Daddy Call
Er packte seinen Koffer mit der Gewissenhaftigkeit eines Akademikers. Schwere Sachen zuunterst, am Boden des Koffers. Alles, was er als erstes zuhause brauchen würde, zuoberst. House stellte erstaunt fest, dass er Hemden zusammenlegen konnte; für ihn ein unlösbares Mysterium. Bedächtig legte er seine Kleidung für den morgigen Tag bereit. Als er nach reiflicher Überlegung den Blazer zu seinem Gepäck legte und die Jeansjacke über den Stuhl hängte, fühlte er sich, als würde er ihm damit ein Geschenk machen wollen.
Sonderbar.
„Wann muss ich weg?"
Er sprach im Singular. Jetzt schon. „Um drei."
Schlafen gehen wollte er nicht. Im Flugzeug würde er genügend Zeit zum Ausschlafen haben. Stattdessen wollte er baden, und er tat mit einer Ausgiebigkeit, die einem Ritual glich. Als House nach ihm schaute, bat er ihn, dazubleiben.
„Ich muss mir noch die Haare waschen."
Er übernahm den subtil erteilten Auftrag, insgeheim verblüfft über die Kindlichkeit, die er doch recht häufig an den Tag legte. Dann kam ihm ein Gedanke. Auf seinem Tagesplan hatte Haare waschen gestanden.
„Du kannst es selber. Daheim braucht du keine Hilfe."
„Ich mach es nicht gern. Ich kriege immer Schaum in die Augen."
„Es gefällt dir."
Robert sah zu ihm auf. Das nasse, frisch ausgespülte Haar sah aus wie das Fell eines Seehundbabys. „Ich finde es schön. Ich hab nicht gedacht, dass ich es schön finden würde."
Weil er taktil war und Mama sein Bedürfnis nach Berührungen und Umarmungen nicht gerecht werden konnte.
Plötzlich wünschte er sich, ihn zu seiner eigenen Mutter schicken zu können. Sie würde ihn den ganzen Tag im Arm halten, wenn ihm danach sein würde.
Er ließ ihn los und erhob sich. „Komm raus aus der Wanne. Du warst lange genug drin."
Goldig und zum Anbeißen war er, als er mit feuchtem Haar und in seinen dunkelblauen Jeans und einem frischen weißen T-Shirt ins Wohnzimmer kam. Und er duftete wie eine ganze Seifenfabrik. Still kam er zu ihm auf die Couch und schaute sich ohne Murren ein Baseballspiel an, von dem er nicht das Geringste verstehen konnte. Auf einmal drehte er sich zu ihm um, und in seinem schmalen Gesicht spiegelte sich Bestürzung.
„Ich habe Dr. Wilson und Dr. Cuddy nicht auf Wiedersehen gesagt."
„Ich werde ihnen Grüsse ausrichten."
Es brachte ihn mehr durcheinander als der Verlust seiner Schildkröte. „Sie waren nett zu mir. Besonders Dr. Wilson. Er war hier, als es mir schlecht ging, nicht?"
„Du erinnerst dich also daran."
„Ich beneide ihn", sagte er mit gesenkten Lidern. „Das ist eine Sünde. Aber ich tue es trotzdem."
„Warum?"
„Weil er hier bleiben kann."
„Robert."
Er hob den Blick. Hilflos sah er aus und kindlich und allein gelassen.
„Wenn ich es irgendwie hinbiegen könnte, würde ich dich nicht mehr hergeben." Er wusste selbst nicht, warum er es ihm gesagt hatte. Es klang kitschig und anbiedernd. Aber es war ziemlich genau das, was er jetzt gerade fühlte.
Der Junge schluchzte auf und flog ihm in die Arme. Er war zu überrascht, um zu reagieren, und wartete atemlos, bis sich ein lautes, verzweifeltes Aufheulen seinen Weg durch Roberts Kehle bahnte. Es klang so jämmerlich und schmerzlich, dass er körperliche Pein dabei empfand. Haltlos weinend, gab der Junge nach, ergab sich seinem Kummer in einer Art, die sich so lange in ihm angestaut hatte. House wusste, dass er nicht nur Abschiedsschmerz empfand. Angst, Isolierung, Verlorensein, Machtlosigkeit, Verlust. Sein Leben hatte für ein paar Tage auch aus Freude, Freundschaft und Glück bestanden. Und irgendwie begriff er, dass es für sie beide galt.
oOo
Auf dem Weg zum Flughafen weinte er. Es zerriss ihn fast, wenn er zur Seite sah und sein kleines Profil mit den nassen Spuren darauf betrachtete.
Auf dem Sofa war er immer wieder für kurze Zeit weggedöst, aber er hatte ihm nicht erlaubt, aufzustehen, und wollte sich auch nicht mehr zum Schlafen umziehen. Die Arme um ihn geschlungen, schreckte er hoch, wenn er nur ins Badezimmer gehen wollte. Fürsorglich wie eine Glucke hatte er ihm einen Kakao gekocht und dabei festgestellt, wie verändert seine Vorräte waren, seit der Junge bei ihm wohnte. Im Kühlschrank entdeckte er den Rest der Torte. Sie aßen gemeinsam davon, ohne sich zu scheren, sie aufzuteilen.
Gesprochen hatten sie kaum mehr. Es gab nicht viel zu sagen. Ihm fiel auf, dass Robert kein besonders mitteilsames Kind war; er war es von zuhause nicht anders gewöhnt. Geredet hatte er mit seinem Gesicht und seinem Körper.
Seinen Koffer in der einen und Robert an der anderen Hand, erreichten sie das Terminal von Qantas. Er würde jemanden fragen müssen, der sich dem Jungen auf dem Flug ein wenig annahm. Als er das Ticket abholte, verkrampfte sich alles in seinem Inneren. Er konnte es vernichten. Verlieren. Verbrennen. Die Toilette hinunter spülen. Ohne es zu merken, schlossen sich seine Finger fester um die des Jungen.
Wie er Abschiede hasste.
„Wenigstens muss ich nichts mehr durch die Kontrolle schmuggeln", sagte Robert, als sie vor dem Abfertigungsschalter standen und er ihm das Bordticket in die Hand drückte.
Gott. Er spürte, wie seine Augen begannen, zu brennen. „Mrs. Bainbridge holt dich vom Flughafen ab. Dein Vater wird vielleicht ein paar Tage bei euch wohnen, bis deine Mutter aus der Klinik kommt. Du bist nicht allein im Haus."
Der Flug nach Melbourne wurde aufgerufen. Es war höchste Zeit, ihn einchecken zu lassen. House schob ihn in den Wartebereich für Flug 7227 und hoffte, er würde gehen, einfach gehen, ohne sich umzublicken, und frohgemut über den Pazifik in die liebenden Arme einer wartenden Mutter aufbrechen.
Was natürlich vollkommen utopisch war.
Den Rucksack am langen Riemen in der Hand tragend, hob er den Kopf, und die grünen Augen, obwohl gerötet, waren groß und klar. Es war Zeit, sich zu verabschieden, und House konnte sehen, dass er darin ein Profi war.
„Greg."
„Ja?"
Er schnaufte tief auf. „Auf Wiedersehen."
„Gute Reise." Er fühlte sich, als ob ihm jemand einen Mühlstein auf die Brust gewälzt hätte.
Im Flugzeug würde sich eine Stewardess um ihn kümmern. Trotzdem hielt er den nächsten Reisenden auf, während er Robert langsam zum Gateway gehen sah. „Würden Sie den blonden Jungen im Auge behalten, bis er im Flugzeug sitzt?"
„Ihr Sohn, wie?" Die beiden älteren Damen, die er angesprochen hatte, lächelten wohlwollend. Schwestern auf dem Weg nach Hause. Vielleicht von einer USA-Rundreise. „Wie alt ist er denn?"
„Dreizehn." Er fühlte sich wie betäubt, als er den Jungen sein Ticket einem Sicherheitsbeamten zeigen sah. Der Mann kauerte sich zu ihm hinunter und legte dabei die Hand auf die Schulter des Jungen. Was kein Wunder war. Er sah aus, als sei er verloren gegangen.
„Würden Sie dafür sorgen, dass er im Flieger seinen Pullover überzieht? Er hat es mir versprochen, aber vielleicht vergisst er es wieder. Die Jacke ist neu, und vielleicht will er sie den ganzen Flug über anbehalten. Das soll er nicht. Ich will nicht, dass er sich erkältet, und die Klimaanlage-… Er kann gut auf sich aufpassen, aber ich hätte gern jemanden, der-…"
„Oh, keine Angst. Wir bleiben ganz unauffällig."
Sie hatten verstanden. Er schluckte, ohne ihn aus den Augen zu lassen, und schimpfte sich einen sentimentalen Trottel. „Danke."
Robert sah sich kein einziges Mal mehr um. Immerhin, es war doch ein Abenteuer, und kleine Buben liebten Abenteuer. Auf dem Flug würde er noch ein paar Stunden frei sein. Die Stewardess würde ihn einen Blick ins Cockpit werfen lassen. Vielleicht würde er von Manhattan träumen, von atlantischen, wolkenverhangenen Stränden und von Buddy Holly.
Auf der Heimfahrt ertappte er sich dabei, mehrmals auf den leeren Beifahrersitz zu blicken, und war erstaunt, dass er ihn jetzt schon vermisste. Es fiel ihm schwer, das Bett auf der Couch abzuschlagen, denn sein Duft hing in den Kissen und machte ihn sentimental. Rasch stopfte er alles in das oberste Schrankfach. Dann ging er in die Küche und setzte Kaffee auf.
In einer Stunde begann sein Dienst. Er war zu erledigt, um sich hinzulegen.
oOo
„Es war nett mit ihm. Er fehlt mir." Wilson legte die Fernbedienung weg. „Und Cuddy auch. Ein ungewöhnlicher Junge. Hast du schon von ihm gehört?"
House brummte verneinend und öffnete eine weitere Bierdose. Sie hatten keine Telefonnummern ausgetauscht. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er es mit Absicht getan hatte. Es war vorbei, sein Alltag wieder so, wie er es gewohnt war. Die einzige Verbindung war jetzt sein Vater, der die Nummer von seinem Büro hatte.
„Du vermisst ihn auch." Wilson sah ihn unverwandt an, als könne er das Elend aus seinem Gesicht heraus lesen.
Himmel, gewundert hätte es ihn nicht. Die Woche nach Robert Chase war eine Tour de force gewesen. Er hoffte, sämtliche Spuren seines Aufenthalts bei ihm beseitigt zu haben, und doch kamen immer neue Hinweise zum Vorschein. Das Glas Erdnussbutter, das im Kühlschrank stand (er hasste Erdnussbutter). Rice Krispies. Überall. Eine zerlesene Taschenbuchausgabe von Stevensons Jekyll und Hyde unter dem Sofa. Der kleine silberne Hai an einer Kette, der in seiner Jackentasche gesteckt hatte (er war teuer gewesen. Er musste daran denken, ihn zurück zu schicken). Spritzer der Sauce Bolognese an den Kacheln über dem Herd. Ein vergessenes Video von Der Zauberer von Oz. Sie hatten es sich ausgeliehen, weil er den Titel lustig fand und eine sofortige Affinität zu dem furchtsamen Löwen auf den Coverbild gefasst hatte (er würde Nachgebühren zahlen müssen). Die Karten für das Musical, die in seiner Brieftasche steckten. Beim Anhören von Buddy Holly wurde er sentimental. Wenn er den Schrank öffnete, quoll ihm das Bettzeug entgegen und roch nach dem Jungen. Die gelbe Tasse stellte er in die hinterste Ecke im Küchenschrank und schämte sich dafür.
„Hier." Er reichte Wilson ein Bogen Briefpapier. „Das lag zwischen meinen Unterlagen."
„Was ist es?"
„Lies es."
Achselzuckend nahm er es entgegen. Es dauerte Minuten, bis er sich wieder äußerte.
„Du solltest ihn anrufen."
„Er wird sich melden, wenn er das will."
„Es ist-… House, das ist unglaublich. Ich kann nicht glauben, dass er es an dich geschrieben hat." Nach einer Weile sagte er hörbar beeindruckt: „Wow."
„Das klingt, als würdest du mich für ein Ekel halten."
„Ich halte dich für unfähig, Gefühle zu zeigen. Und auch für ein Ekel, ja. Wie hast du's gemacht?"
„Ich konnte nichts dafür."
„Ja", meinte Wilson versonnen. „Ich glaube, da hast du ausnahmsweise recht."
oOo
Nachdem Wilson gegangen war und er zu betrunken war, um ihn zur Tür zu begleiten, nahm er das Papier noch einmal zur Hand. Die Schrift darauf war die eines Dreizehnjährigen, unregelmäßig und ein bisschen unbeholfen, die Buchstaben winzig. Links und rechts hatte er einen Rand gelassen wie in der Schule, um Platz für eventuelle Korrekturen zu haben. Ein paar Rechtschreibfehler tummelten sich darin, aber sie störten ihn nicht. Er bekam so selten Briefe, dass er nicht anspruchsvoll sein durfte.
Lieber Greg,
Es war schön gestern Abend. Ich habe noch nie Hummer gegessen. Auch Austern nicht. Dass mir davon schlecht geworden ist, tut mir leid. Mein Vater ist noch nie mit mir essen gegangen. Wir waren manchmal essen, als ich noch klein war. Seit meine Mutter trinkt, nicht mehr.
Ich wollte dir gern von zuhause erzählen, gestern. Ich bin oft am Strand. Wenn meine Mutter schläft, gehe ich oft aus dem Haus. Unser Strand ist anders, aber auch sehr schön. Es gibt auch Haie, aber ich habe noch nie einen gesehen. Manchmal gehe ich, wenn es schon dunkel ist. Manchmal schwimme ich hinaus, aber es ist nicht so schön, als wenn man zu zweit ist. Ich würde gern haben, dass du uns besuchst. Dann könnten wir noch mal zusammen im Wasser sein. Das war sehr schön.
Es tut mir leid, dass ich dann krank geworden bin. Danke, dass es nicht so schlimm gewesen ist. Ich hatte das schon einmal. Mein Vater hat mich damals ins Krankenhaus gebracht. Er ist weggegangen. Als ich ihn gefragt habe, später, sagte er, es wären genug Ärzte da gewesen, die sich um mich besser kümmern können als er. In Krankenhäusern bin ich immer allein. Deswegen hatte ich anfangs Angst. Ich bin jetzt groß, aber manchmal möchte ich lieber tot sein als in einem Krankenhaus. Ich weiß nicht, was ich getan hätte, wenn ich drei Wochen dort gewesen wäre. Ich weiß, dass du mich erst nicht haben wolltest. Das macht nichts. Ich glaube, es lag nicht an mir.
Ich habe mich gefreut, Mr. und Mrs. House kennen zu lernen. Wenn Mr. House auch nicht dein richtiger Vater ist, fand ich es nett, dass er mich in sein Auto sitzen ließ. Ich wusste nicht, dass es Autos mit Automatikgetriebe gibt. Ich schätze, ein Vater, der immer schlechte Witze macht, ist nicht viel besser als einer, der nie da ist. Aber vielleicht meint er es gar nicht so. Vielleicht ist er ein bisschen wie du. Manchmal ist man so, wie man eigentlich nicht sein möchte.
Meine Mutter sagt oft, dass ich keine Freunde habe. Sie will immer, dass ich Kinder aus meiner Klasse einlade und mit ihnen spielen gehe. Sie weiß nicht, dass ich ein Außenseiter bin. Ich bin ungeschickt beim Fußball und ich mag kein Hockey. Aber ich mag Karussell fahren und Atlantic City und Tiere und jetzt auch dich. Ich würde dich so gern meiner Mutter vorstellen. Das geht natürlich nicht. Vielleicht kannst du mir, wenn ich wieder in Melbourne bin, eine Karte schreiben, damit sie nicht glaubt, ich hätte dich erfunden? Bitte.
In der Schule gab es Ärger, weil die anderen mich nach meinen Eltern gefragt haben. Ich habe sie angelogen und gesagt, dass du mein Vater bist. Sie haben mir nicht geglaubt und deswegen hat Billy mich verhauen. Ich hätte ihnen die Wahrheit sagen sollen. Nämlich dass du mein Freund bist. Ich habe
Hier brach der Brief ab. Vielleicht war er gestört worden, vielleicht hatte er den Brief vergessen, nachdem sich die Ereignisse mit dem vermeintlich seinen Vater betreffenden Flugzeugabsturz überschlagen hatten. House erinnerte sich, danach seine Sachen aus der Küche zum Schreibtisch gebracht zu haben; der Brief war darunter gewesen, und Robert hatte ihn beim Packen übersehen. Er glaubte nicht, dass er ihn absichtlich liegen gelassen hatte. Er hätte ihn entweder vernichtet, mitgenommen oder zu Ende geschrieben.
Nach dem ersten Lesen war er sprachlos gewesen. Verblüfft über die Klarheit, mit der der Junge seine Gedanken zu Papier brachte – kein Wunder, dass er Schriftsteller werden wollte -, und über die Nüchternheit, mit der er zu analysieren verstand. Er war wirklich ein Rohdiamant. Und es wert, geschliffen zu werden.
Er trank zu viel und war froh, dass der Junge ihn so nicht sehen konnte. Andererseits hätten sie, wäre er hier gewesen, Ginger Ale getrunken und sich kritisch eine Folge Raumschiff Enterprise angeschaut. House ließ sich in das Sofa sinken und schloss die Augen.
Verdammt. Die Kissen rochen immer noch nach ihm.
oOo
Zwei Wochen später bekam er einen Anruf aus Melbourne. Nicht von ihm. Von Chase dem Älteren.
„Ich wollte mich persönlich bei Ihnen bedanken dafür, dass Sie Robert bei sich behalten haben, während es bei ihm zuhause drunter und drüber ging. Obwohl es ein zweischneidiger Dienst gewesen ist. Er ist sehr verändert. Nicht immer zum Guten. Ich musste Mrs. Bainbridge entlassen. Sie kommt nicht mehr mit ihm zurecht. Ich hoffe, die Rückkehr seiner Mutter lässt ihn wieder zu Normalität zurückkehren. Seit gestern ist sie wieder zuhause."
House schnaubte, unhörbar für Rowan am anderen Ende der Welt. „Wie geht es ihm?"
„Er fragt viel nach Ihnen. Ich hielt es für besser, ihn nicht zu bestärken. Sie haben ihm keine Adresse von sich gegeben. Keine Telefonnummer."
Ja. Er war ein genau so großer Mistkerl wie Dr. Chase. „Ist seine Mutter trocken?"
„Es geht ihr gut."
Bis auf weiteres. Und wen kümmerte es? „Ich will Ihren Sohn haben."
Ein kurzes, joviales Lachen. „Sie hatten ihn für beinahe drei Wochen. Reicht es Ihnen noch nicht?"
„Wenn er sich entscheidet, Medizin zu studieren, möchte ich ihn haben."
„Dann waren Sie es, der ihm diesen Floh mit einem Studium in den Staaten ins Ohr gesetzt hat?" Rowan klang jetzt deutlich amüsiert. „Ich hatte Gelegenheit, mit ihm über seine berufliche Zukunft zu sprechen, und ich war froh, zu hören, dass er Arzt werden will. Das ist vernünftig und ich gebe zu, es macht mich ein wenig stolz. Auch wenn mein Stolz jetzt empfindlich gedämpft wird. Vermutlich waren Sie nicht ganz unschuldig an seinem plötzlichen Sinneswandel."
„Wenn er dabei bleibt, schicken Sie ihn mir. Er hat Talent."
„Ich weiß, dass er Potential hat. Ich hoffe, er bleibt bei seiner Entscheidung. Aber nehmen Sie das nicht persönlich, House: bei Ihnen wird er nicht praktizieren. Und sein Studium wird er mit Sicherheit in Melbourne und Sydney absolvieren."
Wie er es geahnt hatte. Sein Lebenslauf war programmiert und lief von jetzt ab auf doppelter Geschwindigkeit.
„Ich muss es persönlich nehmen, denn Sie kennen jetzt mehr von mir als nur meinen guten Ruf. Bevor er hier gewesen ist, hätten Sie ihn mir mit vorgehaltener Pistole aufgedrängt. Er lernt nirgendwo mehr als bei mir, und das wissen Sie."
„Ich will nicht, dass er unter Ihnen arbeitet."
House wartete einen Moment. Dann fragte er: „Warum haben Sie ihn nach seinem Fieberkrampf im Krankenhaus allein gelassen?"
Pause. Erstaunen. Dann: „Er war vier Jahre alt. Er kann sich nicht mehr daran erinnern. Hat er Ihnen davon erzählt?"
„In aller Ausführlichkeit. Sie haben ihn in die Notaufnahme gebracht, und dann sind Sie wie ein Idiot davongerannt, während er sich die Augen nach seinen Eltern ausgeheult hat."
„Ich bin Rheumatologe, kein Pädiater. Es waren genügend Ärzte und Schwestern da, die sich um ihn kümmerten."
„Und wo waren Sie? Beim Galadiner mit Sponsoren?"
Plötzlich wurde seine Stimme schneidend und offenbarte den Hauch eines harten osteuropäischen Akzents. „Bei meiner sinnlos betrunkenen damaligen Ehefrau. Sie hat ihn über zehn Minuten krampfen lassen, ohne einen Arzt zu verständigen. Ich musste ihn allein lassen, bevor sie im Pool ertrinken, sich die Pulsadern aufschneiden oder an ihrem Erbrochenen ersticken konnte."
Alle Achtung. Gut pariert, Dr. Chase. „Er wird nie Arzt werden, nur weil Sie es wollen."
„Er wird nie mehr von Ihnen hören, Dr. House."
Er spielte mit dem silbernen Schlüsselanhänger, der in seiner Schreibtischschublade lag und seiner Verschiffung nach Australien harrte. Betrachtete den gefalteten Bogen Papier darunter. „Lassen Sie mich mit ihm sprechen. Ich möchte wissen, wie es ihm geht."
„Bedaure. Das werde ich sicherlich nicht tun."
„Ihr Sohn war gern bei mir." Beinahe hätte er glücklich gesagt. „Er wird sich freuen, von mir zu hören. Geben Sie mir die Telefonnummer, dann rufe ich bei ihm an."
Rowan lachte ungläubig und belustigt zugleich. „Man hat mir gesagt, dass Sie nie aufgeben. Ich dachte immer, das bezieht sich auf Ihre medizinischen Fälle."
Das tut es auch. In gewisser Hinsicht. „Wenn Sie Angst haben, zwei Sätze mit mir könnten ihn verderben, geben Sie mir wenigstens die Adresse. Er hat ein paar Kleinigkeiten bei mir vergessen, die ich gern ihrem rechtmäßigen Besitzer zurückgeben möchte, bevor man mich als Dieb denunziert."
„Robert ist ein Briefeschreiber. Ich weiß, wozu das führen würde."
„Warum wollen Sie ihn von mir fernhalten? Was hat er angestellt? Lieb und goldig wird er nicht mehr lange sein, und das liegt vielmehr an Hormonen als an mir. Besser, Sie gewöhnen sich daran. Das heißt, wenn Sie ihn oft genug besuchen."
„Dass Sie impertinent sind, brauche ich Ihnen sicher nicht zu sagen, denn das wissen Sie bereits."
House fühlte ein grimmiges Lächeln in seine Mundwinkel kriechen. „Dass Sie ein miserabler Vater sind, wissen Sie auch, nicht wahr?"
Zu seinem Erstaunen legte er nicht auf.
„Ein Kind zu erziehen, bedeutet nicht, ein Vermögen für sein Amüsement auszugeben, es mit Eiscreme zu stopfen und bis in die Nacht hinein fernsehen zu lassen. Vielleicht machen Sie eines Tages diese Erfahrung. Vielleicht nicht. Menschen wie Sie leben für ihren Beruf. Ich tue das auch. Ich mag Fehler gemacht haben mit ihm und seiner Mutter, aber ich liebe ihn. Er ist mein Sohn."
„Dann verdammt noch mal zeigen Sie es ihm. Er wartet darauf."
„Seit wann sind Sie unter die Psychotherapeuten gegangen?"
„Lassen Sie ihn Schriftsteller werden."
„Ich glaube, Sie sind betrunken."
„Um acht Uhr morgens?"
„Was mich daran erinnert, dass ich zu Bett gehen sollte. Es ist spät. Alles Gute, House. Und danke für Ihre Mühe."
„Schicken Sie ihn mir."
Die Leitung knackte. Rowan Chase hatte die Verbindung unterbrochen. Nachdenklich saß er da und sah auf das Telefon. Überlegte, wo die Rückruftaste war.
Wilsons Erscheinen verhinderte sein hehres Vorhaben. „Du siehst aus, als hätte dich ein Affe gebissen."
Er schob die Schublade wieder zu. „Würdest du deine Kinder mit Eiscreme stopfen?"
„Wenn Sie winzig sind wie der kleine Chase, dann ja." Er legte eine Akte auf den Tisch. „Was ist los? Sehnsucht nach den guten alten Zeiten?"
Plötzlich fühlte er sich deprimiert. Der Himmel wusste, warum. „Der Alte will mich nicht mit Junior reden lassen."
„Tja." Wilson zuckte die Achseln. „Er weiß jetzt alles über dich."
House erhob sich. Er brauchte dringend Gesellschaft. „Gehen wir was essen?"
Perplex sah Wilson auf. Seine dunklen Augen rundeten sich voller Verwirrung. „Mit mir? Du gehst nie mit jemandem-…"
„Schon gut. Das war eindeutig Belästigung am Arbeitsplatz. Soll nicht wieder vorkommen."
„Ich komme gern!" rief Wilson hinter ihm her.
„Du zahlst."
Er hörte ihn ergeben seufzen. „Natürlich. Ich bin der Knabe aus betuchtem Hause."
„Der ist uns leider durch die Lappen gegangen."
„Jammerschade. Wir hätten jemanden, der uns das Lachssteak bezahlen könnte."
Lachssteak. Mit Petersilienkartoffeln. Er konnte den wässrigen Lachs aus der Kantine nicht ausstehen, aber er bestellte das Tagesmenü, ohne mit der Wimper zu zucken.
„Isst du deinen Fisch nicht mehr?" fragte Wilson verblüfft und deutete mit der Gabel auf den Lachs.
„Nein. Aber ich bin bereit, ihn gegen deine Kartoffeln auszutauschen."
Achselzuckend wechselte Wilson die Teller. „Man lernt immer wieder was Neues über dich. Ich wusste gar nicht, dass du so versessen auf Kartoffeln bist."
oOo
Authors Note: Damit wäre die Geschichte fast zu Ende! Ein Kapitel kommt noch, ein Epilog, der erklärt, warum der Telefonanruf von Chase' Dad ausschlaggebend war für Chase' Einstellung bei House, woher House wissen kann, dass Chase allergisch auf Erdbeeren ist, und woher die Affinität für den Filzball herkommt.
Ich hoffe, dass vielleicht doch noch der eine oder andere ein Review da lässt, denn ich weiss nicht, ob den Lesern, die mir meine Statistik anzeigt, die Story gefallen hat, und ich würde mich über Feedback wirklich sehr freuen. Mir hat es jedenfalls viel Spaß gemacht, sie zu schreiben, und ich würd mich einfach supertoll freuen, wenn ihr mir eure Meinung mitteilt. Kritik nehme ich zwar meist schwer, aber oft auch zu Herzen. Ich hätte nicht gedacht, wie wichtig Feedback sein kann, wenn man Leserschaft hat. Gefreut habe ich mich besonders über die Leser aus Ungarn, Rußland, Italien und Großbritannien und allen, deren Muttersprache nicht deutsch ist, weil ich weiß, wie anstrengend es ist, fremdsprachige Texte zu lesen.
Ich weiß, dass Chase/House hierzulande nicht besonders populär ist. Besonders, nachdem er in der deutschen Synchronisation so ganz anders rüberkommt als im Original, aber das ist auch bei House der Fall und bei eigentlich allen Charakteren in der Show. Ich hoffe, dass die Autoren endlich etwas Vernünftiges mit Chase in der nächsten Season machen. Er verdient es!
Falls jemand eine wirklich schöne, glaubhafte und wunderbar geschriebene Story über Chase/House lesen will und des Englischen einigermaßen mächtig ist: Lest "Chaos" von Summer Laura (findet ihr auf meiner Favourite Stories-Liste). Ich würd mir wünschen, die Autoren würden damit anfangen, die House/Chase-Beziehung einmal richtig zu machen, so wie das hier sehr viele Autoren auf richtig tolle Weise fertig bringen. Inspiriert hat mich übrigens quack675s Story "Four going on forty", die ebenfalls absolut lesenswert und einfach nur schön ist und die ebenfalls auf meiner Liste zu finden ist. Danke dafür!
Noch mal danke an alle fürs Dranbleiben und Mitlesen.
