13. Kapitel

Tris

Langsam richte ich mich auf.

Schnell schaue ich in alle Richtungen, um sicherzustellen, dass uns keiner sieht. Christina sitzt reglos auf den Boden. Ihr Blick ist wie versteinert.

»Tris«, flüstert sie. Ich greife nach ihren Armen und helfe ihr hoch. Sie ist noch ganz wacklig auf den Beinen, da sie ihre Muskeln lange nicht mehr benutzt hat.

»Mir ist schlecht«, jammert sie und fasst sich an den Kopf. Dann fällt sie auf die Knie und übergibt sich. Ich schaue weg, da ich sonst befürchte mich auch gleich übergeben zu müssen. Ich drehe mich alle fünf Sekunden erneut um, damit mir auch wirklich kein Wachmann entgeht, doch wir bleiben ungesehen.

»Was ist hier los?«, fragt Christina abwesend, die schwankend auf dem Boden sitzt. Ich ziehe sie schnell von der Stelle weg, wo sie sich übergeben hat – sonst würde das Ganze vielleicht noch böse enden.

»Du bist aufgewacht«, sage ich und greife ihr unter die Schultern. »Das war eine Simulation und ich habe dich daraus geholt.«

»Und wo sind wir jetzt?«, fragt Christina und sieht sich verwundert um.

»In der Eingangshalle vom Amt. Aber wir sind auf der Flucht, also müssen wir uns etwas beeilen«, erkläre ich. Ich führe sie durch die Menschenmenge und passe auf, dass sie über niemanden stolpert. Wir gelangen zu Uriah, welcher immer noch bewusstlos am Boden liegt, doch Christina scheint ihn gar nicht wahrzunehmen.

»Wir müssen die anderen suchen und –« Ich stocke mitten im Satz. Wir haben vergessen uns zu überlegen, wie wir weiter vorgehen, wenn wir die anderen erst einmal geweckt haben. Wo treffen wir uns? Was machen wir, wenn der eine länger braucht als der andere? Wo sollen wir uns verstecken?

»Christina«, sage ich und lenke ihre Aufmerksamkeit auf mich. »Wir müssen Tobias suchen. Vielleicht ist er schon wach und sucht uns.«

»Okay«, entgegnet Christina und stützt sich an meiner Schulter ab. Ich versuche möglichst aufrecht zu gehen, was gar nicht so einfach ist, da Christina einen Kopf größer ist als ich. Ich taste nach der Waffe, die in meinem Gürtel steckt. Das eiserne Gefühl, dass von ihr ausgeht jagt mir immer wieder einen Schauer über den Rücken. Ich kann nur beten, dass ich sie nicht benutzen muss. Ich ziehe Christina hinter mir her, um möglichst schnell aus diesem offenen Bereich zu entkommen. Sie ist immer noch zittrig und ihre Knie versagen mehrmals, doch irgendwie schaffen wir es in den Gang, der zu den Laboren führt. Wir gelangen zu dem Labor vor dem Caleb, Tobias, Matthew und George liegen sollten, doch als wir näherkommen, stelle ich fest, dass keiner von ihnen mehr anwesend ist. Vielleicht sind sie auch schon wach und laufen ebenfalls planlos durch das Amt.

»Sind wir hier richtig?«, fragt Christina und lehnt sich keuchend gegen die Wand.

»Alles in Ordnung?«, erwidere ich und betrachte sie eindringlich.

»Ja, alles super! Ich bin nur gerade aus einer Simulation aufgewacht dich sich übertrieben real angefühlt hat und jetzt bin ich hier und hab' keine Ahnung, was hier läuft!« Sie vergräbt ihr Gesicht in ihren Händen und schüttelt den Kopf. Ich weiß, dass sich ihre Worte nicht gegen mich richten, trotzdem mache ich mir Vorwürfe, dass ich ihr nicht genug Zeit geben kann.

»Ich würde dir gern die Chance geben, wieder anzukommen, aber wie gesagt, wir werden überall gesucht und wenn sie uns finden, sperren sie uns wieder ein und reseten uns – und diesmal wirklich.«

»Warst du auch in so einer Simulation?«

»Ja«, antworte ich und winde mich bei dem Gedanken daran. »Ich bin aufgewacht und dann haben sie mich weggesperrt. Doch ich habe es geschafft zu fliehen und die anderen gefunden«, erkläre ich.

»Wie bist du aufgewacht?«, entgegnet Christina stirnrunzelnd.

»Ich habe gemerkt, dass es nicht echt ist«, antworte ich trocken, bedacht darauf nicht selbstzufrieden zu klingen.

»Ah, unbestimmt und so. Verstehe.« Christina sieht mich an und lächelt. Dann kommt sie auf mich zu und drückt mich fest an sich. Ich erwidere die Umarmung – erleichtert darüber, dass meine Unbestimmtheit nicht länger Thema ist.

»Danke, dass du mich da rausgeholt hast«, murmelt sie hinter meinem Ohr.

»Dafür hat man doch Freunde«, sage ich, als wir uns wieder voneinander lösen.

»Trotzdem. Danke, dass du mich nicht so schnell aufgegeben hast. Ich war ja nicht gerade herzlich zu dir.«

»Schon vergessen«, sage ich und nehme ihre Hand und umschließe sie fest mit meiner. »Du bist und bleibst halt einfach eine Candor.« Sie lacht, doch etwas daran wirkt eigenartig, so als würde etwas an ihr zerren.

»Tris, ich –«

»Da seid ihr ja!« Tobias tritt hinter einer Ecke hervor und grinst uns an. Ich lasse Christinas Hand los und schenke ihr ein aufmunterndes Lächeln.

»Amar, Cara, George und Matthew habe ich schon gefunden«, erzählt Tobias und blickt zu mir. Ich kann mir ein übermütiges Grinsen nicht verkneifen, nicht, wenn er mich so ansieht.

»Na los, fallt euch in die Arme, das ist ja nicht auszuhalten!«, sagt Christina und zieht eine Grimasse – ihr seltsamer Gesichtsausdruck ist verschwunden.

Ich zucke mit den Schultern und gehe auf Tobias zu, der mich an sich zieht und sein Gesicht in meinen Haaren vergräbt. Ich atme seinen Geruch ein, der sofort das Gefühl von Geborgenheit in mir auslöst. Am liebsten würde ich alles andere vergessen und einfach hier stehen bleiben. Doch es gibt so viel, was noch zu tun ist – so viel über, dass wir noch reden müssen. Einerseits will ich mich ihm unbedingt anvertrauen, was meine Simulation angeht – anderseits möchte ich diesen Gedanken einfach nur fortschieben und nie mehr wiederfinden. Zudem weiß ich, wie sehr er von seiner Simulation gefangen wurde und, dass er sowas gerne in sich hineinfrisst, doch ich weiß auch, was das mit ihm macht.

Meine Lippen finden seine und er erwidert den Kuss.

»Hi«, flüstere ich, als wir uns voneinander lösen.

»Hi«, sagt er grinsend und streicht mit seinem Daumen über meinen Wangenknochen.

»Können wir jetzt weiter?«, fragt Christina genervt und tritt neben mich.

»Klar«, antworte ich und löse mich widerwillig aus Tobias Armen.

»Die anderen sind da vorne, in dem Labor.« Er zeigt auf eine Tür am Ende des Flures.

Amar und George sitzen auf dem Labortisch und Matthew sitzt kreidebleich darunter auf den Fliesen. Cara steht mitten im Raum und kaut nervös auf ihren Fingernägeln. Ich schlucke. Es wird kein leichtes sein, alle wieder auf Vordermann zu bringen. Ich hatte fünf Tage, um mich an den Gedanken zu gewöhnen, dass ich mich in einer Simulation befand und zudem eine ausführliche Erklärung von David. Doch die anderen haben fast keine ruhige Minute, um durchatmen zu können, geschweige denn eine glaubwürdige Aufklärung – nur einen von uns in zwei Sätze zusammengefassten Bericht der Ereignisse.

Mein Blick wandert zu Caleb, welcher in einer Ecke auf dem Boden kauert. Er blickt nur kurz auf, als wir den Raum betreten. Ich weiß nicht, ob Augen beschlagen aussehen können, aber so würde ich seine beschreiben. So als hätte sich eine dünne Schicht über sie gelegt, sodass seine sonst so klaren Augen ganz matt wirken. Dann wendet er den Blick auch schon wieder ab und reibt sich sein linkes Handgelenk.

»Er hat das Ganze noch nicht so richtig realisiert«, raunt Tobias mir zu und nickt in Richtung Caleb. »Es ist nicht alles nach Plan verlaufen.« Er räuspert sich und schaut weg.

»Was ist passiert?«, frage ich und berühre ihn sanft am Arm.

»Das soll er dir selber erzählen.«

Ich versuche schlüssig aus seinem Blick zu werden, doch er hält sein Gedanken verschlossen.

»Hey Tris.« Matthew sieht zu mir hoch und lächelt matt.

»Hi. Wie fühlst du dich?«, frage ich und knie mich neben ihn.

»Scheiße«, antwortet er und schüttelt den Kopf. »Ich fühle mich, als wäre ich von einem Hochhaus gefallen.«

»Ja, das Gefühl kenne ich, aber das geht wieder vorbei. Dauert aber ein bisschen.« Ich knuffe ihm in die Schulter. »Das mit unserem genialen Plan das Amt zu zerstören hat wohl nicht so ganz geklappt.«

»Ne. Offensichtlich nicht«, sagt Matthew traurig.

Christina kommt angeschlurft und lässt sich neben mich auf den Boden fallen. Sie starrt starr auf ihre Hände. Sie scheint immer noch nicht richtig anwesend zu sein.

»Ich gehe Uriah suchen«, sagt Tobias und wendet sich zur Tür. Ich springe auf und stelle mich vor ihn.

»Warte. Du hast überhaupt keine Waffe.« Ich ziehe meine aus meinem Gürtel und halte sie ihm hin. Er starrt einige Sekunden auf meine ausgestreckte Hand, dann schiebt er sie beiseite.

»Behaltest du sie. Ihr braucht sie dringender als ich«, sagt er und umschließt meine Hand mit seiner.

»Wir sind zu siebt und du alleine. Nimm du sie. Sie werden uns hier drinnen schon nicht so schnell finden.«

»Nein Tris. Schau sie dir doch an. Hier ist keiner fähig einen klaren Gedanken zu fassen. Sobald sie die Überwachungskameras wieder eingeschaltet haben, finden sie euch. Ich kann mich da draußen verstecken oder vielleicht finde ich auch irgendwo eine zweite Waffe. Sind ja genug bewusstlose Leute da. Okay?« Er umklammert meine Hand fester und sucht meinen Blick.

»Okay. Aber sei vorsichtig!«, murmele ich und lasse die Hand mit der Pistole sinken. Er gibt mir einen Kuss auf die Stirn, ehe er durch die Tür verschwindet. Ich schließe sie und drehe mich zum Rest der Truppe. Cara hat sich mittlerweile ebenfalls auf den Labortisch gesetzt und versucht ihre Haare zu richten.

»Matthew, kannst du mir einen Gefallen tun?«, frage ich und suche den Raum nach Überwachungskameras ab. Ich entdecke eine – direkt über Caleb.

»Ja«, seufzt Matthew und erhebt sich langsam. »Was soll ich tun?«

»Kannst du feststellen, ob die Überwachungskamera da funktioniert und wenn ja, kannst du sie dann irgendwie ausschalten?«, frage ich und zeige auf die Ecke in der die Kamera hängt.

»Ich kann's versuchen«, entgegnet er und schiebt sich einen Stuhl in die Ecke. Caleb rückt zur Seite. Er blickt für einen Moment auf und als sein Blick meinen kreuzt, erstarrt er.

»Beatrice«, murmelt er. Ich schaue zu Boden.

Ich muss irgendwann mit ihm reden, sage ich mir und kaue auf der Innenseite meiner Wange herum. Aber das muss ja noch nicht jetzt sein.