Severus hatte schon immer gefunden, dass der Frühling die lästigste aller Jahreszeiten war. Warum waren alle Menschen dann nur so krampfhaft glücklich und fröhlich, vor allem seine Schüler? Am liebsten hätte er ihnen allesamt Punkte abgezogen, aber Heiterkeit war nun einmal leider kein Grund für einen Punktabzug. Und Valentinstag schon mal gar nicht, auch wenn er dieses Fest albern und nervtötend fand. Wenigstens hatte Lyssa es nicht gewagt, ihm einen Valentinstagsgruß zuzusenden, denn Lyssa hin oder her, den hätte er wortlos in Stücke gerissen.
Er erwischte sich dabei, wie er die Tage zu den Sommerferien zählte und sich schlimmer benahm denn je. Das tat ihm zwar nicht direkt leid, aber es fiel ihm auf. Seine Schüler fielen in Ohnmacht vor seinen Stunden und seine Stimme brachte Kinder zum Weinen.
Wenn er das Lyssa erzählte, würde sie sich kaputt lachen. Sie fürchtete sich nie vor ihm. Sie war zwar nicht direkt ein Kind, aber sie benahm sich meistens wie eins, also konnten die infantilen Blindgänger in seiner Klasse doch auch endlich mal aufhören, sich zu benehmen, als wäre er der dunkle Lord leibhaftig.
Zwei Wochen vor den Sommerferien war Severus froh, als sich das Leben in Hogwarts endlich dem Ende zuneigte. Manches Mal dachte er darüber nach, nach den Sommerferien nicht mehr zurückzukehren. Wie wäre das wohl? Ganz schön einsam, war sein erster Gedanke. Nein, überhaupt nicht, Lyssa war doch da. Lyssa war immer da. Das war eigentlich das Schönste an ihr. Es war schön, nach Hause zu kommen, wenn jemand auf einen wartete.
Zwei Tage vor seiner Abreise kam es im Lehrerzimmer zu einem seltsamen Gespräch.
„Du hast dich verändert, Severus", sagte Minerva McGonagall zu ihm.
„Ja, er ist noch gemeiner geworden", antwortete Professor Sprout an seiner Stelle.
Sie hatte ihm nicht verziehen, dass er sie „alte Vogelscheuche" genannt hatte, nachdem sie versucht hatte, die Strafarbeiten einer Hufflepuff zu milden, die sie für zu lautes Niesen bekommen hatte.
„Nein, nein", widersprach Minerva, nickte an ihrem Tee und schaute zu ihm hinüber, während Severus intensiv auf die Tischplatte starrte.
Warum sprachen Frauen eigentlich ständig über Männer, die anwesend waren, als seien sie eben nicht da? Etwas, das er wohl nie verstehen würde.
„Er wirkt zufriedener", begann Minerva erneut.
„Ja, weil er noch gemeiner ist", widersprach die Hauslehrerin der Hufflepuffs.
„Könntet ihr wohl augenblicklich aufhören, über mich zu reden, während ich noch im Zimmer bin?", herrschte er sie an, als er es nicht mehr aushielt.
„Hab ich's nicht gesagt?", tuschelte Pomona Sprout erneut und die beiden lachten wie aufgescheuchte Hühner.
Wütend stand Severus auf und glättete seinen Mantel.
„Jetzt hast du ihn verscheucht!", rief Minerva mit gespieltem Entsetzen.
„Was ist überhaupt mit euch beiden los?", tobte er.
„Nichts. Wir haben eben auch gute Laune", antwortete sie herausfordernd.
Verärgert rauschte Severus zur Tür und bemühte sich, den Wortwechsel der beiden Lehrerinnen nicht mehr mitanzuhören. Doch den letzten, an ihn gerichteten Satz, den verstand er ganz genau.
„Ich habe doch Recht, Severus, oder? Du bist zufriedener."
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Als Severus aus dem Kamin stieg, war es dunkel und still in Spinners End. Was hatte er erwartet? Dass Lyssa hier auf ihn wartete? Wohl kaum, sie besaß keinen Schlüssel und eigentlich war ihm das nur recht. Was hätte er getan, wenn die bekloppte Squib sein Heim umdekoriert hätte? In seiner Tasche klimperte die kleine Uhr, die Lyssa ihm geschenkt hatte. Mit einem Wink seines Zauberstabs sprangen die Lichter an und er stellte seine Tasche ab. Draußen im Garten war ebenfalls alles dunkel. Er lauschte kurz. Nein, keine Musik. Nun, sie konnte ja auch nicht wissen, wann er zurückkommen würde.
Vorsichtig öffnete er die Terrassentür und spähte nach drüben. Kein Laut, kein Licht. Eigenartig. Mit einem weiteren Schwenk sprangen die Lichter im Garten an. Der Wind frischte auf, eine warme Sommerbrise.
Ohne seine Sachen wegzuräumen, eilte Severus in den Flur. Ihm war egal, wie albern er sich verhielt, er wollte sie nur sehen. Jetzt sofort!
Er riss seine Haustür auf und stürmte durch seinen Vorgarten, trat das Gartentor mit dem Fuß auf und eilte zu Lyssas Haus. Doch immer noch alles Dunkel. Vielleicht war sie wirklich nicht zu Hause. Die hässlichen Flamingos waren nicht mehr da. Vielleicht hatte sie ein Einsehen gehabt. Oder sie waren bei den Frühlingsstürmen davon geflogen, wer wusste das schon.
Ihr Briefkasten lag umgestürzt auf dem Gehweg. Verwundert kletterte Severus darüber hinweg und blieb knapp dahinter stehen, wandte sich dann doch noch einmal dem Briefkasten zu. Der Name Montjeu war durchgestrichen.
Severus rannte die letzten Meter bis zur Tür und drückte die Klingel, doch es gab kein Geräusch. Sie schien abgeschaltet zu sein. Auch ihr Klingelschild war fort. Angstvoll sah er sich um. Was war hier geschehen?
Die Treppenstufen waren gesprungen und mit Moos bewachsen, als hätte schon eine Weile niemand mehr sauber gemacht.
Weil er sich nicht anders zu helfen wusste, flüsterte Severus schließlich: „Alohomora."
Die Tür schwang geräuschlos auf und Severus machte einen einzigen Schritt nach drinnen, der ihn sogleich wieder aus der Wohnung heraus trieb. Schon von hier aus konnte er sehen, dass der Flur leer war. Das Sofa, was man immer von hier aus hatte sehen können, stand nicht mehr an seinem Platz und dort, wo Bilder an der Wand gehangen hatten, zierten kahle Ränder die weiße Wand. Das Licht der Straßenlaterne warf seltsame Schatten auf die Fliesen und Severus schlug schwer atmend die Tür zu.
Was war hier nur geschehen? Er machte ein paar Schritte zurück und stieg die Treppenstufen hinunter. Dann erkannte er ein Schild, das unter dem Küchenfenster angebracht war: „Zu vermieten."
Eine Telefonnummer eines Maklerbüros aus London folgte.
Sie war fort. Sie war tatsächlich fort. So schnell wie er gekommen war, so schnell verschwand Severus auch. Genau wie Lyssa zuvor. Sogar Mozart schwieg jetzt.
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Ende
Warum Snape von mir nie ein Happy End spendiert bekommt? Ich weiß nicht, es passt einfach nicht zu ihm. Ich danke all meinen netten Lesern und Reviewern für die Unterstützung und freue mich, wenn ihr euch ein wenig über Lyssa und Severus amüsiert habt. Ich mag diese Geschichte gern, ich krame sie manchmal hervor und lese selbst noch darin herum. Vielleicht sehen sich die beiden ja doch noch einmal wieder...
