Kapitel 14:
Warrick lag auf seinem Bett, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, und starrte an die Zimmerdecke.
Seine Gedanken waren ein einziges Chaos, seit er von Horatio und Mac erfahren hatte, was seinem Pflegebruder passiert war.
Er mochte Eric. Und allein der Gedanke, was ihm widerfahren war ließ Übelkeit in ihm aufsteigen. Er hatte keine Ahnung, wie Eric überhaupt damit leben konnte. Und es erklärte ziemlich viel vom Verhalten des Jungen.
Er musste an die vielen Gelegenheiten denken, in denen Eric zusammengezuckt war, wenn man ihn berührt hatte. Und daran, dass er sich immer im Badezimmer eingeschlossen hatte und seine Eltern nie etwas dagegen gesagt hatten. Dabei war es bei ihnen Regel, dass sich niemand einschloss. Aber angesichts der Tatsache, dass dessen Vater nachts in Erics Zimmer gekommen war… Nein, er musste endlich aufhören daran zu denken, dachte er mit einem Schaudern.
Als es an seine Zimmertür klopfte zuckte er erschrocken zusammen.
Kurz darauf ging die Tür auf und Eric kam herein.
Warrick setzte sich auf und beobachtete seinen Pflegebruder, der zögernd näher kam und dann etwa einen Meter vom Bett entfernt stehen blieb.
Er kaute auf seiner Unterlippe und mied seinen Blick. Die Hände hingen schlaff hinunter, die Schultern ebenso. Seine ganze Körpersprache zeigte seine Unsicherheit und Angst.
Warrick war stolz, dass Eric trotzdem zu ihm gekommen war, es musst ihn enorme Überwindung gekostet haben.
Jetzt musste er ebenfalls stark sein. Sie konnten das Thema nicht einfach ignorieren und so tun, als wäre nichts passiert. Vor allem mit der Gerichtsverhandlung in Aussicht, die immer näher kam.
Mit einem tiefen Atemzug klopfte er auf die Bettdecke neben sich. „Komm, Eric, setzt dich zu mir," bat er leise und atmete erleichtert auf, als der andere Junge mit zögernden Schritten näher kam und sich auf den Rand des Bettes setzte. Er blieb angespannt, bereit jeden Moment aufzuspringen und wegzulaufen, aber immerhin hatte er sich hingesetzt.
„Es tut mir leid, dass ich vorhin nicht für dich da war," entschuldigte Warrick sich bei dem Jüngeren. „Ich war geschockt, als ich gehört habe was passiert ist und brauchte einfach etwas Zeit," erklärte ehrlich.
Erics Hände begannen zu zittern und er ballte sie zu Fäusten. „Ich wollte nicht, dass ihr es wisst," murmelte er so leise, dass Warrick die Worte kaum verstehen konnte.
„Das kann ich verstehen," antwortete er. „Aber wie können dir besser helfen, wenn wir wissen was los ist und was in dir vor geht!"
Und als hätte sich ein Schalter umgelegt sprang Eric auf. Aus dem ängstlichen, unsicheren Jungen wurde plötzlich ein wütendes Kind und einen Moment dachte Warrick, dass er ihn schlagen wollte. Stattdessen blitzten seine Augen wütend und er schrie: „Ihr könnt mir nicht helfen! Es geht euch nichts an! Ihr könnt nichts tun, um das alles rückgängig zu machen!"
Warrick dachte nicht mehr darüber nach, was er tat. Er stand auf, ging auf den Jüngeren zu und ließ ihn gewähren, als dieser seine Wut an ihm ausließ, in dem er die Fäuste gegen seine Brust schlug. Dicke Tränen liefen über Erics Gesicht. Warrick war mehr als erstaunt, dass er trotzdem noch genug Kontrolle über sich hatte, um die volle Wucht aus den Schlägen heraus zu halten, so dass sie nicht weh taten – nicht wirklich.
Er wartete, bis die Wut sich legte und fing den Jüngeren auf, als seine Beine nachgaben. Er half dem völlig erschöpften Jungen zu seinem Bett und deckte ihn zu, als er sich hingelegt hatte und seine Augen bereits begannen zu zufallen. Es war kein Wunder dass er nicht nur körperlich, sondern auch emotional völlig ausgelaugt war.
Warrick nahm sich seinen Schreibtischstuhl und setzte sich neben das Bett. Er war nicht bereit, von Erics Seite zu weichen, für den Fall dass der heutige Tag die Alpträume zurück brachte.
Sie hatten nicht wirklich geredet, wie er es eigentlich vorgehabt hatte, aber dafür würden sie immer noch Zeit haben. Später.
Es regnete in strömen.
Eric saß auf seiner Fensterbank und starrte hinaus in den Regen, beobachtete wie sich große Pfützen im Vorgarten, auf dem Bürgersteig und der Straße bildeten. Es passte zu seiner Weltuntergangsstimmung.
Er hatte die Knie an die Brust gezogen und die Arme um seine Beine geschlungen. Sein Kinn ruhte auf seinem linken Knie. Er war sich nicht sicher wie lange er schon hier saß, aber im Grunde war es auch egal.
Die letzten Wochen waren nur so verflogen. Er hatte jedenfalls das Gefühl. Vielleicht, weil er so gar nicht wollte, dass die Zeit um ging.
Er hatte versucht sich innerlich zu wappnen. Er hatte mit Horatio und Warrick gesprochen – nicht im Detail, aber doch genug, damit es seine Alpträume in voller Wucht zurück gebracht hatte. Wenn er ehrlich zu sich selber war, dann hatte er Erleichterung gespürt, nachdem er einiges losgeworden war. Vor allem nach seinen Gesprächen mit Horatio, der ihm im Gegenzug selber einiges über seine frühe Kindheit erzählt hatte. Danach hatte er sich nicht mehr ganz so allein gefühlt. Und wenn er es auch niemals gedacht hätte, so glaubte er inzwischen, dass der Ältere ihn tatsächlich verstand – jedenfalls bis zu einem gewissen Grad.
Noch immer überkam ihn die Angst zwischendurch. Er erwartete noch immer, dass sich ihr verhalten änderte, dass sie ihn ebenfalls schlugen oder ihn einfach weggaben. Ein Teil von ihm konnte sich nicht wirklich entspannen. Vielleicht lag es auch an der Verhandlung, die in fünf Tagen begann. Oder daran, dass Emily Talbot noch jederzeit die Möglichkeit hatte ihn aus dieser Familie herauszureißen. Die Adoption war noch lange nicht durch, sie hatte ihm erklärt dass es noch Monate dauern konnte. Aber zumindest hatten Horatio und Mac die vorläufige Vormundschaft bekommen. Sogar ziemlich schnell, nachdem er der Sozialarbeiterin endlich deutlich gesagt hatte, dass er hier bleiben wollte.
Vielleicht funktionierte es bei der Verhandlung ja auch. Er musste einfach nur sagen, was los war und dann würden sie es wahr machen und seinen Vater ins Gefängnis sperren.
Aber das war schwieriger und er hatte mehr als Angst davor. Umso näher der Termin rückte, umso schlechter schlief er und umso verkrampfter wurde er. Er zog sich immer öfter in sein Zimmer zurück und ihm war klar, dass seine Pflegebrüder sich Sorgen machten. Aber er konnte es nicht ändern.
Allein der Gedanke an die Aussage, die er machen sollte ließ ihn erstarren. Er wusste nicht, ob er tatsächlich ein Wort rausbekommen würde. Er hatte sich immer wieder versucht einzureden, dass es gar nicht so schlimm war, da er seinen Vater ja nicht sehen musste. Aber selbst das hielt die Panik nicht in Schacht. Der Richter, der Staatsanwalt und der Verteidiger würden anwesend sein und alle würden Fragen stellen dürfen. Und er hatte den Verteidiger seines bereits einmal kurz getroffen, als Horatio mit ihm zusammen zum Staatsanwalt gegangen war – der Mann war ihm beinahe so unheimlich wie sein Vater selber. Seine Augen waren kalt und abschätzend gewesen und er wusste, dass er von ihm kein Verständnis und kein Erbarmen erwarten konnte. Er würde alles tun, um seinen Mandanten aus dem Gefängnis zu holen.
Eric zwang sich das Zittern zu unterdrücken, das ihn wieder überfallen wollte.
Nach dem Treffen hatte er einen heftigen Panikanfall gehabt. Horatio hatte ihm da durch geholfen. Er hatte versprochen, dass nichts passieren konnte, solange er nur die Wahrheit erzählte. Und er hatte ihn dazu ermutigt bei seiner Entscheidung zu bleiben.
Dabei war es ja nicht so, dass er wirklich eine Wahl hatte. Es war mehr die Angst, die ihn zu der Aussage bewegte – Angst, dass sein Vater ansonsten schneller wieder aus dem Gefängnis kam.
Der Regen hörte so abrupt auf wie er begonnen hatte. Die graue Wolkendecke lichtete sich jedoch nicht.
Er schaffte es einfach nicht, von seinen düsteren Gedanken frei zu kommen. Egal was er tat, sie begleiteten ihn immer. Selbst das Essen schmeckte fade, ganz egal was es gab. Aber er hatte sowieso nicht viel Appetit.
Ein Klopfen an der Tür ließ ihn erschreckt zusammenzucken und er verzog das Gesicht. Er wirklich eine Memme. Im Moment erschreckte ihn wirklich alles.
„Eric?" rief ihn Horatio von draußen und machte ihm damit klar, dass er noch immer nicht auf das Klopfen reagiert hatte.
„Ja!" antwortete er und blickte weiter zum Fenster hinaus, als die Tür aufging und die Schritte seines älteren Pflegebruders näher kamen.
Kurz darauf hockte sich der Rothaarige neben ihn und folgte seinem Blick nach draußen, wie er aus den Augenwinkeln wahrnahm.
„Willst du nicht mal nach unten kommen?" unterbrach Horatio schließlich die Stille.
Eric schüttelte den Kopf.
„Es ist keine gute Idee, die ganzen Nachmittage hier zu sitzen und zu grübeln," meinte er daraufhin.
Weiter sagte er nichts, sondern wartete einfach auf eine Reaktion von ihm. Eric fand, dass der Mann das ziemlich gut drauf hatte. Er erreichte oft mit Schweigen, was andere Leute mit Worte versuchten. Dabei hielt er aber immer einen gebührenden Abstand, der dafür sorgte, dass er sich nicht eingeengt fühlte, war aber nah genug, dass er nicht einfach weglaufen konnte.
Und er stellte überrascht fest, dass er Horatio vertraute. Er hatte einen beruhigenden Einfluss auf ihn und die Angst schien immer ein wenig weiter weg zu sein, wenn er in der Nähe war. Er fragte sich, warum ihm das nicht früher aufgefallen war. Vielleicht war er einfach noch nicht dazu bereit gewesen.
„Mir ist nicht nach Gesellschaft," sagte er leise und warf dem Älteren einen kurzen Blick zu. „Was ist mit dir? Ich habe dich schon ziemlich lange nicht mehr mit deinem Freund gesehen…"
Er biss sich auf die Lippen und sah wieder weg. Wie zum Teufel war er denn nun darauf gekommen? Er hatte kein Recht so was zu sagen, es ging ihn doch gar nichts an. Aber er würde lügen, wenn er nicht zugab, dass ihn die Beziehung des Älteren nicht beschäftigte. Nach seinen eigenen Erfahrungen konnte er sich nicht vorstellen, warum jemand mit einem Mann zusammen sein wollte – er schauderte bei dem Gedanken.
Horatio gab seine hockende Haltung auf und setzte sich zu ihm auf die Fensterbank, so dass er die Beine von sich strecken konnte.
„Wir sehen uns nicht mehr," beantwortete Horatio dann seine Frage und in seiner Stimme klang Traurigkeit mit.
Eric sah zu ihm auf und schluckte. „Es tut mit leid!" sagte er leise.
„Da gibt es nichts, was dir leid tun muss," versicherte Horatio. „Er kommt nicht damit klar, dass ich jetzt andere Prioritäten habe. Das ist manchmal einfach so. Und das ist mit Sicherheit nicht deine Schuld!"
Es klang ehrlich, fand Eric, trotzdem konnte er nicht verhindern, dass er sich ein wenig schuldig fühlte. Schließlich war er der Grund, warum sich das Leben des Älteren so verändert hatte.
Es schien, als konnte dieser seine Gedanken lesen. „Wirklich, Eric! Du kannst nichts für den Unfall und DAS ist der Grund, warum sich unser Leben geändert hat. Und davon abgesehen sollte so was eine Beziehung aushalten können."
Sie schwiegen eine Weile und Eric überlegte, ob er die Frage stellen sollte, die ihn schon seit längerem beschäftigte.
„Was ist los?" bohrte Horatio schließlich nach.
„Ich…" Er biss sich auf die Lippe und ermahnte sich gleich darauf, das endlich sein zu lassen, bevor er noch anfing zu bluten. „Wie kommt es, dass du… ich meine… Mac hat Claire, und…"
Der Rothaarige lachte leise auf. „Du willst wissen, warum ich mit einem Mann zusammen war?"
Er zuckte verlegen mit den Schultern.
„Ich kann dir nicht sagen, warum," antwortete er. „Man kann sich seine sexuelle Neigung nicht aussuchen, sie ist einfach da. Es gibt zwar Menschen, die nicht danach leben, aber sie sind in der Regel auch nicht besonders glücklich."
„Ich kann mir nicht vorstellen…" Langsam machte ihn das ganze wirklich verlegen und er fragte sich, warum er überhaupt davon angefangen hatte.
„Weißt du Eric, du musst dir auch noch nichts vorstellen. Du bist noch ein wenig jung dafür."
„Es ist nur so…" Anscheinend konnte er keine vollständigen Sätze mehr bilden.
Aber Horatio schien auch so zu wissen, was er meinte.
„Aufgrund deiner Erfahrungen beschäftigt dich das – das kann ich verstehen," sagte er. „Aber was dein Vater getan hat, hat nicht das Geringste mit Beziehungen und Liebe zu tun und mit dem, was Erwachsene füreinander empfinden und miteinander tun."
Er nickte und schaute wieder zum Fenster hinaus. Er war sich nicht sicher, ob er das Ganze jemals verstehen würde. Aber im Grunde hatte er auch andere Probleme. Es hatte ihn nur beschäftigt. In der Schule hatte er schließlich schon oft genug mitbekommen, dass die älteren Jungen nichts mehr interessierte als Mädchen und diesen ihre Zungen in den Hals zu stecken.
Besser er dachte nicht mehr darüber nach. Und er registrierte dankbar, als Horatio sich erhob und das Thema fallen ließ. Er zuckte nicht einmal zusammen, als dieser ihm kurz eine Hand auf die Schulter legte, bevor er leise das Zimmer verließ.
