Am vierzehnten Dezember hatte Mary von ihren zahllosen Freundinnen einen neuen Trend kennengelernt. Da sollte man sich wohl totaaaaaal gruseln. Weil Mary natürlich nicht negativ auffallen wollte, lud auch sie sich das Spiel herunter. Es hieß: Slender.

Der Plan: Es gibt keinen! Mary hat sich quasi das eigene Grab geschaufelt.

Beteiligte: Slenderman

Ziel: Kill Mary! Oder was auch immer der Slenderman mit seinen Opfern macht.

Mary stand in einem dunklen Wald. Nur die Geräusche der Nacht waren hörbar. Nur die? Nein! Für Marys gottgleiche Ohren war noch viel mehr hörbar. In der Ferne tropfte Wasser und es hallte auf kalten Fliesen wider. Auch hörte sie ein Rascheln und den Atem einer Kreatur.

Sie hatte keine Ahnung, was man in diesem Spiel machen sollte, sie hatte nur eine Taschenlampe in der Hand. Blödes Spiel. Hier gab es ja gar nichts. Nur, um nicht doof herumzustehen, lief Mary ein Stück geradeaus, durch die Bäume. Dort klebte ein Zettel.

„Always watches – no eyes", las sie da. „Wie dämlich. Wie soll man denn sehen, wenn man keine Augen hat? Ich bin wohl im Wald der dummen Leute gelandet."

Missmutig steckte sie den Zettel in die Tasche und stapfte weiter. Trommeln erklangen. Verärgert schüttelte Mary ihre Taschenlampe. Das Ding gab langsam auch den Geist auf.

Hinter einer weiteren Baumgruppe erreichte Mary einen Teil der Kanalisation.

„Igitt", schimpfte sie. „Da gehe ich aber nicht rein."

Doch ein Zettel, am Eingang der Kanalisation, zog ihre Aufmerksamkeit auf sich.

„Don't look … or it takes you."

Irgendetwas rauschte laut. Es war Marys strassbesetztes Handy, das da rauschte. Ärgerlich steckte sie es wieder in die Tasche zurück. Das war aber ein lahmes Ereignis hier. Niemand da, um sie zu bewundern, die Welt ließ sich auch nicht retten und in der Dunkelheit konnte sowieso niemand erkennen, wie schön sie wirklich war. Die Freundinnen, die das ausgesucht hatten, würde sie SOFORT von ihrer Facebookliste kicken – das kam einem Todesurteil gleich!

Mary lief nun ein wenig schneller, sie wollte sofort aus dem Wald raus, nicht weil sie sich ängstigte, sondern weil sie genervt war. Und ihr Smartphone ging auch nicht mehr richtig, immer wenn sie stehen blieb, um endlich Facebook zu öffnen und die Lügnerinnen endlich loszuwerden.

Sie erreichte einen Traktor, riss den nächsten Zettel ab und warf ihn achtlos auf den Boden. Nur ein paar komische krickelige Zeichnungen. Wie unsinnig hier alles war!

Erneut blieb sie stehen. Diese Mädchen mussten sofort aus der Liste raus, sie verschwendete hier ihre wertvolle Zeit. Was hätte sie in dieser Zeit nicht alles machen können? Die Welt retten! Ein Heilmittel gegen Krebs finden! Auf eine Party gehen!

Es knisterte und rauschte, ein lautes Piepen klang ihr in den Ohren, dann stand ein Mann ohne Gesicht vor ihr.

Mary verdrehte die Augen. „Na endlich ist mal jemand hier." Ein näherer Blick auf das Geschöpf. „Oh, toll. Der hat nicht mal Augen! Ich werd noch bekloppt."

Der Mann mit den langen Armen und der roten Krawatte stand immer noch da.

„Hallo! Ich rede mit dir", rief sie und wedelte mit den Armen.

Der Mann blieb weiterhin vor ihr stehen. Mary stampfte wütend mit dem Fuß auf und brüllte. „Jetzt hab ich aber genug hier! Ich bin Mary Sue! Holt mich hier raus!"

Traurig schlurfte der Slenderman wieder in das Gebüsch zurück, aus dem er gekommen war.

Mission: Failed!