Kapitel 14

Unvorhersehbar

Obwohl der Raum freundlich eingerichtet und mit gemütlichen Möbeln ausgestattet war, schien es unmöglich, sich hier auch nur annährend wohl zu fühlen. Feuer knisterte in einem Kamin in der Ecke, drei der vier Wände wurden durch Bücherregale verdeckt, auf dem Boden lag ein dunkelroter Teppich. Ein Tisch und einige Sessel standen einsam vor dem kleinen Fenster, durch das man den nächtlichen Himmel sehen konnte.

Lucius Malfoy war nie zuvor in diesem Raum gewesen. Wäre er alleine gewesen, hätte er sich möglicherweise gefragt, warum dieses Muggelzimmer dem Zimmer eines Zauberers so ähnlich war. Doch er war nicht allein und nahm kaum etwas des kleinen Raumes wahr. Die Aura des Dunklen Lords schien den Raum in einen düsteren Schatten zu hüllen, wie sie alles, was in seiner Nähe war, düster erscheinen ließ. Er besaß zu viel Dunkle Magie, Dunkle Macht, als dass man Dinge in seiner Umgebung wahrnehmen könnte, wie sie wirklich waren. Durch Ihn erschien alles schwarz, kalt und leblos.

Doch das war Lucius gewohnt. Schwärze, Kälte und Leblosigkeit war seit einem Jahr das einzige gewesen, was er gesehen und gespürt hatte.

"Dein Sohn will sich also an mir rächen", erklang die kalte Stimme des Meisters, in der fast so etwas wie Amüsement mitschwang. "Mit Harry Potters Hilfe", er lachte heiser und freudlos auf. "Du scheinst mit deiner Erziehung gänzlich versagt zu haben, Lucius."

Lucius sagte nichts, sondern wartete nur ab. Er hatte gelernt zu warten.

"Du hättest ihn mir bringen sollen. Beim nächsten Mal wirst du das auch tun. Bring mir deinen Sohn, Lucius."

- - -

"Wo ist die verdammte Schokolade?", fluchte Ron, einige Tage nachdem sie zum Grimmauldplatz zurückgekehrt waren. "Ich weiß ganz genau, dass sie gestern noch da war!" Er riss eine Schranktür nach der anderen auf, wühlte zwischen Müslipackungen und kramte in den Schubladen.

"Ich wusste nicht, dass sie dir gehört", erklärte Draco, während er Ron gelangweilt beim Suchen zu sah.

"Hast du sie etwa gegessen? Die ganze Tafel!", Ron starrte den Blonden geschockt an, stieß dann plötzlich einen ohrenbetäubenden Schrei aus und sprang zur Seite.

"Was ist jetzt los? Hat dich 'ne Spinne gebissen?", fragte Draco mit gerunzelter Stirn.

"Maim vdammt", machte Ron, nachdem er seinen Zeigefinger in den Mund gesteckt hatte und machte eine schmerzvolle Miene.

"Wie bitte?"

"Nein, keine Spinne!", rief Ron und setzte sich an den Tisch.

"Sondern?"

"Hab mich geschnitten...", nuschelte Ron und lief leicht rot an.

"Geschnitten?", fragte Draco, auf dessen Gesicht sich nun ein Grinsen ausbreitete, welches Ron noch verlegener drein schauen ließ.

"Ich hab in eine Messerklinge gefasst..."
Draco brach in Gelächter aus. "Wenn du auch deine Schokolade beim Besteck suchst", prustete er.

"Hast du sie gegessen?", fragte Ron und versuchte ihn strafend anzuschauen.

"Nö."

"Ha! Und das soll ich dir glauben?"

Hermine, die die ganze Zeit über lesend am Tisch gesessen und nur mit einem Ohr zugehört hatte, zog etwas unter ihrem Buch hervor und sagte: "Ja, Ron. Ich fürchte, du musst ihm glauben."
Ron wandte seinen Blick von Draco ab und fixierte das zusammengeknickte Papier auf dem Tisch, auf dem noch die Buchstaben "ollmilc" zu lesen waren.

"Merin! Hermine!", rief Ron und starrte nun Hermine mit einem Ausdruck purem Entsetztens an.

Draco schüttelte sich förmlich vor Lachen und Hermine grinste verlegen.

"Hast du die ganze Tafel gegessen? Alleine? An einem Tag?", hauchte Ron.

"Ich denke... schon", murmelte Hermine.

"Das ist..."
"Ach komm schon, Ron. Glaubst du etwa, sie nimmt davon drei Kilo zu?", fragte Draco, der sich langsam wieder fasste.

"Nein, das ist es nicht..."
Draco zuckte mit den Schultern.

"Ganz schön warm hier, oder?", fragte er nach einer Weile.

"Es ist August", bemerkte Hermine.

"Morgen nicht mehr", murmelte Ron.

"Trotzdem ist es warm", sagte Draco und rollte die Ärmel seines Pullovers hoch. Daraufhin jagte ein kalter Schauer über seinen Rücken, als er wiedereinmal auf den Totenkopf und die Schlange starrte, die auf seinem linken Unterarm eingebrannt waren. Seine Blick verfinsterte sich. Er hasste es. Jedes Mal, wenn es ihn weckte, durch den brennenden Schmerz auf seiner Haut, hasste er es. Nur was konnte er - Plötzlich kam ihm ein Gedanke.

"Wisst ihr was?", er hob langsam den Kopf und sah zu Ron und Hermine herüber.

"Hmm?"

"Wo ist Harry?"

- - -

Hermine teste den Spruch ein letztes Mal. Sie murmelte etwas, hob den Zauberstab an ihren Kopf und schon entsprang eine große Blase der hölzernen Spitze und schloss ihren Kopf ein. Sie drehte sich um und sah, dass Harry, Draco und Ron den Zauber nun ebenfalls beherrschten. Sie ließ die Blase wieder verschwinden.

"Gut, dann bis morgen", rief sie ihnen zu und verließ die Bibliothek, in der sie geübt hatten.

Als sie im Bett lag, ging sie gedanklich nocheinmal alles durch. Draco hatte ihnen vorhin von einem See berichtet, der in dem Wald lag, in welchem er sein Dunkles Mal erhalten hatte. Nach ihrer Theorie könnte sich dort Hufflepuffs Kelch befinden, schließlich müsste er in einem Versteck sein, das mit Wasser und Erde zu tun hatte. Wirklich sicher waren sie sich ihrer Sache zwar nicht, aber es war eine Idee, der sie unbedingt nachgehen mussten. Morgen, so war es geplant, würden sie in den Wald apparieren, in den See tauchen und nach dem Kelch suchen.

In dieser Nacht schlief Hermine unruhig und das lag nicht nur daran, dass sie eine schlechte Schwimmerin war. Langsam aber sicher suchte sie immer wieder etwas anderes in ihren Träumen und Gedanken auf, genaugenommen war es nicht 'etwas' sondern jemand. Ein Jemand mit grauen Augen... Abgelenkt oder übermüdet wie sie in Frankreich gewesen war, hatte sie sich dort schon bald keine Gedanken mehr über ihn gemacht. Doch seit sie wieder hier waren, fragte sie sich immer wieder, warum Draco mit ihr getanzt hatte. Es war kaum so, dass er keine andere Partnerin gefunden hatte, im Gegenteil! Also, warum? Hermine zerbrach sich den Kopf darüber, denn sie sah keinen Sinn in seinem Verhalten. Draco war immer der gewesen, der sie verachtete. Das hatte sich zwar mittlerweile geändert, aber nur soweit, dass sie miteinander auskamen, genau wie Ron und Harry es taten. Mehr nicht.

Hermine seufzte.

- - -

Die Bäume des Waldes in dem sie soeben appariert waren, ragten hoch über ihren Köpfen in den leicht bewölkten Himmel. Es war Vormittag und sie fühlten sich nicht halb so unbehaglich, wie sie es erwartet hatten. Trotzdem wirkte der Wald nicht besonders einladend, was wahrscheinlich daran lag, dass es sich um einen dichten Nadelwald handelte. Abgesehen von den Bäumen selber wuchs kaum eine andere Pflanze auf dem erdigen Boden.

"Wo ist nun der See?", fragte Ron.

"Wir müssen noch ein Stück laufen. Erst müssen wir über die Lichtung, auf der die... Zeremonien stattfinden", erklärte Draco und leichte Abscheu spiegelte sich in seinem Gesicht wieder.

"Und wo ist diese Lichtung?", wollte Harry wissen.

"In der Richtung", Draco schritt voran, stieg über Wurzeln und duckte sich unter herabhängenden Zweigen hindurch.

Sie gingen schweigend dahin, nahmen nichts anderes außer dem intensiven Geruch der Bäume und dem Geräusch ihrer Schritte war. Kein Vogel und auch kein anderes Tier begegnete ihnen.

"Ich versteh nicht, warum Du-weißt-schon-wer seine Todesser ausgerechnet hier versammelt", grummelte Ron. "Ich meine, was bringt ihm -"
"Sei still!", zischte Harry plötzlich und hob eine Hand. Alle vier blieben stehen und lauschten angespannt.

"Da ist jemand", wisperte Hermine entsetzt. Sie vernahmen Stimmen, Männerstimmen. Was sie sagten, konnten sie aus dieser Entfernung nicht verstehen.

Sie tauschten Blicke aus und schlichen dann langsam näher, den Stimmen entgegen. Bald konnten sie einige Meter entfernt eine Lichtung ausmachen, auf der sechs Gestalten standen und redeten. Im Schatten einer Kiefer blieben sie stehen und versuchten, sich so gut wie möglich zu verstecken.

Als Hermine sich die Männer genauer ansah, fiel ihr auf, dass nur fünf von ihnen in schwarze Umhänge gehüllt waren, der sechste trug einen scheinbar sehr dreckigen braunen Umhang. Er wurde von einem der Männer an der Schulter gepackt und geschüttelt.

"Wir warten nicht gerne, verstehst du?", zischte der Mann. "Sag es uns besser gleich, wir werden es sowieso erfahren!"
Der angesprochene schüttelte den Kopf und in dem Moment erkannte Hermine ihn. Sie keuchte erschrocken auf.

Es war Mundungus Fletcher.

Auch Harry und Ron schienen ihn in diesem Moment erkannt zu haben, denn sie wechselten entsetzte Blicke.

"Spuck's aus!", rief ein anderer, offensichtlich ein Todesser. "Wo ist der Junge?"

"Ich weiß 's nich", wimmerte Mundungus und zappelte vergeblich, um aus dem Griff des Todessers zu entkommen.

"Ach nein? Dann werden wir deinem Gedächnis wohl auf die Sprünge helfen müssen", in der drohenden Stimme des Mannes schwang Hohn und Vorfreude mit. Er schleuderte Mundungus hart auf den mit Moos bewachsenen Boden und beugte sich über ihn. "Wo ist Harry Potter?", zischte er.

"Ich weiß 's wirklich nich!", rief Mundungus mit so hoher Stimme, wie Hermine es aus seinem Mund noch nie gehört hatte.

"Die Ausrede kennen wir, Dung", der Todesser wandte sich an seinen großen, breitschuldrigen Gefährten. "Walden, ich denke es wird Zeit für deine... Muggelmethoden."

"Mit Vergnügen", antwortete der Mann, bei dem es sich offensichtlich um Walden McNair handelte. Hermine lief es kalt über den Rücken, als sie zusah, wie er sich Mundungus näherte, ihn am Kragen packte und hoch zog.

Hermine wunderte sich gerade, ob sie ihn tatsächlich ohne Magie quälen wollten, als McNairs Faust hinabsauste und Mundungus in der Magengegend traf. Dieser stöhnte auf und versuchte rückwärts davon zu stolpern, doch schon hatte McNair, der um einiges größer war, ihm einen zweiten Schlag versetzt.

Hermine konnte einen erstickten Schrei im letzten Moment unterdrücken, nach dem der dritte Schlag Mundungus im Gesich getroffen hatte. Zittrig stand er da, Furcht war in seinen Augen zu lesen und Blut tropfte ihm aus der Nase. McNair packte ihn und zog ihn drohend zu sich. "Wo ist Potter?", fragte er.

Mundungus schüttelte verzweifelt den Kopf. McNair schleuderte ihn wieder zu Boden und bückte sich.

"Glaub mir, es kann noch viel schlimmer kommen", und schon traf seine Faust Mundungus wieder. Und wieder. Und wieder.

Hermine schloss entsetzt die Augen, doch so sehr sie sich auch zwang nicht hinzuhören, die erstickten Schreie Mundungus' konnte sie nicht ignorieren. Verzweifelt sah sie sich nach Harry um und flüsterte: "Können wir nicht irgendetwas tun? Er schlägt ihn am Ende tot!"

Harry schüttelte mit zusammen gepressten Lippen und zornfunkelnden Augen den Kopf. "Wir sind zu wenig."

Natürlich waren sie zu wenige. Mit sechs Todessern konnten sie es nicht aufnehmen.

Hermine wagte es, zu Mundungus zu spähen, der keuchend am Boden lag. Sein Gesicht war blutverschmiert, sein Atem ging unregelmäßig, seine Hände zitterten.

"Walden, wir sollten es mit den herkömmlichen Methoden versuchen", ertönte eine Stimme unter einer schwarzen Kapuze.

Widerwillig erhob sich McNair und trat zurück, während ein anderer Todesser vortrat und seinen Zauberstab auf Mundungus richtete.
"Nein... ich weiß nix", keuchte Mundungus, doch schon hatte ihn der Cruciatus-Fluch getroffen und schüttelte ihn am ganzen Leib.

Hermine zuckte entsetzt zusammen und spürte kurz danach eine beruhigende Hand auf der Schulter.

Unterdessen stieß Mundungus raue Schreie der Qual aus, während die Todesser lachend daneben standen. Es schien Hermine, als wäre eine Ewigkeit vergangen, als der Todesser den Fluch endlich von Mundungus nahm, der nun mit seltsam verdrehten Augen zu ihnen hinauf starrte.

"Sag uns jetzt sofort, wo Potter sich aufhält", befahl der Todesser.

"Nein... nichts... weiß nichts...", stammelte Mundungus unter größter Anstrengung und versuchte, seinen zitternden Körper unter Kontrolle zu bekommen.

"Du weißt es immer noch nicht? Dann müssen wir wohl -"
"So bringt das nichts!", unterbrach ihn ein anderer Todesser. "Wir machen es anders. Imperio!"

Der leidende Ausdruck auf Mundungus Gesicht verschwand, sein Blick wurde glasig.

"Wo ist Harry Potter?", fragte der Todesser, der ihm mit dem Imperius-Fluch belegt hatte.

"Ich weiß nicht", grummelte Mundungus.

Die Todesser tauschten Blicke aus.

"Weißt du, wo Harry Potter ist?", fragte der eine erneut.

"Nein."
"Ist der in Hogwart?"
"Ich weiß nicht."
"Verdammt!", fluchte ein anderer Todesser laut. "Wie zum Teufel kann das sein? Was sollen wir unserem Lord erzählen!"

McNair trat vor und versetzte Mundungus einen wütenden Tritt.

"Was machen wir jetzt mit ihm?", fragte er.

"Wir lassen ihn hier und verschwinden", bestimmte ein anderer. Sie berieten sich rasch und kurz darauf disapprierten sie und ließen Mundungus allein auf der Lichtung zurück.

Hermine atmtete erleichtert aus und spürte, wie sich die Hand auf ihrer Schulter wieder entfernte. Sie drehte sich um und erwartete auf smaragdgrüne oder tiefblaue Augen zu treffen, doch es waren Graue, die zurückblickten. Draco hielt ihren Blicke für einen Moment fest, ehe er sich erhob und Harry und Ron folgte, die bereits zu Mundungus gerannt waren. Hermine hastete ihnen hinterher und kniete sich neben Mundungus nieder, der mit geschlossenen Augen da lag und verzweifelt nach Luft rang.

"Dung?", fragte Ron vorsichtig und stupste ihn an.

Panisch schlug Mundungus seine Augen auf. Er brauchte einen Moment, um zu erkennen, wen er vor sich hatte.

"Harry... Ron... was tut ihr hier?", er drehte den Kopf und erblickte Hermine und Draco.

"Wer's der?", fragte er und wurde von einem plötzlichen Hustenanfall ergriffen. Harry und Ron halfen ihm, sich ein wenig aufzurichten.

"Wer's der? Was tut ihr hier?", er spuckte Blut.

"Mundungus!", rief Hermine. "Was können wir tun? Du musst unbedingt zu einem Arzt! Episkey!" Sie versuchte seine Verletzungen zu lindern, doch sie konnte kaum etwas ausrichten.

"Wie ist das passiert?", fragte Harry.

Mundungus öffnete den Mund, doch im selben Moment sackte er ihn sich zusammen und wurde durch erneutes Husten geschüttelt. "Winkel - gasse", brachte er keuchend hervor.

"Wir müssen dich ins St. Mungo bringen", entschied Hermine und wischte Blut mit ihrem Ärmel aus seinem Gesicht.

"Nein...", widersprach Mundungus schwach. "Warten... ihr müsst warten. Harry...", er drehte den Kopf leicht und sah Harry an, als müsste er sich zu etwas überwinden.

"Hier", murmelte er, fasste sich mit einer verschwizten, blutigen Hand an den Hals und zog an einer Kette.

Ein goldenes Medaillon kam zum Vorschein, ein Medaillon, das sie schon einmal gesehen hatten! Es war vollkommen rund und von einem gemusterten Rand eingefasst. In der Mitte befand sich ein großes S, um das sich eine Schlange wandt.

Harry griff nach dem Medaillon. "Wo hast du das her?", fragte er atemlos.

"Aus... Sirius' Haus", sagte Mundungus. "Tut mir Leid... 'schuldigung. Nimm's mit."

Harry nahm ihm das Medaillon mit funkelnden Augen ab und musterte jeden Zentimeter des glänzenden Metalles.

"Glaubt ihr, es ist... ihr wisst schon was?", wisperte er und sah Ron und Hermine abwechselnd an. Beide nickten stumm und sahen zu, wie Harry das Medaillon in seiner Tasche verschwinden ließ.

"Mundungus, wir müssen dich hier weg bringen! Sofort!", wiederholte Hermine besorgt. "Wir müssen zum St. Mungos apparieren!"

"Okay, ihr schafft ihn hier weg und ich bringe das Medaillon zum Grimmauldplatz", entschied Harry.