hier eintreffen wird."
Elizabeth legte ihr Buch auf die Seite und lächelte: „Ich werde gleich runterkommen." Sehr zu ihrem Erstaunen drehte Kitty sich nach ihren Worten nicht um und verliess ihr Zimmer, sondern schloss die Türe hinter sich.
„Es tut mir Leid, Lizzy. Lydia hätte das nicht sagen dürfen", entschuldigte sie sich und setzte sich auf Elizabeths Bett. Lizzy hat mit vielem gerechnet, aber nicht mit einer Entschuldigung. „Danke, das ist wirklich sehr nett von dir", sagte sie und lächelte Catherine an.
„Sie war nur so wütend, weil Mrs. Smith uns nicht eingeladen hat und…"- „Du musst sie nicht verteidigen Kitty, die Situation ist für uns alle nicht leicht, ich verstehe das", unterbrach Lizzy sie. Vor allem ihre Mutter litt sehr unter dem Gerede der Leute und Lizzy wagte kaum sich vorzustellen, wie unerträglich Mrs. Bennet sein würde, wenn sie sich nicht durch Jane's Verlobung trösten könnte.
„Sie werden nicht ewig reden, bald schon wird etwas Neues ihre Aufmerksamkeit auf sich ziehen und sie werden deine Verlobung vergessen", versuchte Kitty ihre Schwester aufzumuntern und Lizzy lächelte sie dankbar an. Catherine war nicht immer das törichte junge Mädchen, dass sie häufig zu sein schien und wenn sie ihre jüngere Schwester nur nicht so sehr als Vorbild ansehen würde; Lizzy war sich sicher, dass aus ihr dann eine vernünftige Frau werden konnte. „Ja, da hast du sicherlich recht", antwortete sie und stand dann auf, als sie das Klingeln einer Glocke hörte. „Das kann doch unmöglich schon Mr. Bingley sein", rief Kitty und sprang auf um die Türe zu öffnen. Die Stimmen die kurz darauf von unten zu ihnen heraufdrangen liessen keinen Zweifel zu. Es war tatsächlich Mr. Bingley, wenn auch mehr als eine halbe Stunde zu früh. Lizzy konnte ein Lächeln nicht verhindern, ihr zukünftiger Schwager schien sich nach Jane zu sehnen.
Sie nahm sich vor alle Gedanken an das Gerede der Leute, aber vor allem auch an Mr. Darcy in den hintersten Winkel ihres Kopfes zu verbannen und freute sich auf einen geselligen Abend. Es war ihr immer ein Vergnügen Jane und Mr. Bingley zusammen zu sehen, ihre Schwester so glücklich zu erleben, erfüllte sie stets mit Freude und entschädigte sie für Vieles.
