Kapitel 13 – Verehrt und angespien

Über den Gebäuden der Universität wich die Schwärze der Nacht nur widerwillig einer dunkelblauen Morgendämmerung, als Sonea die Arran-Residenz verließ. Sie glaubte, noch halb zu schlafen, doch während sie durch den Wald schritt, spürte sie, wie ihre Anspannung wuchs. Dieser Tag würde der erste einer langen Folge von Tagen werden, die jeder das Potential hatten, zu einem nicht enden wollenden Albtraum zu werden. Das versprach nur insofern eine Verbesserung gegenüber zum gestrigen Tag, als dass Sonea nicht mehr mit der Ungewissheit leben brauchte, welche Strafe sie erwartete.

Obwohl es Akkarin gelungen war, das Geschehene so darzustellen, als sei nichts Anstößiges passiert, hatte sich das Gerücht über ihre heimliche Beziehung zweifelsohne bereits in der gesamten Gilde verbreitet. Sonea fürchtete die Reaktion ihrer Lehrer und der anderen Novizen ob dieser Neuigkeit. Ganz besonders im Hinblick auf ihr unbeherrschtes Verhalten am vergangenen Vormittag.

Zu ihrer Erleichterung begegnete sie keinen Magiern oder Novizen, als sie die Universität betrat. Sie wusste, die meisten Novizen schliefen bis kurz vor Unterrichtsbeginn und schlangen dann nur ein hastiges Frühstück hinunter. Anstatt den gewohnten Weg zur Speisehalle zu wählen, verließ sie den Hauptflur und betrat die Küche durch den Dienstboteneingang, nur um sicherzugehen, dass ihr wirklich keine unangenehmen Begegnungen widerfuhren.

„Ihr seid spät", blaffte sie einer der Köche an. „Dafür werdet Ihr heute Abend länger bleiben."

„Tut mir leid", sagte sie ein Stöhnen unterdrückend. Das würden drei anstrengende Wochen werden. „Dann werde ich morgen früher kommen."

Der Koch nickte mit grimmiger Miene. „Mein Name ist Jehin", stellte er sich vor. „Es ist mir egal, ob Ihr aus den Häusern kommt oder Magie beherrscht. In dieser Küche habe ich das Sagen – verstanden?"

Sonea nickte.

„Dann fangt an." Er wies zu einem Tisch, auf dem sich kleine Körbe stapelten. „In jeden Korb kommen zehn Brötchen. Die kommen in die Speisehalle. Immer einen Korb pro Tisch und keine Magie."

Sie nickte erneut.

Die nächste Stunde war sie damit beschäftigt, Brötchen in Körbe zu füllen, kleine Kuchen auf Platten anzurichten und in der Speisehalle zu verteilen. Sie kochte literweise Sumi, füllte Pachisaft in Krüge, und als die ersten Novizen ihr Frühstück beendet hatten, räumte sie das schmutzige Geschirr ab und spülte es. Die Novizen riefen ihr hämische Bemerkungen hinterher und lachten sie aus. Noch nie im Leben hatte Sonea sich so gedemütigt gefühlt. Selbst die Diener in der Küche behandelten sie mit Herablassung und sie begann sich zu fragen, ob das Teil ihrer Strafe war.

Mit einem Mal hätte sie den Privatunterricht als Strafe vorgezogen. Doch Akkarin hatte ihr am vergangenen Abend ausführlich erklärt, warum das nicht in Frage kam. Obwohl ihr einige seiner Gründe grausam erschienen waren, musste Sonea zugeben, dass er richtig gehandelt hatte. Sie würde sich niemals richtig in die Gilde einfügen, wenn sie von den anderen isoliert war.

Kurz bevor es zum Unterrichtsbeginn läutete, entließ Jehin sie endlich. Sonea beeilte sich, vor Beginn der ersten Stunde hatte sie noch etwas Dringendes zu erledigen. Sie wusste, diese Angelegenheit würde ihr sonst keine Ruhe lassen. Um weniger den anderen Novizen ausgesetzt zu sein, wählte sie einen Weg durch die Inneren Passagen und stellte sich in der Nähe ihres Klassenzimmers in einem Seitengang.

Während sie wartete, füllte sich der Flur rasch mit Novizen, die zu ihren Unterrichtsräumen eilten. Soneas Unruhe wuchs. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis die erste Stunde begann und sie tat besser daran, pünktlich zu sein, um nicht noch eine Strafarbeit zu bekommen.

Dann endlich schritt ein einzelner Novize den Korridor entlang.

„Regin!", rief Sonea leise und winkte.

Als der Novize sie erkannte, verfinsterte sich ein Gesicht. „Was willst du?", fragte er schroff, kam aber dennoch näher.

Sonea errichtete einen schalldichten Schild um sie beide. „Wir müssen reden", sagte sie, ihre Nervosität niederkämpfend.

„So?", fragte er und baute sich vor ihr zu seiner vollen Größe auf. „Worüber willst du mit mir reden?"

Sich ins Gedächtnis rufend, dass sie die stärkere von ihnen beiden war, versuchte Sonea sich nicht von ihm einschüchtern zu lassen. Die Zeiten, wo sie einen Grund gehabt hatte, ihn zu fürchten, waren lange vorbei. Dennoch war es absurd, etwas zu tun, wozu er seinerseits unzählige Gelegenheiten hatte verstreichen lassen, als sie noch verfeindet gewesen waren.

„Regin, ich möchte mich bei dir in aller Form für gestern entschuldigen", begann sie einen tiefen Atemzug nehmend. „Als ich dich angegriffen habe, habe ich nicht nachgedacht. Ich war so wütend, weil ich geglaubt habe, du hättest mein Geheimnis herumerzählt. Wenn ich nachgedacht hätte, wäre ich darauf gekommen, dass es tatsächlich dein Onkel war, der uns verraten hat und nicht du. Es tut mir leid."

Regin betrachtete sie kühl. „Ach wirklich?"

„Es war ein Fehler und das weiß ich jetzt. Es tut mir leid, ich habe dir nicht vertraut."

„Sonea, ich habe wirklich versucht, ihn davon abzuhalten, es überall zu erzählen", sagte Regin leise. „Aber anscheinend wollte er unbedingt einen neuen Skandal ins Leben rufen. Er fürchtet noch immer, Akkarin könnte sein Amt wollen."

Sonea lächelte leicht. „Danke, dass du es wenigstens versucht hast. Und danke, dass du vor den höheren Magiern gelogen hast."

„Ich würde es wieder tun."

Sie blinzelte ihn überrascht. „Nimmst du meine Entschuldigung an?"

Regin nickte. „Ich habe versprochen, wiedergutzumachen, was ich dir in deinem ersten Jahr angetan habe und ich halte mein Wort." Er grinste verlegen. „Und nach gestern wäre ich auch wirklich nicht mehr erpicht darauf, dir Ärger zu bereiten", fügte er dann hinzu.

„Heißt das, wir sind noch Freunde?"

Sonea streckte ihre Hand aus. Als sie ihn ansah, verspürte sie eine quälende Erwartung. Plötzlich wusste sie nicht, ob sie ertragen könnte, wenn er nein sagte.

„Freunde", sagte er feierlich und schlug ein.

Sonea stieß einen erleichterten Seufzer aus. Wer hätte jemals gedacht, ich hätte Angst, Regin als Freund zu verlieren?, dachte sie sarkastisch. Aber war das wirklich so abwegig? Ja, er war arrogant und ein Idiot, aber Sonea hatte ihn oft mit seinen Freunden beobachtet. Obwohl er sich Schwächeren gegenüber aufspielte, schien er auch jemand, auf den man sich verlassen konnte. Allein die Tatsache, dass er sich gegen seinen Onkel gestellt hatte, machte einen guten Teil seiner Schikanen wett, weil er es für sie und Akkarin getan hatte.

„Was für eine Strafe hat er dir eigentlich gegeben?", fragte Regin. „Nach allem, was ich von meinem Onkel gehört habe, muss es etwas ziemlich Hartes gewesen sein."

Sonea lächelte grimmig. „Oh, du wärst außerordentlich erfreut, wenn ich dir sage, was es ist!"

„So?" Regin hob die Augenbrauen. „Was ist es?"

„Drei Wochen Küchendienst", brummte sie. „Morgens, mittags und abends."

Er schnalzte anerkennend mit der Zunge. „Das ist wirklich übel." Er senkte seine Stimme. „Und das lässt du ihm durchgehen?"

Sie zuckte mit den Schultern. „Er ist mein Mentor. Ich habe die Regeln gebrochen, etwas anderes als es zu akzeptieren bleibt mir kaum übrig, oder? Akkarin musste mich bestrafen. Hast du einmal darüber nachgedacht, was wäre, wenn er seine Novizin, deren Kräfte für ihr Alter bereits ungewöhnlich groß sind und die außerdem eine schwarze Magierin ist, nicht unter Kontrolle hat? Das, was ich gestern getan habe, würde dem nicht annähernd gerecht."

Regin schauderte. „So habe ich das noch gar nicht gesehen."

„Natürlich hast du das nicht." Sie zögerte. „Versteh das bitte nicht falsch. Es ist nur so, für die meisten Novizen bin … war ich so etwas wie eine Heldin. Sie verstehen nicht, zu welch schrecklichen Dingen ich fähig bin." Sie zuckte die Schultern. „Nun, seit gestern vielleicht schon. Die meisten Magier fürchten mich dagegen, als würde ich ihnen den Weltuntergang bringen. Mit Akkarin ist es dasselbe."

„Das klingt ganz so, als wäre das alles nicht sehr einfach für dich", sagte Regin und Sonea glaubte, so etwas wie Mitgefühl in seiner Stimme zu hören.

„Nein, das ist es nicht", erwiderte sie leise. Manchmal fühlte es sich an, als würde ihre Existenz von dem Wohlwollen ihrer Lehrer und der Novizen abhängen. Mal wurde sie gehasst, dann wieder verehrt. Beides war auf seine eigene Art und Weise unerträglich. Dass die Stimmung unter den Lehren und Novizen wegen ihr und Akkarin gespalten war, machte alles noch komplizierter.

„Seid ihr beide denn noch zusammen?", fragte Regin vorsichtig.

Sonea schnaubte. „Er beendet doch keine Beziehung, bloß weil es einmal schwierig ist." Dies auszusprechen erschien ihr unwirklich selbstsicher, weil sie einen Tag zuvor noch daran gezweifelt hatte. Heute wusste sie jedoch, wie töricht ihre Ängste gewesen waren.

Regin lächelte. „Dann wäre er auch ziemlich dumm."

Bevor Sonea darauf etwas erwidern konnte, läutete es zum Unterricht. Rasch eilten sie in ihr Klassenzimmer, bevor Lord Elben auf den Gedanken kommen konnte, Sonea eine Strafarbeit für ihre Verspätung aufzugeben.

„Mylord, der Hohe Lord wünscht, Euch zu sprechen."

Rothen sah auf. Er und Farand saßen in seinem Arbeitszimmer und diskutierten über das Experiment der vergangenen Unterrichtsstunde. Weil ihr Unterricht heute rein theoretischer Natur war, hatte Rothen ihre Stunde kurzerhand in sein Apartment verlegt. Er kam ihm immer ein wenig seltsam vor, mit seinem Novizen ein ganzes Klassenzimmer zu belegen.

„Wie spät ist es?", fragte er.

„Es ist gleich Mittag", antwortete Tania.

So spät schon? Rothen war so vertieft in seinen Unterricht gewesen, dass er darüber das Treffen mit Akkarin, Balkan und Davin vergessen hatte. Da er über kein eigenes Büro verfügte, hatte er als Treffpunkt seine eigenen Räumlichkeiten vorgeschlagen. Nach Farands heutigem Privatunterricht kam ihm das sogar sehr gelegen.

„Ich komme sofort", sagte er.

Sein Novize sah enttäuscht auf. „Ist die Stunde schon wieder um?"

„Wir können unsere Diskussion heute Abend fortführen, wenn du magst", bot Rothen an.

Farand strahlte. „Das würde mich freuen."

Rothen lächelte. Seit Beginn des Sommerhalbjahres hatte Farand bemerkenswerte Fortschritte in Alchemie gemacht. Der junge Elyner war begierig darauf, sich neues Wissen anzueignen und dieses im Unterricht anzuwenden. Inzwischen überlegte Rothen, Rektor Jerrik um Erlaubnis zu bitten, Farand in Alchemie für Novizen des zweiten und dritten Jahres zu unterrichten. „Dann sehen wir uns heute Abend."

Er erhob sich und ging hinüber in sein Empfangszimmer. Als er in den anderen Raum trat, erstarrte er. Dicht hinter ihm sog Farand leicht die Luft ein. Statt des Mannes mit den weißen Roben fand er sich Akkarin gegenüber.

„Lord Akkarin", brachte er hervor. „Ich hatte nicht mit Euch gerechnet."

Akkarin hob eine Augenbraue, als sei er amüsiert.

„Das sieht man Euch an."

Rothen notierte sich, seiner Dienerin bei Gelegenheit noch einmal klarzumachen, dass Balkan der Hohe Lord war, und fragte sich zugleich, ob das überhaupt Sinn machte. Tania schien von Akkarin viel zu begeistert zu sein. Er runzelte die Stirn. War das schon immer so?

„Kennt Ihr bereits meinen neuen Novizen Farand?", fragte er sich an die Grundregeln der Höflichkeit erinnernd.

„Nicht persönlich."

„Ich bin erfreut Euch kennenzulernen, Lord Akkarin", sagte Farand und verneigte sich scheu.

Akkarin lächelte dünn. „Sehr erfreut", erwiderte er. „Gefällt dir der Unterricht bei Lord Rothen?"

Farand sah zu Boden, offenkundig eingeschüchtert von Akkarins großer, finsterer Gestalt. Rothen verspürte einen jähen Anflug von Mitleid mit seinem Novizen. Er wusste, viele Novizen fürchteten den ehemaligen Hohen Lord der Gilde. Und der eine oder andere Novize legte diese Furcht selbst nach dem Abschluss nicht ab.

„Ja", antwortete Farand. „Er ist ein sehr guter Lehrer."

„Farand, du kannst gehen", sagte Rothen.

„Danke, Mylord." Erleichtert eilte Farand zur Tür und schloss sie hinter sich.

„Akkarin, bitte setzt Euch", forderte Rothen den schwarzen Magier auf, nachdem sie alleine waren.

Obwohl es ihm zutiefst widerstrebte, freundlich zu dem Mann zu sein, der ihm seine Sonea genommen und erneut in Schwierigkeiten gebracht hatte, zwang Rothen sich zu einem Mindestmaß an Gastfreundschaft. Jetzt, wo er mit Akkarin allein in seinem Wohnzimmer war, fürchtete Rothen ihn sehr viel mehr als noch am Tag zuvor vor Jerriks Büro. Es brachte unangenehme Erinnerungen an einen anderen Besuch des schwarzen Magiers zurück. Hoffentlich kommen Balkan und Davin bald, dachte er.

Akkarin nahm in einem der Sessel Platz und schlug seine langen Beine übereinander.

„Wie geht es ihr?", fragte Rothen.

„Sie ist stark, sie wird es überstehen."

„Also habt Ihr meinen Rat befolgt?"

„Nein. Ich halte es für unangemessen, etwas an unserem Verhältnis zu verändern, solange Sonea ihre Strafe ableistet."

Rothen erschauderte. Die Worte des schwarzen Magiers klangen grausam und unmenschlich in seinen Ohren und er hätte es lieber gesehen, hätte Akkarin die Beziehung sofort beendet. Doch vielleicht war es besser, das zu tun, wenn Sonea wieder etwas gefestigter war. Es hinauszuzögern erschien Rothen jedoch ebenso falsch, selbst wenn das Sonea davor bewahrte, ein zweites Mal außer Kontrolle zu geraten.

„Ich verstehe", sagte er daher tonlos und ärgerte sich, weil er sich so hilflos ob dieser Situation fühlte. Am liebsten hätte er Sonea auf der Stelle wieder unter seine Fittiche genommen und hätte dafür sogar in Kauf genommen, versehentlich das Geheimnis schwarzer Magie zu erfahren. Doch die Gilde würde das niemals erlauben. Sollte sich ein Vorfall wie der gestrige in Rothens Obhut wiederholen, so würde er nur an ihre Vernunft appellieren können, weil sie ihm an Stärke weit überlegen war. Es gab nur einen, der noch stärker war als sie und der ihr die Stirn bieten konnte.

Und das war Akkarin.

„Sumi?", fragte er um das unbehagliche Schweigen zwischen ihnen zu brechen.

„Ja bitte."

Rothen trat zu seiner Anrichte und bereitete zwei Tassen Sumi zu. Nach den Ereignissen des letzten Tages hätte er dieses Treffen auf einen späteren Zeitpunkt verlegen sollen. Er wollte Akkarin nicht sehen. Aber die nächste Gildenversammlung würde bereits in wenigen Wochen stattfinden. Und seine Zeit war begrenzt.

„Lord Rothen, ich weiß Ihr zürnt mir, weil ich Sonea in Schwierigkeiten gebracht habe", begann Akkarin, nachdem Rothen sich ihm gegenübergesetzt hatte. „Dennoch muss ich Euch warnen."

Rothen runzelte die Stirn. „Vor was?"

„Vor Lord Garrel."

„Wieso sollte mich das kümmern?"

„Lord Garrel ist dabei, eine Intrige zu inszenieren. Mein Fehlverhalten am letzten Ersttag hat ihm dabei in die Hände gespielt. Ich muss Euch bitten, Eure Worte besonders in seiner Gegenwart mit Bedacht zu wählen. Er weiß, dass Ihr Sonea nahesteht und sein rhetorisches Geschick sollte nicht unterschätzt werden."

Die Gefährlichkeit von Garrels Redegewandtheit verbunden mit seiner Neugier hatte Rothen bereits auf dem Bankett erkannt. Akkarins Worte gefielen ihm gar nicht.

„Was hat er vor?", fragte er.

„Eine Dummheit, die uns alle in Gefahr bringen könnte", antwortete Akkarin leise.

Rothen erschauderte. Er war noch immer sehr wütend auf Akkarin und hätte ihm am liebsten jede Unterstützung verweigert. Doch wenn er dessen Worte richtig verstanden hatte, plante das Oberhaupt der Krieger etwas um den schwarzen Magier loszuwerden. Und Rothen wollte sich lieber gar nicht erst ausmalen, was alles geschehen konnte, sollte Garrels Vorhaben gelingen.

„Danke, für die Warnung", murmelte er. „Ich werde mich vor Garrel in acht nehmen."

Akkarin nahm das mit einem Nicken zur Kenntnis und fuhr dann damit fort, seinen Sumi zu trinken.

Rothens Erleichterung kannte keine Grenzen, als es erneut an der Tür klopfte.

„Herein!", rief er seinen Willen nach dem Türknauf ausstreckend.

Dieses Mal war es tatsächlich der Hohe Lord. „Ich habe unseren Wetterpropheten gleich mitgebracht", sagte er.

Er bedachte Akkarin mit einem scharfen Blick und trat ein. Lord Davin folgte ihm, eine lederne Mappe unter den Arm geklemmt.

„Wir sollten uns auf die Fakten beschränken", begann Rothen, nachdem alle in seinen Sesseln Platz genommen hatten und an ihrem Sumi nippten. „Nach der Mittagspause unterrichte ich die Novizen im fünften Jahr."

„Ihr werdet rechtzeitig zu Eurem Unterricht kommen", versprach Balkan. „Ich bezweifle, dass wir heute eine befriedigende Lösung finden werden. Deswegen schlage ich ein zweites Treffen in der nächsten Woche vor."

Rothen unterdrückte ein Seufzen. Eigentlich hätte er damit rechnen müssen, dass es nicht bei diesem einen Termin bleiben würde. Eine Finanzierung für ein Projekt zu finden, wenn kein Geld vorhanden war und höhere Magier involviert waren, schien unmöglich. Aus jahrelanger Erfahrung mit Gildenversammlungen und den Sitzungen, an denen er als Leiter der alchemistischen Studien teilgenommen hatte, wusste Rothen, wie sehr es die höheren Magier, noch mehr als der Rest der Gilde, liebten zu diskutieren. Er hoffte, dass wenigstens Akkarin nicht am Diskutieren gelegen war. Immerhin erhob der schwarze Magier nur selten das Wort und machte seinen Standpunkt meist mit in wenigen Worten klar.

„Lord Davin, habt Ihr einen Kostenplan für Euer Projekt aufgestellt?", fragte er den Alchemisten.

Davin nickte. Er öffnete seine Mappe und zog einige Bögen Papier heraus, die er an die anderen weiterreichte.

„Ich habe versucht, die Baukosten, so gering wie möglich zu halten", begann er. Er verzog das Gesicht, als würde irgendetwas ihm Schmerzen bereiten. „Dazu habe sogar auf Lord Lorens Entwürfe verzichtet, die ich mir im Frühjahr für den Bau erhofft hatte."

„Euer Wetterausguck soll der Forschung dienen und nicht zu einer von Imardins Sehenswürdigkeiten werden", brummte Balkan.

Davin öffnete protestierend den Mund, schloss ihn jedoch wieder.

Rothen unterdrückte ein Kichern. Der andere Alchemist hatte ihm bereits ausführlich von seinen Ideen, wie sein Turm gestaltet werden sollte, berichtet. Er wusste indes auch, dass Balkan bei der ersten Konstruktion des Wetterausgucks fast einen Tobsuchtanfall gehabt hatte, als Davin auf Lord Lorens Design beharrt hatte.

„Lord Davin, bitte fahrt fort", forderte er den Alchemisten daher freundlich auf.

Einen zögernden Blick zu Balkan werfend, räusperte Davin sich. „Von dem ersten Bauversuch stehen noch das Fundament und Teile des Sockels. Der neue Turm könnte auf dieser Basis erbaut werden, was Material und Zeit sparen würde.

„Meine Berechnungen haben ergeben, dass der Turm eine Höhe von einhundertsiebzig Fuß haben muss, damit könnte man bei klarer Sicht etwa sechzehn bis siebzehn Meilen weit sehen. Außer auf der Spitze benötige ich drei weitere Stationen in unterschiedlichen Höhen für Datenerhebungen, eine davon auf Bodenniveau. Berücksichtigt man, was von dem ersten Turm noch übrig ist, würden sich damit die Materialkosten auf ungefähr siebentausend und siebenhundert Goldstücke belaufen.

„Dazu kommen noch die Kosten für die am Bau beteiligten Arbeiter. Wenn der Turm bis zum Winter fertig werden soll, was eine Bauzeit von zwei Monaten voraussetzen würde – und das ist eine sehr optimistische Schätzung – benötige ich zwei auf Architektur spezialisierte Magier, zwei Meister aus der Gilde der Steinmetze für die Koordination der Arbeiter und fünfzig Arbeiter. Die Magier sollen mit je zehn Goldstücken, die Steinmetze mit je zwei und die einfachen Arbeiter mit je einem Goldstück pro Monat entlohnt werden. Dadurch käme eine Gesamtsumme von etwa siebentausendachthundertfünfzig Goldstücken zusammen, wenn noch Verpflegung für die Arbeiter mit einberechnet wird."

„Welche die Gilde nicht hat", sagte Balkan. „Ich habe vor dieser Besprechung Administrator Osen gefragt, wie viel die Gilde maximal für dieses Projekt aufbringen kann. Selbst, wenn dieser Turm einzig strategischen Zwecken dienen würde, was eine Baugenehmigung erleichtert, können wir nicht mehr als zweitausend Goldstücke dafür erübrigen."

Das war erschreckend wenig, fand Rothen. Ihm war sehr daran gelegen, dass Davin seinen lange ersehnten Wetterausguck bekam. Es war das erste große Projekt, das er als Leiter der alchemistischen Studien unterstützte. Davin hatte jahrelang um den Bau dieses Ausgucks gekämpft, während seine Forschung von den meisten Magiern belächelt worden war. Jetzt hatte er endlich die Chance, seine Forschung seriöser zu machen und zum Wohl der Allgemeinheit beizutragen.

„Und woher sollen wir den Rest nehmen?", fragte Davin entsetzt.

„Ich schlage vor, dem König dieses Projekt erneut zu unterbreiten", sprach Akkarin. Er hatte sich in seinem Sessel zurückgelehnt und die Spitzen seiner Finger aneinandergelegt. „Da der Turm auch einen strategischen Nutzen hat, ist Merin dem Projekt nicht abgeneigt. Ihm den wirtschaftlichen Nutzen für die Bevölkerung und damit für ihn selbst zu erläutern, sollte ihn dazu veranlassen, uns mit einer großzügigen Spende zu unterstützen."

„Woher wollt Ihr wissen, ob der König sein Geld nicht bereits für die Reparaturen seines Palastes und der Stadtmauer ausgegeben hat?", fragte Balkan mit offenkundigem Misstrauen.

„Als König ist Merin ein vorausschauender Mann", antwortete der schwarze Magier kühl. „Er wird Reserven zurückbehalten haben."

„Was ist mit der Bezahlung des Personals?", fragte Rothen. „Ist es möglich, ihnen weniger zu zahlen? Das wäre zumindest ein Anfang …"

„Ich habe die Bezahlung bereits so gering wie möglich gehalten", antwortete Lord Davin. „Kein Magier würde für weniger als zehn Goldstücke monatlich an diesem Projekt teilnehmen wollen, das wäre unter seiner Würde. Und die Männer aus der Stadt können wir nur locken, wenn ihr Gehalt deutlich über dem eines Hafenarbeiters liegt."

„Die Architekten bekommen bereits ein Gehalt von der Gilde", sagte Balkan. „Es gibt keinen Grund, ihnen einen zusätzlichen Lohn zukommen zu lassen, wenn sie an dem Projekt teilnehmen."

„Wenn es in ihrer Freizeit ist, schon", widersprach der Alchemist.

„Ihr wollt ihnen ein halbes Monatsgehalt dafür geben!"

„Angesichts der mäßigen Begeisterung, auf die mein Projekt stößt, ist das durchaus angemessen", verteidigte Davin sich.

„Im Inneren Ring sind zurzeit mehr Architekten als benötigt werden", sagte Akkarin ruhig. Die beiden Streitenden verfielen in Schweigen und wandten sich ihm zu. „Der Wiederaufbau der zerstörten Villen schreitet gut voran. Es wäre am einfachsten, Lord Davins Architekten von dort abzuziehen und ihnen den Ausguck als neues Projekt zu erteilen."

„Und wir müssten nicht über eine zusätzliche Bezahlung nachdenken", stimmte Rothen widerwillig zu.

Der Hohe Lord stützte sein Kinn auf eine Hand. „Selbst ohne die Architekten zu bezahlen, fehlen noch immer fünftausend Goldstücke", murmelte er.

„Ich habe in den letzten Jahren einiges angespart", sagte Davin. „Ich könnte dreihundert Goldstücke aus meinem eigenen Geldbeutel zahlen. Vorausgesetzt, die Gilde bezahlt die Arbeiter. Mehr kann ich allerdings nicht beitragen, da meine Forschung bereits einen Großteil meines Vermögens verschlungen hat."

Das war viel, fand Rothen. Doch als in der Gilde lebender Magier hatte man nur dann große Ausgaben, wenn man in übertriebenem Luxus schwelgte. Die Magier mussten weder für ihre Roben noch für ihre Quartiere Geld zahlen. Der Luxus, den Rothen sich gönnte, beschränkte sich auf eine seltene Sorte Sumi aus Lan, die in Kyralia teuer war, historische Literatur und hin und wieder eine gute Flasche Wein. Was er darüber hinaus nicht für Essen, die Bezahlung seiner Dienerin oder Alchemieprojekte ausgab, legte er in der Hoffnung, irgendwann vielleicht dafür Verwendung zu finden, beiseite.

Er sah zu den beiden Kriegern. „Was ist mit Euch? Wärt Ihr bereit, das Projekt mit Euren Ersparnissen zu unterstützen?"

Es war nicht üblich, dass Projekte auf diese Weise finanziert wurden. Aber weil ihn und den anderen drei Magiern dringend an der Realisierung gelegen war und die Geldmittel nach der Schlacht knapp waren, erschien ihm das als der beste Kompromiss.

„Ich könnte vierhundert Goldstücke erübrigen", antwortete Akkarin.

Balkan runzelte die Stirn. „Ihr wart acht Jahre lang Hoher Lord und da wollt Ihr mir erzählen, das ist alles, was Ihr aufbringen könnt?"

Akkarin betrachtete ihn kühl. „Die Miete für die Arran-Residenz ist nicht gerade gering, dazu kommt meine eigene Forschung. Zudem hatte ich in den letzten Jahren einige Sonderausgaben. Doch ich sehe keinen Grund, mich für den Verbleib meines Privatvermögens zu rechtfertigen."

Rothen hatte so eine Ahnung, welcher Art Akkarins Sonderausgaben gewesen waren. Er wandte sich zu Balkan. „Hoher Lord, wärt Ihr ebenfalls zu einer Spende bereit?"

„Ich kann zweihundertfünfzig Goldstücke aufbringen."

„Und ich kann zweihundert Goldstücke beitragen", sagte Rothen. Er unterdrückte ein Seufzen „Damit fehlen uns noch fast viertausendsiebenhundert."

Er hätte Davins Projekt gerne mehr unterstützt, doch sein Vermögen war geringer, weil er erst seit zwei Monaten ein höherer Magier war. Ihm schwante, Akkarin und Balkan machten nur deswegen so großzügige Spenden, weil sie sich einen strategischen Nutzen von Davins Wetterausguck erhofften. Solange das Davin jedoch zu seiner Glückseligkeit verhalf, sollte Rothen das recht sein.

„Ich werde dem König unser Vorhaben unterbreiten, wenn ich nächste Woche bei Hofe bin", versprach Balkan. „Möglicherweise hat Akkarin recht und Merin ist bereit, den noch offenen Betrag zu zahlen. Bis dahin macht es keinen Sinn, dieses Thema weiter zu erörtern."

Rothen war erleichtert. Diese Besprechung war kürzer gewesen, als er befürchtet hatte. „Dann treffen wir uns danach wieder", entschied er.

„Endlich verrichtet sie eine Arbeit, die ihrer Herkunft angemessen ist. Auch wenn ich finde, ein Bordell in den Hüttenvierteln würde besser zu ihr passen."

Sonea unterbrach das Abräumen von schmutzigem Geschirr und wandte sich um. Ihr Blick fiel auf Veila und ihre Freundinnen Trisha und Yannia. Jede von ihnen trug ein Tablett mit köstlich duftendem Essen. Sie verspürte unwillkürlichen Hunger, doch sie würde erst nach dem Ende ihrer Schicht zu Mittag essen dürfen.

„Ach du schon wieder", sagte sie und versuchte so beiläufig wie möglich zu klingen, während sie sich innerlich auf eine Vielzahl weiterer Beleidigungen vorbereitete. Es war nur eine Frage der Zeit gewesen, bis die andere Novizin wieder anfing, sie zu schikanieren. In den Ereignissen des vergangenen Tages würde Veila dafür genügend Gründe gefunden haben. Sonea runzelte die Stirn. Lief die andere Novizin etwa deswegen mit ihrem Mittagessen herum?

„Etwas mehr Respekt wäre angemessen, Hüttenmädchen", zischte Veila. „Ich denke, Lady Veila würde genügen, was meint ihr?"

„Klingt gut", sagte Yannia zögernd.

Sonea fragte sich flüchtig, ob Veila ihre Freundinnen dazu zwang, ihr zu folgen. Sie taten nie wirklich etwas, um Veila zu unterstützen, doch sie erhoben auch keinen Widerspruch, wenn Veila eine neue Gemeinheit ausübte. Sie waren einfach immer da.

„Darauf würde ich an deiner Stelle nicht hoffen", sagte sie frostig. „Du magst zwar aus einem sehr einflussreichen Haus kommen, aber in deinem Herzen bist du völlig verdorben."

Veilas vornehme Gesichtszüge verzerrten sich vor Wut. „Mach den Tisch sauber, wir wollen essen", befahl sie.

„Dann halt's Maul und lass mich meine Arbeit tun", knurrte Sonea.

Zu ihrer Überraschung erhob Veila keine Einwände. Sonea räumte das Geschirr in einen Korb. Sie nahm einen Lappen und tauchte ihn in ihren Eimer mit Putzwasser, bevor sie den Tisch sauber wischte. Diese Arbeit wurde sonst nur von den Dienern verrichtet, doch sie hätte Sonea nichts ausgemacht, wären die Novizen nicht so herablassend zu ihr. Besonders bei Veila fiel es ihr jedoch schwer, das zu ignorieren.

„Bitteschön, Lady Veila von Hochnäsig", sagte sie mit aller Verachtung, die sie aufbringen konnte.

Veila und ihre Freundinnen setzten sich.

Sonea wollte den Korb zurück in die Küche bringen, aber Veila war noch nicht fertig.

„Jetzt ist mein Essen kalt geworden", beklagte sie sich. „Mach es warm."

„Mach es selbst." Sonea spürte, wie sie zu zittern begann. Es kostete sie alle Mühe, ihre Stimme normal klingen zu lassen. „Oder reicht dein magisches Talent dafür nicht aus? Wie hast du es dann überhaupt hierher geschafft? Haben deine Eltern die Gilde bestochen?"

Veilas Gesicht verzerrte sich vor Zorn. „Wieso sollte ich mir die Mühe machen, wenn du hier bist, um mich zu bedienen?"

„Weil ich keine Magie benutzen darf."

„Dann wirst du mir jetzt neues Essen bringen."

Veila erhob sich und reichte ihr das Tablett. Sonea streckte die Hände aus, um es entgegenzunehmen, aber die andere Novizin ließ es fallen.

„Kannst du nicht aufpassen?", fuhr Veila sie an.

„Soviel von meiner Aufmerksamkeit bist du gar nicht wert", gab Sonea zurück.

Nur mit Mühe konnte sie dem Drang widerstehen, Veila den Eimer mit dem Putzwasser ins Gesicht zu schütten. Sie durfte nicht noch einmal die Beherrschung verlieren. Wenn das geschah, würden die höheren Magier ihre Kräfte blockieren und es würde nichts geben, was Akkarin noch für sie tun konnte.

„Los, mach das weg", befahl Veila. „Aber auf den Knien, so wie sich das für dich gehört, du kleine Hure."

Yannia entfuhr ein Kichern. Hastig schlug sie sich eine Hand vor den Mund.

„Lass sie sofort in Ruhe!"

Das Kichern erstarb. Veila fuhr herum.

Von einem der benachbarten Tische hatte sich eine Novizin erhoben.

Trassia.

Einen unsicheren Blick zu Sonea werfend kam sie näher und stellte sich zwischen sie und Veila.

„Wenn du meine Freundin nicht in Ruhe lässt, bekommst du es mit mir zu tun."

Sonea betrachtete die andere Novizin überrascht. Den ganzen Vormittag über hatte Trassia sie ebenso wie die anderen ihrer Klassenkameraden ignoriert. Und so hatte sie angenommen, der gestrige Tag habe ihre Freundschaft überstrapaziert.

„Willst du mir etwa drohen?", höhnte Veila. „Glaub mir, du willst dich nicht mit mir anlegen."

„Ich habe keine Angst vor dir, Veila", sagte Trassia ungewöhnlich mutig. Das Zittern in ihrer Stimme war indes für Sonea nicht zu überhören.

Veila verschränkte die Arme vor der Brust. „Vielleicht solltest du das." Ein gefährliches Lächeln huschte über ihre vornehmen Züge. „Denn deine kleine Freundin aus den Hüttenvierteln wird dich nicht vor mir beschützen können. Wenn du nicht willst, dass die Gilde sie ein zweites Mal verstößt, dann halt' dich da raus."

„Aber wir können sie vor dir beschützen. Ebenso wie wir Sonea beschützen."

Sonea fuhr herum. Regin und seine beiden Freunde Kano und Alend waren neben Trassia getreten. Veila zuckte unmerklich zusammen, während Sonea die drei Novizen ungläubig anstarrte.

„Vielleicht solltest du dir lieber überlegen, mit wem du dich anlegst, Veila", sagte Regin angriffslustig.

Veila betrachtete ihn als wäre er ein schmutziger Ravi. „Das werden wir ja sehen", entgegnete sie verächtlich. „Es gab eine Zeit, in der ich sehr viel von dir gehalten habe, Regin von Winar. Aber anscheinend hat die kleine Hure dich ebenfalls um den Finger gewickelt. Was sie dafür wohl mit dir getan haben mag?"

Regins Kiefermuskeln verhärteten sich. Er ballte wütend die Faust. „Wage es nicht, Sonea so zu nennen!"

„Sag mir nicht, was ich tun oder lassen soll." Veila nickte hinüber zu ihren beiden Freundinnen. „Lasst uns gehen."

Trisha und Yannia folgten ihr. Während sie sich entfernten, konnte Sonea noch hören, wie Trisha ein wenig vorwurfsvoll fragte: „Und was ist mit unserem Mittagessen?"

Sonea schüttelte den Kopf und blickte zu ihren seltsamen Rettern.

„Danke", sagte sie leise. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass ihre Freunde so selbstverständlich einschreiten würden, um ihre Ehre zu verteidigen. Sie war zutiefst bewegt.

„Keine Ursache", erwiderte Regin.

„Ihr solltet jetzt lieber gehen."

Ihre plötzlichen Tränen fortblinzelnd nahm Sonea Eimer und Putzlappen und begann die Überreste von Veilas Mittagessen vom Boden zu wischen. Im Vorbeigehen klopfte Regin ihr kurz auf die Schulter.

„Warte, ich helfe dir."

Sonea blickte auf. Trassia hockte sich neben sie und half ihr die Scherben aufzusammeln.

„Nicht", sagte Sonea. „Sonst gehen sie auch noch auf dich los."

„Das ist schon in Ordnung."

„Nein." Sie schüttelte heftig den Kopf. „Trassia, das ist meine Strafe. Bitte mach es mir nicht leichter."

Trassia seufzte. „Wie du willst", erwiderte sie kühl.

Sie erhob sich und verließ die Speisehalle.

Sonea stieß einen Seufzer aus und fuhr mit ihrer Arbeit fort. Sie verstand ihre Freundin nicht. Warum tat sie das? Hielt Trassia nur deswegen zu ihr, weil sie fürchtete, sie könne ihr etwas antun, wenn sie sich von ihr abwandte? Sonea konnte spüren, wie der Vorfall vom vergangenen Tag ihre Freundschaft belastete. Sie nahm sich vor, Trassia bei der nächsten Gelegenheit darauf anzusprechen.

Zu ihrer Erleichterung ließ diese Gelegenheit nicht allzu lange auf sich warten.

Als sie die Küche durch den Dienstboteneingang verließ, wartete Trassia im Korridor.

„Ich dachte, du würdest das vielleicht haben wollen", sagte sie zögernd und reichte ihr mehrere Bögen Papier.

Sonea nahm die Blätter entgegen und warf einen Blick darauf. Sie blinzelte überrascht. „Deine Medizin-Notizen von gestern?"

Trassia nickte.

„Danke. Das hättest du nicht tun brauchen."

„Doch."

„Warum?", verlangte Sonea zu wissen. „Wenn du wegen gestern nicht mehr mit mir befreundet sein willst, dann verstehe ich das. Ich werde deine Freundschaft nicht mit Drohungen oder Erpressung erzwingen, falls du das denkst."

„Hast du schon einmal daran gedacht, dass ich vielleicht einfach deine Freundin sein will, weil ich dich mag?", gab Trassia überraschend scharf zurück. „Du hast mir gestern wirklich Angst eingejagt. Regin ist unser Freund. Dass du ihn angegriffen hast, wäre für mich Grund genug, mich nicht mit Veila anzulegen. Aber ich habe es getan. Ich habe es für dich getan."

Sonea seufzte. Sie bereute, dass sie in der Speisehalle so schroff zu Trassia gewesen war. Ihre Freundschaft schien der anderen Novizin ernst zu sein. Trassia von sich zu stoßen, jetzt wo sie sie mehr denn je brauchte, erschien ihr wie eine große Dummheit.

„Es tut mir leid", sagte sie. „Danke, dass du noch zu mir hältst."

„Ich werde immer zu dir halten", erwiderte Trassia. „Nur lass bitte Regin in Ruhe."

„Keine Sorge, wir vertragen uns wieder."

Trassia betrachtete sie zweifelnd.

„Er war es nicht, der dieses Gerücht verbreitet hat", erklärte Sonea. „Es war sein Onkel. Regin hat sogar versucht, ihn aufzuhalten."

Ihre Freundin bedachte sie mit einem Gesichtsausdruck, der soviel besagte, wie das hätte ich dir gleich sagen können. Sonea war indes froh, dass sie es nicht tat, da sie es selbst hätte wissen müssen.

„Möchtest du darüber reden, was wirklich passiert ist?"

Sonea schüttelte den Kopf. „Nicht heute. Vielleicht, wenn sich die ganze Aufregung gelegt hat."

Trassia nickte verständnisvoll. „Was hältst du davon, wenn wir den Rest der Mittagspause für unsere Hausaufgaben nutzen?", schlug sie vor. „Wir können sie draußen erledigen, wenn du willst. Da haben wir etwas mehr Ruhe."

Sonea lächelte „Das ist eine gute Idee."

Cery starrte auf den Traum aus grün und rosa, in den gehüllt Corbins Gefälligkeit vor ihm stand.

„Wie seh' ich aus?", fragte sie begierig.

„Toll", brachte er hervor. Er hatte das fertige Kleid heute bei seinem Schneider abgeholt. Der Mann hatte wirklich gute Arbeit geleistet. Wenn sie das in der Lüsternen Jungfrau trägt, werden die Freier bestimmt Schlange stehen, dachte er. Er runzelte die Stirn Will ich das überhaupt?

In den Hüttenvierteln würde es gefährlich sein, dieses Kleid auf der Straße zu tragen, weil man sie auf den ersten Blick für wohlhabend halten würde, wusste Cery. Er wollte nicht, dass Nenia seinetwegen in Reibereien geriet. Vielleicht sollte er ihr noch ein zweites, unauffälligeres Kleid machen lassen.

Sie lächelte erleichtert und trat auf ihn zu.

„Danke für dieses Geschenk", flüsterte sie in sein Ohr.

„Keine Ursache", antwortete Cery. Ihre Nähe machte ihn verlegen. Sie hatte so etwas verspielt Unschuldiges an sich, das ihn verwirrte. Er wusste nicht, wie viel davon echt war oder ob das ihre Art war, Freier zu verführen. Cery wurde indes das Gefühl nicht los, dass er früher oder später ihrem Charme erliegen würde. War das der Grund, warum Corbin sie ihm nicht hatte geben wollen? Weil sie etwas war, das er höchstens mit gesichtslosen Fremden zu teilen bereit war?

Nenia setzte sich lasziv auf das Bett und machte eine einladende Geste, er solle sich zu ihr setzen.

Cery zögerte.

„Was's mit dir, Ceryni?", fragte sie. „Was muss ich tun, um dich ins Bett zu kriegen?"

Wie Savara sein, fuhr es ihm durch den Kopf. Aber er wusste, das war nicht möglich. Keine Frau der Welt würde sie ersetzen können. Und es wäre Nenia gegenüber nicht fair. Was konnte sie schon dafür, dass er immer noch an Savara hing? Plötzlich erkannte Cery, dass er aufhören musste, der schönen Sachakanerin nachzutrauern, wenn er nicht bis ans Ende seines Lebens ein Junggeselle sein wollte. Savara hatte nicht in seine Welt gehört, sie hatten nicht zueinander gepasst. Es war besser, wenn er sich für etwas Neues freimachte. Vielleicht würde er dann irgendwann eine Frau finden, die wirklich zu ihm passte.

Aber es sprach nichts dagegen, sich bis dahin ein wenig zu amüsieren.

„Es ist nix", antwortete er.

„Findest mich nicht hübsch genug?"

Er schüttelte den Kopf. Warum mussten Frauen immer solche Fragen stellen? „Wenn ich dich nicht hübsch fände, hätt' ich bei Corbin nicht darauf bestanden, dass er dich mir überlässt", antwortete er. „Dann hätt' ich vielleicht Dara gewählt."

Zu Cerys Erheiterung weiteten ihre Augen sich vor Entsetzen.

„Sowas magst du also?"

Cery lachte. „Nein."

Er ging zu einem Schrank, holte ein verschlossenes Glas heraus und setzte sich dann zu ihr, wobei er einen anständigen Abstand zwischen ihnen ließ.

„Hier", sagte er und reichte ihr das Glas. „Das bin ich dir nach unserem missglückten Ausflug auf den Markt schuldig."

Nenia nahm das Glas entgegen und betrachtete es näher.

„Das sind Vare!", rief sie erfreut.

Er lächelte. „In Honig."

Nachdem sie von Ravis Messern überfallen worden waren, hatte Cery neue eingelegte Beeren auf dem Markt gekauft, um sie Nenia bei ihrer nächsten Begegnung zu schenken. Sie hatte sich die Süßigkeit so sehr gewünscht, dass Cery nicht umhin gekommen war, ihr diese Freude zu machen. Ihre Begeisterungsfähigkeit für die kleinen, einfachen Dinge machte ihre Gesellschaft angenehm, weswegen er inzwischen gerne seine Freizeit mit ihr verbrachte.

Er verkniff sich ein hinterhältiges Grinsen, als er daran zurückdachte, wie er Ravi seinen Überfall heimgezahlt hatte. Von jedem seiner Messer hatte Cery ein paar ausgewählte Gliedmaßen abgeschnitten und sie Ravi zugespielt. Was danach von den Leichen noch übriggeblieben war, hatten seine Leute auf die übliche Art und Weise entsorgt. Seit dieser Aktion hatte der andere Dieb sich mit weiteren Mordanschlägen zurückgehalten. Cery ahnte, das lag nicht nur daran, dass er und Gol Ravis beste Messer erledigt hatten. Mit seinem Denkzettel hatte er klargestellt, dass er wieder im Geschäft war und man sich gut überlegen sollte, ob man sich mit ihm anlegte. Dennoch schickte er immer Gol, um Nenia abzuholen oder zurück zur Lüsternen Jungfrau zu bringen, aus Furcht, Ravi könne sie benutzen, um sich zu an ihm rächen.

„Darf ich's öffnen?", fragte seine Gefälligkeit begierig, das Glas noch immer in den Händen haltend.

„Sicher", lachte Cery.

Sie öffnete das Glas und tauchte zwei Finger in die klebrige Flüssigkeit. Zu spät fiel Cery ein, dass er besser eine Gabel besorgt hätte, um die Früchte aus dem Honig zu holen. Er beobachtete, wie Nenia eine Beere aus dem Glas zog. Der Honig zog Fäden. Nenia versuchte sie mit ihrer anderen Hand, aufzufangen und hatte schließlich beide Hände mit Honig verklebt.

Cery beobachtete, wie sie sich mit einem erwartungsvollen Gesichtsausdruck die Beere in den Mund schob.

„Oh, die sind wirklich gut!", seufzte sie und leckte den Honig hingebungsvoll von ihren Fingern. Sie hielt ihm das Glas hin. „Möchtest du auch?"

„Meinetwegen", sagte Cery. „Aber nur eine."

Er tauchte seine Finger in das Glas und fischte eine Vare heraus. Er hatte das gleiche Problem mit dem Honig wie Nenia, weil auch ihm keine bessere Methode einfiel, um die Fäden daran zu hindern, immer weiter zu laufen. Trotzdem gelang es ihm irgendwie, weder sich noch das Bett zu bekleckern, bevor die Beere seinen Mund erreichte. Sofort breitete sich der säuerliche Geschmack von Vare komplementiert von der Süße des Honigs auf seiner Zunge aus.

Als er aufsah, bemerkte er, wie Nenia ihn erwartungsvoll anblickte.

„Und?"

„Sehr süß", antwortete er. „Aber gut."

Sie lachte. „Du hast noch Honig an deiner Hand … warte."

Bevor Cery wusste, wie ihm geschah, hatte sie seine Hand bereits in ihre genommen und saugte sachte an seinen Fingern. Er spürte eine leichte Erregung in sich aufwallen.

„Nicht", murmelte er. „Hör auf."

Sie runzelte die Stirn und sah zu ihm auf. Plötzlich war ein hinterhältiges Funkeln in ihren Augen.

„Dann musst du mich aufhalten", sagte sie keck und wandte sich wieder seinen Fingern zu.

„Dazu müsste ich grob werden", wandte Cery ein. Es widerstrebte ihm, eine Frau grob zu behandeln. Schon gar nicht, weil sie etwas tat, das ihm eigentlich gefiel …

„Und wenn mir das gefällt?"

Cery betrachtete sie zögernd. Meinte sie das etwa ernst? Einem plötzlichen Impuls folgend, zog seine Hand aus ihrer und stellte das Glas mit den Beeren in einen sicheren Abstand. Dann zog er Nenia zu sich und küsste sie. Zuerst schien sie überrascht, doch dann teilten sich ihre Lippen und sie erwiderte den Kuss.

Er schnürte ihr Kleid auf und half ihr, es auszuziehen. Zu seiner Überraschung war sie darunter attraktiver als er erwartet hatte, wenn auch etwas molliger als Savara es gewesen war. Rasch verdrängte Cery die Erinnerungen an die schöne Sachakanerin. Er wollte sich einzig dem Verlangen hingeben, das sich in ihm seit Wochen aufgestaut hatte.

Mit einem begierigen Gesichtsausdruck schnürte Nenia seine Hose auf. Die Vorahnung auf das, was nun folgen würde, löste eine ungeahnte Erregung in ihm aus. Sie war nicht die Frau, die er liebte, aber er wollte sie. Und als sie sich endlich zu ihm hinabbeugte und ihn zu liebkosen begann, löschte das auf einen Schlag alle Gedanken an Savara aus.

Sonea betrat die Empfangshalle der Arran-Residenz. Es war viel zu spät geworden und sie war erschöpft. Der Küchendienst hatte länger gedauert, als sie erwartet hatte und das nicht nur, weil sie keine Magie benutzen durfte. Jehin hatte sich anscheinend in den Kopf gesetzt, sie spüren zu lassen, dass sie ihm gehorchen musste, solange sie in seiner Küche war. Sie fühlte sich müde und zerschlagen, wohlwissend, dass der Tag noch lange nicht zu Ende war, da sie noch kaum Zeit für ihre Hausaufgaben gehabt hatte.

Sie fand Akkarin in ihrem Wohnzimmer auf einem Sofa, ein Buch in seinen langen Fingern haltend.

Als sie eintrat, sah er auf. „Du siehst müde aus", bemerkte er. „War dein Tag so anstrengend?"

Sie nickte und versuchte, ihn nicht allzu anklagend anzusehen. Schließlich hatte er nur getan, was er tun musste, als er sie bestraft hatte. „Und ich hatte noch keine Zeit zu lernen. Du brauchst also nicht auf mich warten, wenn du ins Bett gehst."

Sie wandte sich zum Gehen.

„Sonea, komm her", sagte Akkarin streng und wies auf den freien Platz neben sich. „Du solltest dich ein wenig entspannen. Fünf Minuten, mehr verlange ich nicht."

„Wenn ich mich entspanne, schlafe ich ein", protestierte sie.

„Du wirst nicht einschlafen."

„Meinetwegen", gab Sonea nach. Wenn der Rest der drei Wochen auch so entsetzlich wie dieser Tag werden würde, dann würden sie sich außer in Kriegskunst kaum sehen. Bei der Vorstellung wurde ihr Herz schwer. „Aber wirklich nur fünf Minuten."

Sonea stellte ihre Tasche ab und setzte sich zu ihm auf das Sofa. Akkarin griff nach ihren Händen, um sie zu sich zu ziehen.

„Warte." Sonea streckte ihren Willen nach einem Kissen auf einem der Sessel aus und legte es auf Akkarins Schoß. Dann bettete sie ihrem Kopf darauf und machte sie es sich auf dem Sofa bequem. Sie schloss die Augen und stöhnte leicht, als sie spürte, wie verspannt ihr Nacken war.

Akkarin legte das Buch zur Seite und begann mit seinen kühlen Fingern sachte über ihre Stirn zu streichen, während er sie mit dem anderen Arm umschlungen hielt. Ein leichtes Kribbeln breitete sich unter ihrer Kopfhaut aus und sie spürte, wie sie sich entspannte.

„Hm", machte sie. „Das ist schön."

„Erzähl mir von deinem Tag", forderte er sie auf.

Sonea seufzte. Sie verspürte keine Lust, darüber zu reden, aber sie fürchtete, nicht um diese Angelegenheit herum zu kommen. Also berichtete sie Akkarin, was sie gelernt hatte, wie die Lehrer und die anderen Novizen sie behandelt hatten und wie sie sich bei Regin entschuldigt hatte. Sie erzählte auch, wie Regin, seine Freunde und Trassia zu ihr gehalten hatten, als einige Novizinnen ihr beim Mittagessen zugesetzt hatten. Veilas Namen erwähnte sie jedoch nicht. Sie hatte keine Ahnung, ob Akkarin sich bewusst war, dass eine Novizin aus seinem Haus ein Auge auf ihn geworfen hatte.

„Ich weiß nicht, wie lange ich das aushalten soll", schloss sie ihren Bericht. „Alle reden von unserer Affäre …"

„Sonea, sag nicht dieses Wort", ermahnte er sie.

„Warum nicht?", fragte sie und sah herausfordernd zu ihm auf. Sie waren zusammen, obwohl sie nicht zusammen sein durften. Wie sollte sie ihre Beziehung dann bezeichnen? „Was ist so falsch daran?"

„Es ist mehr als das", sagte er leise. „Viel mehr. Und das weißt du."

Sie nickte langsam. Ja, es war mehr, aber sie wusste trotzdem nicht, was sie waren. „Du hast recht", stimmte sie zu. „Bitte entschuldige."

„Schon in Ordnung", murmelte er. „Erzähl weiter."

„Viele beschimpfen mich, wenn sie mich sehen. Jedoch weniger, weil ich Regin angegriffen habe, sondern wegen uns. Von den Beleidigungen, die ich zu hören bekam, war 'Hure' noch die schmeichelhafteste."

Akkarin runzelte missbilligend die Stirn. „Wer hat dich so genannt?", verlangte er zu wissen. „Die Lehrer?"

Sonea schüttelte müde den Kopf. „Die sind viel zu sehr damit beschäftigt, mich zu ignorieren. Es waren hauptsächlich andere Mädchen, aber auch einige von den Jungen. Dafür bin ich anscheinend meine Schatten endlich los."

Obwohl Sonea ihre Verehrer oft verflucht hatte, fand sie es deprimierend, auch von ihnen gemieden zu werden. Sie hätte auf Anhieb die ewige Verfolgung durch die drei Novizen gegen die Gehässigkeiten der anderen eingetauscht. Aber wahrscheinlich hatte sie es nicht anders verdient.

„Ich kann mir denken, von welchen Novizinnen du sprichst", bemerkte Akkarin.

Natürlich, dachte sie. Es hätte sie gewundert, würden Veila und ihre Anhängerinnen ihm auf Dauer entgehen.

„Was denkst du, soll ich dagegen tun?", fragte sie.

„Nichts. Du musst es ignorieren. Das ist nichts als dummes Geschwätz. Sie sind wütend, weil du etwas hast, das sie niemals haben werden."

„Du meinst, dass ich dich habe."

„Ja."

Akkarin bedachte sie mit seinem Halblächeln. Als sein Blick dem ihren begegnete, verspürte Sonea das inzwischen schon vertraute Kribbeln. Für einen kurzen Augenblick fühlte sie sich seltsam leicht und ihre Sorgen verloren vorübergehend an Bedeutung.

Plötzlich hielt er inne. „Du hast mir noch gar nicht von deinem Küchendienst erzählt."

Sonea verdrehte die Augen. Wahrscheinlich würde er keine Ruhe geben, bis sie ihm auch das erzählt hatte. Oh hoffentlich will er das nicht wissen, um meine Strafe noch härter zu machen, fuhr es ihr durch den Kopf. Am besten, sie hielt sich an die Fakten und versuchte, nicht zu übertreiben oder zu beschönigen.

„Es war demütigend. Nicht, dass ich etwas gegen harte Arbeit hätte, aber die Diener in der Küche sind fürchterlich herablassend. Besonders, weil ich keine Magie benutzen darf. Wenn sie mich hinaus in die Speisehalle schicken, um Geschirr abzuräumen … nun, du kannst es dir vorstellen."

In dieser Hinsicht hatte Akkarin sich dieses Mal wirklich selbst übertroffen. Es war, als hätte er nach einem Tag bereits sein Ziel erreicht. Aber Sonea wusste auch, dass sie ihn daran hindern musste, den Rest ihrer Strafe auszusetzen, sollte ihn deswegen sein Gewissen plagen.

Akkarin lachte leise. „Du weißt gar nicht, was wirklich demütigend ist", erwiderte er sanft und strich die Konturen ihrer Augenbrauen entlang. „Aber es ist gut, dass du das niemals am eigenen Leib erfahren wirst."

Sie sah auf. Mit einem Mal kam sie sich undankbar vor und schämte sich. „Wirst du mir davon erzählen?"

„Ja", antwortete er. „Aber nicht jetzt. Deine fünf Minuten sind um."