-Kapitel 14-

Die Reise im Piggeldys-Express

Sally musste noch weitere drei Stunden auf die Ankunft des Piggeldys-Express warten. Dabei konnte sie beobachten, wie Angestellte des Gleises damit beschäftigt waren, durchnässte Brezel, zerrissene Regencapes und niedergetrampelte Zauberer wegzuräumen und halbwegs versuchten, den Schaden zu reparieren.

Als der Zug dann endlich kam, traute Sally ihren Augen kaum: Der Express schien mal rot gewesen zu sein, allerdings blätterte überall die Farbe ab und an allen Ecken und Enden waren Löcher, von denen die eine Hälfte notdürftig mit Brettern zugenagelt worden war, die andere Hälfte aber scheinbar als Fensterersatz gebraucht wurde, da die Scheiben der normalen Fenster einfach zu verdreckt waren.

Mit großen Schritten eilte sie in das vertrauenserweckende Gefährt und kämpfte sich zu einem freien Abteil durch. Kurz nachdem sie sich gesetzt hatte, kam Schlonz Niesnie herein: „Ist hier noch frei? Der halbe Zug ist zwar noch leer, aber ich hab irgendwie das Gefühl, ich sollte mich hierhin setzen". Sally nickte und der grünhaarige Junge nahm Platz.

„Oh du bist Sally Schnotter?", sagte er und sah gelangweilt auf ihre Narbe.

„Ja stimmt", entgegnete Sally.

Plötzlich ertönte eine Lautsprecherstimme: „Herzlich willkommen im Piggeldys-Express. Zu unserem Bedauern müssen wir ihnen leider mitteilen, dass sich unser Motor soeben verabschiedet hat. Wir bitten sie daher herzlichst, die Pedalen unter ihren Sitzen zu benutzen, damit wir möglichst noch übermorgen in Piggeldys ankommen. Wie wünschen eine angenehme Fahrt!".

Während die beiden anfingen zu treten und der Zug langsam (SEHR langsam) Fahrt aufnahm, bewunderte Schlonz Hänsel das Rotkehlchen, das sich eben aus seinem Karton befreit hatte und nun zum wiederholten Mal an seinen Kopf geflogen war. „Tolles Tier", brachte er heraus.

„Hast du kein Haustier?", fragte Sally stichelnd.

„Doch, schon, hier", antwortete Schlonz und zog einen kleinen, niedlichen braunen Hamster aus der Tasche, der merkwürdigerweise noch alle Zehen besaß.

„Das ist Cholera, mein Albino-Hamster! Albino-Hamster sind extrem selten, mein Vater hat für diesen hier mindestens 50 Fischkutter bezahlt". Der Junge war so begeistert, dass Sally es nicht übers Herz brachte, ihm zu sagen, dass Albinos weiß waren und er anscheinend betrogen worden war.

„Wir haben ihn im „Sabbernden Sessel" gekauft! Wom persönlich züchtet diese Albino-Hamster!"

Noch während sie redeten, öffnete sich die Abteiltür und ein Mädchen kam herein. Sie hatte eine extrem komplizierte Frisur, die Sally irgendwie nicht gleich nachvollziehen konnte, eine Make-up Schicht, so dick, dass man sie mit einem Spachtel hätte abtragen können, trug ein bauchfreies Top (bauchfrei war noch untertrieben. In Wirklichkeit war sie halbnackt) und einen so knappen Minirock, dass Sally erst dachte, sie würde einen Gürtel tragen. In der einen Hand hielt sie eine Flasche Bier, in der anderen die Zigarette, die sie rauchte, aus der seltsamerweise grüner Dunst und ein sehr…markanter Geruch entwich. Sally schätzte das Mädchen auf ungefähr 14.

„Hi Leude…", sagte sie mit einer leicht lallenden Stimme, „wollde mal gucken, wer dies´ Jahr alles neu is. Also, wer seid ihr?". Sally war zwar einiges gewohnt, aber dieses Mädchen war die Härte. Schlonz schien das gleiche zu denken. „Ich bin Sally Schnotter und das hier ist Schlonz Niesnie", sagte sie schnell um das lästige Stück loszuwerden.

„OK, hallo und ich bin Sabine Danger. Schön euch swei beide kennensulernen!". Sie zwinkerte den beiden zu und verließ das Abteil. Sie konnten gerade noch hören, wie das Mädchen die Tür des Nachbarabteils aufzog und anfing, noch mal genau das Gleiche zu labern.

„Oh Gottogott, die scheint ja leichte Problem zu haben", stellte Schlonz fest.

Während sie noch über das Mädchen ablästerten, öffnete sich die Tür erneut. Diesmal trat ein kleiner Junge mit Hornbrille ein. Unter den Armen hielt er mehrere dicke Bücher.

„Ähh…Hallo? Kann ich kurz hineinkommen? Ich möchte ihre Konversation nicht über einen längeren Zeitraum intervenieren, aber könnten die Herrschaften meiner Person gütigerweise kundtun, ob ein paar dieser ungehobelten Grobiane hier waren, und eine Anzahl meiner Studienobjekte versteckt haben? Verzeihen sie, ich vergaß mich vorzustellen. Mein Name ist Devil Shortceiling".

Sally hatte kein Wort verstanden. Schlonz auch nicht. „Tut uns leid, hier ist kein Grobian gewesen", sagte Sally und antwortete damit auf das einzige, was sie verstanden hatte.

„Nun denn, ich werde mich dann wieder auf die Suche begeben. Gehabt euch wohl!"

Auch er verließ das Abteil und sobald die Tür geschlossen war, begannen die beiden, noch heftiger zu lästern.

Nach einiger Zeit holte Schlonz etwas aus seiner Tasche. Es waren kleine bunte Frösche aus Plastik. „Sieh mal, kennst du schon die hier? Das sind Deko-Frösche. Man kann sie an die Wand hängen und alles dekorieren. Sie sind wunderbar. Wenn man sie zerbricht, gibt es darin Bilder und Karten von allen Mitgliedern der internationalen Vereinigung zum Schutz und Fortbestand der Schafe". Sally sah sich einen der Deko-Frösche an. „Aber wenn man sie zerbricht, um die Karten zu sammeln, kann man sie doch gar nicht mehr an die Wand hängen", stellte Sally fest. „Das ist der Haken daran", sagte Schlonz, „man muss sich deshalb immer neue kaufen. Hier nimm einen!".

Sally brach einen der Frösche auf und sah sich das Bild an. Auf der Karte sah man einen alten Mann mit purpurnem Umhang auf einer grünen Wiese inmitten einer Schafsherde, der unter jedem Arm ein kleines Lamm hielt und die beiden liebevoll schaukelte. Unter dem Bild

stand: Airbus Doubledoor. „Guck mal Schlonz, das hier ist Doubledoor!".

„Ach, den hab ich schon". Sally las sich den Text auf der Rückseite der Karte durch:

Airbus Doubledoor, gegenwärtig Schulleiter von Piggeldys.

Viele halten ihn für den liebevollsten Schaffreund der jüngeren Geschichte.

Doubledoors Ruhm beruht vor allem auf seinem Sieg über den böööhhhsen (!)

Magier Windelwald irgendwann früher.

Außerdem schrieb er zusammen mit seiner Partnerin Ricola Chanel das umfassendste

Werk über Alchimie, das je veröffentlicht wurde.

In seiner Freizeit spielt Doubledoor gerne E-Gitarre und er ist ein großer Freund von

Rafting und Bungee-Jumping.

Sally und Schlonz öffneten noch mehr Deko-Frösche und unterhielten sich darüber, was sie in Piggeldys wohl erwartete.