14 Der Strudel
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Verzweifelt bemühte sie sich, ihre Beine zu bewegen, während sie Longbottom hinter sich herzog. Er schien immer schwerer zu werden, seine Kleidung hatte sich vollgesaugt, sie konnte ihn kaum von der Stelle bewegen.
Es war, als würde das Wasser sie beide festhalten wollen und versuchen, sie nach unten an den Grund des Sees zu ziehen.
Sie musste Neville hier wegbringen, schnell!
Einfach weiter strampeln, das Ufer war doch gar nicht weit! Sie musste es einfach schaffen, ihn dorthin zu ziehen!
Doch der Strudel nach unten wurde immer stärker.
Ein jäher Ruck – dann griff ihre Hand, die gerade noch Neville festgehalten hatte, ins Leere.
Entsetzt blickte sie sich um.
Wo konnte er sein? Hatte ihn tatsächlich der See verschluckt?
Leana spürte Todesangst in sich aufsteigen.
Sie würde sich auch nicht mehr lange halten können, dann würde der Sog auch sie –
Hektisch suchten ihre Augen nach einem Hinweis auf Neville. Da erkannte sie plötzlich am Ufer eine dunkle Gestalt. Ein großer Umriss, der beide Arme nach vorne zu strecken und in ihre Richtung zu zeigen schien.
Und daneben am Boden, lag da noch eine Person?
Bevor sie genauer hinsehen konnte, schwappte eine Welle über ihren Kopf. Sie verschluckte sich, verlor in der Dunkelheit komplett die Orientierung.
Jetzt ist alles vorbei! Ich werde hinuntergezogen…
Doch mit einem Mal war sie von einem hellen, warmen Leuchten umfangen. Ein goldenes Licht, dass sie vollständig umgab. Und ihr plötzlich ein unerwartetes Gefühl von Sicherheit und Zuversicht verlieh.
Was war das für eine Erscheinung? Bildete sie sich das ein, weil ihr Gehirn schon zu wenig Sauerstoff hatte?
Doch nach ein paar Sekunden war das warme Leuchten auch schon wieder verschwunden.
Leana begann erneut, hektisch mit den Armen um sich zu schlagen. Voll Panik versuchte sie einzuatmen, dabei drang Wasser in ihre Lunge.
Sie hustete heftig. Dann erst fiel es ihr auf: Wasser?
Tatsächlich!
Die Flüssigkeit, welche sie umgab, war nun dünner und es gelangen ihr endlich wieder Schwimmbewegungen. Sie schaffte es an die Oberfläche und hörte eine tiefe Stimme durchdringend rufen: „LEANA!".
Die zähe Masse war endgültig verschwunden, der See war in alter Form zurückgekehrt. Leana strampelte fast besinnungslos zurück ans Ufer und wurde von starken Armen aus dem See gezogen.
Schwer atmend lag sie kurz darauf im nassen Grass, alles drehte sich um sie und sie schloss verwirrt die Augen.
Als sie sie wieder aufschlug, kniete Snape neben ihr. Dahinter erkannte sie die Umrisse des Schülers
Sie war in Sicherheit! Alles war wieder gut! Er hatte sie und Neville irgendwie gerettet!
Doch statt Erleichterung stieg nun allmählich ein starkes Gefühl von Scham in ihr auf. Immerhin hatte sie sich nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Sie war ohne nachzudenken hinter Neville hergelaufen, hatte ihn sogar noch im See verfolgt statt Hilfe zu holen.
Wie hatte sie nur so unvernünftig sein können! Kein Wunder, wenn er sie erst mal anschreien würde.
Und jetzt lag sie auch noch in einem nassen T-Shirt und Snoopy-Slip auf der schmutzigen Erde vor ihm. Viel peinlicher ging es nun wirklich nicht!
Snapes Gesicht wirkte jedoch eher ruhig und gefasst. Leana meinte sogar einen leicht besorgten Klang in seiner Stimme zu hören, als er sie knapp fragte: „Sind Sie in Ordnung?"
Sie nickte kurz, richtete sich etwas auf und sah sich um.
Neville saß unweit von ihr im Gras und machte einen verwirrten Eindruck. Er schüttelte leicht den Kopf, Tropfen fielen dabei aus seinen Haaren.
Snape richtete den Zauberstab auf ihn, murmelte: „Siccutodes". Kleidung und Haare des Schülers waren schlagartig trocken, nur aus seiner Nase lief noch ein kleines Rinnsal.
Leana hörte Stimmen und drehte den Kopf.
Harry kam vom Schulgebäude aus angelaufen, sein Gesicht verfinsterte sich ein wenig, als er Snape sah. Der war inzwischen aufgestanden und richtete das Wort kühl an Harry: „Ah Potter, ich sehe, sie haben sich entschlossen, hier auch noch vorbei zuschauen. Zum Glück zu spät. Bringen Sie Longbottom auf die Krankenstation".
Harry zog Neville an Arm hoch, die beiden marschierten eifrig redend den Hügel hoch.
Inzwischen kam auch Professor McGonagall eilig den Weg von der Schule herunter. Sie blieb einen Moment lang stehen und schien Leana mit einem seltsamen, nachdenklichen Blick zu mustern.
Oder bilde ich mir das nur ein?
Dann nahm sie sich der beiden Schüler an und ging mit ihnen zurück ins Gebäude.
Leana war mit einem Mal unheimlich erschöpft. Am liebsten hätte sie sich ins Gras gelegt und geschlafen, sie spürte nicht einmal die Kälte. Es war, als würde die ganze Anspannung von ihr abfallen und einer überwältigenden Müdigkeit Platz machen.
Da bemerkte sie, dass ihr Snape schon die ganze Zeit den Arm entgegenstreckte, um ihr auf die Beine zu helfen. Dankbar reichte sie ihm die Hand, mit festem Griff zog er sie hoch.
„Leider funktioniert kein Trocknungsspruch bei Ihnen". Er nahm seinen Umhang ab und legte ihn um sie herum. Sie spürte seine warmen Hände kurz auf ihren Schultern und die Berührung löste seltsame Emotionen bei ihr aus.
Die Geschehnisse hier am See, aber auch alles andere, was mit ihr hier auf Hogwarts passierte, war ihr mit einem Mal zu viel. Sie kam sich vollkommen überfordert vor, konnte nur mühsam die Tränen unterdrücken. Am liebsten hätte sie sich an ihm festgehalten, alles um sie herum vergessen, sich an seiner Brust ausgeweint.
Aber natürlich, er hielt Sicherheitsabstand, ging einige Schritte neben ihr.
Schweigend begleitete er sie bis zu ihrer Zimmertüre, ihrem leisen Schluchzen schien er keine Beachtung zu schenken.
Wie in Trance betrat Leana ihren Raum, zog sich trockene Kleidung an und kauerte sich mit einer Decke in den Sessel ganz nah am Kamin.
In allen Knochen konnte sie noch den Schreck fühlen, den sie im See verspürt hatte. Das kalte Wasser, die Angst um Neville, der verzweifelte Kampf gegen die zähe Flüssigkeit, der Sog nach unten – das alles brachte Leana immer noch zum zittern. Eng wickelte sie die Wolldecke um sich herum.
Snape stand plötzlich wieder im Raum, bewaffnet mit einer dampfenden Kanne Tee, aus der ihr einschenkte.
Sie sah ihn fragend an „Woher wussten Sie, dass wir am See waren?"
Er zog überrascht eine Augenbraue hoch. „Sie haben mich doch gerufen". Seine Mundwinkel zuckten.
Überrascht entgegnete sie: „Sie haben das gemerkt? Hören Sie immer, wenn irgendjemand Hilfe braucht? Können Sie über so weite Entfernungen Gedanken lesen?".
Ernst blickte er sie an. „Nein, das kann ich natürlich nicht."
Aufgeregt redete sie weiter: „Wieso hat es dann diesmal funktioniert? Und wie haben Sie das mit dem Wasser gemacht? Was war denn überhaupt mit dem See los? Und Neville, er stand irgendwie unter fremdem Einfluss – „
Plötzlich fiel es ihr wieder ein, alle Teile fügten sich mit einem Mal zusammen. Warum war sie nur die ganze Zeit nicht darauf gekommen, wer dahinter steckte!
„Professor, Neville stand unter dem Imperius-Fluch!"
„Ich weiß."
"Lucius Malfoy?"
„Offensichtlich".
Sie konnte es nicht fassen. Malfoy hatte tatsächlich einen Schüler benutzt, um Harry zum See zu locken, wo er dem verzauberten Wasser zum Opfer fallen sollte. Voldemort wollte ihn doch sicher lebend, ob er eine Verbindung vom See zu ihm hergestellt hatte? Bei dem Gedanken an ihren Kampf im Wasser erschauderte sie erneut. Sicher würde sie lange wach liegen und mit diesen Erinnerungen hadern.
Ob Snape ihr nicht ein Einschlafmittel brauen könnte?
Aber er hatte ihr Zimmer bereits leise verlassen, sein Umhang war ebenfalls verschwunden. Leana war todmüde, sie schleppte sich ins Bett, wo sie erstaunlicherweise sofort in einen tiefen Schlaf fiel.
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